James Bond 25: Hans Zimmer ist eine echte Gefahr fürs Daniel Craig-Finale

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James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben
11.01.2020 - 10:00 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
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Der letzte Rückschlag für den gebeutelten 25. Bond-Film Keine Zeit zu sterben war der Verlust der Komponisten Dan Romer. Hans Zimmer soll in die Bresche springen, doch was schön klingt, ist ein großer Fehler.

Meldungen zu Cary Joji Fukunagas James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben sind in der Regel keine guten. So auch die letzte Neuigkeit: Komponist Dan Romer verließ den Film gut vier Monate vor Kinostart aufgrund der weitgefürchteten kreativen Differenzen.

Zugleich wurde gemeldet, dass mit Hans Zimmer bereits prominenter Ersatz gefunden sei. Das klingt zunächst wie eine große Erleichterung. Kaum ein Komponist ist derzeit erfolgreicher, hat in den letzten Jahren so viele ikonische Themen und Soundtracks geprägt. Doch als großem Bond-Fan läuft mir bei dem Gedanken ein kalter Schauer über den Rücken.

Hans Zimmer: Ein sichere Wette bei wenig Raum für Fehler

Zimmer ist ein kluger, innovativer, häufig aber schlicht routinierter Handwerker, der zuverlässig abliefern kann. Umso verständlicher ist sein Engagement für einen Film wie Keine Zeit zu sterben. Dessen Regisseur und Produzenten bekommen nach Verletzungen, Unfällen und umgeworfenen Plänen bei der Produktion inzwischen vermutlich bei jedem Zeichen von Unsicherheit Schweißausbrüche.

Daniel Craig in Keine Zeit zu sterben

Da Zimmer mit einem großen Team und häufig einem zweiten Kreativkopf (wie Benjamin Wallfisch bei Blade Runner 2049 oder John Powell bei Kung Fu Panda) arbeitet, wird sichergestellt, dass am Ende ein zuverlässiger Score vorhanden ist.

Doch wenn viel Arbeit delegiert wird, um fertig zu werden, leidet oft die Seelentiefe der Musik. Und wenn Bond die musikalische Seele fehlt, zerfällt der Film in seine Einzelteile.

Kritische Faktoren für Bond 25: Die Zeit- und Prioritätenfrage

Viel Raum für kreative Spielerei und Herumprobieren gibt es bis zum Kinostart Anfang April nicht mehr. Ein ausgefeilter Score kann aber einiges an Zeit in Anspruch nehmen. So brauchte Zimmer-Kollege Benjamin Wallfisch für die unter die Haut schleichende Musik von A Cure for Wellness laut Variety  etwa 10 Monate.

An diesem Punkt der Produktion gibt es zudem keine Möglichkeit mehr, noch unfertige Szenen mitzuvertonen und durch die Komposition zu formen. Außerdem stellt sich die Frage, ob James Bond für Hans Zimmer wirklich Priorität haben kann. Schließlich stehen uns von Zimmer dieses Jahr noch unter anderem Soundtracks für Dune und Wonder Woman 1984 ins Haus. Bond verdient aber nicht weniger als die einhundertprozentige Aufmerksamkeit und Hingabe seines Komponisten.

Zimmer gegen ein langes Erbe: Einzelmomente gegen Landschaften

Hans Zimmer tritt stilistisch gesehen ein schweres Erbe an. Wenn ich auf die inzwischen fünf Jahrzehnte an Bond-Scores zurück... höre, fällt besonders eines auf: Die Musik schaffte einen genialen Balance-Akt zwischen Atmosphäre, Markenzeichen und Emotion. Gerade John Barry, der den Löwenanteil der Bond-Filme vertonte, malte ganze Landschaften mit Musik, vielschichtig, schwer replizierbar, das schlagende Herz Bonds.

Kollegen und Nachfolger wie George Martin, David Arnold und zuletzt Thomas Newman verstanden sich dafür gekonnt auf das Legen von Klangteppichen - die Bonds Schritte beim Schleichen dämpften, ihn bei Stürzen auffingen, und die auch mal Untergrund säuselnder Romantik wurden.

Trotzdem war da stets eine gewisse Erdung, die Bond auf solidem Action-Boden hielt. Selbst in Sci-Fi-esken Momenten gab es keine übernatürliche Epik.

Selbst in Moonraker blieb sich die Bond-Musik treu.

Das unterscheidet sich von einem Großteil der erfolgreichsten Hans Zimmer-Scores. Diese werden vor allem von eingängigen, aber sehr vordergründigen Themen und Szenen beherrscht, was gut im Ohr bleibt, aber im Falle Bonds zu groß wirken könnte.

Zimmer kann sehr gut Spannung schaffen, doch verglichen mit seinen Vorgängern tanzt er stilistisch stark aus der Reihe und könnte unangenehm querschießen.

Zimmer gegen Newman: Der Stil der Craig-Filme sollte nicht gebrochen werden

Apropos Stil: Thomas Newman vertonte zwar nur zwei der vier bisherigen Daniel Craig-Bonds, doch gerade seit Skyfall ist er für mich die musikalische Stimme dieser Bond-Ära. Die Filme jedes Darstellers hatten einen ganz eigenen Charakter, doch Newman könnte der erste sein, der untrennbar mit Feeling und Welt von genau einem Bond verbunden ist.

Newmans Scores schleichen sich subtil und klammheimlich ins Bewusstsein. Seine übliche Arbeit mit Rhythmus und Percussion ergibt mit den vertrauten Bond-Streichern und -Bläsern eine perfekte Einheit. Aus der ich bei jedem Ton Daniel Craigs sehr modern-dynamischen und zugleich bekannt britisch-trockenen James Bond heraushöre:

In epischeren Momenten zündet die Musik ein kurzes Leuchtfeuer, das den atemberaubenden Schauwerten des Sam Mendes entspricht und die den Craig-Bond nachhaltig geprägt haben:

Gerade, weil Keine Zeit zu sterben der Abschied von Daniel Craigs Bond wird, darf hier einfach kein Stilbruch stattfinden. Andernfalls könnte das über vier Filme aufgebaute Erbe von 14 Jahren zu Grabe getragen werden.

Zimmers Score wird also entscheiden, ob das Gefühl Bonds im Allgemeinen und des Craig-Bonds im Speziellen weiterlebt, und das bei wenig Zeit, schwierigen Umständen und stilistischen Differenzen. Ich jedenfalls werde mit nervös zusammengebissenen Zähnen verfolgen, wie er diesen Drahtseilakt der Bond-Balance vollführt.

Glaubt ihr, dass Hans Zimmer zu James Bond passt?

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