Interview zu Grand Budapest Hotel

Der Anderson-igste Film, den Anderson je gedreht hat

Grand Budapest Hotel
© Wes Anderson
Grand Budapest Hotel

Wir haben uns mit der Schauspielerin Heike Hanold-Lynch unterhalten. Sie ist eine deutsche Darstellerin, die auch international arbeitet, unter anderem spielt sie in Grand Budapest Hotel von Wes Anderson eine der schwarzen Schwestern.

Was hast du getan bzw. wie hast du dich gefühlt, als du erfahren hast, dass dich Wes Anderson für eine Rolle in seinem neuen Film in Betracht zieht?
Als der Anruf für das Casting kam, war ich erstmal aus dem Häuschen – ich bin ja Wes-Anderson-Fan, liebe die Poesie seiner Filme, besonders Die Tiefseetaucher. Da er eine unverwechselbare Ästhetik besitzt, hab ich sorgfältig überlegt, was ich anziehe. Info war, dass die Figur unverheiratet ist und die Story in den 1930er Jahren spielt. In jeder Castingrunde trug ich deshalb ein strenges graues Kostüm, habe mir zusätzlich jedoch eine schwarze Stoffrose im Stil einer Cowboy-Krawatte an den Blusenkragen gesteckt. Mein Aufzug war historisch passend, gleichzeitig schräg texanisch – Wes ist ja aus Texas. Schlussendlich musste ich natürlich als Schauspielerin überzeugen und mit Kolleginnen in verschiedenen Konstellationen auf Englisch improvisieren.

Wie ist es mit dem Regisseur Wes Anderson zusammen zu arbeiten? Ist sein Arbeitsstil genauso zärtlich pubertär wie seine Filme?
Wes Anderson ist auch im direkten Umgang eine äußerst angenehme Persönlichkeit, ein brillanter Perfektionist und gleichzeitig ein entspannter Typ mit viel Stil, zugewandt, höflich und humorvoll. Sabine Urig, Michaela Caspar und ich kamen in den besonderen Genuss, vor Beginn der Dreharbeiten eine Stunde mit ihm alleine im Hotel de Rome zu proben. Als ich wissen wollte, warum die von uns verkörperten Schwestern immer zusammen und nicht verheiratet sind, meinte er nach kurzem Überlegen nur: „They don’t trust anybody“. Eine genial einfache Antwort, die alles erklärt. Beim Drehen gibt Wes Anderson ja choreographisch und rhythmisch viel vor, dennoch habe ich mich frei und spontan gefühlt. Hier meine Definition seines Arbeitsstils: Wes kreiert mit seinen Schauspielern in spektakulärer Perfektion ein inspirierendes schönes Miteinander, in einer fast kindlichen Reinheit des Tuns. Sein Team ist wie sein Schatten, die Tonleute habe ich zum Beispiel am fünften Tag überhaupt erst wahrgenommen.

Du hast bei Grand Budapest Hotel mit großen Hollywood-Stars zusammengearbeitet, unter anderem mit Bill Murray, Ralph Fiennes, Owen Wilson und Tilda Swinton. Wie fühltest du dich bei einer solchen Zusammenarbeit?
Wunderbar. Mit großem Respekt, aber ohne Berührungsängste habe ich jede Sekunde meiner sieben Drehtage genossen, auch wenn sich die Stars etwas abseits gehalten haben. Wir sind schließlich alle gestandene Profis, begegnen uns in der Arbeit, das ist kein Ort für Schwärmerei, außerdem hatte ich schon mit Tom Hanks und Liam Neeson gedreht. Egal aus welchem Land und welcher schauspielerischen Tradition: Ich finde, es ist immer eine großartige Erfahrung mit hervorragenden Künstlern zu arbeiten – solchen, die echten „Generosity of Spirit“ besitzen, weil es kreative und menschliche Räume öffnet. Nun also Ralph Fiennes, Adrien Brody, Willem Dafoe, Owen Wilson, Edward Norton und Jeff Goldblum… Yeah! Übrigens sorgt jeder dieser sehr erfolgreichen und sehr guten Leute auf überraschend unterschiedliche Weise für seine individuelle Bestform.

Du warst lange Zeit in Amerika und hast gemeinsam mit dem kürzlich verstorbenen Philip Seymour Hoffman mehrere Jahre beim Method-Lehrer Tony Greco studiert. Seit ein paar Jahren bist du wieder in Deutschland. Kommt dir deine Erfahrung aus Amerika hier zu gute?
Philip Seymour Hoffman platzte geradezu vor Spiellust und lange bevor er berühmt wurde, rissen sich schon die Filmstudenten um ihn. Genialer Phil, so virtuos, so menschlich berührend in seinen Figuren. Wir studierten viele Jahre zeitgleich mit Tony dessen „Hardcore-Method“, wie wir sie spaßeshalber nannten, eine äußerst subtile tiefe Arbeit von hoher Qualität war – allerdings nicht besonders resultatorientiert. In meinen New Yorker Jahren habe ich auch handfestere Schauspieltechniken studiert und längst meinen eigenen Stil kultiviert. Gerade habe ich mit Oskar Roehler gedreht, Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!. Sein neuster Kinofilm spielt im alten West-Berlin der 1980er… Ach, es war gut, dass ich Berlin verlassen habe und gut, dass ich nach zehn Jahren zurückgekommen bin, obwohl es schwierig für mich war, hier in den Takt zu kommen. Damals hatte ich einige tolle Chancen vergeigt, z.B. die Kameraprobe für die Hauptrolle in Dominik Grafs Der Felsen. Heute würde mir das nicht mehr passieren! Zwölf Jahre arbeitete ich als Schauspiel-Coach hinter den Kulissen und am Set – dann flammte meine Spiellust wieder auf und nun beim zweiten Anlauf sieht es ziemlich gut für mich aus: Mittlerweile spiele ich unterschiedlichste Rollen mit fabelhaften Kollegen wie Edgar Selge, Christoph Bach, Tom Schilling und bin glücklich, meine Wandelbarkeit voll einsetzen zu können. Aktuell freue ich mich auf meine Rolle als Schlecker-Angestellte Marina zusammen mit Josefine Preuß und Florian Lukas für den ZDF-Zweiteiler Die Abrechnung, Regie: Dror Zahavi. Übermorgen geht’s los.

Du spielst in dem Film eine der drei schwarzen Schwestern. Kannst du uns etwas zu deiner Rolle sagen?
Meinen Schwestern Laetizia, Marguerite und mir gehört das Grand Budapest Hotel, gemeinsam mit unserem Bruder Adrien Brody. Meine Rolle trägt den wundervollen Namen Carolina Desgoffe-and-Taxis. Tilda Swinton ist unsere Mutter, Willem Dafoe unser Bodyguard, Jeff Goldblum unser Anwalt, Mathieu Amalric unser Butler und Léa Seydoux unser Zimmermädchen. Also, ich habe erstmal geschrien, als ich das erfuhr! Dann gingen die Anproben los: Wes und Kostümbild-Legende Milena Canonero (drei Oscars für Uhrwerk Orange, The Shining, Marie Antoinette) hatten sich fünf unterschiedliche Looks für die Schwestern überlegt (eine Variante thematisierte Adrien Brodys Nase). Die Kostümproben – alles original 1930er Jahre – waren nach einer Woche nicht vorüber: Milena perfektionierte unser Outfit unermüdlich, bis zum letzten Take der letzten Einstellung. Sie ist genial und geht wie Wes in ihrer Arbeit auf. Und es gab noch ein i-Tüpfelchen: Sabine Urig, Michaela Caspar und ich waren ein Dreamteam und wir haben diese einzigartige Erfahrung, vom Casting bis zur Weltpremiere, schwesterlich-loyal verbunden, gemeinsam erlebt.

Grand Budapest Hotel war der Eröffnungsfilm der Berlinale 2014 und startet in den Kinos am 6. März 2014. Du hast den Film bereits gesehen. Wie würdest du ihn den moviepiloten ans Herz legen?
Grand Budapest Hotel ist grandios, ein absolutes Kult-Juwel. Irgendwie hat sich Wes Anderson mit sich selbst multipliziert und die hohen Erwartungen an sein neustes Werk lässig übertroffen. Der Film ist überbordend an Einfallsreichtum, superlustig, äußerst elegant, skurril, subtil politisch und der Wes-Anderson-igste Film, den Wes Anderson je gemacht hat, auch wenn die Story schnell erzählt ist. Unbedingt ansehen!

Und zum Schluss eine Frage, die die moviepiloten besonders interessiert: Was sind deine drei Lieblingsfilme?
Drei Filme, die mir viel bedeuten: 1) Sophies Entscheidung = Meryl Streep zum Niederknien. 2) Somersault – Wie Parfum in der Luft von Cate Shortland = Diesen Film liebe ich! 3) Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte von Michael Haneke = Faschismus im Keim, großartig gespielt. Der momentan wichtigste Regisseur heißt für mich Steve McQueen. Der nächste Film, den ich mir ansehen werde ist Philomena von Stephen Frears. Und bitte alle vormerken: Lauf Junge Lauf von Pepe Danquart. Danke euch!

moviepilot Team
Ines W. Ines Walk
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"Was die Oberflächen zeigen ist nur ein Teil der Wahrheit. Darunter steckt das, was mich am Leben interessiert: die Dunkelheit, das Ungewisse, das Erschreckende, die Krankheiten." (David Lynch)

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