Selbst die größte Oscar-Niederlage kann die Netflix-Revolution nicht aufhalten

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The Irishman
11.01.2020 - 10:05 UhrVor 7 Monaten aktualisiert
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Bei den Golden Globes konnte Netflix nur zwei Preise gewinnen. Auch ein Siegeszug bei den Oscars ist ungewiss. Doch die Netflix-Revolution ist nicht mehr aufzuhalten.

Mit 34 Nominerungen trat Netflix am Sonntag bei der Verleihung der Golden Globes an. Kein anderes Studio wurde in diesem Jahr häufiger für Auszeichnungen bei den Globes vorgeschlagen, die gemeinhin als zweitwichtigster Branchenpreis nach den Oscars gelten. Am Ende sprangen lediglich zwei Auszeichnungen für den Streaming-Giganten heraus. Eine Niederlage? Wohl kaum.

Olivia Colman gewann in der Fernsehrubrik den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin in einer Dramaserie (The Crown). Auf der Filmseite holte Laura Dern den Preis als beste Nebendarstellerin in einem Drama (Marriage Story). Noah Baumbachs filmgewordener Scheidungsschmerz (sechs Nominierungen) galt denn auch neben Martin Scorseses Mafiaepos The Irishman (fünf Nominierungen) sowie dem Drama Die zwei Päpste (vier Nominierungen) von Fernando Meirelles als großer Hoffnungsträger für Netflix' Preisbeute in den prestigeträchtigen Filmkategorien der Globes.

Den großen Coup könnte der Streaming-Dienst zum Ende der Award Season feiern, wenn Anfang Februar die Oscars vergeben werden. Doch auch wenn es nicht klappen sollte, ist alles halb so wild: Netflix hat Hollywood längst umgekrempelt.

Die Golden Globes sind der Anti-Oscar

Als Oscar-Indikator fungieren die Golden Globe Awards ohnehin nur bedingt. Lediglich zwei der bei den letzten fünf Shows in ihren Hauptkategorien ausgezeichneten Filme erhielten einige Wochen später auch den Oscar in der Königsdisziplin Bester Film: 2017 gelang dies Barry Jenkins' Drama Moonlight, zwei Jahre später konnte die Tragikomödie Green Book von Peter Farrelly den begehrten Goldjungen einheimsen.

Marriage Story

Ein Blick auf die Struktur der Golden Globes offenbart fundamentale Unterschiede zu den Oscars:

  • Film- und Darstellerpreise sind im Gegensatz zu den Oscars Genre-abhängig. Die Golden Globes unterscheiden in Drama und Musical/Komödie.
  • Die Globes vergeben nur einen Drehbuchpreis. Bei den Oscars sind es zwei, jeweils eine Auszeichnung für adaptiertes und eine Trophäe für originales Skript.
  • Für die Verleihung der Globes ist eine kleine Gruppe internationaler und in Südkalifornien arbeitender Journalisten zuständig. Diese Hollywood Foreign Press Association (HFPA)  umfasst rund 90 Mitglieder. Die für die Oscars zuständige Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS)  zählt dagegen mehrere tausend wahlberechtigte Mitglieder, darunter etliche Filmschaffende. Laut CNBC  sind es aktuell gut 8.000.

Für das Oscar-Spiel werden die Karten neu gemischt. Die Preisträger könnten nicht 1917 (Drama) oder Once Upon a Time ... in Hollywood (Musical/Komödue) heißen, sondern ebenso The Irishman oder Marriage Story. Vielleicht trumpft aber auch Warners DC-Film Joker noch größer auf als bisher. Am 13. Januar werden die Oscar-Nominierungen bekanntgegeben, am 9. Februar folgt die Verleihung.

Kein Oscar wäre auch kein Verlust: Netflix fordert das alte Hollywood heraus

Eine dünne Oscar-Ausbeute brächte Netflix nicht in Verzweiflung. Erst seit knapp sieben Jahren tritt die kalifornische Firma als Produzent und Verleiher hauseigener Inhalte in Erscheinung und brachte es im dritten Quartal 2019 auf 158,3 Millionen Abonnenten, so CNN . Innerhalb weniger Jahre etablierte sich der Dienst als publikumsstarker Gegenentwurf eines traditionellen Hollywoods. Und das über lange Zeit ohne größere Filmpreise.

Die zwei Päpste

Netflix bricht mit dem oft risikomüden Studiobetrieb der Traumfabrik. Anstelle von zum Erfolg verdammter Repetition steht die Bereitschaft zum Scheitern. Das eröffnet kreative Freiräume, so etwa auch für Martin Scorsese. Im kürzlich veröffentlichten Roundtable von The Hollywood Reporter  erklärte der Regisseur, dass man neun Jahre lang vergebens versucht habe, The Irishman zu finanzieren. Das dreieinhalb-stündige Epos landete schließlich bei Netflix mit einem kolportierten Produktionsbudget von 159 Millionen US-Dollar.

Die Netflix-Revolution hat Hollywood längst erfasst

In derselben Gesprächsrunde bezeichnete Scorsese die Veränderungen in der Filmwelt als "Revolution". Netflix ist nur die sichtbarste Spitze dieser Umwälzung. Etliche und teils namhafte Film- und Fernsehschaffende arbeiten inzwischen mit diversen Streaming-Anbietern zusammen. Dort erhalten sie nicht nur die notwendigen finanziellen Ressourcen für ihre Visionen, sondern erreichen ein potenziell gigantisches Publikum.

Durch einen kontinuierlichen Geldfluss zahlender Mitglieder entfällt zusätzlich der Druck zum unbedingten Erfolg, der große Studios mit Blick auf die Kinokasse zaudern lässt und künstlerische Freiheit einengt. Sich breit machende Kreativlosigkeit und Risikoarmut sind die Folgen in Hollywoods kommerzieller Studioelite. Streaming ist nicht zwangsläufig die Zukunft des Films. Schon jetzt sind Netflix und Co. aber allgegenwärtige Gestalter und damit wesentlicher Bestandteil seiner Zukunft.

Martin Scorsese (Mi.) am Set von The Irishman

Dies wird sich früher oder später in weiteren Nominierungen und einem ergiebigeren Preisregen bei den Golden Globes und Oscars niederschlagen. Das Fernsehen ist dem Film bereits einen Schritt voraus: Unter den TV-Nominierten der diesjährigen Golden Globes waren ausschließlich Bezahlsender und Streaming-Dienste. Nur ein traditioneller Kabelsender hatte einen Anteil an der Veranstaltung: Ausrichter NBC.

Von Seiten Netflix' kommen zudem positive Signale für alle, die Filme nach wie vor am liebsten auf der großen Leinwand genießen. Zwar brodelt ein Konflikt zwischen klassischer Kinoerfahrung und Streaming. Anders als früher beharrt Netflix aber nicht mehr auf die zeitgleiche Veröffentlichung seiner Produktionen in Kinos und auf seiner hauseigenen Plattform.

Es sind kleine Schritte in Form limitierter Kinostarts vor der Streaming-Premiere. Zudem pachtete das Unternehmen erst im November ein traditionsreiches Kino in New York, wie Deadline  berichtete. Eine Überwindung gezogenen Gräben zwischen Tradition und Moderne wäre wünschenswert. Denn letztlich zählt nur eines: Dass große Geschichten möglichst vielen Menschen auf vielerlei Art ermöglicht werden. Oder?

Netflix und die Golden Globes: Was sagt ihr zum Abschneiden des Streaming-Dienstes?

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