Mr. Vincent Vega eckt an

Biopics - formelhafte Langeweile ohne Wagemut

Biopics
© Warner / Fox / Paramount
Biopics

Kaum ein Monat vergeht, in dem der Kinokalender nicht mindestens auch ein Biopic zählt. Ausgerechnet die staubtrockene Margarethe von Trotta etwa hat sich ganz aktuell mit Hannah Arendt an der Verfilmung einer wichtigen Schaffensphase der berühmten Denkerin versucht, während auch noch immer Ludwig II. über deutsche Kinoleinwände spukt. Und kommende Namenstitel wie Lincoln, Renoir und Hitchcock zieren bereits die Vorankündigungen, denn Award-Season ist eben immer auch Biopic-Season – verfilmte Leben hat halt jeder irgendwie gern. Ob das Biopic, also die nichtdokumentarische Filmbiographie, denn ein eigenes Genre ist, darüber gehen die Meinungen immer noch auseinander. Gewiss jedoch ist es eine Marke, und es schürt, zumindest in seiner konfektionierten, verbreiteten (Hollywood-)Form, sehr konkrete Erwartungen. Verlässlich sind die großen ambitionierten Biopics schließlich nicht selten in ihren identischen Erzählformen und den bestimmten Konventionen und Bildern hinsichtlich ihrer dargestellten (meist natürlich historischen) Persönlichkeiten, und oft ähnlich langweilig wiederum sind sie in ihrem überschaubaren Wagemut.

Bequemliche Einordnung
Die besonders unerträglichen Biopics, etwa La Vie en rose, Gandhi, Malcolm X, Chaplin oder The King’s Speech – Die Rede des Königs, ähneln sich folglich durch immer wiederkehrende formale Klischees. Ihnen eigen sind oft bestimmte Erzählansätze, die mal das ganze Leben einer Persönlichkeit, mal ihr zentrales Schaffen oder auch (im besten Falle) einfach nur einen sehr begrenzten Abschnitt nachempfinden, von dem aus dann Wesentliches abgeleitet werden soll. Meist sind diese Filme linear strukturiert und das Erzählte in eine Rahmenhandlung eingebettet, und fast immer müssen Texteinblendungen jenen Informationsgehalt herstellen, der visuell oder gestalterisch nicht vermittelt werden konnte, um gleichermaßen dem Drang nach dreiaktigem Auserzählen sowie bequemlicher Einordnung (Abheftung) nachkommen zu können. Interessant ist dabei, dass das Biopic den Tod der dargestellten Persönlichkeit stets als einen Höhe- bzw. Schlusspunkt inszeniert und damit in gewisser Weise zu einer absonderlichen Form des Happy Ends tradiert, gern auch mit viel Pathos (Braveheart) oder ordentlich lachhaftem Schmalz (A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn).

Vermeintlicher Authentizitätsanspruch
Am Langweiligsten sind Biopics freilich dann, wenn sie das bewegte Leben einer Persönlichkeit in brav-biedere Lebensstationen einteilen, die dann auf dem kompatibel gemachten Weg zum Abspann nur noch mit dickem Filzstift abgehakt werden müssen. Solche die Komplexität und Wirkungsweise der betreffenden Figuren auf Drehbuchbauklötzchen herunter brechende Langweiler wie Walk the Line oder Ray neigen dann gern dazu, ihre ausgewählten Ereignisse nicht zu verdichten, sondern auszuwalzen und durch falsche Schwerpunktsetzung zu trivialisieren (meist im Sinne stupider Unterhaltung oder banaler Rührseligkeiten). Kurioserweise gilt für viele trotzdem: Je authentischer und faktenorientierter die Darstellung, desto gelungener der Film.

Dabei füttert ja gerade der vermeintliche Authentizitätsanspruch zum einen nur die Fantasielosigkeit eines Kinos, das sich in seinen freien Gestaltungsmöglichkeiten über den Deckmantel der Historizität selbst beschränkt, zum anderen stillt er lediglich die Sehnsucht des Publikums, Tatsachen abgleichen und sich lexikalisch weiterbilden zu können. Als Kardinalsfehler zahlloser herkömmlicher Biopics erweist sich in diesem Zusammenhang immer wieder der gewählte Standpunkt, von dem aus die (Lebens-)Geschichten berühmter Menschen erzählt werden.

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