Mr. Vincent Vega eckt an

Die meistunterschätzten Filmemacher aller Zeiten

William Castle
© williamcastle.com
William Castle

Unterschätzte Filmemacher, das kann erst einmal alles heißen. Es ließe sich natürlich vortrefflich darüber streiten, was unterschätzt überhaupt bedeuten soll. Verkannt? Missverstanden? Übersehen? Wenn ich an unterschätzte Filmemacher denke, dann denke ich zum Beispiel an Noah Baumbach, Martin Ritt, Peter Weir, Neil Jordan, Claude Goretta, Tomas Alfredson, Alfonso Cuarón, Kelly Reichardt, Dario Argento, Henry Hathaway, Keisuke Kinoshita, John Hillcoat, Philippe de Broca oder auch an das Spätwerk von Francis Ford Coppola. Gewiss, das sind Filmemacher, die durchaus eine gewisse oder sogar enorme Popularität haben, die ihre Spuren hinterlassen und sich treue Fangemeinden erarbeitet haben. Aber unterschätzt meint eben nicht gleich unbekannt. Unterschätzt meint auch, dass einige dieser Namen noch gar nicht genug für ihre Werke gewürdigt wurden. Mir soll es hier nicht zwingend um Geheimtipps gehen, um vergessene Filmemacher ebenso wenig wie um Regieschätze, die darauf warten, gehoben zu werden. Mir geht es um durchaus namhafte Filmemacher, die eine (noch) größere Aufmerksamkeit verdienen und deren Werke mitunter zu Unrecht unter dem Verdacht zweifelhafter Kunst stehen.

Der unbedingte Wille, das Publikum zu beglücken
William Castle ist der größte Autorenfilmer aller Zeiten. Dazu genügt es schon, seine schrullige Fantasy-Komödie Zotz! zu schauen, die bereits während des anfänglichen Studiologos alle Dimensionen sprengt: Dort nämlich stolpert Castle höchstpersönlich ins Bild, um die Frage der Fackel haltenden Columbia-Frau nach dem Sinn des kuriosen Filmtitels zu beantworten. Das ist eine filmemacherische Hingabe, von der ein Andrei Tarkovsky nicht einmal zu träumen wagte. Castles Regiearbeiten zeichnen sich durch eine kaum zu beschreibende Lebendigkeit, Inszenierungsfreude und dem unbedingten Willen aus, das Publikum zu beglücken. Es gibt Szenen in seinen höchst unterschiedlichen und im Frühwerk auch zahlreiche Genres abgrasenden Filmen, in denen man nur darauf wartet, dass er das Bild anhalten und uns fragen würde, ob wir denn auch genug Spaß mit ihnen hätten.

Bedauerlicherweise ist William Castle heute dennoch lediglich als Maestro bloßer Effekthascherei berühmt. Wann immer auch sein Name fällt, und das geschieht viel zu selten, geht es vorrangig um seine Vorführattraktionen und Gimmicks. Um durch den Kinosaal fliegende Skelette (Das Haus auf dem Geisterhügel) oder Elektroschocksitze (Schrei, wenn der Tingler kommt), um „Angstpausen“ zur rechtzeitigen Flucht aus dem Filmtheater (Mörderisch – Die Geschichte einer Psycho-Killerin) oder auch Lebensversicherungen, falls die Vorstellung einen vor Schreck zu Tode kommen lassen sollte (Macabre ). Castles Einfallsreichtum bei der Präsentation seiner meist kostengünstig produzierten Gruselfilme kannte keine Grenzen, und doch wurden und werden seine Gimmicks nicht selten auf die falsche Art gewürdigt.

Sie bezogen das Publikum nämlich auf eine einzigartige Weise mit ein, gaben den Zuschauern die Möglichkeit, via „Punishment Poll“ in Der unheimliche Mr. Sardonicus das Ende des Films bestimmen oder in Das unheimliche Erbe sogar ganz individuell entscheiden zu können, was sie zu Gesicht bekommen: Mittels eines so genannten Ghostviewers oblag es jedem Kinobesucher selbst, durch die rote oder blaue Klarsichtseite einer (modifizierten 3D-)Brille zu blicken und so die Geister sichtbar oder eben unsichtbar werden zu lassen. Demokratischeres Kino hat es nie gegebenen! Nicht ohne Grund ließ sich Alfred Hitchcock von den findigen Vermarktungsstrategien William Castles inspirieren und veröffentlichte seinen vergleichsweise günstigen, selbstfinanzierten Psycho mithilfe medienwirksamer Kino-Gimmicks. Es gab durchaus schon Momente, in denen ich heimlich dachte: William Castle, der bessere Alfred Hitchcock.

Von Null auf Hundert in die Riege der größten Filmemacher
Wenn Musiker sich plötzlich zum Filmemachen berufen fühlen, lässt das schnell an die Mark erschütternden Regiearbeiten von Madonna, Fred Durst oder jüngst RZA denken, dessen The Man with the Iron Fists zu den fürchterlichsten Ausgeburten diesjährigen Nichtskönnens gehört. Zu den Paradebeispielen eines Filmemachers, der zunächst Musik- und später dann Kinoultrakunstkarriere machte, zählt hingegen Rob Zombie. Wie aus dem Nichts schmiss der filzhaarige Frontmann der Band White Zombie mit Haus der 1000 Leichen vor zehn Jahren ein Regiedebüt aufs Parkett, das einem den Atem stocken ließ und in seiner virtuosen Verquickung von schäbigem Seventies-Horror und hypernervöser Stil-Verliebtheit eine Art postmodernes Grindhouse-Kino schuf, bevor die künstlich auf billig geeichten Retro-Langweiler von Robert Rodriguez und Co. den Trend zügig zur nervtötenden kommerziellen Masche verkommen ließen.

Um sich nicht zu wiederholen, ließ Rob Zombie seinem Meisterwerk eine Fortsetzung folgen, die sich vom avantgardistischen Spiel des Vorgängers mit Farben und Formaten wohltuend abhob. Auch wenn The Devil’s Rejects konventioneller ausfiel, vereinte er die Teufelssippe zu einem inhaltlich und formal beeindruckenden Ergänzungsstück. Der schonungslose Zynismus, die Hingabe zur wunderbar amoralischen Wertevorstellung des US-amerikanischen Exploitationkinos und das stilvolle Verneigen (nicht etwa Abkupfern) vor zahlreichen Vorbildern verlieh seinem zweiten Film eine rohe Kraft, wie sie im Horrorfilm anno 2000 schon längst nicht mehr denkbar schien. Nach dem Remake von Halloween, das letztlich vielleicht nur deshalb scheiterte, weil Zombie es dem leider allzu heiligen John Carpenter nachmachen wollte, inszenierte er 2008 mit Halloween II seinen vielleicht meistunterschätzten Film. Allein die erste halbe Stunde dieses filmischen Mistkerls ist (zumindest im unzensierten Director’s Cut) ein Lehrstück puren Terrors, das Rob Zombie vorzeitig in die Riege der größten Filmemacher aller Zeiten katapultierte. Ein Versprechen, das auch The Lords of Salem ohne Zweifel einlösen wird.

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