Blockbuster floppen nicht wegen schlechter Kritiken

Zumindest in den USA kein Überflieger: Pirates of the Caribbean 5: Salazars Rache
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Meint es gut mit den Menschen.

Es läuft gut für Disney, Marvel und die gemeinsame Idee vom seriellen Comic-Kino: Guardians of the Galaxy Vol. 2 räumt wie alle ins große "Cinematic Universe" eingegliederten Superhelden-Episoden an den Kinokassen ab – und der nach langen Verhandlungen um Markenrechte an ebendieses Universum angeschlossene Spider-Man: Homecoming wird es ihm sehr wahrscheinlich gleichtun (vorsorglich setzt Sony bei der Promotion mehr auf Tony Stark bzw. Iron Man als den Titelhelden selbst). Damit wäre die kurze Erfolgsgeschichte des bisherigen US-Blockbuster-Sommers auch schon erzählt. Disneys Pirates of the Caribbean 5: Salazars Rache, die nunmehr fünfte Adaption einer Freizeitpark-Themenfahrt von anno dazumal (1967, um genau zu sein), führte das umsatzschwächste Memorial-Day-Wochenende seit knapp 20 Jahren an. In den USA blieben die Einnahmen hinter den ohnehin bescheidenen Erwartungen zurück, retten muss es nun wieder der ausländische – will heißen: chinesische – Kinomarkt. Eine glorreiche Rückkehr von Jack Sparrow ist das nicht.

Nach kostspieligen Flops wie Allied - Vertraute Fremde, Ghost in the Shell oder Monster Trucks herrscht beim Hollywood-Major Paramount dagegen ausgemachte Krisenstimmung. Baywatch erwies sich weder als der dringend benötigte Sommer-Hit noch als zumindest verlustfreies Geschäft, international wird die augenscheinlich gründlich verkalkulierte Komödie nach Vorbild der gleichnamigen TV-Serie ihre kommerziellen Schäden schwer ausbügeln können. Einzig der Selbstläufer Transformers 5: The Last Knight stellt Paramount jetzt noch einen veritablen Kassenerfolg in Aussicht, danach hält sich das Studio ungünstigerweise mit Veröffentlichungen bis Oktober zurück. 20th Century Fox und Warner Bros. haben ebenfalls wenig Grund zur Freude. Von ernüchternd (Alien: Covenant) bis katastrophal (King Arthur: Legend of the Sword) reichen die Einspielergebnisse ihrer als Tentpoles konzipierten Sommer-Blockbuster – eine riesige Überraschung angesichts der enormen Beliebtheit von Prometheus und dem dringenden Bedürfnis nach Filmen über die Artussage directed by Guy Ritchie.

Das offenbar gleich mit in Alarmbereitschaft versetzte US-Branchenmagazin Deadline gewinnt unterdessen neue Erkenntnisse: Blockbuster, heißt es dort, seien für ein normales Publikum und nicht für Filmkritiker gedacht! Mit Recht würden "Studio-Insider" deshalb Rotten Tomatoes für das schlechte Geschäft verantwortlich machen. Der Stimmen-Aggregator sammelt Filmkritiken und generiert einen durchschnittlichen Zustimmungswert, der sich Kinobesuchern als Richtlinie anbietet. Pirates of the Caribbean 5, King Arthur und Baywatch kommen auf ein "Tomatometer" zwischen 20 und 30 Prozent, die Mehrheit der Kritiker hatte für sie demnach nicht viel übrig. An Rotten Tomatoes ist manches problematisch, die einfältige Zusammenstellung der Meinungen zum Beispiel, die Verknappung von Kritik auf Wertungsgrafiken und unsinnigen Bemühungen, daraus ernsthafte Aussagen oder Argumente abzuleiten. Ob die Website jedoch "zunehmend das potenzielle Geschäft von Popcorn-Filmen schwächt", wie Deadline industriegefällig zu glauben meint, darf bezweifelt werden. Das schafft Hollywood immer noch allein.

Wäre an solchen Erklärungsversuchen etwas dran, hätten sich die auf Rotten Tomatoes hoch bewerteten Filme Elliot, der Drache (87 Prozent Zustimmung), Deepwater Horizon (84 Prozent) und BFG - Big Friendly Giant (75 Prozent) als Kassenmagneten entpuppen müssen. Das Publikum aber interessierte sich kaum für sie, es spaziert gern in weitgehend negativ besprochene Blockbuster wie Fifty Shades of Grey (25 Prozent), Suicide Squad (25 Prozent) und Batman v Superman: Dawn of Justice (28 Prozent). Erstaunlich ist der Mangel an Selbstvertrauen vor allem mit Blick auf die sonst eifrig gepflegten Ressentiments gegenüber Filmkritik. Es brauche sie nicht, so ein üblicher Einwand, weil sich Kinobesucher ungern etwas diktieren ließen, und gerade bei Tentpoles seien andere Faktoren der Aufmerksamkeitsökonomie entscheidend. Um die Verwirrung komplett zu machen, steht der jeweilige "Audience-Score" der aktuell so umsatzschwachen Titel auf Rotten Tomatoes bei 70 Prozent und mehr – wo Zuschauer, die sich online über Filme informieren, doch angeblich eher Publikums- statt Kritikerwerte zur Orientierung heranzögen.

Die Formel der "Studio-Insider" – konkreter wird es diesbezüglich im Hollywood Reporter, der Paramounts Marketing-Chefin Megan Colligan zitiert – geht also nicht auf, passend gemachte Erklärungen und bewährte Denkmuster verstricken sich in gegenseitige Widersprüche. Statt Verantwortung leichtfertig abzuwälzen, sollten die Majors erst einmal interne Entscheidungen überprüfen. Markthörige Analysen mögen etwas sehr Kunstfeindliches sein, im Hollywood-Betrieb aber spielen sie eine Rolle. Der 70 Millionen US-Dollar teure Baywatch adressiert mit derbem Humor Zuschauer, denen die "Rettungsschwimmer von Malibu" gar kein Begriff sind, und setzt (theoretisch vielleicht interessant) auf männliche Schauwerte bei einer Marke, die Pamela Anderson berühmt gemacht hat. Pirates of the Caribbean 5 ging ein gewisses Risiko mit seinem Star Johnny Depp ein, dessen Zugkraft seit Jahren schwindet. Und King Arthur scheint der rare Fall eines Blockbusters zu sein, an dem wirklich alles so unansprechend wie nur möglich konzipiert wurde. Keine positive Kritik hätte am Einspielergebnis des Films irgendetwas ändern können.

Wenn Hollywood-Studios die Gründe für das gegenwärtige Umsatztief ihrer großen Produktionen schon generalisieren wollen, muss die Kritik bei ihnen selbst ansetzen. Weniger denn je gibt es in Zeiten milliardenschwerer Franchise-Kinomaschinen Grund zu der Annahme, gute Filme würden erfolgreich und schlechte blieben erfolglos. Dennoch kann natürlich ein Zusammenhang bestehen: Nicht miserable Kritiken haben Baywatch und Co. an den Kinokassen absaufen lassen, sondern die miserable Qualität der Filme selbst (aber das ist nur so eine Idee). Es mutet jedenfalls kurios an, dass Deadline vor einer "ernsthaften Franchise-Erschlaffung" warnt, die gerade erst ihren Anfang nehmen würde. Solche hausgemachten Probleme der Studios sind nämlich kein neues Phänomen, sie haben mit der mangelhaften Rentabilität von übergebührlich kostspieligen Blockbustern, einer ausgeprägten Sequel-Müdigkeit des Publikums und allenfalls noch lauwarmen Kinosommern zu tun. Da kann man Zuschauern schwerlich die Unlust auf ewig gleiche Filme verübeln. Oder Kritiker dafür rügen, sie angemessen zu beurteilen.

Bleibt die rhetorische Frage, ob das System lernfähig und auf lange Sicht endlich wieder aufregendes Blockbuster-Kino zu erwarten ist. Der Deadline-Artikel deutet freilich eine gegenteilige Antwort an, die ominösen Studio-Insider träumen ihm zufolge schon vom Ende des freien Pressezugangs: Kritiker-Vorführungen aufschieben oder ganz streichen, lautet der Wunsch, mit dem Symptome statt Ursachen bekämpft würden. In Deutschland zeigt sich am Beispiel von Til Schweiger, dass einem Superflop wie Tschiller: Off Duty damit nicht geholfen ist. Gleichwohl wäre es die konsequente Weiterführung der Einflussnahme auf Berichterstattung, wie sie Verleiher und Presseagenturen durch Review-Embargos, gesponserten Content oder Verrisse ausschließende Werbedeals längst betreiben. Sollten unscheinbare, kommerziell tatsächlich von Kritiken abhängige Filme dann auf organische Presseresonanz angewiesen sein, könnten die Kontaktversuche kaum lieblicher ausfallen. Zur Filmkritik verhält sich die Industrie immer so, wie es ihr am besten passt. Abstand halten ist die einzig mögliche Reaktion darauf.

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