Mr. Vincent Vega eckt an

Ryan Gosling, Liebling der Cine-Hipster

Ryan Gosling in Drive
© Universum Film
Ryan Gosling in Drive

Als aufmerksamer Beobachter bestimmter Star-Trends und selbige spiegelnder Internet-“Communities” ist mir nicht entgangen, dass Christian Bale nunmehr vom ersten Platz der beliebtesten coolen Hollywoodschauspieler verdrängt wurde. Offensichtlich scheint die filminteressierte Masse, trotz anhaltender Beliebtheit der auf einem Missverständnis von Comic-Realismus basierenden jüngeren Batman-Filme, dessen Stirnrunzel-Ausdruckskunst ein wenig über zu haben. Sie feiert stattdessen, spätestens seit vergangenem Jahr, exzessiv einen neuen Nicht-ganz-Mittdreißiger. Ryan Gosling war 2011 gleich in drei ebenso beliebten wie unterschiedlichen Filmen zu sehen: Als Playboy in Crazy, Stupid, Love., als idealistischer Wahlkampfhelfer in The Ides of March – Tage des Verrats und, natürlich, als Zahnstocher kauender, lebensverlorener Stunt-Driver im neuen heißen Scheiß der Kultfilmfraktion, Drive von Nicolas Winding Refn.

Im Kino fiel mir dieser Ryan Gosling zum ersten Mal auf, als er in Mord nach Plan einen von zwei mörderischen Lausbuben spielte, denen Sandra Bullock das Handwerk zu legen versuchte. Sein Zappelphilipp-artiges Schauspiel ließ mich damals eher ratlos zurück, genauso wie übrigens der über Gebühr seichte Film auf Sonntagskrimi-Niveau. Ähnlich verhielt es sich mit dem weitgehend dünngeistigen Soft-Thriller Das perfekte Verbrechen, in dem Ryan Goslings immer ein wenig zu hoch gegen den Wind gerichtete Nase mit dem Overacting von Anthony Hopkins konkurrierte. Es hat allerdings noch einige weitere Filme gebraucht, ehe mir das immer wieder überbetont lässige (Stay) oder, noch schlimmer, introvertiert-weinerliche (Lars und die Frauen) Darstellungsgetue von Ryan Gosling so richtig auf die Nüsse ging. Ehe er seine konsequent mit Gurken der schlimmsten (Blue Valentine) oder auch allerschlimmsten (Inside a Skinhead) Art angereicherten Karriere einen ungeheueren Schub verlieh.

Als verschlossener, melancholischer Mechaniker und Stuntdriver quietschte er sich in die Herzen der Freunde cinephiler Markigkeitsesoterik. Der vereinnahmende Habitus von Drive, sein greller Neon-Noir-Pastiche und die an Vorbildern wie Walter Hill, Michael Mann oder William Friedkin geschulte Romantisierung männlicher Kleinmütigkeit (vorzugsweise in urbanen Milieus) kochten alle weich. Geradezu kunstvoll versteht es der Film schließlich, die ständig verstellte Besänftigung aller Emotionen im Männerkino von anno dunnemals mit modischem Retro-Vibe neu aufzulegen. Ein Film, wie gemacht für die MacBook-Cineasten. Auf deren iPhones gleich noch der schmissige Soundtrack die Playlists anführt, mit nostalgischem Synthie-Overload. Wer einige Irgendwas-mit-Medien-Menschen kennt und schlimmstenfalls noch mit ihnen Freundschaften in diversen sozialen Netzwerken führt, wird gewiss mindestens ein Mal täglich über YouTube-Videos von Kavinsky & Lovefoxxx und Desire stolpern. Oder über Links zu praktischen Onlineshops, die mit der von Ryan Gosling im Film getragenen potthässlichen Skorpion-Jacke die Geldbeutel arschcooler Fans verdünnen, damit diese ihr Favourite Movie auch gebührend zur Schau stellen können.

Mit Drive, dem Hipster-Quatschfilm der Stunde, ist Ryan Gosling angekommen. Ein Männermagazin kürte ihn jüngst zum Today’s Leading Man, GQ-Abonnenten wären gern wie er und verdrücken eine Träne, wenn er auf der Leinwand versteinert durch die Nacht fährt. „Wäre ich schwul, würde ich Ryan Gosling nehmen“, sagen die Kerle, die das sonst nur noch über George Clooney sagen. Und die Mädels haben sich ja sowieso längst verliebt, sie schmachten Ryan Gosling an wie Carey Mulligan, die gleichfalls leblose Hauptdarstellerin in Drive (und dessen weibliches Pendant: eine Newcomerin, die momentan von It-Filmemacher X zu It-Filmemacher Y gereicht wird). Selbst noch ein albernes Tanzvideo, in dem der 10jährige Gosling schlimmste 90er-Dancemoves aufs Parkett schmettert, verbreitet sich mit penetranter Awesomeness im Internet, weil: Auch damals war er halt schon so cool, der Ryan Gosling. Ich schaue in sein Gesicht und sehe bereits dort alle Anstrengungen, unbedingt der Klassenbeste sein zu wollen. Mit herausgestrecktem Kinn und Pascher-Blick. Was für ein nervtötender Typ. Was für eine Ansammlung öder Filme. Was für ein dämlicher Hype.

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