Berlinale 2015

Berlinale-Prolog - So deutsch, dass es schon spannend ist

Im Uhrzeigersinn: Nobody Wants the Night, Eisenstein in Guanajuato, Queen of Earth, The Forbidden Room
© Wild Bunch, Submarine, Phi Films, Sean Price Williams
Im Uhrzeigersinn: Nobody Wants the Night, Eisenstein in Guanajuato, Queen of Earth, The Forbidden Room

Zunächst einmal Verwunderung über die filmischen Konsumgewohnheiten der Berlinale-Besucher. Die Online-Tickets für Queen of the Desert und Diary of a Chambermaid sind für alle Vorstellungen bis zum Ende der Berlinale ausverkauft. Das ist zu erwarten, finden sich in den beiden Filmen zwei Porzellangesichter sondergleichen, Robert Pattinsons in der Wüste, Léa Seydoux' in der Normandie. Für Knight of Cups mit Christian Bale (eher so Backstein) gibt es noch an drei Tagen Karten, jetzt in diesem Moment, 00:19 Uhr in der Nacht. Ist es die Furcht vor Terrence Malicks Ackerpoesie? Die Unkenntnis? Schlicht zu viel Plot in der Berlinale-Inhaltsangabe? Seltsam auch, dass Disneys Cinderella am Samstag, den 14.12., zur Mittagszeit noch auf Online-Ticketkäufer wartet. Mehr Blockbuster geht eigentlich nicht bei einem Festival, das dokumentarische Experimentalfilme und ethnographische Exkursionen in seinem Programm unterbringt. 2015 wird diese Zerreißprobe dank des Special Screenings von Fifty Shades of Grey von extra viel medialem Naserümpfen begleitet.

Wieder wird die mittlerweile 65 Jahre alte Berlinale die Herausforderung überstehen, irgendwie, wenn auch nicht alle Kritiker derselben Ansicht sein werden. Diese im Programm manchmal sehr offensichtliche und immer sehr deutsche Trennung von E und U gehört für mich nach viel Selbstüberredungsarbeit zum Reiz des Massenfestivals. Warum die Programmgestalter Genrefilme so selten berücksichtigen, könnte man fragen, oder, anders ausgedrückt, warum ihre Scheuklappen nur Festivalfilme durchlassen. Dass es in Berlin keine Midnight Screenings wie in Toronto oder Cannes gibt, sagt eben viel aus über das Filmverständnis hinter den Kulissen. Noch einmal variiert derselbe Punkt: Die besten Filme laufen häufig in der Retro. Die Berlinale ist eben dermaßen Deutschland, dass die Flucht nach vorn, mitten hinein in den Katalog, vielleicht der beste Weg ist, wenn man nicht den großen Verzichter geben will. Da gräbt man sich stundenlang durch die Inhalte und Filmografien, aber schlussendlich führt nichts am Sprung ins Ungewisse vorbei. Der birgt gerade bei der Berlinale mit ihren vielen Debütanten, ihrem Fokus auf aufstrebende Kinematografien (dieses Jahr besonders Argentinien und Chile) stets das Potenzial der Verblüffung, besser noch, der Entdeckung. Es hat schließlich auch etwas für sich, wenn die Programmplaner sich der südfranzösischen Verehrung alter Meister entziehen. Womöglich müssen sie es auch wegen des Termins im Februar. Das wäre der einzige Vorteil des winterlichen Schlotterns vor den Kinotoren.

Ob die im Wettbewerb vertretenen Veteranen viel Meisterliches abliefern, werden die kommenden 10 Tage und dieses Berlinale-Tagebuch klären. Mehr als Terrence Malick und Werner Herzog lockt im Programm der sowjetische Filmrevolutionär Sergei M. Eisenstein, aufbereitet von Peter Greenaway in Eisenstein in Guanajuato. Die (Nicht-)Entstehung von Que Viva Mexiko - Es lebe Mexiko dürfte den Hintergrund des Projekts bilden. An dessen in der Schweiz spielender Fortsetzung, The Eisenstein Handshakes, arbeitet Greenaway schon. Eisenstein und Greenaway stehen im Katalog zwischen Bill Condon und Simon Curtis. Warum nicht? Für alle drei Filme gibt's noch Karten.

Alle Berlinale-Tagebücher auf einen Blick:

Tag 10 mit Kon Ichikawa und dem verschobenen Frühling
Tag 9 mit dem Kleid aus Cinderella
Tag 8 mit Elser und An American Romance
Tag 7 mit Fifty Shades of Grey und Eisenstein in Guanajuato
Tag 6 mit Nasty Baby und Every Thing Will Be Fine
Tag 5 mit Als wir träumten und Redskin
Tag 4 mit Knight of Cups und Der Perlmuttknopf
Tag 3 mit Victoria und Der letzte Sommer der Reichen
Tag 2 mit Queen of the Desert und The Forbidden Room
Tag 1 mit Nobody Wants the Night und Hedi Schneider
Berlinale-Prolog

Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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