US-Remakes sind eine Bereicherung fürs Kino

Ghost in the Shell: Kritik der kulturellen Aneignung
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Gegen Remakes im Allgemeinen und US-Remakes im Besonderen gibt es viele Vorbehalte, der häufigste ist zugleich der unplausibelste. Hollywood, heißt es üblicherweise, habe keine Ideen mehr. Im Rückgriff auf fremdes Material komme die Mutlosigkeit von Produzenten zum Ausdruck, eigene Stoffe zu entwickeln. Dieser Einwand will Befund sein. US-Remakes (gemeint sind amerikanische Neuverfilmungen aus nicht-amerikanischen Bezugsquellen) werden oft zum modischen Phänomen stilisiert, das den jeweils schlimmsten Stand der Hollywood-Kreativkrise diagnostizieren soll. Filmhistorisch haben solche Einschätzungen keinen argumentativen Boden, die Praxis lässt sich bis zum Beginn der amerikanischen Kinematographie zurückdatieren: Aus unterschiedlichsten Gründen (Distributionsbeschränkungen, Lizenzstreitigkeiten, der Wille zur künstlerischen Replik) gaben US-Produzenten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts eigene Versionen ausländischer Filme in Auftrag, die Edison Studios beispielsweise adaptierten Arbeiten von Georges Méliès für den heimischen Kinomarkt. Wenn US-Remakes ausgehende Ideen verkünden, hat es in Hollywood nie Ideen gegeben.

Und das ist natürlich Unsinn. Ein Mangel an Einfällen lässt sich der US-amerikanischen Filmindustrie und ihrer Vielfalt von Geschichten und Stoffen, Genres und Stilen, technischen und ästhetischen Erneuerungen in den vergangenen hundert Jahren schwerlich vorwerfen (die allermeisten Remakes wurden und werden sowieso ganz woanders produziert). Viele populäre Hollywood-Filme der Vergangenheit sind Neuverfilmungen fremder Stoffe, manchmal scheinen sie gar nicht als solche im kollektiven Kinogedächtnis verankert zu sein. Die so beliebten wie bekannten US-Remakes Insomnia - Schlaflos, True Lies - Wahre Lügen oder Reservoir Dogs etwa werden selten bis gar nicht als Bearbeitungen ausländischer Kinovorlagen wahrgenommen. Und je weiter man in der Filmgeschichte zurückgeht, desto mehr entziehen einige der größten Hollywood-Klassiker dem aktuellen Remake-Alarmismus die Grundlage: Billy Wilder drehte sein 1959 erschienenes Meisterwerk Manche mögen's heiß nach Vorbild sowohl des französischen Films Fanfare d'amour von 1935 als auch der deutschsprachigen Variante aus dem Jahr 1951, George Cukor orientierte sich bei Erpressung am schwedischen Drama Das Gesicht einer Frau.

Der schlichteste Grund für US-Remakes meist erfolgreicher Filme aus Europa und Asien ist die in den USA nicht mehrheitlich etablierte Praxis der Synchronisation und Untertitelung. Wer das als Ignoranz oder Faulheit abstraft, befindet sich argumentativ auf der sicheren Seite des Paternalismus. Gerade weil der Hollywood-Film ein so reichhaltiger ist, scheint das Publikum jedoch in nachvollziehbarer Weise von ihm gesättigt. Er versorgt nicht nur den heimischen und internationalen Kinomarkt, sondern leistet sich (wie unter anderem auch der indische oder damalige türkische Film) eine sprachliche Übersetzungskultur durch Remakes: Statt Filme zu synchronisieren oder mit Untertiteln zu versehen, dreht Hollywood sie ganz einfach noch mal neu. Daraus mag sich im Einzelnen manch Verengung und Marginalisierung ergeben (Hysterie um Kulturimperialismus ohnehin), grundsätzlich aber kann das erst einmal nur bereichernd sein. Begreift man neusprachliche Remakes als Korrelat denn Imitat innerhalb eines transnationalen filmischen Dialogs, profitiert davon jede ernst gemeinte Kinorezeption. Ein Original und seine zum Vergleich freigegebene Adaption gegeneinander auszuspielen, wäre die denkbar langweiligste Art der Beschäftigung.

Ein schönes Beispiel ist 12 Monkeys von Terry Gilliam, das US-Remake des französischen Kurzfilms La Jetée, der wiederum auf Vertigo rekurriert. Wobei es Remake, jedenfalls im üblen Beiklang, den dieser Begriff hat, nicht ganz trifft. Gilliams Film führt aus und weiter, was Chris Markers "Photoroman" in Hitchcocks Selbsttäuschungsodyssee zu entdecken glaubte: Erinnerungen als Konstruktion einer eigenen Wirklichkeit, verdichtet zu folglich nichts anderem als Science-Fiction. Mit der Extraktion des Zeitreisemotivs wird La Jetée zum Bindeglied zweier gegensätzlicher Filme. 12 Monkeys macht die Vertigo-Paraphrase nutzbar, um im kulturellen Rücktransfer wieder an den melodramatischen Kern des ursprünglichen Referenzvorbildes anzuknüpfen. Drei Arbeiten treten unabhängig voneinander in Kontakt und befruchten sich, geben Auskunft über die jeweils andere. Solche komplexen Werksverbindungen sind hochinteressant und gerade keine Frage des Gelingens. Auch im totalen Missverstehen einer Vorlage können Übertragungsprozesse aufschlussreich sein, die Positionierung noch des einfallslosesten US-Remakes zum fremdsprachigen Original erzählt vom Selbstverständnis des Kinos.

Entstammt die Vorlage eines Remakes anderen gesellschaftspolitischen Zusammenhängen, aus denen sie gelöst und ins neue Bezugssystem eingearbeitet werden muss, besteht die Herausforderung in der Umschrift oder -Deutung kultureller Codes. Damit beauftragt Hollywood auch die Regisseure nicht-englischsprachiger Achtungserfolge selbst. Frank Wisbar drehte unter dem Titel Strangler of the Swamp eine Neuverfilmung seines Fährmann Maria, Ole Bornedal amerikanisierte Nightwatch - Nachtwache, Dick Maas ließ in Down den Fahrstuhl des Grauens erneut außer Kontrolle geraten: US-Remakes als zweite Chance, künstlerisches Selbstkorrektiv oder auch nur simple Marktlogik von noch einmal ganz eigenem Reiz (natürlich überprüft das kundige Publikum die Rückkehr zum vertrauten Material unter fremden Bedingungen besonders kritisch). Vielleicht wird Hollywood ja den hierzulande Narrenfreiheit genießenden Til Schweiger zur Vernunft bringen? Mit Michael Douglas statt Dieter Hallervorden stellt Head Full of Honey zumindest schauspielerische Qualitäten in Aussicht. Eigentlich schade, dass Maren Ade (Toni Erdmann) das Comeback von Jack Nicholson nicht in die eigene Hand nehmen will.

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