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Biopics - formelhafte Langeweile ohne Wagemut

Mr Vincent Vega (Rajko Burchardt), Veröffentlicht am 09.01.2013, 08:50

Das Biopic ist beinahe so alt wie das Kino selbst und flimmert besonders während der Award-Season über zahlreiche Leinwände. Über die brave Biederkeit und formelhafte Langeweile biographischer Unterhaltungsfilme, die viel zu selten Wagemut zeigen.

Biopics Biopics © Warner / Fox / Paramount

Kaum ein Monat vergeht, in dem der Kinokalender nicht mindestens auch ein Biopic zählt. Ausgerechnet die staubtrockene Margarethe von Trotta etwa hat sich ganz aktuell mit Hannah Arendt an der Verfilmung einer wichtigen Schaffensphase der berühmten Denkerin versucht, während auch noch immer Ludwig II. über deutsche Kinoleinwände spukt. Und kommende Namenstitel wie Lincoln, Renoir und Hitchcock zieren bereits die Vorankündigungen, denn Award-Season ist eben immer auch Biopic-Season – verfilmte Leben hat halt jeder irgendwie gern. Ob das Biopic, also die nichtdokumentarische Filmbiographie, denn ein eigenes Genre ist, darüber gehen die Meinungen immer noch auseinander. Gewiss jedoch ist es eine Marke, und es schürt, zumindest in seiner konfektionierten, verbreiteten (Hollywood-)Form, sehr konkrete Erwartungen. Verlässlich sind die großen ambitionierten Biopics schließlich nicht selten in ihren identischen Erzählformen und den bestimmten Konventionen und Bildern hinsichtlich ihrer dargestellten (meist natürlich historischen) Persönlichkeiten, und oft ähnlich langweilig wiederum sind sie in ihrem überschaubaren Wagemut.

Bequemliche Einordnung
Die besonders unerträglichen Biopics, etwa La Vie en rose, Gandhi, Malcolm X, Chaplin oder The King’s Speech – Die Rede des Königs, ähneln sich folglich durch immer wiederkehrende formale Klischees. Ihnen eigen sind oft bestimmte Erzählansätze, die mal das ganze Leben einer Persönlichkeit, mal ihr zentrales Schaffen oder auch (im besten Falle) einfach nur einen sehr begrenzten Abschnitt nachempfinden, von dem aus dann Wesentliches abgeleitet werden soll. Meist sind diese Filme linear strukturiert und das Erzählte in eine Rahmenhandlung eingebettet, und fast immer müssen Texteinblendungen jenen Informationsgehalt herstellen, der visuell oder gestalterisch nicht vermittelt werden konnte, um gleichermaßen dem Drang nach dreiaktigem Auserzählen sowie bequemlicher Einordnung (Abheftung) nachkommen zu können. Interessant ist dabei, dass das Biopic den Tod der dargestellten Persönlichkeit stets als einen Höhe- bzw. Schlusspunkt inszeniert und damit in gewisser Weise zu einer absonderlichen Form des Happy Ends tradiert, gern auch mit viel Pathos (Braveheart) oder ordentlich lachhaftem Schmalz (A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn).

Vermeintlicher Authentizitätsanspruch
Am Langweiligsten sind Biopics freilich dann, wenn sie das bewegte Leben einer Persönlichkeit in brav-biedere Lebensstationen einteilen, die dann auf dem kompatibel gemachten Weg zum Abspann nur noch mit dickem Filzstift abgehakt werden müssen. Solche die Komplexität und Wirkungsweise der betreffenden Figuren auf Drehbuchbauklötzchen herunter brechende Langweiler wie Walk the Line oder Ray neigen dann gern dazu, ihre ausgewählten Ereignisse nicht zu verdichten, sondern auszuwalzen und durch falsche Schwerpunktsetzung zu trivialisieren (meist im Sinne stupider Unterhaltung oder banaler Rührseligkeiten). Kurioserweise gilt für viele trotzdem: Je authentischer und faktenorientierter die Darstellung, desto gelungener der Film.

Dabei füttert ja gerade der vermeintliche Authentizitätsanspruch zum einen nur die Fantasielosigkeit eines Kinos, das sich in seinen freien Gestaltungsmöglichkeiten über den Deckmantel der Historizität selbst beschränkt, zum anderen stillt er lediglich die Sehnsucht des Publikums, Tatsachen abgleichen und sich lexikalisch weiterbilden zu können. Als Kardinalsfehler zahlloser herkömmlicher Biopics erweist sich in diesem Zusammenhang immer wieder der gewählte Standpunkt, von dem aus die (Lebens-)Geschichten berühmter Menschen erzählt werden.


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über Biopics - formelhafte Langeweile ohne Wagemut


utz.stocklow

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Es ist sehr schade, dass "The King's Speech", den ich wirklich sehr genossen habe, den tollen Ansatz mit dem Sprachtherapeuten verläßt, um mit überflüssigen Familien- und Weltpolitikgeschichten historische Relevanz einzuoperieren, statt sich auf die außergewöhnliche Energie zwischen Firth und Rush zu konzentrieren.

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chuck jones

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Die Liste der interessanten Biopics würde ich noch um Peter Medaks "The Krays" ergänzen, weil der Film sich mit seiner surrealen Erzählhaltung fast völlig vom Anspruch löst, reale Ereignisse abzubilden und nur noch einen Mythos beschwört.

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Ivan Vanko

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Was berechtigt bzw befugt Mr. Vincent Vega eigentlich Kolumnen zu schreiben? und wieso stolpert man immer wieder darüber, auch wenn man sie ignorieren möchte?

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Martin Oberndorf

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Also ich konnte Mr. Vega nie zustimmen, aber hier ist es ganz extrem. Oscarpreisträger beleidihen ist schon genug, aber Walk the Line, dieses Meisterwerk, jetzt ist bewiesen, dass Vga und ich wahrscheinlich maximal 10% gleichen Geschmack haben.

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Obolos

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Also das letzte Biopic, an das ich mich erinnern kann, war Abraham Lincoln Vampire Hunter und das fand ich ziemlich grandios und das, obwohl es meiner Meinung nach sehr nah an der Realität gehalten war!
Von daher stimme ich da nicht ganz mit dir überein!

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Atheisst

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lol


Floradys

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Habe mich auch gewundert, dass Mr. Vega diesen Film nicht als authentisch und innhaltlich wertvoll bezeichnet hat! Hat er wohl übersehen!

;-)


Gabe666

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Ich frag mich, wie man "Gandhi" nur langweilig finden kann. Selten hat mich ein Film so bewegt, auch wenn die Geschichte bekannt ist. Die Leistungen der Darsteller und die Inszenierung haben das mehr als ausgeglichen.
Von den restlichen genannten Filmen hab ich außer "Braveheart" keinen gesehen; den würde ich aber nicht als richtiges Biopic, sondern eher als Action-Historienfilm sehen und dahingehend hat er mich ebenfalls unterhalten.
Die in Hollywood momentan anzutreffende Tendenz, zu jeder wichtigen Persönlichkeit gleich einen Film drehen zu wollen, ist aber schon besorgniserregend. Zumal in zwei der genannten Filme Hollywoodstars die Handlungsträger sind. Kommt vielleicht irgendwann sogar noch ein Film über die Gründung Hollywoods? Von Hollywood gedreht? Das wäre der Gipfel der Einfallslosigkeit.

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Sebastian Shinoda

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Wer hätte gedacht, dass ich mich (zumindest teils) der Meinung des Herrn Vincent Vega annähere :D (v.a. was den Oscar-Punkt und die Texte zum Schluss eines Biopics angeht)

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Filmsuechtiger

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Was mich auch immer wieder nervt sind fiktive Biopics wie Crazy Heart oder The Wrestler, die dieselbe Mechanismen benutzen und damit genauso anöden.

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ratomelf

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Be deineim "fiktiven Biopic" dürfte es sich um einen "schwarzen Schimmel" handeln oder aber jeder Nicht-Dokumentarfilm ist ein Biopic.


MasterZ

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Es geht nicht nur um die Story deswegen sind The Wrestler und Crazy Heart Handwerklich gesehen viel bessere Filme wie manch ein anderes Biopic


jacker

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Viel zu wenige davon gesehen um hier groß mitreden zu können, auf Anhieb erscheint mir das aber zu platt. Viele Biopics nutzen das Setting (und da gebe ich recht, dass man es sich hier einfach macht um die Aufmerksamkeit nach Schema F zu generieren -> bekannte Persönlichkeit = Interessant) einfach um Probleme des Lebens (die man sicher auch mit anderen Protagonisten behandeln könnte) zu behandeln.

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Tautou

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Das wirklich und einzig nennenswerte Gemeinschafts-Biopic startet diese Woche im australischen Dschungel. Das ist definitiv eine Kolumne wert, liebe Redaktion.

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Hartmut Wastian

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Kann Deinen Unmut gut verstehen, wobei mir als weiteres Argument für die Bioopics die "Oscars" einfallen: Nach der Schwemme an "ausgezeichneten" Filmen wie "A beautiful mind", "Rainman" oder "Mein linker Fuß" wähnen sich viele Mimen hier schon auf dem Weg zum Oscar, auch wenn sie wie etwa Firth wirklich nur Mimikry betreiben.

Extrem gespannt bin ich trotzdem auf DDL in "Lincoln"; den hab' ich noch nie schlecht gesehen.

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sebastian.boehler

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Einige der von dir geschilderten Kritikpunkte mögen ja sogar richtig sein und teilweise kann ich deine Meinung auch verstehen, jedoch halte ich die Kritik in deinem Kommentar zu "The King's Speech" - wie ich unter ihm auch schon geschrieben habe - für teils ungerechtfertigt:

"[...] In "The King’s Speech" geht es zunächst einmal um die Thronfolge von King George V. und den Amtsantritt seines jüngsten Sohnes nach dessen Tod, aber der Film erzählt statt vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, den politischen Umbrüchen im Königshaus oder anderer relevanter Dinge lieber eine Geschichte davon, wie es George VI. gelang, eine relativ stotterfreie Rede zu halten."

Der Streifen trägt den Namen "The King's Speech", auf Deutsch "Die Rede des Königs", und nicht "The King's Speech during the second world war and the political changes in the royal house"! Er bezieht sich also lediglich auf die Schwäche des Königs, die in seinem Amt keine unbedeutende Schwierigkeit darstellte. Er erzählt von der Zielstrebigkeit des Königs, sich mithilfe eines Spezialisten im Reden - einer wichtigen Tätigkeit für den König - zu üben und seine Hemmungen zu überwinden, um einen anständigen und eindrucksvollen König darbieten zu können.

Genau so gut könntest du sagen, der Film "Plötzlich Prinzessin" habe deiner Meinung nach viel zu wenig Action.

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Lorion42

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Ich würde sogar so weit gehen, dass es bei "The King's Speech" gar nicht direkt um König George geht, sondern er nur exemplarisch ist für einen Menschen, der sich seiner Verantwortung nicht gewachsen sieht. Zweiter Weltkrieg oder Politik hätte den Film irgendwie verfälscht und zu einem weiteren langweiligen Biopic gemacht. So ist er eher ein typisches Feelgood-Movie (über das man halt denken kann was man will). Auf jeden Fall passt es nicht zu den anderen Beispielen.


jacker

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Genauso ist "The Iron Lady" kein trockens Biopic über Margaret Thatcher, sondern viel fokussierter auf das Leben und den Umgang mit Demenz als auf ihr politisches Schaffen. Ob man das geglückt findet bleibt jedem überlassen, aber der Film weißt auf jeden Fall mehrere Komponenten auf.


Bassewitz

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Sehr genau auf den Punkt gebracht. Biopics waren aber schon immer langweilig. Ich kann auch nie nachvollziehen, warum die alle dafür ins Kino rennen, wahrscheinlich tatsächlich aus reinem Interesse. Entweder Interesse an der Persönlichkeit oder aus Interesse an der schauspielerischen Leistung, ist beide nicht verkehrt. Aber rein filmtechnisch bringen solche Filme selten was neues, vor allem weil man doch bereits weiß was in dem Film passiert. Bei the King's Speech reicht der Trailer schon aus und man hat den Film bereits gesehen. ;)
Meine persönliche Ausnahme: Frida mit Salma Hayek (die dank der Rolle nicht mehr ihren Oberlippenbart weg bekommt :D )

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johannes.hudalla

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Genau deswegen hab ich mir Frida (noch) nicht angesehen. Salma ist einfach zu toll, als das ich sie für immer so in meinem Gedächtnis eingebrannt haben will. Rein äußerlich, versteht sich. Soll ja klasse sein der Film.


Admiral.Nogura

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Der Mehrwert eines Biopics erschließt sich mir auch nicht so richtig. Ich fühle mich meistens durch eine Dokumentation besser unterhalten als von einem Biopic á la „Walk the line“, der mich schrecklich gelangweilt hat. Seitdem mache ich einen großen Bogen um Biopics. Und das hat nicht unbedingt was mit Qualität zu tun, sondern damit, dass einerseits die Inszenierung häufig eine signifikant Dramatisierung vermissen läßt, und andererseits die Inszenierung selber dann aber auch nicht den Spielraum für die Betrachtung auf die Figur zuläßt, wie es meist bei dokumentarischen Material aufgrund der größeren Distanz der Fall ist.
Ich denke auch, dass es nicht einfach ist, ein gutes Biopic hinzubekommen, da es immer zwischen den Polen der Authentizität und der dramatischen Verdichtung steht. Aber leider habe ich häufig das Gefühl, dass man sich genau ziwschen diesen beiden Polen ausruht.


NotTooOldForThisShit

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Kann deinen Beitrag verstehen, aber ist mir dennoch zu verallgemeinert, da es genug Gegenbeispiele gibt:

Schindler's Liste (Oskar Schindler)
Milk (Harvey Milk)
GoodFellas (Henry Hill)
Capote (Truman Capote)
Der Pianist (Władysław Szpilman)
Serpico (Frank Serpico)
Public Enemy No.1 (Jaques Mesrine)
Donnie Brasco (Joseph D. Pistone)
Frost/Nixon (David Frost, Richard Nixon)

In den letzten paar Jahren werden tatsächlich Biopics gedreht, die alle in dieselbe Richtung gehen und penetrant das gleiche Prinzip verfolgen was meiner Meinung nach an den unerfahrenen Filmschaffenden wie z.B Sacha Gervasi, Simon Curtis oder Phyllida Lloyd liegt. Ein Biopic ist mit Sicherheit keine einfache Geschichte und verlangt meiner Meinung nach ein gewisses Know-How. Von einem Scorsese (LaMotta) Ron Howard (Frost/Nixon) oder Tim Burton (Ed Wood) kann man in den meisten Fällen ein ganz anderes Kaliber von Film erwarten wie von Filmemachern die sich in Sachen Leitung eines Filmes noch nicht einmal etabliert haben. Ihnen einen Biopic anzumuten ist schon im voraus zum Scheitern verurteilt. Natürlich gibt es Ausnahmen (Bennett Miller- Capote), aber blickt man zurück und betrachtet den Verlauf der Filme inklusive der Beteiligten an den Werken, stellt man fest, dass auch ein glänzender Hauptdarsteller den Film nicht mehr reissen kann.

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Tina Scheidt

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Sehe ich genauso. Frost/Nixon ist eine Charakterdarstellung, wenn auch vielleicht nicht so stereotyp wie andere.


Admiral.Nogura

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Frost/Nixon kann man als ein dem Biopic verwandten Subgerne zuordnen, nämlich der Verfilmung historischer Ereignisse wie Apollo 13 oder Thirteen Days, die aber sich von Filmen wie Titanic oder Pearl Harbor insofern unterscheiden, dass deren Protagonisten historische Persönlichkeiten sind.


NewFilmkonsument

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Der momentane Hype um Biografien hat natürlich auch wieder die selbe Ursache wie Reboot X, Comicverfilmung Y und Remake Z: Blanke Ideenlosigkeit. Bei einem Film über eine reale Person braucht man einfach nur einen Lebenslauf als Drehbuch verfassen. Außerdem klingeln die Kassen, wenn man eine berühmte und beliebte Person wie etwa Snob-Guru Steve Jobs oder Lady Di porträtiert. Und als Schauspieler ist man natürlich doppelt und dreifach für den Oscar prädestiniert, wenn man eine reale Persönlichkeit verkörpert, siehe "The King's Speech", "Milk", "Ray", "Gandhi" u.v.a.

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Admiral.Nogura

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Du sprichst einen Aspekt an, der wichtiger ist als die Ideenlosigkeit der Drehbuchautoren, nämlich den der Bekanntheit einer Marke. Im relativ riskanten Filmgeschäft sehnt man sich nach Sicherheit. Und da setzt man gerne auf die Bekanntheit einer Marke. Das kann ein Comic-Franchise sein, ein bekannter Buchtitle, ein Remake einer von früher beliebten Serie oder eben die Verfilmung des Lebens einer berühmten Persönlichkeit.


Mein Senf

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Ich breche hier mal eine Lanze für Konventionen und Formelhaftigkeit und behaupte polemisch (hier darf man es ja):

Der kalkulierte Bruch mit über 2.000 von Jahren entwickelten, erprobten und etablierten Erzählformen ist zwar ein wichtiger Bestandteil, der im besten Fall etablierte Strukturen und Normen weiterentwickeln kann. In den besten Fällen, "Pulp Fiction" sei hier als populäres und aktuelles Beispiel genannt, hat es Auswirkungen auf den Massengeschmack, beeinflusst es sowohl eine breite Masse an Filmemacher als auch die Zuschauer nachhaltig darin, was einen guten Film ausmacht.

Zum allergrößten Teil sind solche erzählerischen Experimente aber in erster Linie eitle Selbstbeweihräucherungsexzesse, vornehmlich dazu da, das künstlerische Ego des Filmschaffenden, sowie das im Kastendenken gefangene Arthouse-Publikum zu befriedigen. Beides hat mit elitärer Abgrenzung und dem wohligen Gefühl intellektueller Überlegenheit zu tun. In den Selbstvergewisserungsseminaren der örtlichen Programmkinos darf das intellektuelle Publikum dann in Gedanken versunken, bei einem guten Chardonnay, der noch ganz klassisch von Bediensteten apportiert wird, bis zum Ablauf des letzten pobligen Credits auf den Sitzen in der Selbstgewissheit verharren, dass man das Medium im Gegensatz zu den ganzen lärmigen und kunstfeindlichen Multiplexlern noch zu würdigen weiß. Man selbst goutiert schließlich Kunst, der Pöbel konsumiert massenkombatible Michael-Bay-Scheiße weg. Ja, man spricht der intellektuellen Unterschicht in den Multiplexen, die auf den billig-manipulativen Budenzaubern des Hollywoodmainstreams reinfallen, implizit sogar reflektiertes Denken ab und setzt sie damit faktisch mit instinktgesteuerten Tieren gleich, die popcorn-sabbernd "Gooooil" grunzen, wenn der Schlachtschiff am Ende mit lautem Getöse das Alienraumschiff in Stücke schießt.

Ihre eigene Befriedigung ist dagegen eine intellektuelle, ein erzählerischer Höhepunkt darf folglich nicht optischer Natur sein, sondern muss den Geist kitzeln. Diese unendlich eitle Arroganz verstellt sowohl den Machern als auch den Zuschauern des unkonventionellen Kunst-Kinos gerne den Blick dafür, dass ihr selbstreflexiver und häufig auch selbstgenügsame Ansatz die ursprünglichen Stärken des Mediums "Film" bewusst katriert: Überwältigende Bilderwelter, die Inszenierung des externen Konfliktes, große ursprüngliche Gefühle wie Glück, Trauer oder Furcht - all das ist -im Gegenteil- bei den Machern und Zuschauern des antikonventionellen Arthouse-Kinos geradezu verpöhnt. Ein solcher Abgrenzungsreflex bringt nur leider weder das Medium weiter, noch trägt es zur Toleranz zwischen... sagen wir mal Christian-Petzold- und Til-Schweiger-Fans bei bei.

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Monsieur Hulot

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das wollte ich auch gerade schreiben. es geht etwas am artikel vorbei, aber egal... ^^
davon mal abgesehen, dass du (Mein Senf) teilweise recht hast, ist deine beschreibung von arthousekinogängern ebenso karikaturenhaft und einseitig verzerrt wie die ihnen von dir vorgeworfene sicht auf die massenknsumenten. mir stellt sich da die frage, ist dir etwa noch nie jemand begegnet, der beides mag? einfach weil er kino mag und zwar in verschiedensten formen? dann kennst du wahrscheinlich wenig bis keine echten cinephilen.


lieber_tee

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Toll geschriebene Polemik, mein Senf. Willst du dich nicht mit Vincent wöchentlich abwechseln? Du schaffst es mit dem ähnlichem Stil und Holzhammer locker über 200 Kommentare zu generieren.


Wumz

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Anecken gelungen! Ich wurde nämlich von vielen dieser "langweiligen" Biopics sehr gut unterhalten, auch wenn ich einige der Kritikpunkte dann doch bestätigen kann.

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Wumz

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Wir verstehen uns ;-)


BrittaLeuchner

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Wow! Das gibt ne saftige Freundschaftsanfrage. Wichtige Menschenleben ist nämlich ein Aspekt der nicht nur bei Biopics in der Filmkritik oder den Kommentaron aller Orts gern vernachlässigt wird. Hier macht sich grad sowas wie "Wärme" breit und dafühle ich mich wohl. Danke euch beiden für diese Kommentare.


HawkeyePierce

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"Walk the line" finde ich sehr gelungen (liegt aber vielleicht auch nur daran, dass ich schon länger ein großer Cash-Fan bin). Ansonsten flichte ich einigermaßen allem hier bei.

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HawkeyePierce

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*pflichte* meinte ich :)


Kubrick_obscura

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Letztendlich fällt ja bei vielen von Vegas Texten die Frage welche Filme er denn im Vergleich bevorzugt und es wäre doch kein Akt noch Filme wie "Ed Wood" und "Lawrence of Arabia" zu nennen, damit alle glücklich sind und nicht grundsätzlich denken Filme über historische Personen seien doof.

Ich mag ja "Capote" ganz besonders gerne. Der ist irgendwie typisch Bio-Pic, aber vermeidet jegliche Mystifizierung und spricht eh viel größere Themen als bloßes Lexika-Wissen an. :-)

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FranklinFlyer

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"Malcolm X" !


Kubrick_obscura

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Den hab ich leider noch nicht gesehen.


Punsha

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Ja

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marty-f

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Wirklich sehr interessant, aber jetzt musst du uns auch sagen welche Biopics du für gelungen hälst, Mr. Vega

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VolkerPutt

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on


utz.stocklow

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Das Problem liegt wohl in der beabsichtigten Intention:
Ein Film wie "Walk the Line" folgt den historischen Spuren, so weit sie bekannt sind, und versucht, der realen Figur so gut es geht hinterherzurennen. Unterm Strich bleibt ein mehr informativer Film zurück, was für Fans des Themas jedoch sicherlich einen Gewinn darstellt (möglicherweise die vordringlichste Mission des Biopic: den Fans gefallen).
Ein Film wie "Ed Wood" nimmt sich die Freiheit heraus, mit der Figur zu spielen und in Gefahr zu geraten, es mit den Fakten nicht so genau zu nehmen (und hier muss man die Frage stellen, ob man nicht besser gleich eine fiktive Figur erfunden hätte).
Es bleibt leider eine Sache, die ich bedaure: Dass zu oft wichtige, aber potentiell unschöne Details ausgespart werden, um die portraitierte Person nicht zu diskreditieren (Hitchcocks pathologische Neigungen zur Perversion wird auch dieser Film wohl elegant umschiffen und das nur in Bruchstücken wahre Bild vom liebenden Ehemann und Papi abfeiern). Hier würden Biopics interessant werden.

Übrigens wundert mich, dass bisher niemand "Amadeus", "Butch Cassidy und Sundance Kid" oder gar "Citizen Kane" (der Name ist geändert, die Person aber eindeutig William Randolph Hearst) erwähnt hat.
Und was ist z.B. "Shakespeare in Love" für ein Film?


FranklinFlyer

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Neulich in einem Berliner Cafe für ALGII Künstler:
"So... Was nehm ich mir den heute vor... was schere ich denn heute über einen Kamm... Vielleicht Spike Lee und Ron Howard! Ja das ist es!"

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FranklinFlyer

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A)Ich will niemanden beleidigen
B)Arbeitslosigkeit ist keine Beschimpfung
C)Ich unterstelle dem Autor keinen ALGII Bezug, sondern rede von den Berliner Cafes und Kneipen wo solche Texte entstehen. Das müsste dir als Berliner ja auch bekannt sein.
D)Originell ist hier nur die Arbeit von Herrn Vega. Nervtötend Originell.
Der Mann ist ja nicht blöd. Aber er will originell sein. Und es gibt nichts schlimmeres, als es zu wollen und nicht einfach zu sein.


Admiral.Nogura

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@ FranklinFlyer: Dass Du niemanden beleidigen willst, kaufe ich Dir nicht ganz ab. Als ein weiteres Motiv für die Herabsetzungen des Autors könnte ich mir die eigene Aufwertung vorstellen. Das sind selbstverständlich reine Spekulationen. Ein Werturteil gibt Du zumindest implizit ab: "es gibt nichts schlimmeres".

Aber ich halte es mit Beleidigunge wie Rowan Atkinson: "Das Recht, zu beleidigen ist sehr viel wichtiger als das Recht, nicht beleidigt zu werden." Obwohl es auch für mich da Grenzen gibt. (Keine Sorge: Gott und seine Propheten darf man mMn ruhig beleidigen ;) Aber die Grenzen sind hier, wo es um Filmgeschmack geht, lange nicht erreicht.

Also weitermachen!


Mein Senf

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Anfangs schreibst du über die formalen Klischees von Biopic:
"Ihnen eigen sind oft bestimmte Erzählansätze, die mal das ganze Leben einer Persönlichkeit, mal ihr zentrales Schaffen oder auch (im besten Falle) einfach nur einen sehr begrenzten Abschnitt nachempfinden"

Was gibt es deiner Meinung denn für Alternativen zu diesen beiden Ansätzen?

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Dr. Kovak

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MAN ON THE MOON von Milos Forman ist noch so'n Ding, wenn quasi der ganze Film plötzlich mit der Figur verschmilzt, denn genau dann sind diese gewissen Stationen im Leben einer Persönlichkeit völlig belanglos.


Mein Senf

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@Ines: Stimmt, das war wirklich ein interessanter Ansatz.
@Dr. Kovac: Obwohl ich nicht unbedingt ein Freund des genres bin, muss ich "Man on the moon" dann wohl noch einmal nachholen.


DerDude_

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Ganz toller Beitrag, Mr Vega
Besonders diese innovativen Titel sind immer wieder ein Genuss (Lincoln, Hitchcock)
Sicherlich gibt es auch gute Biopics aber warum alle bei solcher Stangenware immer gleich Oscar schreien bleibt mir auch ein Rätsel.

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Kana

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Man On The Moon und Walk The Line machen es vor. Für Hitchcock würde ich Accidently Brilliant und für Lincoln Ahead of Time vorschlagen. Ausbaufähig..


Admiral.Nogura

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Super, Kana! Zeig es der "Machs doch besser"-Fraktion, die mit ihrer eigenen Unkreativität kokettieren.


der cineast

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Vorzüglich. Aber doch gerade diese Aufbrechung: "So quasseln im kommenden Hitchcock-Film sämtliche Figuren mit einem selbstverständlichen (postmodernen) Wissen etwa über die psychoanalytische Deutung seiner Filme und Person, ganz so, als hätten sie per Zeitmaschine einen Abstecher in die Gegenwart gemacht." Ist doch in Deinen Augen wünschenswert. Die Abkapselung von der Historie und eine Anfügung aus der Moderne. Vielleicht misslungen, aber doch gut gemeint?!

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Mr Vincent Vega

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Nein, eben das wünsche ich nicht. Da hast Du mich missverstanden.


morlock

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Bei Filmen wie Marnie war die Holzhammer-Pseudo-Psychoanalyse unübersehbar, das ist sicher auch den damaligen Kritikern schon aufgefallen.


Lorion42

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Selten war ich so sehr deiner Meinung wie bei dieser Kolumne. Biopics (vor allem wenn sie möglichst authentisch seien wollen) sind meistens totlangweilig. Ich finde aber hauptsächlich die Biopics ätzend, die versuchen das gesamte Leben der Figur zu erzählen. So etwas gehört eher in den Rahmen einer Dokumentation als eines Spielfilms. Man kann nicht gleichzeitig altmalklug und authentisch sein - dazu ist Geschichte einfach zu umfangreich.
Widersprechen muss ich aber bei Biopics wie "The King's Speech" oder "Die Queen", die sich ein explizites Ereignis oder einen Aspekt herausnehmen und diesen dann erzählen. Der Hitchcock Film könnte auch zu dieser Kategorie zählen. Wenn sie misslungen sind, kranken an anderen Punkten als die allumfassenden möglichst authentischen Biopics. Sie funktionieren meist auch ohne das historische Vorbild und legen mehr wert auf die Besserwisserei (die mir eigentlich gut gefällt) als auf den dokumentatorischen Faktor. Misslingen kann aber erstmal jeder Film.

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