Jahresrückblick - 2015 und der Triumph des Agenten

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© Warner Bros./Sony/20th Century Fox/Paramount
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In diesem Jahr führt kein Weg an den Agenten vorbei. Die präsentierten sich zuletzt facettenreicher denn je und gingen in verschiedenen Epochen und Genre-Mischungen rund um die Welt ihrem Handwerk nach. Sowohl Veteranen als neue Gesichter waren dieses Jahr auf der Leinwand zu sehen. Es zeichneten sich außerdem verschiedene Tendenzen ab, die in den die zahlreichen Filme changierten. Vor allem mit humoristischen Annäherungen an das Berufsfeld und mit historischen Zugängen wollten die Filmemacher in diesem Jahr punkten.

Mit neuen Gesichtern und Mut zur Dekonstruktion

Zum Auftakt des Jahres brachten einige frische Charaktere Bewegung in das Genre und dekonstruierten und parodierten althergebrachte Bilder des klassischen Spions. Zu denen gehört auch Eggsy Unwin (Taron Egerton). Der junge Mann aus der Londoner Unterschicht wird in Matthew Vaughns Agentenkomödie Kingsman: The Secret Service vom britischen Geheimdienst, den Kingsmen, rekrutiert und zu einem fähigen Spion ausgebildet. Viel wichtiger aber noch: Er lernt die Etikette der britischen Agenten-Aristokratie kennen und macht sie sich zu eigen. Dazu gehört auch die Wahl des richtigen Schuhe.

Allerdings widmete sich dieses Jahr auch eine Dame der Spionage und zieht dabei so einige Genre-Klischees durch den Kakao. Susan Cooper (Melissa McCarthy) aus Spy - Susan Cooper Undercover darf der aufregenden Arbeit der CIA-Agenten im Feld nur von ihrem Schreibtisch aus folgen. Doch als die besten Spione des Geheimdienstes kompromittiert werden, springt sie enthusiastisch in die Bresche und mischt die Undercover-Arbeit auf. Dass aus ihr keine Vorzeige-Spionin wird, daraus macht Regisseur Paul Feig keinen Hehl und konfrontiert sie geradezu mit Abziehbildern britischer Agenten, ganz zum Vergnügen der Zuschauer. Passenderweise in Form von Jason Statham und Jude Law.

Auch Guy Ritchie nutzte in diesem Jahr die Gelegenheit, der Thematik mit Codename U.N.C.L.E. komödiantische Momente abzuringen. Entsprechend der Serienvorlage verlegt er aber die Handlung zurück in die Zeit, in der James Bond zur Ikone wurde: die 1960er Jahre. In der Hochphase des Kalten Krieges müssen sich hier ein amerikanischer (Henry Cavill) und sowjetischer (Armie Hammer) Spion angesichts einer nuklearen Bedrohung zusammentun. Diese Gelegenheit wird genutzt, um die schamlose Süffisanz und den Machismus der frühen Bondfilme beim Zusammentreffen zweier Alphatiere einmal gehörig zu veralbern.

Der Auftritt der Veteranen und der historische Zugang

Die alten Hasen, die sich dieses Jahr ihr Alter erneut nicht anmerken lassen, verrichten im Vergleich dazu (fast) nüchtern ihre Arbeit. Beispielsweise Ethan Hunt (Tom Cruise), der sich in Mission: Impossible 5 - Rogue Nation erneut auf die Jagd nach einem internationalen Terrorsyndikat macht. James Bond (derzeit noch Daniel Craig) setzt nach dem durchschlagenden Erfolg von Skyfall in Spectre, erneut unter der Leitung von Sam Mendes, die Geheimdienstarbeit im Dienste Ihrer Majestät fort. Dabei verstrickt er sich noch tiefer in seine eigene Vergangenheit und muss sich gleichzeitig einer inneren Bedrohung erwehren. Eine Aufgabe, die ihn standesgemäß über den gesamten Erdball in die Arme dieser oder jenen Dame treiben. Im Gegensatz zu Hunt konnte Bond aber weder bei den Kritikern noch bei den Zuschauern an den letzten großen Erfolg anknüpfen. Nichtsdestotrotz war er finanziell der erfolgreichste Spion des Jahres.

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Steven Spielberg nahm sich in besonderer Weise des Agenten an. In Bridge of Spies - Der Unterhändler geht es nämlich nicht um intertextuelle Bezüge, sondern strikt um historische Begebenheiten. In diesem Rahmen zeigt der Regisseur in Kürze sehr verschiedene Aspekte der Aufklärungsarbeit. Nachdem Ende der 1950er in New York ein sowjetischer Spitzel festgenommen wurde, gerät ein Pilot eines amerikanischen Aufklärungsfliegers wenige Jahre später in Gefangenschaft. Der Versicherungsanwalt Donovan (Tom Hanks) muss nicht nur die Verteidigung des russischen Spions in den USA übernehmen, sondern im Anschluss auch den Austausch gegen den eigenen Mann in Berlin koordinieren.

Unter dem Radar und das nächste Jahr

Das sind aber nur die populäreren Beispiele dieses Jahres. Wollten wir den Kreis noch erweitern, könnten zum Beispiel auch Sean Penns The Gunman oder die Videospielverfilmung Hitman: Agent 47 problemlos zur Welle der Agenten-Filme dieses Jahres gezählt werden. Einige Filme haben wir auch gar nicht in Kino zu sehen bekommen. Vielleicht zu unserem Besten. Auf DVD erschienen hierzulande zum Beispiel Spooks - Verräter in den eigenen Reihen mit Game of Thrones-Star Kit Harington, der böse gefloppte Thriller Momentum oder Survivor mit dem ehemaligen Bond Pierce Brosnan.

Der Ansturm der Spione wird voraussichtlich noch eine Weile anhalten. Schon jetzt stehen einige Filme fest in den Terminplänen für das nächste Jahr. Unter anderem die John Le Carré-Verfilmung Verräter wie wir, Charlize Therons Ausflug ins Genre und in den Ost-West Konflikt, The Coldest City, das Snowden-Porträt von Oliver Stone und Sacha Baron Cohens Genrebeitrag Der Spion und sein Bruder, um nur einige zu nennen.

Wieso tritt der Spion aus dem Schatten?

Die Frage, die sich uns noch stellen sollte, ist, wieso der Agent derzeit auf einem solchen Triumphzug ist. Berechtigterweise muss hier angemerkt werden, dass nicht alle der genannten Filme den gewünschten Erfolg einbrachten. Aber allein diese Menge an Filmen ist doch verwunderlich. Ein Teil der Antwort liefert unter Umständen der Erfolg der letzten Auftritte von James Bond und Ethan Hunt in Skyfall und Mission: Impossible - Phantom Protokoll. Nicht einmal gezwungenermaßen durch den finanziellen Erfolg, den die beiden Filme 2011 (M: I) und 2012 (Bond) hatten. Vielmehr wurden durch den Erfolg Referenzräume wiederentdeckt und neu zugeordnet. Während Bond sich auf einer düsteren Reise selbst auseinandernahm und entmystifizierte, entwickelte sich Ethan Hunt nach einem sehr trockenem dritten Teil zu einem recht gewitzten Gadget-Spion, der mit abenteuerlichen Stunts aufwarten konnte. Eine gelungenere Version der späten Brosnan-Bonds.

Mit den entstaubten Mustern und ihrer Geschichte haben sich die Spione dieses Jahr mit sich selbst auseinandergesetzt. Praktisch eine Operation am eigenen offenen Herzen. In Kingsman zum Beispiel wurde Bonds mehr oder weniger latente Prolligkeit mit Eggsys Charakter auf die Spitze getrieben. Einem tüchtigen, aber auch asozialen Vorstadtjungen, den eigentlich nur ein Anzug von seiner Vergangenheit trennt. Die Etikette, die im Verlaufe von Daniel Craigs Bond-Karriere zu einer Nebensache wurde, wird für die Kingsman zum Aushängeschild. Hinzu kommen aberwitzige Bösewichte und absurde Gehilfen (Klingenbeinprothesen?!). Vielerlei solcher Anlehnungen sind auch bei den anderen Filmen zu erkennen. Generell ist eine Flucht in die Vergangenheit zu bemerken. Sei es nun zeitlich, wie bei Bridge of Spies und Codename U.N.C.L.E., oder in die Historie einer Figur, wie bei Spectre oder Kingsman. Das bietet für eine breite Masse verschiedene Zugangspunkte.

Dabei schaffte es der Agentenfilm in diesem Jahr aber auch bis auf wenige Ausnahmen, tagespolitischen Themen elegant auszuweichen. Wenn, dann müssen sich die Agentinnen und Agenten den Vorwurf gefallen lassen, einmal zu oft in diesem Jahr unser Verlangen nach Realitätsflucht bedient zu haben. Das zu ändern sollte vielleicht ein Neujahrsvorsatz werden.

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