Berlinale 2017 - SS-GB, das bessere The Man in the High Castle

SS-GB auf der Berlinale 2017
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Im Zeitalter der alternativen Fakten scheint eine alternative Geschichtsschreibung gar nicht mehr so unmöglich, wie es sich noch in George Orwells Roman 1984 anhörte. Dort wurde die Geschichte im Nachhinein dermaßen umgeschrieben und korrigiert, dass kein Zweifel mehr an den Machenschaften den omnipräsenten Großen Bruders bestand. Zuerst ist es nur ein Bild, das der Protagonist der Geschichte findet und unmittelbar darauf vernichten soll, um die Fehler im System auszumerzen. Später werden mathematische Gesetze auf den Kopf gestellt und Unwissenheit wird zur Stärke, genauso wie der Frieden dem Krieg weicht und eine sklavische Unterwerfung als die neue Freiheit propagiert wird. Was wäre also, wenn in einer solchen Welt die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? SS-GB, die neue Miniserie aus dem Hause BBC, die auf der Berlinale 2017 ihre Premiere feierte, beschäftigt sich wie schon Amazons The Man in the High Castle mit genau einer solchen Dystopie.

Wir schreiben den 14. November 1941. Bereits über zwölf Monate sind vergangen, seitdem die Nazis in Großbritannien einmarschiert sind und das einstige Königreich nach ihren Vorstellungen umdekoriert haben. Anstelle des Union Jacks zieren riesengroße Hakenkreuz-Fahnen die Mauern des Buckingham-Palasts und auch darüber hinaus hat sich das Stadtbild Londons der Ästhetik des Nationalsozialismus angepasst. Der Asphalt ist nass und die Stimmung trüb: Regisseur Philipp Kadelbach bedient sich einer kühlen Kulisse, die vor allem ein Gefühl transportiert: Uneinigkeit. Anders als bei The Man in the High Castle, wo die Welt sich sehr leicht in zwei Seiten einteilen lässt, sind in SS-GB die Grenzen zwischen den Guten und den Bösen verschwommen. Wenngleich Uniformen und weitere Erkennungsmerkmale die offensichtlichen Lager einteilen, beschäftigt sich die dystopische Serie mit den (unfreiwilligen) Grenzgängern zwischen den Fronten.

Einer dieser Grenzgänger ist Douglas Archer (Sam Riley). Wie schon im gleichnamigen Roman aus der Feder von Len Deighton befindet er sich auch im Mittelpunkt der seriellen Adaption, die von Robert Wade und Neal Purvis geschrieben wurde. In seiner Eigenschaft als Detective sorgt er in Londons Straßen für Recht und Gerechtigkeit, muss allerdings den Besatzern aus Deutschland Bericht erstatten, konkret in Form von General Fritz Kellermann (Rainer Bock) vertreten. Dennoch besteht Douglas darauf, dass seine Arbeit "non-political" ist und unabhängig der Nazi-Ideologie durchgeführt werden kann. Was sich in der Theorie nach einer vernünftigen Einstellung anhört, lässt sich in der Praxis allerdings bloß bedingt umsetzen. Wie viele andere seiner Landsleute muss sich Douglas vielmehr mit der aktuellen Situation arrangieren, ohne irgendwelche Vorteile daraus ziehen zu können. Trotzdem ist er bemüht, als Puffer zwischen den verfeindeten Parteien zu fungieren.

"Dad, do you work for the Gestapo?", ertönt die Frage von der Rückbank. Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrt Douglas genauso wie das Publikum im Haus der Berliner Festspiele. Es herrscht ein Augenblick absoluter Unsicherheit, denn es ist völlig unklar, wie Sohnemann Douggie (Louis Ashbourne Serkis) diese Frage gemeint hat, ehe er die Hintergründe seiner Neugier erläutert. In der Schule reden alle über Douglas' Tätigkeit und glauben, dass er für die Gestapo arbeitet. Würde Douggie am nächsten Tag eine SS-Armbinde mit in den Unterricht bringen, wäre er der absolute Star. Douglas ist schockiert und scheitert schlussendlich daran, seinem Sohn die genauen Verhältnisse zu vermitteln, die er mit den Nazis pflegt beziehungsweise pflegen muss. SS-GB bringt dabei ein bemerkenswertes Gespür für die Bürokratie der Besatzung mit und betont die intransparenten Vorgänge des Systems, das sich selbst auf die Familie auswirkt.

Ehe sich Douglas versieht, findet er sich in der denkbar ungünstigsten Situation auf dem Planeten wieder. Denn ein Mordfall auf britischem Boden erlangt die Aufmerksamkeit von SS-Offizier Dr. Oskar Huth (Lars Eidinger), der gekonnte als Antagonist eingeführt wird, ohne lange Zeit überhaupt in Aktion zu treten. Schnell ist klar, dass sich Douglas inmitten einer Verschwörung großen Ausmaßes befindet, die darüber hinaus persönliche Züge angenommen hat, da der Widerstand auf ihn aufmerksam geworden ist. "They want to control me", muss Douglas mit Erschrecken feststellen, als die Situation zu eskalieren droht. Da er sich dazu herabgelassen hat, die dreckige Arbeit der Nazis zu erledigen, droht ihm nun ein zweiter Feind aus den eigenen Reihen. Robert Wade und Neal Purvis bringen das Dilemma des Protagonisten gekonnt auf dem Punkt: Egal, welche Entscheidung er trifft, ewig wird er nicht alle Felder auf diesem Schachbrett im Blick behalten können.

SS-GB serviert uns zum Auftakt ein beängstigendes Gedankenspiel mitsamt einem spannenden Krimiplot, der nur darauf wartet, in den folgenden Episoden sein gesamtes Potential zu entfalten. Besonders angenehm fallen dabei die Details, Logistik und Arbeitsvorgänge ins Auge, die in The Man in the High Castle dem reißerischen Tonfall zu Opfer fallen. SS-GB konzentriert sich auf die kniffligen Kompromisse zwischen den großen Heldentaten und begeistert darüber hinaus mit einer beklemmenden Atmosphäre inklusive Film noir-Touch, in der Lars Eidinger allen Ekel aus sich herausspielen kann, den er zu bieten hat. Bleibt nur zu hoffen, dass die Spurensuche alsbald mit Ergebnissen belohnt wird und die Möglichkeiten der alternativen Geschichtsschreibung vernünftig ausgereizt werden. Dann könnte SS-GB am Ende womöglich noch viel mehr erzählen, als die Pilot-Episode im Rahmen ihrer 60 Minuten Laufzeit andeutet.

SS-GB ist ab dem 19.02.2017 auf BBC One zu sehen. Die 1. Staffel der Miniserie umfasst insgesamt fünf Episoden. Ein deutscher Ausstrahlungstermin ist bis dato noch nicht bekannt, RTL Crime hat sich allerdings schon die Recht gesichert.

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