Avengers 4: Endgame ruiniert das große Finale mit miserabler Action

Avengers 4: Endgame - Bruce Banner, Actionfan?
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Avengers 4: Endgame - Bruce Banner, Actionfan?
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Es ist das Ende einer Ära, der Abschluss einer Saga, der metaphorische Schredder diverser Verträge. Die Infinity-Saga findet mit Avengers 4: Endgame ihren Abschluss und entsprechend ausschweifend wird der Meilenstein des Marvel Cinematic Universe begangen. 180 Minuten dauert das Werk und wer es im Netz spoilert, dem schicken die Russo-Brüder persönlich eine Truppe von Nihilisten auf den Hals (so zumindest der Eindruck).

So viel Aufhebens wird um dieses Blockbuster-Event gemacht, dass eines besonders bitter aufstößt: Endgame leidet unter furchtbaren Actionszenen. Als hätte Disney in eine Tonne Gold investiert, aber gleich jemanden drüberreihern lassen.

Da es um einige der wichtigsten Actionszenen in Avengers 4 geht, seid ihr hiermit vor Spoilern gewarnt.

Die visuellen Effekte in Avengers: Endgame sind erschreckend mies

Actionszenen, die primär mit computergenerierten Figuren ablaufen, sind nicht automatisch schlechter als solche mit Stuntmen. Es ist Geschmackssache, ob man beispielsweise John Wick aus diesem Grund Ready Player One vorzieht. Beides sind Filme mit teils hervorragend inszenierten, wenn auch völlig unterschiedlich angelegten Actionszenen.

Die Action in Avengers: Endgame leidet allerdings unter unfertig wirkenden visuellen Effekten, dank derer Figuren wie aufblasbare Gummipuppen aufeinander losgehen.

Da die Kostüme von Spider-Man (Tom Holland), Iron Man (Robert Downey Jr.), War Machine (Don Cheadle) und Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) in Aktion per Computer visualisiert werden, wird dieser Effekt noch verstärkt.

Aber selbst beim Kampf zwischen den doppelten Captain Americas fallen die marionettenhaften Figurenbewegungen auf. Einzige positive Ausnahme im ganzen Film: der Gassen-Kampf in Tokio mit Hawkeye (Jeremy Renner).

Im Kampf mit Thanos fehlen Höhe- und Tiefpunkte

Der Action von Avengers 4: Endgame liegt keine überzeugende Dramaturgie zugrunde. Das klingt kompliziert, lässt sich aber in etwa so beschreiben: Gut gegen Böse können aufeinander einprügeln, aber noch besser ist es, wenn die wichtigsten Teilnehmer der Prügelei eine kleine, martialische Geschichte für sich erzählen.

Avengers-Snacks für Zwischendurch:

Die besten Actionszenen besitzen eigene Höhe- und Tiefpunkte in Sachen Spannung, sie lassen uns ausruhen, sie steigern und vermindern den Einsatz, sie variieren die Kampfmittel. Sie lassen uns zittern um die Helden, sie drängen diese zu Boden und heben sie wie Phönix aus der Asche.

Bei Avengers 4 gibt es im Finale zwar ein Ziel. Thanos soll den Handschuh nicht bekommen, deswegen wird ein Football-Spiel damit initiiert. Allerdings folgen die einzelnen Sprints der Inszenierung eines gepimpten Jump 'n' Run-Spiels, während um sie herum visuelles Chaos herrscht.

Während die Spannung bei einem Videospiel auch aus der eigenen (Un-)Geschicklichkeit erwächst, wirken die Bewegungen der zumeist computergenerierten Helden des Films seltsam fließend. Wir steuern sie nicht. Ein ähnlicher Effekt war schon in den Hobbit-Filmen zu beobachten.

Selbst wenn Spider-Man und Co. ein Hindernis im Wege steht, gleiten sie darüber hinweg. Deswegen ist der Moment, in dem Captain America Mjölnir in Händen hält, viel eindrucksvoller als alles, was die Kreativen danach mit seiner neuen Waffe anstellen.

Action braucht jedoch Widerstände, um in uns Zuschauern eine viszerale Reaktion hervorzurufen. Man stelle sich die Schlacht um Helms Klamm in Der Herr der Ringe: Die zwei Türme vor, in der Gimli und Legolas, Aragorn und die anderen von einer lebensbedrohlichen Situation in die nächste kommen, sie geradeso dem Tod entrinnen und so weiter. Action ohne Widerstand ist wie ein Witz ohne Pointe oder eine Sterbeszene ohne Tod.

Die Welt von Avengers 4 ist ein visueller Einheitsbrei

Die Probleme beginnen also bei der Action-Choreografie und deren digitaler Umsetzung. Der Einsatz der Umgebung hilft jedoch auch nicht gerade. Die Actionszenarien in Avengers 4: Endgame sind einige der einfallslosesten, die es, nun ja, seit Avengers 3: Infinity War im Kino gab.

Captain America darf immerhin gegen sich selbst antreten in einem anonymen Bürogebäude. Die plexigläserne Brücke, auf der teilweise gekämpft wird, kommt kaum zum "Einsatz".

Einstellungen aus der Vogelperspektive sollen ihre Höhe darstellen, bevor die doppelten Bewegungen von Chris Evans (bzw. Stuntmännern) durch schnell wechselnde Schwenks und Nahaufnahmen in die Unkenntlichkeit verwischen.

Mit den Möglichkeiten der Höhe, des Materials oder der Umgebung wird uninspiriert verfahren. Schilde fliegen durch die Gegend, Judo-Würfe werden vollbracht, irgendjemand fliegt in die Tiefe. Das ist die Höhe der Gefühle. Man stelle das Gegenstück aus der Opernszene in Mission: Impossible 5 - Rogue Nation daneben und staune.

Es überrascht nicht in einem Franchise, das sich am liebsten auf grünen Wiesen und sächsischen Flughäfen aufhält. Das Finale von Avengers: Endgame schockiert dennoch mit seiner alles einplättenden Kampfarena.

Thanos schießt einen Krater in das Hauptquartier der Avengers. Das führt zu einer Art ästhetischem Terraforming-Prozess. Die Erde (bzw. der US-Bundesstaat New York) sieht hinterher nämlich aus wie jeder x-beliebige Planet aus Infinity War.

Interessante Avengers-Fakten:

  • Kameramann Trent Opaloch hat alle Marvel-Filme der Russo-Brüder gedreht. Zuvor arbeitete er mit Neill Blomkamp (District 9).
  • Die Stunt- und Fight-Koordinatoren sind Sam Hargrave und Daniel Hernandez, die an Filmen wie Atomic Blonde und John Wick mitgearbeitet haben.

Die Avengers-Anlage liegt theoretisch an einem Fluss zwischen Wäldern, aber das wird bis auf die Flutung des Kellers und eine kurze Welle nicht ausgenutzt. Stattdessen legt sich eine Rauchwolke über den blauen Himmel, in der ein paar Farbtupfer untergehen, die irgendjemand als Inspiration aus dem wesentlich ansehnlicheren Guardians of the Galaxy mitgenommen hat.

Heraus kommt ein Farbmatsch ohne Konturen über einem Terrain ohne Eigenschaften, auf dem der Begriff "Schlacht" wieder einmal als aufeinander zusprintende Massen ohne Gesichter interpretiert wird.

Diese fehlende Individualität zeigte sich bereits an den Gegnern in Infinity War: Da wurde Thanos' Armee in den Wäldern von Wakanda abgeseilt und es gab vor dem Sturm keine einzige längere Einstellung, in der man die Fratzen der Monster richtig sehen konnte.

Die Action wurde in Avengers: Endgame schlecht inszeniert

Was angesichts des Budgets von über 300 Millionen Dollar bei den Actionszenen am meisten aufstößt, ist jedoch die handwerkliche Nachlässigkeit. Langwierig geprobte Choreografien von Stuntmen und Darstellern gehen im Schnitt unter. Seit Captain America 2: The Return of the First Avenger haben die Gebrüder Russo und ihr (Second-Unit-)Team nur die schlechtesten Lehren aus Paul Greengrass' Handkamera-Revolution in den Bourne-Filmen gezogen.

"Dynamik" wird allein über das Tempo von Schnitt und Kamera verstanden, egal wie unübersichtlich die ständigen Schwenks und harschen Bildwechsel wirken. Rapide Einstellungswechsel (Cap mal von oben, mal von der Mitte, mal von unten) überdecken die an sich dynamischen Körper, deren Knie und Fäuste gegeneinander prallen.

Auch hier leidet Avengers: Endgame letztlich unter einer Art Bildmaske, die über jedes Element gelegt wird, es vereinheitlicht und die tatsächlich dynamischen Bausteine - Tempi-Wechsel in der Choreografie, Schritt- und Schlagfolgen etc. - einstampft. Darunter leidet auch die einzige interessante Actionszene des Films, nämlich Hawkeyes oben erwähnter Kampf.

Uns wird in Endgame, wie auch in Avengers 3: Infinity War, ein grober Eindruck von "Action" paketmäßig übergeben, die Finesse fürs Auspacken und Genießen besitzen die Macher nicht.

Die Action ist in Avengers 4 ein Symptom größerer Probleme

Natürlich ist Avengers 4: Endgame in den oben beschriebenen Problemzonen kein Einzelfall. Einige Teile der Infinity-Saga, etwa Infinity War, Captain Marvel oder Spider-Man: Homecoming leiden unter ähnlichen Action-Mängeln. Der einzige Vorteil von Endgame ist, dass er im Vergleich einen geringeren Action-Anteil besitzt als etwa der fast beleidigend hässliche Infinity War.

Die Action ist in vielen MCU-Filmen jedoch nur ein Symptom für gravierendere Probleme. Bei Endgame wurden selbst die Dialogszenen nachlässig zusammengekleistert. Da geraten Gruppendialoge in übersichtlichen Räumen zum Spießrutenlauf für die Orientierung. Alldieweil legen Ausleuchtung und Color Grading eine erstickend graue Decke über die Bilder.

An anderen Stellen erfolgen irritierende Schnitte zwischen marginal unterschiedlichen Bildwinkeln, die vor allem auf eines schließen lassen: Da gab es am Set keinen Plan oder im Schneideraum keine Zeit. Hauptsache der Starttermin wird für die Investoren eingehalten.

Es ist die Machart vieler moderner Blockbuster: Es werden so viele Aufnahmewinkel einer Szene wie möglich geschossen, ohne beim Dreh einen konkreten Plan zu haben, wie diese hinterher verbunden werden. "Fix it in post" lautet die Devise, "löst das Problem in der Postproduktion".

Selbst wenn das bei Avengers: Endgame nicht der Fall war, fallen trotzdem die öde Konzeption des finalen Kampfes und die teils erschreckend schlechten visuellen Effekte auf. Fakt ist eben auch, dass man für gute Action keine 100 oder 300 Millionen Dollar braucht, da genügt ein Bruchteil. Man muss nur ein Bewusstsein dafür besitzen - und uns als Action-Fans ernst nehmen.

Was haltet ihr von der Action in Avengers: Endgame?

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