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1967 - Verbot für die Doku Titicut Follies

24.06.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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1967 - Verbot für die Doku Titicut Follies
© Zipporah Films
1967 - Verbot für die Doku Titicut Follies
Der Dokumentarfilm Titicut Follies war der erste Film, der in den USA aus anderen Gründen als Gewaltdarstellungen oder Obszönität verboten wurde. Tatsächlich ist der Film von Frederick Wiseman nur schwer zu ertragen.

„Ignoriere diesen Film nicht, wenn du deinen Verstand und dein Leben wertschätzt”, so steht es auf dem Filmplakat aus dem Jahre 1967. Tatsächlich fällt es noch heute schwer, den Film zu sehen, der hier beworben wird, denn manchmal ist es so viel leichter, die Augen zu schließen und über hässliche Tatsachen schlicht und einfach hinwegzusehen. Es ist eine schmerzliche Erfahrung, sich Titicut Follies anzusehen, aber gleichzeitig kann es ohne Frage auch sehr erhellend sein.

Ein Anwalt und ein Ethnologe drehen einen Dokumentarfilm
Frederick Wiseman war ein Anwalt aus Boston, der sein Interesse am Film entdeckt und den semi-dokumentarischen Film The Cool World von Shirley Clarke über eine afroamerikanische Gang in Harlem produziert hatte. Mit dem Bridgewater State Hospital im Bundesstaat Massachusetts hatte er sich während seines Studiums an der Bostoner Universität auseinandergesetzt und den Entschluss gefasst, dort einen Film zu drehen.

Als Kameramann nahm sich der Regiedebütant den Filmemacher John Marshall, der vor allem auf ethnologische Dokumentarfilme spezialisiert war und heute vorrangig für seine Reportagen in Namibia bekannt ist. Den Grundsätzen des Direct Cinema verpflichtet, drehten die beiden gemeinsam einen Film, der auf einen Voice-Over-Kommentar vollständig verzichtete und stattdessen observatorische Techniken einsetzte.

Schwer zu ertragen
Titicut Follies war der Name einer Talentshow, die die Patienten des Bridgewater State Hospitals veranstalteten. In der staatlichen Besserungsanstalt waren Straftäter, psychisch Kranke und oft katatonisch Depressive untergebracht. Jedoch war der Begriff ‘Besserungsanstalt’ eher als Euphemismus zu verstehen, denn den Insassen des Hauses ging es dort wirklich alles andere als gut.

Der Film zeigt, wie die Menschen dort in völlig leeren Zellen dahinvegetieren, wie sie von Wärtern in polizeiähnlichen Uniformen zwangsernährt und gedemütigt werden und die meiste Zeit nackt herumlaufen müssen, vorgeblich aus Sicherheitsgründen. Ein junger Mann wirkt völlig gesund und vernünftig, doch als er sich über seine hohe Medikamentendosis wundert, wird ihm Paranoia unterstellt und die Dosis sogar noch verdoppelt. Diese Anstalt würde seine Situation nicht verbessern, sondern viel eher verschlimmern, erzählt ein anderer Mann.

Die sadistischen Wärter spielen die Macht gegenüber ihren Opfern voll aus: „Wieso ist dein Raum so dreckig?“ fragen sie Jim immer wieder höhnisch, und der alte Mann hat keine Möglichkeit, aus seiner Opferrolle zu entkommen. Tatsächlich sind die menschenunwürdigen Zustände in Titicut Follies nur schwer zu ertragen. Der berühmte Filmkritiker Roger Ebert schrieb 1968 in seiner Kritik: “Titicut Follies ist eine der verzweifeltesten Dokumentationen, die ich je gesehen habe; viel unmittelbarer als Fiktion, denn diese Menschen sind real; viel grausamer als Satire, denn sie scheint neutral zu sein.”

Spätes Recht
In Deutschland und Italien räumte Frederick Wiseman mit seinem Dokumentarfilm Auszeichnungen ab und in den USA sollte er 1967 auf dem New York Film Festival gezeigt werden, doch kurz zuvor unternahm die Regierung von Massachusetts einen Versuch, das Werk zu verbannen. Die Rechte für den Dreh seien vom Regisseur und seinem Kameramann nie offiziell erworben worden und die Aufnahmen verletzten die Privatsphäre und Würde der gezeigten Menschen, so lautete die Argumentation der Regierung. Richter Harry Kalus verbot den Vertrieb des Filmes und ordnete an, alle existierenden Kopien zu zerstören. Damit war Titicut Follies der erste Film, der in Amerika aus anderen Gründen als Gewaltdarstellungen oder Obszönität verboten wurde.

Erst die Intervention von Frederick Wiseman führte dazu, dass Titicut Follies ab 1969 zu wissenschaftlichen Zwecken einem bestimmten Fachpublikum gezeigt werden durfte. Zufrieden gab sich der Regisseur damit allerdings nicht. Für ihn stand fest, dass sein Film nur verboten wurde, weil eine staatliche Anstalt darin nicht gut wegkam. Erst 1991 wurde die öffentliche Aufführung des Films jedoch erlaubt. Nach all den Jahren seien Fragen der Privatsphäre nicht mehr so relevant, begründete der Gerichtshof seine Entscheidung. Am 04. September 1992 wurde Titicut Follies auf dem Sender PBS ausgestrahlt, inklusive einer Einführung von Charlie Rose und einer anschließenden Erklärung, dass seit 1967 erhebliche Reformen stattgefunden hätten. Bis heute blieb es bei dieser einzigen Ausstrahlung des Filmes in den USA.

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1967 bewegte:

Drei Filmleute, die geboren sind
20. Juni 1967 – Nicole Kidman, untreue Ehefrau aus Eyes Wide Shut
23. Juli 1967 – Philip Seymour Hoffman, Dickies Freund aus Der talentierte Mr. Ripley
28. Oktober 1967 – Julia Roberts, modernes Aschenputtel aus Pretty Woman

Drei Filmleute, die gestorben sind
29. Mai 1967 – Georg Wilhelm Pabst, Regisseur von Die Büchse der Pandora
26. Juni 1967 – Françoise Dorléac, die ehemalige Prostituierte aus Wenn Katelbach kommt
07. Juli 1967 – Vivien Leigh, Scarlett O’Hara aus Vom Winde verweht

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Ein Mann zu jeder Jahreszeit von Fred Zinnemann (Bester Film, Regisseur, Hauptdarsteller)
Goldene Palme – BlowUp – Ekstaze ’67 von Michelangelo Antonioni
Goldener Löwe – Belle de jour – Schöne des Tages von Luis Buñuel

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Die Reifeprüfung von Mike Nichols
Das Dschungelbuch von Wolfgang Reitherman
Rat mal, wer zum Essen kommt von Stanley Kramer

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
02. Juni 1967 – Benno Ohnesorg wird während einer Demonstration von einem Polizisten erschossen
05. Juni bis 10. Juni 1967 – Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn
09. Oktober 1967 – Ernesto ‘Che’ Guevara wird von der bolivianischen Armee erschossen

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