Markante Momente

1996 - Peter Jackson schreibt Filmgeschichte neu

Peter Jackson bei Forgotten Silver
© Koch Media
Peter Jackson bei Forgotten Silver

Peter Jackson liebt das Medium Film. Und als er 1995 in einem alten, halb verfallenen Gartenschuppen eine verrostete Truhe voller gut erhaltener Filmrollen findet, ist er selbstredend ganz aus dem Häuschen. Die Rollen enthalten eine Sensation: längst verloren geglaubte Aufnahmen des neuseeländischen Filmpioniers Colin McKenzie, der mit seinen frühen Innovationen altbekannte Kollegen wie Auguste Lumière und Louis Lumière, Georges Méliès oder D.W. Griffith in den Schatten stellt.

Die Wiederauferstehung eines Filmpioniers
Schon im Mai 1903 hatte McKenzie den ersten Flug eines Menschen – natürlich eines Neuseeländers – mit seiner Kamera für die Ewigkeit konserviert. Die Entdeckung der Filmrollen hebelte also nicht nur Lehrmeinungen über Film- sondern auch über Luftfahrtpioniere aus. Wenig später experimentierte Colin McKenzie mit Farbfilm, durch einen puren Zufall erfand er die Großaufnahme, ach ja, und dann drehte er noch den ersten abendfüllenden Spielfilm der Welt, ein groß angelegtes Epos namens Salome.

Neuseeland mag weitab vom Schuss liegen, aber auch hier beeinflussten die Weltgeschehnisse das Leben der Bürger. Kommunismus und Arbeitslosigkeit führten dazu, dass der aufstrebende Regisseur seinen Langfilm vorzeitig aufgeben musste und mit hohen Schulden sein Heimatland verließ. Der Zufall verfrachtete ihn schließlich in den spanischen Bürgerkrieg, wo er als Kameramann an der Front fiel. Seine Filme gerieten in Vergessenheit, wäre da nicht irgendwann Peter Jackson

Einmal an der Nase herum
Ihr glaubt das nicht? Nun ja, da seid ihr schon mal um einiges cleverer als das neuseeländische TV-Publikum. Am 28. Oktober fand die Fernsehpremiere statt, auf einem Sendeplatz, der eigentlich Miniserien und Theaterstücken vorbehalten war. Kein Oscar für Mr. McKenzie (oder wie der gängigere Titel lautet: Forgotten Silver) wurde als stockseriöse Dokumentation angekündigt, und ein Großteil des Publikums glaubte, was es auf den Bildschirmen sah.

Unter Historikern und Filmwissenschaftlern brachen Kontroversen los – schließlich warf dieser Dreiundfünfzigminüter eines nur semi-bekannten Regisseurs all ihre Grundüberzeugungen über den Haufen. Erst wenig später verkündete Peter Jackson öffentlich, dass sein Film fiktiv sei. Zum hundertjährigen Jubiläum des Mediums hatte er sich diese scherzhafte Liebeserklärung nicht verkneifen können.

Die Liebe zum Film ist in seiner Mockumentary tatsächlich zu spüren. "Ich kann nur sagen, dass ich noch nie charmanter belogen wurde als in diesem Fall“, schreibt J!GS4W in seinem Kommentar über Forgotten Silver, und das trifft es meiner Meinung nach auf den Punkt. Aufnahmen im Found Footage-Look, detailverliebte Anekdoten und ernsthafte Interviews mit Branchengrößen wie Sam Neill oder Harvey Weinstein führen dazu, dass der Zuschauer zumindest in der ersten Hälfte des Films stark dazu neigt, Peter Jackson sein modernes Märchen abzunehmen.

Erzähl doch mal!
Beleidigte Beschwerden der übers Ohr Gehauenen werden allerdings nichts gebracht haben, denn die Mockumentary ist nun mal ein Subgenre, mit dem wir Zuschauer alle paar Jubeljahre rechnen müssen. Oft nimmt die fiktive Doku Bezug auf tatsächliche Ereignisse und nimmt diese in schonungslosen Parodien aufs Korn. Schon 1938 fielen Hunderte amerikanische Radiohörer auf die Sendung Krieg der Welten von Orson Welles herein und rechneten fest mit der nahenden Apokalypse.

1983 inszenierte Woody Allen den Fall des Chamäleonmannes Victor Zelig, den personifizierten Opportunismus in seiner Mockumentary Zelig. Nur ein Jahr später veröffentlichte Rob Reiner die vielleicht bekannteste Fake-Doku, This Is Spinal Tap über die komplett erstunken und erlogene Geschichte der gleichnamigen Hardrockband. In I’m Still Here kulminierte schließlich die Performance von Joaquin Phoenix, der ein Jahr lang den rappenden Waldschrat gab und im Fall Banksy – Exit Through the Gift Shop des Streetart-Künstlers Banksy scheiden sich die Geister bis heute – Fake oder nicht? Zuletzt schrieb Lars Jessen mit seinem Werk Fraktus die Geschichte der elektronischen Musik um, die angeblich allein von der legendären Band Fraktus ausging – die aber genau genommen nur das fiktive Produkt der Comedy-Truppe Studio Braun ist.

Peter Jackson hat sich unterdessen den offensichtlich der Fantasie entsprungenen Welten zugewandt, und Jahre seines Lebens in die Verfilmungen des Herrn der Ringe gesteckt. Momentan flimmert Der Hobbit: Eine unerwartete Reise weltweit über die Leinwände und erzählt das beliebte Kinderbuch von J.R.R. Tolkien neu. Schließlich lebt doch von diesen Neuerzählungen unser aller Lieblingsmedium Film. Zum 200. Jubiläum wird der dicke Neuseeländer sicherlich nichts mehr beitragen können. Wer weiß, wer dann die Filmgeschichte neu schreibt.

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1996 bewegte:
Drei Filmleute, die geboren sind
21. Februar 1996 – Sophie Turner, Sansa Stark aus Game of Thrones
14. April 1996 – Abigail Breslin, kleine Schönheitskönigin aus Little Miss Sunshine
11. Dezember 1996 – Hailee Steinfeld, die junge Rächerin aus True Grit

Drei Filmleute, die gestorben sind
31. Oktober 1996 – Marcel Carné, Regisseur des poetischen Realismus, z.B. Kinder des Olymp
19. Dezember 1996 – Marcello Mastroianni, krisengebeugter Regisseur aus Achteinhalb
30. Dezember 1996 – Jack Nance, überforderter Vater aus Eraserhead

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Braveheart von Mel Gibson (Bester Film, Bester Regisseur)
Goldene Palme – Lügen und Geheimnisse von Mike Leigh
Goldener Bär – Sinn und Sinnlichkeit von Ang Lee

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Independence Day von Roland Emmerich
Werner – Das muß kesseln!!! von Udo Beissel und Gerhard Hahn
Twister von Jan De Bont

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
26. Februar 1996 – auf dem Moruroa-Atoll findet der letzte französische Atombombentest statt und löst Proteste aus
5. Juli 1996 – Das Schaf Dolly wird als erstes geklontes Lebewesen geboren
17. Juli 1996 – kurz nach dem Start vom New Yorker Flughafen explodiert eine Boeing 747 in circa vier Kilometern Höhe – alle 230 Menschen an Bord sterben

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