Philip K. Dick's Electric Dreams - Wie gut ist die Sci-Fi-Serie?

Philip K. Dick's Electric Dreams
© Amazon Prime Instant Video/Channel 4
Philip K. Dick's Electric Dreams
moviepilot Team
KingDocy Sven Hallmann-Schüer
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Als Grundlage für diesen Serien-Check dienten die ersten drei in Großbritannien gesendeten Episoden Der Haubenmacher, Der unmögliche Planet und Der Pendler. Amazon Prime startet die Serie mit der Folge Das wahre Leben. Da es sich bei Philip K. Dick's Electric Dreams um eine Anthologieserie handelt, könnt ihr die Episoden in beliebiger Reihenfolge schauen.

Ja, der Vergleich muss sein. Zu ähnlich sind sich Philip K. Dick's Electric Dreams und die Black Mirror. Beide sind als Anthologieserien angelegt, erzählen also pro Episode eine in sich geschlossene Geschichte. Beide wurden hauptsächlich in Großbritannien produziert und feierten auf dem dortigen Channel 4 ihre Premieren. Beide sind als dystopische Ausblicke auf zukünftige oder alternative Realitäten angelegt und beschäftigen sich mit der technologischen und menschlichen Entwicklung.

Allerdings gibt es auch gravierende Unterschiede zwischen Philip K. Dick’s Electric Dreams und Black Mirror. Denn während die Netflix-Serie aus den Federn der jeweiligen Drehbuchautoren stammt - meist von Showrunner Charlie Brooker -, basiert die Serie bei Amazon mehr oder weniger lose auf den Kurzgeschichten des US-amerikanischen Science-Fiction-Autors Philip K. Dick. Dessen Werke wurden bereits mehrfach verfilmt. Bekannteste Beispiele sind Blade Runner, Die totale Erinnerung - Total Recall und Minority Report. Philip K. Dick’s Electric Dreams ist nun bereits die vierte Serienadaption nach Total Recall 2070, The Man in the High Castle und Minority Report.

Ein weiterer Unterschied zwischen Philip K. Dick’s Electric Dreams und Black Mirror sind die Ausgangspunkte, von denen aus die Zukunft erdacht wird. Während Black Mirror von der heutigen Zeit und dem heutigen Stand der Technologie und Wissenschaft seine Welten erschafft, stammt das Vorstellungsvermögen von Philip K. Dick aus den 1950er- bis 1970er-Jahren. Dadurch wirkt Philip K. Dick’s Electric Dreams aus heutiger Sicht weniger futuristisch und erinnert damit an Science-Fiction-Klassiker wie Metropolis, Der Tag, an dem die Erde stillstand oder eben Blade Runner.

Beginnen wir den Serien-Check also mit der Episode von Philip K. Dick’s Electric Dreams, die in Großbritannien die Pilotfolge darstellte. Der Haubenmacher spielt in einer alternativen Zukunft, in der menschliche Mutanten telepathische Kräfte entwickelt haben und in der Lage sind, die Gedanken ihrer Mitmenschen zu lesen. Die sogenannten „Teeps“ leben in Ghettos und werden von der restlichen Gesellschaft verachtet und gefürchtet. Eine dieser Mutantinnen ist Honor (Holliday Grainger), die von der Polizei rekrutiert wird und zusammen mit Agent Ross (Game of Thrones-Star Richard Madden) einen mysteriösen Mann sucht, der telepathische Masken verteilt.

So weit, so simpel. Die Prämisse der 1. Episode ist keine Neuerfindung. Spätestens beim Wort Mutanten denken wir an die X-Men, Telepathie weckt ebenfalls Erinnerungen. Und auch die dystopische Zukunft mit einem autoritären Regime und Rassentrennung gab es in der ein oder anderen Form bereits zu sehen.

Trotzdem ist Der Haubenmacher anders. Die Kunst, eine uns unbekannte Welt und uns unbekannte Charaktere in nur knapp 50 Minuten zugänglich zu machen, gelingt Regisseur Julian Jarrold (The Crown) nahezu perfekt. Das Setting wirkt unglaublich bedrückend. Es ist dreckig, staubig, laut, dunkel, trüb, wuselig. Alle Hoffnung scheint verloren. Jarrold vermittelt uns diese Welt langsam, bedächtig, Stück für Stück, Szene für Szene. Er lässt sich Zeit, sorgfältig wird jede Einstellung aufgedröselt.

Das bedrückende Szenario wird von den schauspielerischen Leistungen größtenteils unterstützt. Grainger (Die Borgias) als Honor spielt ihre Kollegen dabei förmlich an die Wand. Die innere Zerrissenheit und Verletzlichkeit ihrer Figur ist immer fühlbar. Die Chemie mit Madden funktioniert gut. Madden fällt im Vergleich zu seiner Partnerin etwas ab, allerdings verlangt seine Rolle größtenteils auch nicht viel mehr als stoisches Dreinblicken.

Die musikalische Untermalung in Der Haubenmacher ist ebenfalls gelungen. Nur sporadisch sind Klänge oder Melodien zu hören, teilweise gesungen von Grainger selbst. Die Stille, die in vielen Szenen herrscht, macht die Episode noch bedrückender. Die Spezialeffekte sind handwerklich gelungen und verlassen sich kaum auf computergenerierte Unterstützung. Das macht die Welt authentisch.

Mit Der Haubenmacher gelingt Philip K. Dick’s Electric Dreams ein überragender Einstand. Die Episode wirft Fragen auf, die nicht ohne weiteres zu beantworten sind. Wie würden wir auf Mutanten reagieren? Was, wenn ich jederzeit wissen würde, was andere von mir denken? Wie behandeln wir diejenigen, die anders sind?

Der unmögliche Planet schlägt tonal eine andere Richtung ein. Jack Reynor (Transformers 4: Ära des Untergangs) und Benedict Wong (Doctor Strange) als gelangweilte Weltraum-Reiseführer Brian Norton und Ed Andrews sollen der alten Irma Louise Gordon (Geraldine Chaplin) ihren größten Wunsch erfüllen, noch einmal die Erde zu sehen. Denn der blaue Planet gilt in dieser Zukunft als zerstört. Weil die alte Dame jede Menge Geld zahlt, lassen sich Norton und Andrews überreden.

Der unmögliche Planet beginnt vielversprechend. Auch Regisseur David Farr gelingt es gut, die Welt dieser Episode einzufangen und greifbar zu machen. Das Zusammenspiel von Reynor und Wong funktioniert. Allerdings bleibt nach dem Anschauen von Der unmögliche Planet ein fader Beigeschmack. Denn die zweite Episode kann inhaltlich nicht mit Der Haubenmacher mithalten. Schauspielerisch stechen Wong und Chaplin heraus. Ersterer ist vor der Kamera immer sehenswert und spielt sich in einen wahren Rausch. Reynor dagegen wirkt ähnlich blass wie Roboter RB29 (Malik Ibheis).

Auch die Geschichte, die Der unmögliche Planet erzählen will, entwickelt zu wenig Farbe. Ironischerweise werden in der Episode selbst die Sehenswürdigkeiten per Knopfdruck spektakulärer gestaltet. Das wäre hier auch von Nöten gewesen. Die Story ist langsam erzählt, verliert dabei aber den Fokus. Stattdessen werden Fragen aufgeworfen, die unbeantwortet bleiben, was generell nicht unbedingt schlecht sein muss. Aber Der unmögliche Planet verkommt im Episodenverlauf immer mehr zu einem pseudo-philosophischen Sammelsurium von Themen und Argumenten, für dessen Aufarbeitung schlicht und einfach die Zeit fehlt. Das abrupte Ende tut sein Übriges hinzu und wirkt entsprechend deplatziert.

Anders kommt die Der Pendler daher. Sie zählt ohne Zweifel zu den stärkeren Geschichten von Philip K. Dick’s Electric Dreams. Ed Jacobsen (Timothy Spall) arbeitet am Ticketschalter einer U-Bahnstation in London. Sein Familienleben macht ihm zu schaffen, denn sein Sohn Sam (Anthony Boyle) zeigt seit Kurzem aggressives Verhalten, worunter auch die Beziehung zu seiner Frau Mary (Rebecca Manley) leidet. Als die mysteriöse Linda (Tuppence Middleton) am U-Bahnschalter nach einer Fahrt zu einer Station fragt, die es gar nicht gibt, erwacht Eds Interesse.

Der Pendler kommt deutlich bodenständiger und emotionaler daher als die ersten beiden Episoden von Philip K. Dick’s Electric Dreams. Die Fragestellung der Geschichte ist offensichtlich, die Antworten allerdings nicht. Wo Der unmögliche Planet den Zuschauer mit zu vielen offenen Fragen zurücklässt, gibt Der Pendler uns einen Denkanstoß mit, mit dem wir arbeiten können. Es geht um das Glück und wie unsere Sicht auf bestimmte Dinge unser Seelenheil beeinflusst.

Das tief philosophische Thema der Episode wird durch die schauspielerischen Leistungen eindrucksvoll unterstützt. Spall (Wurmschwanz Harry Potter-Reihe) liefert eine unglaublich intensive und emotionale Darstellung ab. Seine Figur wirkt verletzlich, unsicher, streckenweise glücklich, zweifelnd, ungläubig. All das können wir in seinen Ausdrücken lesen. Er braucht erstaunlich wenig Worte, um die Gefühlsregungen von Ed nachvollziehbar werden zu lassen.

Natürlich ist es schwer, ein generelles Fazit einer Anthologieserie zu ziehen. Schließlich gibt es keinen übergeordneten Handlungsstrang, jede Episode steht für sich. Mit zwei sehr guten Geschichten aus den ersten drei in Großbritannien gesendeten Folgen zeigt Philip K. Dick’s Electric Dreams aber sein Potenzial und lässt auf viele weitere spannende Themen hoffen. Die Serie ist wohl eher nicht für einen Binge-Watching-Abend geeignet, denn jede Episode braucht Zeit, ihre Wirkung zu entfalten. Mit Philip K. Dick’s Electric Dreams hat Amazon aber einen ernsthaften Konkurrenten zu Netflix‘ Black Mirror im Angebot.

Die 1. Staffel von Philip K. Dick’s Electric Dreams ist jetzt bei Amazon Prime zu sehen.
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