Bei Justice League ist alles schiefgelaufen: 3 Erkenntnisse, die der DC-Katastrophe wenigstens einen Sinn geben

Zack Snyder’s Justice League - Trailer 4 (English) HD
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Der Höhepunkt des DCEU: Zack Snyder's Justice League
10.04.2021 - 09:00 UhrVor 27 Tagen aktualisiert
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DCs Justice League ist der schlechteste & wichtigste Blockbuster der letzten Jahre. So viel ging schief. Doch nach dem Snyder-Cut steht Hollywood besser da.

Es gibt normale Blockbuster-Katastrophen und es gibt Justice League. DC-Fans feiern die bloße Existenz des ersehnten Snyder-Cut. Sein eigentliches Vermächtnis ist aber die Freisprengung verschütteter Wege zu einer gesünderen Entwicklung der Blockbuster-Kultur.

Über 4 Jahre zieht sich die Mutation von Justice League zum 4-Stunden-Snyder-Cut. In dieser Phase riss der Blockbuster wie ein Elefant im Porzellanladen sämtliche Hollywood-Umstürze mit.

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Vierstündiges DC-Epos

In ihm verdichten sich die Industrie- und Popkultur-Krankheiten, die in den letzten 10 Jahren entweder entstanden oder erstmals unter Zwang eingehend überprüft wurden.

  • 1. Justice League wurde durch extreme Studio-Eingriffe zum verkrümmten Schatten eines Blockbusters - noch vor Zack Snyders Ausstieg wegen einer privaten Tragödie.
  • 2. Der Snyder-Cut wurde von aggressiven, toxischen Fan-Gruppen angestachelt.
  • 3. Joss Whedon wurde als als Ersatz für den ursprünglichen Regisseur engagiert. Glaubhaften Aussagen zufolge diskriminierte er Minderheiten und missbrauchte seine Macht.

Lernt die Filmindustrie aus diesen Fehlern und wird sie daraus bessere Filme, eine bessere Fankultur und vor allem bessere Arbeitsbedingungen für Minderheiten und Frauen erschaffen?

Justice League-Problem 1: Schwere Eingriffe in kreative Schaffensprozesse

Justice League ist ein klassisches Beispiel für Blockbuster-Panik, größtenteils ausgelöst von den neuen Idealen des Marvel Cinematic Universe: Leichtherzig, witzig und möglichst anschlussfähig. Viele Filme zerbrachen daran.

Suicide Squad, Rogue One: A Star Wars Story, Solo: A Star Wars Story und Ant-Man sind neben dem größten DC-Flop nur vier der bekanntesten Opfer, bei denen Regisseur*innen frühzeitig gefeuert oder in ihrer künstlerischen Vision massiv beeinflusst wurden. Das kann gutgehen, wie bei Rogue One. Oder es produziert einen Unfall wie Suicide Squad, der angeblich mit David Ayers ursprünglicher Fassung nicht mehr viel zu tun hat.

Lektion 1: Der Snyder-Cut zeigt, wie wertvoll unabhängige Regie-Stimmen sind

Es sollten nicht 4 Jahre vergehen müssen, eine Pandemie über die Welt rollen und ein Streaming-Dienst entstehen, damit Zack Snyder seine pure Justice League-Version der Welt zeigen darf.

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Studioprozesse sind wichtig, dürfen aber nicht ausarten. Dass Regisseur*innen ihre Filme nach hektischen Überarbeitungen und Reshoots nicht wiedererkennen, sollte gar nicht erst passieren.

Wenn ein Regisseur wie bei Justice League wegen eines Trauerfalls hinschmeißt, sollte Warner das nicht als Gelegenheit nutzen , um einen Ersatz mit gänzlich konträrer Herangehensweise zu verpflichten, der einen "unansehbaren" Film ansehbar macht. Ein Hauptdarsteller sollte nicht beteuern müssen, dass Joss Whedon den DC-Film ganz sicher nicht in Avengers 3 verwandelt.

Filmkunst ist ein kollaborativer Prozess. Blockbuster-Regisseur*innen, auch die besten, brauchen Anleitungen von außen. Genauso Vertrauen, wie Ben Travers für IndieWire  schreibt. Snyder arbeitete an seinem Cut angeblich vollständig unbehelligt, eine extreme Reaktion auf die noch extremere Vorgeschichte.

Studios und Kreative müssen zu einer neuen, produktiven Balance finden, die künstlerischen Freiheiten und ökonomischen Zwängen gleichermaßen gehorcht, damit Regie-Stimmen so sichtbar sind wie beim Snyder-Cut. Das macht das (Blockbuster)Kino besser und vielfältiger. Gerade Warner und DC sind bereits auf einem guten Weg.

Der Warner-Streaming-Dienst HBO Max und Streaming generell helfen sperrigen Filmprojekten natürlich. Die neuen Plattformen sind nicht mehr von den Mustern und Zwängen einer traditionellen Kinoauswertung abhängig. Netflix hat den Dreieinhalb-Stunden-Irishman, HBO Max den 4-Stunden-Justice League.

Justice League-Problem 2: Aggressive und toxische Fan-Gruppierungen

Corona, die Fans, der Streamingdienst HBO Max: Am Ende können wir das eine nicht ohne das andere denken. Dem Snyder-Cut-Phänomen wird aber immer der Makel anhaften, aus einer aggressiven Bewegung hervorgegangen  zu sein.

Justice League

Wütende und übergriffige Fans sollen bei der Rezeption von Warner durchgeklingelt und "Release the Snyder Cut" gebrüllt haben. Sie überzogen Kritiker*innen und Angestellte mit Belästigungskampagnen und Morddrohungen. Der Snyder-Cut belohnt aggressives, gewalttätiges Verhalten , sagen viele.

Der Snyder-Cut ist, auch durch seinen triumphalen Ausgang, lediglich die spektakulärste Ausprägung von Fan-Aktivismus in den 2010er Jahren. Eine Petition unzufriedener Fans forderte, Star Wars 8 aus dem Kanon der Saga zu streichen. Der Wut schwappte auf Personen über. Die Star Wars-Darstellerin Kelly Marie Tran verließ zwischenzeitlich die sozialen Netzwerke. Ghostbusters mit Melissa McCarthy wurde noch vor der Veröffentlichung von einem teilweise frauenfeindlichen Mob überrannt.

Lektion 2: Nehmt Fans ernst, aber nicht zu sehr und nicht immer

Die Social-Media-Accounts der Studios und Marken ermutigen zur Interaktion und zur Formulierung von Forderungen im Internet.

Studios sollten Fans jetzt noch mehr Mitspracherecht einräumen, fordert Snyder-Cut-Darsteller Joe Morton (Cyborgs Vater) im Hollywood Reporter . Die Filmindustrie als demokratisches, gerechtes sich gegenseitig befruchtendes Abstimmungsplenum. Das klingt romantisch, funktioniert aber längst nicht immer.

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Unterschiedliche Fanbewegungen bekommen unterschiedlich viel Aufmerksamkeit, stellt Aja Romano in einem Artikel für Vox fest. Der Snyder-Cut erinnert uns daran, welche Fan-Stimmen gehört werden, schreibt sie. Nämlich die männlicher DC-Fans - und welche nicht, nämlich die queerer und vorwiegend weiblicher Bewegungen.

Warner-CEO Anne Sarnoff hat das verstanden. Angesprochen auf toxische Fans im Umfeld des Snyder-Cut sagt sie:

Wir wollen, dass DC eine sichere und inklusive Fanumgebung bietet. Wir wollen, dass die Leute sich für Dinge einsetzen, die sie lieben, aber wir wollen keine Kultur, die Dinge niedermacht, mit denen ein kleiner Teil unglücklich ist. [...] Wir wollen Positivität.

Fans können ein Korrektiv sein, sie können wichtige Entscheidungen und mutige Projekte inspirieren. Doch sie handeln genauso häufig destruktiv und irrational. Sie kennen kein Ende. Aber Warner weiß, wann Schluss ist: Justice League 2 und 3 wird es nicht geben . Ein guter Blockbuster ist mehr als Fan-Service.

Justice League-Problem 3: Studiobosse und Kreative, die ihre Macht gegen Minderheiten ausspielen

Auch die Bewegungen #OscarsSoWhite und #MeToo griffen indirekt in kreative Prozesse ein, indem sie verkrustete Strukturen in der Filmindustrie aufbrachen. Wir nähern uns langsam einer verbesserten Repräsentation von People of Color und Darstellerinnen arbeiten häufiger in einem nicht-bedrohlichen, weniger diskriminierenden Umfeld.

Ray Fisher als Cyborg

Die Bedingungen bei Justice League waren in dieser Hinsicht wohl eine Katastrophe. Warner holte sich mit Whedon einen Tyrann an Bord, der seine Macht vor allem gegen den afroamerikanischen Ray Fisher und die Darstellerin Gal Gadot ausnutzte.

Die Justice League-Reshoots, angeleitet von Joss Whedon, waren im vollen Gange, als um den einflussreichen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein im Herbst 2017 die Metoo-Debatte hochkochte. Weinstein, das ist nur ein Beispiel für Machtmissbrauch gegenüber Frauen, bremste tatsächlich Schauspielerinnen-Karrieren aus.

Auch Whedon, das ist jetzt bekannt, drohte, die Karriere von Wonder Woman-Darstellerin Gal Gadot zu beschädigen. Er drängte Ray Fisher zu einer albernen Drehbuchzeile ("Booyah!") und schrumpfte dessen Rolle im Blockbuster.

Lektion 3: Der Snyder-Cut ist für die Repräsentation von Minderheiten leuchtendes Vorbild und Mahnmal zugleich

Zack Snyder korrigierte Joss Whedon: Cyborg ist das emotionale Herzstück in seiner Version, die gerade von Millionen Fans gefeiert wird. So wurde der Cut zum Triumph für die Repräsentation afroamerikanischer Darsteller*innen und der Whedon-Cut ein warnendes Beispiel.

Die amerikanische Industrie braucht diese Leuchtbeispiele, denn gerade bei der gerechten Inklusion von People of Color ist sie störrisch und lahm. John Boyega kritisierte Disney für ähnliche Versäumnisse während der letzten Star Wars-Trilogie. Wer das nächste Mal die Figuren schwarzer Darsteller*innen ohne Not eindampft, wird jetzt an Cyborg denken.

Die Filmwelt und speziell DC und Warner sind lernwillig. Margot Robbie durfte sich als Harley Quinn die (weniger sexistischen) Outfits für Birds of Prey selber aussuchen, das hat mit Justice League nur am Rande zu tun, ist aber trotzdem erwähnenswert. Weibliche Filmpersonen sind bei Warner jetzt sicherer.

Nach dem Snyder-Cut: DC und Hollywood heilen

Fassen wir nochmal zusammen: Was in der Filmindustrie in den letzten vier Jahren abging, vollzog sich in Justice League wie in einem Brennglas. Es ist nicht alles perfekt, auch nicht beim Snyder Cut, aber wir bewegen uns in eine gute Richtung.

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Regie-Stimmen sind für DC und Warner wieder eine geheiligte Instanz, wie etwa James Gunn und der neue Suicide Squad zeigt. Die vom Snyder-Cut-Triumph aufgepeitschten Fans prallen an Warner ab, Anne Sarnoff haute neuen aufkeimenden Hashtag-Bewegungen resolut auf die Finger .

Und Warner leitete bereits im Dezember letzten Jahres eine Untersuchung ein , die Fishers Vorwürfen folgte. Ob Whedon jemals wieder bei einem größeren Film Regie führen wird, ist mehr als fraglich.

Im DCEU selbst wird wahrscheinlich The Flash einen Neubeginn einleiten. In Hollywood steht Justice League schon jetzt sinnbildlich für einen Bruch, nach dem die Popkultur besser dasteht als vorher.

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Wie seht ihr die Entwicklung des Blockbuster-Kinos in den nächsten Jahren?

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