Berlinale 2016 - Michael Ballhaus im ewigen Kreis bewegter Bilder

GoodFellas (Martin Scorsese, 1990)
© Warner Bros.
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moviepilot Team
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Als zwischen Mai und August vergangenen Jahres die Ausstellung Fassbinder - JETZT den Martin-Gropius-Bau in Berlin in Beschlag nahm, widmete sich ein ganzer Raum der berühmt-berüchtigten Kamerafahrt aus dem Drama Martha, die Regisseur Rainer Werner Fassbinder 1974 gemeinsam mit Kameramann Michael Ballhaus umgesetzt hat. Die Geschichte des Films erzählt von einer sadomasochistischen Ehe. Dementsprechend sollte das erste Aufeinandertreffen von Martha (Margit Carstensen) und Helmut (Karlheinz Böhm) ein Moment sein, der nie wieder in Vergessenheit geraten würde. Während Michael Ballhaus die Kamera in einem Halbkreis um die Verliebten schweifen lassen wollte, drängte Rainer Werner Fassbinder auf mehr, sodass am Ende des Tages die gesamte Aufnahmeapparatur auf Schienen befestigt war, die einen 360-Grad-Kamerafahrt ermöglichten.


Unendlich scheint diese Einstellung zu sein, beinahe sogar schwindelerregend. Es geht nur um die zwei Menschen, die sich - sprichwörtlich - im Mittelpunkt des Geschehens befinden und wie sich ihre Blick zum ersten Mal begegnen. Schnell avancierte die 360-Grad-Kamerafahrt zum Markenzeichen von Michael Ballhaus, dem die Berlinale dieses Jahr im Rahmen der Hommage eine Denkmal setzt. Doch nicht nur die Drehung im Kreis zeichnet das Talent des außergewöhnlichen Kameramanns aus, der im weiteren Verlauf seiner Karriere mit Filmemachern wie Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und Mike Nichols zusammengearbeitet hat. Tatsächlich ist es die Kraft, mittels Bewegung in einen filmischen Raum zu entführen.

Folglich ist es kein Wunder, dass ausgerechnet eine Steadicamfahrt zu dem berühmtesten Aufnahmen von Michael Ballhaus gehört. In Martin Scorseses Mafia-Epos GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia stellt er in einer umfangreichen Plansequenz, dem sogenannten The Copacabana Shot, den entsprechenden New Yorker Nachtclub vor. Ganz dicht heftet sich die Kamera an Henry Hills (Ray Liotta) Fersen und kundschaftet den frisch eingeführten Schauplatz aus. Ähnlich wie Karen (Lorraine Bracco), die die Räume und Gänge zum ersten Mal durchquert, muss sich auch Michael Ballhaus seinen Weg durch das unübersichtliche Gewusel bahnen.

Orientierungslos wirkt die Kameraführung trotzdem nie, denn gewisse Fixpunkte, die sich selbst ständig in Bewegung befinden, geben den Weg vor. Zu Beginn der Einstellung ist es Henrys Rücken, später der eines Kellners oder schlicht eine winkende/zeigende Geste mit der Hand. Als würden die einzelnen Figuren im Film die Kamera durch ein Labyrinth aus Statisten und Kulissen lotsen. Gleichzeitig erhält Michael Ballhaus dadurch die Möglichkeit, den Raum in alle Richtungen zu erkunden und seine Eigenheiten - wie etwa das geschäftige Treiben - adäquat zu etablieren und präsentieren.


Wo Michael Ballhaus bei Rainer Werner Fassbinder ungehemmt experimentieren konnte (vor allem in Die bitteren Tränen der Petra von Kant und Welt am Draht), bot ihm die Zusammenarbeitet mit Martin Scorsese ungeahnte Möglichkeiten, seinen Visionen und Ideen auf einer großen Bühne aufwendig dekorierter Studiokulissen auszuleben. Da wäre zum Beispiel die Five Points der 1860er Jahre, die er in 160 Minuten von Gangs of New York mit unglaublicher Präzision zum Leben erweckt. Die dreckige Stimmung wird in seinen Bildern regelrecht spürbar. Heruntergekommene Bauten verschmelzen ineinander und auf den Straßen herrscht das pure Chaos. Michael Ballhaus vermag es, dieses erdrückende Gefühl perfekt einzufangen und dennoch einen Überblick über die Situation zu verschaffen - so zum Beispiel, wenn er in einer fulminaten Einstellung die gesamte Breitseite eines Hauses einfängt.

Elegant windet sich die Kamera aus dem Matsch und offenbart ein Bild für das Ganze. Dass Michael Ballhaus ein Meister darin ist, einzelne Szenen in einem atemberaubenden Gemälde zu versiegeln, bewies er bereits zuvor bei Zeit der Unschuld, der ebenfalls von Martin Scorsese inszeniert wurde. Berauschend wie erhaben sind die Aufnahmen, die Edith Wharton gleichnamiges Drama illustrieren. Besonders erwähnenswert in diesem konkreten Fall: der Lichteinfall, der unschuldig wie kräftig die üppige Ausstattungswut durchbricht. Auf einmal werden ganze Räume von einem sanften Licht durchströmt, gänzlich unaufdringlich und trotzdem umwerfend in der Wirkung.

Als prächtige Spielwiese für den Meister des Lichts und der Farben entpuppte sich in den 1990er Jahren außerdem Bram Stoker's Dracula von Francis Ford Coppola. Ein Opus, der geradezu in seiner prunkvollen Studiokulisse zu ersticken droht, sprich ein Traum für Michael Ballhaus, der darüber hinaus eindrucksvoll beweist, dass er auch das Spiel mit dem Schatten einwandfrei beherrscht. Ein Bildersturm wie ein glühender Fiebertraum, der nicht nur Jonathan Harker (Keanu Reeves) und Mina Murray (Winona Ryder) schlaflose Nächte bereitet, sondern hinsichtlich seiner exzessiven Ausgestaltung in der Filmgeschichte bis heute ziemlich alleine dasteht.

Zum Schluss dieses kurzen Blicks auf Michael Ballhaus' Schaffen, sei sein unvergesslicher Schwenk im Opening von Mike Nichols' Die Waffen der Frauen aus dem Jahr 1988 genannt. Noch bevor sich Tess McGill (Melanie Griffith) und Jack Trainer (Harrison Ford) bei einem Businessmeeting kennenlernen, begleitet die Kamera zu den Klängen von Carly Simons Let the River Run die toughe Protagonistin auf ihrem Arbeitswegs. Ausgehend vom Gesicht der Freiheitsstatue fokussiert sich das Bild in einer Variation der 360-Grad-Bewegung auf die Fahrt einer Fähre, die direkt auf Manhattan zusteuert. Erneut entführt Michael Ballhaus in eine Welt, die daraufhin auf der großen Leinwand zum Leben erwacht - als hätte die legendäre Drehung aus Martha nie ein Ende genommen.

Alle Filme der Berlinale Hommage 2016:

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