Cannes 2017 - Bombenangst, Buhrufe und die Tränen des David Lynch

Wir sehen uns in einem Jahr
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29.05.2017 - 17:00 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Das Festival Cannes 2017 endete mit der Goldenen Palme für die Satire The Square und unbeantworteten Fragen über die Zukunft des Kinos.

Der emotionale Klimax des diesjährigen Festivals in Cannes hatte mit dem Wettbewerb nichts zu tun und im selben Zuge alles. Da stand David Lynch umringt von 2281 Zuschauern, die sich von ihren Plätzen erhoben hatten, um ihm Beifall zu zollen. Sichtlich bewegt blickte er sich um, als könne er die geballte Zuneigung im Auditorium Louis Lumière kaum fassen. David Lynch war an diesem Tag nicht im Wettbewerb vertreten, ja, er hatte nicht einmal einen Film mitgebracht. Vielmehr wurden im Rahmen der Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag des Festivals zwei Folgen von Twin Peaks: The Return gezeigt. Die Zuschauer im Lumière hatten also gerade zugesehen, wie Agent Cooper mit einer fleischigen Baumkrone redet. Schon vor der Eröffnung wurde Cannes 2017 dank der Netflix-Debatte zum Schlachtfeld um die Natur des Films und der Applaus für den ins Fernsehen zurückgekehrten Autorenfilmer bestätigte die verschobene Auflösung dieser Debatte.

Cannes liebt seine großen Regisseure. Vor jedem Film in der offiziellen Auswahl lief dieses Jahr ein Geburtstags-Vorspann, in dem die gewohnten Stufen aus dem Meer hinauf zu den Sternen diesmal die Namen von Orson Welles, Federico Fellini oder eben David Lynch trugen. Die Festivalleitung um Thierry Frémaux kann und will darüber nicht die sich wandelnde Filmwelt außer Acht lassen, die gerade in den USA Künstler in die Arme von TV-Sendern und Streaming-Anbietern treibt. Zwei Filme von Netflix liefen im Wettbewerb, zum Zorn der französischen Kinobetreiber, ihre Logos wurden jedes Mal ausgebuht. Als in der unabhängigen Nebenreihe Quinzaine des Réalisateurs der von Netflix eingekaufte Actionfilm Bushwick mit Dave Bautista gezeigt wurde, war die tiefe Verwirrung im Kinosaal mit Händen greifbar. Das rote Logo auf weißem Grund ploppte auf, der Reflex gebot das Buh, doch die Filmemacher waren im Saal anwesend. Höfliches Schweigen setzte sich durch.

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Die besten Filme des Festivals, ob Streaming-finanziert oder nicht, liefen dieses Jahr außerhalb des Wettbewerbs von Cannes. Das zeigte sich unter anderem beim Südkoreaner Hong Sang-soo, dessen schwarz-weißes Drama The Day After alle Zutaten eines Wettbewerbsbeitrages abhakte. Die Affäre eines verheirateten Mannes steht im Mittelpunkt der Handlung, was wiederum Hongs skandalumwobene Beziehung mit seiner Hauptdarstellerin Kim Min-hee adressiert. Es ist ein selbstkritischer Film, in dem Hongs Alter Ego sich in den eigenen Handlungsmustern verfängt, Fehler macht, diese erkennt und sie in bester Hong-Manier wiederholt. Der Ernst der Lage lässt sich schon daran ablesen, wie wenig in The Day After gegessen, getrunken oder gezoomt wird.

Demgegenüber lief der andere Hong des Festivals, Claire's Camera, nicht im Wettbewerb, sondern als Special Screening. Etwas über eine Stunde lang, bringt Claire's Camera alle Anzeichen einer flotten Spielerei mit. Gedreht wurde vergangenes Jahr am Rande des Festivals. So schenkt der Film der Welt eine Szene, in der Croisette-Untermieterin Isabelle Huppert ganz verzückt ist darüber, zum ersten Mal die Filmfestspiele in Cannes besuchen zu dürfen. Ihre Lehrerin Claire spaziert durch die Stadt und fotografiert Fremde, darunter Kim Min-hee, die von ihrer Vorgesetzten aus heiterem Himmel entlassen wurde. Vermutlich wegen des Verdachts auf eine Affäre mit einem Regisseur. Dass die Schauspieler die meiste Zeit in einer ihnen fremden Sprache sprechen, verstärkt das unpolierte Bild von Claire's Camera im Vergleich zu The Day After. Niemand sähe, sagt die Hobby-Fotografin einmal, nach einem ihrer Fotos so aus wie vorher. So ist The Day After von der Enttäuschung über die eigenen Fehler getragen, Claire's Camera versteckt in seiner charmanten Flüchtigkeit hingegen die Hoffnung auf Veränderung.

Isabelle Huppert in Claire's Camera

Die qualitative Schwäche des Wettbewerbs offenbarte sich beim Besuch der Nebensektionen. Dank des fragwürdigen Schauspielerpreises für Diane Kruger wird Fatih Akins Aus dem Nichts weiter im Gespräch bleiben, der bessere deutsche Film lief in der auf Entdeckungsreise befindlichen Reihe Un Certain Regard. 11 Jahre nach Sehnsucht beobachtet Valeska Grisebach in Western deutsche Arbeiter beim Einsatz in Bulgarien. Einzelgänger Meinhard (Meinhard Neumann) knüpft Freundschaften mit den Dorfbewohnern, während seine Kollegen sich in ihrer teutonischen Überlegenheit aufzuspielen suchen. Die Flagge wird über dem bewaldeten Tal gehisst, die fremden Einheimischen angefeindet. Aggression schwelt in der Luft. Ein ums andere Mal werden in Western die Erwartungen an diese Ausgangssituation untergraben, auch mit Hilfe der Laiendarsteller und den abwartenden, atmenden Bildern. Die eröffnen über das beträchtliche Sprachgefälle hinweg Räume für profunde Augenblicke der Verbundenheit.

In der unabhängigen Quinzaine (auf Englisch Director's Fortnight) lief mein persönlicher Lieblingsfilm des Festivals, The Florida Project von Tangerine L.A.-Regisseur Sean Baker. Hier wurden auch neue Filme von Philippe Garrel (Lover for a Day) und Claire Denis (Let the Sunshine In) gezeigt, Beziehungs-Miniaturen, die neben den teils überkonstruierten Wettbewerbsbeiträgen fast minimalistisch anmuten. Bei Garrel keine Überraschung, bei Denis in ihrem Humor immerhin ungewohnt. Let the Sunshine In besteht im Wesentlichen aus einer Reihe von Dialogszenen, in denen Juliette Binoche sich auf der Suche nach einer erfüllenden Beziehung quälend im Kreise dreht. Ein verheirateter Mann will sie abschätzig dominieren, ein anderer potenzieller Liebhaber scheint unfähig, sich für irgendwas zu entscheiden, und wenn einmal Harmonie herrscht, dann zersetzt sie sich in Sekundeneile im sauren Klassendünkel. Existenzielle Frustration in Cannes ist selten so lustig, und Denis' sorgfältige Inszenierung dieses sich variierenden Pas de deux' lädt zur zweiten Sichtung und Analyse ein.

Die Verführten

Die Wahrnehmung ist während des Festivals grundsätzlich getrübt, von den Erwartungen, der Müdigkeit, den kurzen Reaktionszeiten, der Ernährung aus Wasser und Kapsel-Espresso. Im Wettbewerb äußerte sich diese überspannte Zuschauerhaltung in einem unentschlossenen Mischmasch aus Buhrufen und Beifall für Filme wie The Killing of a Sacred Deer oder Happy End. Die großen Spalter kamen nicht an die Croisette und echte Aufregung, wie vergangenes Jahr beim leer ausgehenden Toni Erdmann, hätte es wohl nur gegeben, wenn der Langweiler Auguste Rodin einen güldenen Palmenwedel davon getragen hätte.

Mit der Satire The Square prämierte die Jury um Pedro Almodóvar einen Film, der das dominierende Thema des Wettbewerbs - die Nabelschau bourgeoiser Kreise, der Ersten Welt, wenn man so will - amüsant aufbereitet. Ein paar mehr diktatorische Charakterzüge wären Jury-Präsident Almodóvar vielleicht zu wünschen gewesen, denn in der Pressekonferenz offenbarte er seine Bewunderung für das Aids-Aktivisten-Epos 120 Beats Per Minute von Robin Campillo. Die allgemeine Bewunderung für The Square habe sich in der offenbar harmonisch besetzten Gruppe durchgesetzt. Ein Schock wäre der Sieg von 120 Beats auch nicht gewesen. Geschichte schrieb die Jury hingegen, in dem sie Sofia Coppola den Regiepreis für Die Verführten verlieh. Coppola ist erst die zweite weibliche Preisträgerin in dieser Kategorie. Seit dem ersten Sieg von Yuliya Solntseva 1961 für Flammende Jahre sind mehrere neue Regiegenerationen herangewachsen.

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Das Festival selbst schien sich der verhaltenen Leidenschaft für den Wettbewerb anzupassen. Der Filmmarkt wirkte in diesem Jahr kleiner, die Poster für zu verkaufende Streifen weniger absurd, ja fast schon seriös. Die Party-Stimmung im Umkreis des Festival-Palais' wurde in Gänze von den gesteigerten Sicherheitsbestimmungen dominiert. Soldaten in Tarnfarben (leider nicht Teppichrot) mit Schnellfeuergewehren patrouillierten zwischen den Souvenirläden, Baguette-Ständen und Zelten des internationalen Dorfes, in denen die Filmnationen zum Networken laden. Die militärische Präsenz verlieh Cannes mit seinen Luxus-Boutiquen, Touristen und Schwärmen schwarzer Limousinen die Aura eines Studio-Hinterhofs, in dem sich drei verschiedene Drehteams auf eine Zigarette treffen. Sicherheit suggerierten die Waffen weniger als das akute Bewusstsein für eine unsichtbare Gefahr. Beim Einlass in die Kinos äußerten sich diese Maßnahmen in Metalldetektoren und gründlicheren Taschenkontrollen. Ein herumliegendes Päckchen sorgte vor der Pressevorführung der Godard-Parodie Redoubtable für Bomben-Alarm. Hunderte Kritiker wurden ratlos an den Straßenrand gedrängt, ohne einen Hauch von Information der Sicherheitsleute. First World Problems, zugegeben, aber Cannes ist eine Massenveranstaltung und in der Kontrolle und Sicherheit dieser Masse ließen die Organisatoren im Ernstfall Souveränität vermissen.

Damit bildete Cannes dieses Jahr weniger die sonnige Insel von Kunst und Glamour, als eine Traumwelt, in die sich Ausläufer der Realität hineindrängen. Eine Traumwelt vielleicht, die von den Träumenden als Realität wahrgenommen wird. Die Ausläufer trugen Tarnfarben, aber mit Blick auf die sich wandelnde Filmwirtschaft eben auch jene roten Logos vor weißem Grund, die das Prinzip Kino selbst in Frage stellen. Genau der richtige Zeitpunkt war das für die Rückkehr des Surrealisten David Lynch an die Croisette. Der stellte hier 1992 Twin Peaks: Der Film vor und wurde mit Buhrufen und Verrissen bedacht. Heute sind es stehende Ovationen. Wie heißt es in Claire's Camera so schön, in einem Satz, der nur aus dem Mund von Isabelle Huppert natürlich wirken kann: Die einzige Möglichkeit, um etwas zu ändern, ist, es nochmal ganz langsam anzusehen.

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Im Kritikerspiegel zum Festival in Cannes bei critic.de  findet ihr weitere Wertungen und Reaktionen.

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