Was soll's: Gebt Joker doch einfach den Oscar für den Besten Film

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© Warner Bros.
Joker-Star Joaquin Phoenix hat einen Golden Globe erhalten
06.01.2020 - 12:00 UhrVor 3 Monaten aktualisiert
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Der Hauptpreis blieb Joker versagt. Die Golden Globes 2020 endeten auf einer überraschenden Note, die Schlimmes ahnen lässt für die Oscar-Saison. Es gibt nur eine Rettung.

Es gibt mindestens eine Milliarde Gründe, warum ein Oscar für den Besten Film zu viel des Guten für Joker wäre. Warum sollte dieser Preis nicht an Little Women von Greta Gerwig gehen, um auf die leidenschaftlichen Reden über die Repräsentation von Frauen im Filmgeschäft Taten folgen zu lassen?

Oder aber an Bong Joon-ho und Parasite, damit die Oscars wenigstens einmal ihrem Ruf vom wichtigsten Filmpreis "der Welt" gerecht werden? Triftigen Argumenten zum Trotz bleibt mir nach den 77. Golden Globes nur zu sagen: Gebt diesen Oscar Todd Philipps' Joker und das nicht nur, weil ich die Welt brennen sehen will. Das haben wir ja leider längst erreicht.

Die Oscar-Alternativen für Joker sind langweilig

Der letzte Sieger dieser Golden Globes-Nacht macht mir Angst. Er trägt keine fette Schminke im Gesicht und tanzt auch nicht durch die Bronx. Er sprintet durch Schützengräben und über französische Wiesen. Der Gewinner des Besten Films (Drama) bei den Golden Globes 2020 sieht unerträglich seriös aus, "kunstvoll" würde es in einem Zeitungsausschnitt an der Pinnwand eines Kinos für gehobenes Lehrerpublikum heißen.

1917

Das Kriegsdrama 1917 von Sam Mendes und Roger Deakins ist einer der schlechtesten Filme des Jahres, aber das ist nicht der Grund, warum er auf keinen Fall beim Oscar gewinnen darf. Diese Kombination allein hätte immerhin Unterhaltungspotenzial. Wäre der in mehreren Plansequenzen gedrehte Film gut, wäre er immer noch die langweiligste Wahl für einen Favoriten in der Oscar-Saison.

Ein englisches Historiendrama mit All-Star-Briten, von Benedict Cumberbatch bis Colin Firth und dem Inszestsohn aus Game of Thrones. Solche Sieger verleiden einem die Oscar-Saison!

Gebt Regisseur Mendes und Kameramann Deakins ein paar BAFTAs und Oscars in technischen Kategorien und lasst Amateurtheater Now im Katalog eines Streaming-Dienstes dem bedächtigen Rewatch an verregneten Feiertagen anheimfallen.

Tom Hanks, Ehrenpreisträger der Golden Globes

Und die Alternative laut den Golden Globes? Eine warme Rückbesinnung auf ein verträumtes Los Angeles und seine vergessenen Stars, Tarantinos Once Upon a Time ... in Hollywood. Once Upon a Time... ist der unvermeidliche Nostalgie-Kandidat im Oscar-Feld und ein Versöhnungsangebot nach dem verstörend klobigen The Hateful 8.

Der hätte die Oscars richtig aufmischen (bzw. vergiften) können - hätte sich die Academy damals etwas getraut. Die HFPA prämierte "Hollywood" mit dem Preis für den Besten Film (Musical/Komödie).

Joker ist der Agent des Oscar-Chaos, den wir brauchen

Demgegenüber wäre Joker auch in der Oscar-Saison ein Agent des vergnüglichen Chaos, nicht zuletzt weil ein Sieg von Todd Phillips über Scorsese, Mendes, Tarantino oder Baumbach manch eine Synapse platzen lassen würde. Wie nötig wir das Chaos in der viel zu einträchtigen Saison haben, zeigte die Moderation von Ricky Gervais bei den Golden Globes.

Joker: Wählt das Chaos

Der Brite, zum fünften Mal für den Job engagiert, wirkte bisweilen wie Joaquin Phoenix' Arthur Fleck, der seine existenzielle Verzweiflung über seine eigene Wiederholungstat nur mit Mühe und Not versteckte. Er wolle diesen Job nicht, betonte Ricky Gervais krankhaft. Seine Version des unkontrollierten Lachens.

Mehrfach erwähnte er, dass wir sowieso bereits mit dem Schaufeln unserer Gräber beschäftigt seien. Der Tod, so schien es im Verlauf der drei Stunden (kürzer als The Irishman!), ist nur einen Abspann-Credit entfernt. Im Pflegeheim sitzt ein jeder allein mit seinen Erinnerungen an stockend abgelesene Teleprompter.

In der Wut wuchs der seinem Wesen nach sentimentale Ricky Gervais über sich hinaus. Da verbrannte er, anstatt mit Zynismus zu heizen: Stars legten sich in ihren Oscar-Kampagnen für die Gerechtigkeit und für Konzerne wie Apple und Amazon ins Zeug, deren Profite von prekären Arbeitsverhältnissen zehren. Und: Ihr habt doch alle gewusst, was bei Harvey Weinstein läuft. Das sagte Gervais seinem Publikum im Beverly Hills Hilton ins Gesicht, als wäre er dem Pointenschreiben müde geworden.

Eine gute Oscar-Saison steckt voller Reibung

Ricky Gervais war nicht durchweg lustig. Den besten Gervais-Witz der Nacht machte der schmerzresistentere Sacha Baron Cohen. Gervais aber sorgte für die Reibung, die so eine Verleihung braucht.

Als die Musik Joker-Gewinner Joaquin Phoenix von der Bühne jagte, während er gerade gegen die exzessive Verwendung von Privatjets in Hollywood argumentierte, zeigte eine von "bewegenden" und "aufwühlenden" Reden geprägte Verleihung ihren nicht besonders CO2-neutralen Kraftstoff: Unterhaltung.

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Andere Reibungspunkte in der geölten Golden Globe-Maschine: Die zerfahrene Rede von Tom Hanks, der für sein Lebenswerk geehrt wurde und trotzdem auftrat, als sei ihm der Anlass erst fünf Minuten vorher klar geworden. Ausgerechnet der verlässliche Hanks! Jennifer Aniston, die verstört und überrumpelt Russell Crowes Dankesrede aus seiner brennenden Heimat Australien vorlesen musste.

Ansel Elgorts singende Einführung der Song-Kategorie, während Dakota Fanning vor Kichern neben ihm fast zusammenbrach. Renée Zellwegers durchaus von einem vorwurfsvollen Unterton getragene Rede. Die fragte nicht so sehr, wo Zellweger all die Jahre gewesen ist, sondern wo Hollywood sie nach dem Oscargewinn eingesperrt hatte.

Joker - Der garantierte Sand im Oscar-Getriebe

Joaquin Phoenix zu guter Letzt, der 20 Jahre nach seiner Oscarnominierung für Gladiator von der Aufmerksamkeit so unangenehm berührt scheint wie eh und je. Phoenix ist der Gegenentwurf zu vielen Stars aktueller Franchises, die ihre Meme-barkeit genüsslich inszenieren, ebenso wie ihre Aufgeklärtheit und Vorbildfunktion.

Once Upon a Time in Hollywood

Phoenix passt nicht auf diese Bühne und in so eine Awards Season und eigentlich auch nicht in einen Milliarden-Blockbuster. Andererseits ist das das Schöne an Joker als Film innerhalb der Oscar-Saison.

Jahrelang wird darüber gerätselt, ob Wonder Woman, Black Panther oder sogar Avengers: Endgame den Oscar-Fluch für Comicverfilmungen brechen können. Da kommt dieser 50-Millionen-Film des Hangover-Regisseurs mit dem Goldenen Löwen von Venedig in der Tasche und wirft das, was viele in dem Genre aktuell für preiswürdige Kriterien halten - inhaltliche Fortschrittlichkeit - über den Haufen.

Die Siege von 1917 und Once Upon a Time in Hollywood beim Golden Globe sagen nicht die Entwicklung beim Oscar voraus. Dazu sind die Wählergruppen beider Veranstaltungen zu unterschiedlich, die Globes zu klein und exzentrisch, die Oscars zu groß und eintönig.

Joker verdient den wichtigsten Academy Award trotzdem mehr als diese beiden und das nicht weil er der bessere Film ist. Viel wichtiger: Mit Joker als Spitzenkandidat wäre die Oscar-Saison schlicht viel unterhaltsamer.

Welchem Film wünscht ihr den Sieg beim Oscar 2020?

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