Mr. Vincent Vega eckt an

Jahresrückblick - Die wirklich besten Filme 2012

benedict Cumberbatch und Gary Oldman in Dame König As Spion
© STUDIOCANAL
benedict Cumberbatch und Gary Oldman in Dame König As Spion

Auch wenn es dieser Kolumne während der vergangenen Monate nicht immer anzumerken war: 2012 war ein fantastisches Filmjahr. Reich an vielfältigen Entzückungen, unbändigen Emotionen und einer Lebendigkeit des Kinos, der alle langweiligen Buch-, Comic-, Serien-, Brett- oder Videospielverfilmungen, alle Remakes und Reboots und Re-imaginings und Sequels und Prequels nichts anhaben konnten. Natürlich offenbarten sich die besonderen Wunder, abseits generierter Hypes und ihrer Nerd-Auswüchse, gleichermaßen im Programm- wie auch Multiplexkino, in der cinephilen Entdeckungslust wie auch in der Massenunterhaltung – denn erst in der Mischung und Vielfalt liegt die wahre Liebe zum Film. Wer nur ins Kino geht, um Der Hobbit: Eine unerwartete Reise, The Dark Knight Rises oder Ziemlich beste Freunde, so offenbar die beliebtesten Filme 2012 auf moviepilot, zu sehen, der kann nicht einmal erahnen, wie sehr das vergangene Kinojahr dem Filmkulturpessimismus trotzte. Genauso gilt aber auch: Mainstream verweigernder Dauerbeschall auf Filmfestivals durch Weltkinoerzeugnisse und Filmkunstgewerbe kann nur einen ähnlich beengten (Rück-)Blick auf das zurückliegende Kinojahr erlauben.

Spione, die aus der Kälte kamen
Da es wenig sinnvoll wäre, die besten Filme der vergangenen zwölf Monate nun spröde aufzulisten, möchte ich stattdessen ausgesuchte Beispiele nennen, die meinen Glauben an großes Kino der Gegenwart bestärkt haben. Kein Film in diesem Jahr beeindruckte mich dabei so sehr wie Dame König As Spion, das englischsprachige Debüt des schwedischen Ausnahmetalents Tomas Alfredson, der in seiner Heimat zuvor bereits ein Meisterwerk nach dem anderen drehte. Die Verfilmung des berühmten Romans von John le Carré ist eine in sich gekehrte, hochkonzentrierte Milieustudie, die den in zahllosen Genrefilmen eigentlich bereits auserzählt geglaubten Agenten- und Spionageapparat als gänzlich schmucklosen, fast zu Eis erstarten Raum in Szene setzt. Eine in dieser Form einmalige, konsequent verdichtete Inszenierung, die wie aus der Zeit gefallen, wie mit der Handschrift eines Altmeisters gefertigt wirkt. Eine Bildsprache, die ihre bis in kleinste Bestandteile sortierten Gestaltungselemente fast zur Implosion bringt. Und ein Detailreichtum, der sich sogar über feine Gesichtslinien der hervorragend geführten und würdevoll auftretenden Schauspieler zieht, allen voran Gary Oldman in der besten Rolle seiner Karriere. Ein Meisterwerk, das allerhöchstens von Plotfetischisten verkannt werden konnte, die darin keine angemessen berieselungsorientierte Unterhaltung sahen, und das einen schlicht auf die Knie fallen lässt vor Bewunderung.

Deutsche Fernsehgeschichte und anale Flutschgeräusche
Kaum weniger beeindruckend die gleich zwei famosen neuen Filme des momentan immer noch größten aller deutschen Filmemacher, Dominik Graf. Sowohl die fiebrige Kriminalgeschichte Das unsichtbare Mädchen als auch der wunderschöne Essayfilm Lawinen der Erinnerung sind Sternstunden des deutschen Kinos (nur eben im Fernsehen). Die eine in einer Mischung aus bayrischem Western (mit fränkischem Sheriff Ulrich Noethen) und teutonischer Verbrechensstudie voller Eigenwilligkeiten, die andere als aufrichtige, zutiefst intime Erarbeitung deutscher Fernsehgeschichte durch ein bewegendes Interview mit Oliver Storz (1929-2011). Mit seiner Rückkehr zur alten Form hat David Cronenberg 2012 wiederum gezeigt, dass er noch lange nicht in einem etwaigen müden Spätwerk angekommen ist. Cosmopolis, der beste Film über eine asymmetrische Prostata aller Zeiten, hat auch Twilight-Skeptiker für das bestechende Talent von Robert Pattinson einnehmen können. Eine gerade in ihrer Nicht-Virtuosität kongeniale Umsetzung der philosophisch-perversen Thesen und Dialoge des Romans von Don DeLillo, inklusive wunderbar adaptierter analer Flutschgeräusche. Unter den Limousinenfilmen des letzten Jahres war Cosmopolis ganz klar der böseste – und so bedeutend vielschichtiger als der sich selbst wiederholende Ein-Künstler-ist-ein-Künstler-Käse respektive Cannes-Gewinner Holy Motors.

Lieben, leiden, singen – Das schönste Musical des Jahres
Gegen Ende hatte Holy Motors wiederum immerhin eine schöne Musical-Einlage mit Kylie Minogue zu bieten – und dass Musicals nichts anderes als pures Kino sind, habe ich ja in der allerersten Ausgabe dieser Kolumne schon einmal versucht darzulegen. Umso enttäuschender die überschaubare Zahl der beschwingten Tanz- und Trällerfilme, die überhaupt noch gedreht werden. Christophe Honoré, dessen queeres Musical-Wunder Chanson der Liebe bereits als frischer Klassiker des Genres angesehen werden darf, hat seiner ersten Beschwörung des großen Jacques Demy mit Die Liebenden im vergangenen Jahr dankenswerterweise gleich eine zweite hinterhergeschickt. Wieder litten, spazierten und sangen sich die Protagonisten darin auf herzzerreißend leichtfüßige Art durch Lebens- und Liebestiefen. Mit der Besetzung von Catherine Deneuve, ihrer Tochter Chiara Mastroianni, Louis Garrel, Ludivine Sagnier sowie Milos Forman (!) bewies dieser Film wie kein anderer 2012 ein Bewusstsein für den alten und neuen französischen Film, für einen Brückenschlag der Kinogenerationen. In seiner mehrere Jahrzehnte umspannenden Erzählstruktur, seinem sinnlichen Wandel der Zeiten, empfahl sich Die Liebenden zudem als angenehme Alternative zur unfreiwillig komischen Maskenscharade eines Cloud Atlas – Alles ist verbunden, dessen Suche nach dem ganz großen Zusammenhang aus Zeit und Handeln vor allem reichlich banale New-Age-Esoterik auftischte.

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