Die durch die Hölle gehen

Oscarpreisträger Michael Cimino mit 77 Jahren gestorben

03.07.2016 - 12:45 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Die durch die Hölle gehen
Nur wenige Regisseure hatten so viel Einfluss auf die Geschichte Hollywoods wie Michael Cimino. Gestern ist der Regisseur von Die durch die Hölle gehen und Heaven's Gate im Alter von 77 Jahren gestorben.

"Sollte er jemals wieder mit einer vollen Budget-Ladung auftauchen", schrieb Filmkritiker David Thomson über Michael Cimino, "sollte sein eigenes Leben das Thema sein". Der Regisseur von Die durch die Hölle gehen und Heaven's Gate - Das Tor zum Himmel gehörte zu den schillerndsten Figuren des New Hollywood. Und das nicht nur weil er der autorengesteuerten Kreativität der amerikanischen Kino-Erneuerung unwillentlich ein Ende setzte. Sein Geburtsdatum schwankte über die Jahre, zum Start seines Zweitlings lancierte er Geschichten über einen angeblichen Dienst im Vietnamkrieg, obwohl er seine Reservezeit in New Jersey verbrachte. Schon bald nach der Premiere von Die durch die Hölle gehen übertraf sein realer Werdegang jede Flunkerei, die sich ein Drehbuchautor hätte ausdenken können. 1978 wurde Michael Cimino als Mittdreißiger-Wunderkind des amerikanischen Kinos gefeiert, 1980 unter eigener Beihilfe von seinem Podest gestoßen: der Mann, der dem New Hollywood ein Ende setzte. Zu einem Film über sein Leben kam es nicht mehr. Gestern ist Michael Cimino im Alter von 77 Jahren gestorben.

Nach seinem Abschluss eines Kunststudiums an der Universität Yale zog es Michael Cimino an die New Yorker Madison Avenue, wo die Träume der amerikanischen Konsumenten in Werbebannern und -Spots kreiert wurden. Sein 1967 entstandener TV-Spot für United Airlines, "Take me Along", lädt mit seinen Tanzszenen zum Vergleich zu zeitgenössischen Hollywood-Musicals ein. Visuell berauschend inszeniert und geschnitten, fiel Ciminos Arbeitsprozess schon damals durch seinen exzessiven Aufwand auf, der aus der Branchennorm fiel. Seine Lebensgefährtin Joann Carelli traf Cimino im Rahmen der Arbeit für die "Mad Men" und sie war es auch, die ihn dazu anregte Drehbücher zu schreiben. 1971 zog Michael Cimino nach Hollywood.

Cimino arbeitete danach an Douglas Trumbulls Science Fiction-Klassiker Lautlos im Weltraum und mit dessen Ko-Autor Deric Washburn würde er später das Drehbuch für Die durch die Hölle gehen entwerfen. Vorher zog er durch das Drehbuch für Die Letzten beißen die Hunde die Aufmerksamkeit von Clint Eastwood auf sich, den Cimino als einen seiner wichtigsten Einflüsse bezeichnete. Eastwood mochte die Geschichte eines ungleichen Verbrecherduos und verschaffte Cimino nicht nur einen Job als Drehbuchautor bei Dirty Harry II - Callahan, sondern auch als Regisseur seines ersten eigenen Spielfilms. Die Letzten beißen die Hunde lief mit Eastwood als altgedientem Räuber Thunderbolt und Jeff Bridges als unerfahrenem Lightfoot 1974 erfolgreich in den amerikanischen Kinos.

Im selben Jahr starteten Der Pate 2 von Francis Ford Coppola, Martin Scorseses Alice lebt hier nicht mehr und Roman Polanski stellte Chinatown vor. Ein gewisser Steven Spielberg drehte gerade Der weiße Hai. Es war eine Blütezeit des amerikanischen Autorenfilms geboren aus der Krise der großen Studios im Jahrzehnt davor. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Anzugträger von EMI 1976 sofort auf Ciminos Idee für einen Film über den Vietnamkrieg ansprangen. 1978 kam Die durch die Hölle gehen in die Kinos und brannte sich durch die berühmte Russisch-Roulette-Szene als popkulturelle Verbildlichung des Krieges in die Köpfe der Zuschauer. Im Guten wie im Schlechten, war das Russisch Roulette in einem nordvietnamesischen Gefangenenlager doch reine Fiktion. Die Vietcong-Soldaten werden hingegen als sadistische Karikaturen präsentiert, ein weiteres Element der Hölle, durch die die amerikanischen Menschen gehen müssen. Vorwürfe rassistischer Stereotype sollte auch Ciminos Im Jahr des Drachen (1985) einsammeln.

Mit Die durch die Hölle gehen jedoch erklomm Michael Cimino die Hollywood-Spitze, getragen nicht nur von seinem unbestreitbaren Talent, sondern gerade auch dem großartigen Ensemble um Robert De Niro, Christopher Walken, John Cazale, John Savage und Meryl Streep. Bei der 51. Oscarverleihung setzte sich der Film gegen den weniger martialischen Coming Home von Hal Ashby durch, der sich den Nachwirkungen der Kriegserfahrungen widmete. Und was für ein Jahrgang das war: Neben Ashby und Cimino konkurrierten Alan Parker (12 Uhr nachts - Midnight Express), Woody Allen (Innenleben), Warren Beatty (Der Himmel soll warten) um den Preis für die Beste Regie, der ebenso wie der Beste Film für Die durch die Hölle gehen verliehen wurde.

Heaven's Gate

Dass die Liste der nicht realisierten Projekte des Michael Cimino heute so viel länger ist als seine Filmografie als Regisseur, scheint nach diesem kommerziellen und künstlerischen Triumph unglaublich. Die turbulente wie maßlose Produktion von Heaven's Gate - Das Tor zum Himmel jedoch verwandelte Cimino ins Schreckensbild eines außer Kontrolle geratenen Künstlers im System Hollywood. All das verkörperte Cimino nach dem finanziell desaströsen Kinostart 1980, was die kommenden Jahrzehnte voller Blockbuster und Franchises ausradieren wollten. Mit 11,6 Millionen Dollar Budget ausgeschickt, um in Montana ein amerikanisches Epos zu drehen, übertrafen die Extravaganzen am Set, aber auch die Unfähigkeit verantwortlicher Produzenten und Studio-Vertreter das epische Ausmaß der Film-Story. Mittlerweile wurde die bildgewaltig umgesetzte Geschichte über Großfarmer, die im 19. Jahrhundert in Konflikt mit europäischen Einwanderern geraten, vielerorts rehabilitiert. 2012 erschien der von Cimino überwachte 216-minütige Director's Cut von Heaven's Gate in einer digital restaurierten Fassung. Doch ob Meisterwerk oder nicht: Cimino war maßgeblich daran beteiligt, dass das Budget auf 44 Millionen Dollar aufgeblasen wurde, was das Studio United Artists nach dem vernichtenden Kritiken und fernbleibenden Zuschauern in den Ruin trieb. Die von D.W. Griffith, Mary Pickford, Douglas Fairbanks und Charlie Chaplin gegründete Traditionsfirma wurde an MGM verkauft. Studio-Verantwortliche wiederum erhielten durch Cimino Argumente genug, um die Freiheit der Regisseure und der Ambition ihrer Projekte wieder deutliche Grenzen zu setzen. Das New Hollywood erreichte seinen effektiven Endpunkt.

Für Michael Cimino ergaben sich in den Jahren danach noch verschiedene Chancen einer Art Rehabilitation. Einerseits wurde Cimino in der Rezeption gewissermaßen vom Schatten seines Flops verfolgt, andererseits zeigte etwa die Produktion von Der Sizilianer 1987 einen Hang zur Konfrontation mit den Geldgebern, der aus heutiger Sicht selbstzerstörerisch anmutet. So lieferte er im Konflikt um die Laufzeit des Actionfilms mit Christopher Lambert eine Fassung ab, in der alle Actionszenen herausgeschnitten wurden. Hauptdarsteller Lambert beschrieb seine Erfahrung mit Cimino im Interview mit Sofilm  folgendermaßen:

[Michael Cimino] war wahrscheinlich der Größte seiner Generation, Coppola und Scorsese eingeschlossen, aber er war zu schlau. Er war zu talentiert. Er war ein Architekt, ein Maler, ein Autor und ein Regisseur. Am Set war er besser als jeder andere, in jedem Aspekt. Als Resultat dessen wollte er alles beaufsichtigen. Und das ist unmöglich. Man muss delegieren. Er wusste das nicht. Es gipfelte in Krisen akuter Paranoia, unglaublicher Manipulationsmethoden. Eines Tages, kurz vor einer sehr schwierigen Szene, sagte er zu mir: ' Ich habe gerade mit den Produzenten telefoniert, morgen werde ich gefeuert.' Ich weiß immer noch nicht, ob das ein Ausdruck seiner Paranoia war oder ein Versuch, mich zu verstören. Denn am nächsten Tag war er immer noch da.

Ciminos letzter Film The Sunchaser mit Woody Harrelson und Jon Seda lief 1996 im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes. Einen landesweiten Start im Heimatland des in New York geborenen Regisseurs erhielt der Film jedoch nicht. David Thomson spekuliert im Cimino-Porträt seines biographischen Filmlexikons darüber, wie Heaven's Gate und damit auch die Karriere von Michael Cimino hätte gerettet werden können. Andere Hauptdarsteller, ein anderer Drehbuchautor, ein Neustart, größere Kontrolle durch die Produzenten usw. Er kommt zum Schluss: "Aber vielleicht wollte er einen unmöglichen Film drehen".

Wie sein Freund und früherer Anwalt Eric Weissmann bestätigte , ist Michael Cimino am Samstag tot in seinem Haus in Los Angeles aufgefunden worden. Er wurde 77 Jahre alt.

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