Berlinale 2015

Berlinale Tag 8 - Elser will Hitler töten

Die Berlinale 2015 neigt sich langsam ihrem Ende zu. Drei Pressevorführungen für den Wettbewerb stehen am heutigen Freitag an, danach gilt es am Wochenende, so viele Filme der anderen Reihen wie nur möglich in den Programmplaner zu quetschen, die Berlinale also bis zum letzten kinematografischen Tropfen auszuwringen. Vier bis fünf Filme am Tag zu sehen und darüber zu schreiben, resultiert in drei bis vier Stunden Schlaf, drei Tassen Kaffee, vier Berlinale-Besuchern, denen ich morgens im Wachkoma in die Hacken trete, eineinhalb Taschentücher-Packungen, die für die Berlinale-Erkältung draufgehen, sowie innerhalb von acht Tagen zwei zugekritzelten Notizbüchern und zwei verlorenen Kugelschreibern. Letztere drohende Super-GA(B)Us, die nur durch einen freundlichen Tankstellenbesitzer und den werten Beeblebrox verhindert werden konnten. Mit dieser Bilanz im Rücken früh aufzustehen, ist mühsam genug. Dann auch noch einen Film wie Elser - Er hätte die Welt verändert zu sehen, gleicht 50 Peitschenhieben von Christian Grey - also die von der unsexy Sorte.

Der Untergang - The Prequel
Oliver Hirschbiegels Elser - Er hätte die Welt verändert trägt die Verführung zu alternativen Geschichtsentwürfen bereits im Titel. Das Drehbuch von Léonie-Claire Breinersdorfer und
Fred Breinersdorfer gibt sich in der Auseinandersetzung mit dem "grausam gescheiterten" Attentäter Georg Elser (Christian Friedel) alle Mühe, eine entsprechend brauchbare Märtyrerfigur aufzubauen. Bloß nicht zu politisch, nicht zu intellektuell soll Elser sein, sondern der Sänger in der Armaturenfabrik, dem eine widerstandslose Film-Erweckung zum Widerstand zuteil wird. Dem mitleidigen Panorama der NS-Größen in Hirschbiegels Der Untergang stellt Elser einen überhöhten Einzelgänger entgegen, in dem sich alle Zuschauer anstandslos wiederzufinden haben. Friedel tut sein Möglichstes, die im Drehbuch beschworene historische Größe seiner Figur nicht in sein Spiel einfließen zu lassen. Anstatt psychologischer Feinheit in der Motivation (und deren Genese) lässt ihn das Drehbuch mit pazifistischen Allgemeinplätzen und prophetischen Ausführungen über den Ablauf des Zweiten Weltkriegs im Stich. Hier noch eine Frau vor ihrem Schlägergatten retten, um dort Elsers wachsenden Aktionismus zu unterstreichen.

Der angerissene gesellschaftliche Kontext ähnelt dieser ungeheuren Cleverness folgend am ehesten einem Stichpunktzettel für einen Geschichtsvortrag in der Sekundarstufe I. Anstatt sich auf die psychologische Drucksituation im Verhör nach dem misslungenen Bombenattentat vom 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller zu verlassen, folgt Elser sklavisch einer konventionellen Flashback-Struktur, wie wir sie aus einschlägigen öffentlich-rechtlichen Produktionen kennen. Symptomatisch: Zum Ende hin klärt uns eine Texttafel über die Zahl der Menschen auf, die während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben verloren haben. Der in der deutsch-deutschen Gedenkkultur jahrzehntelang vernachlässigte Anschlag Georg Elsers wird in Hirschbiegels Film auch noch nachträglich durch das Attentat vom 20. Juli 1944 legitimiert. Um wirklich ganz doll sicher zu gehen, möchte man meinen.

Als zweiter Wettbewerbsfilm wurde am Donnerstag Sworn Virgin von der italienischen Regie-Debütantin Laura Bispuri gezeigt. Alba Rohrwacher (Schwester von Land der Wunder-Regisseurin Alice) spielt ein junge albanische Frau, die sich einer Zwangsheirat entzieht. Dabei folgt sie einem alten Brauch ihrer Region und schwört, bis zum Ende ihrer Tage jungfräulich zu bleiben und als Mann zu leben. Jahre später verlässt sie die Berge und zieht zu ihrer Schwester in Mailand. Wer nach acht Tagen auf der Berlinale noch nicht genug hat von schweigsamen Figuren in wunderschönen Landschaften, der sollte sich Sworn Virgin unbedingt auf den Plan setzen. Erwartet der geneigte Zuschauer eine wie auch immer geartete Betrachtung von Geschlechterbildern und -identitäten, so lauert in Bispuris Film die blanke Enttäuschung. Geistesabwesendes Schweigen und leere Blicke in die Landschaft sorgen eben nicht automatisch für profunde Ausdruckskraft, wenn auch Berlinale-Filme wie Sworn Virgin, The Gulls und der etwas bessere Ixcanul mit voller Überzeugung darauf getrimmt wurden. Einzig die beiden Film-Schwestern Alba Rohrwacher und Flonja Kodheli erfüllen den Film im letzten Drittel durch ihr feines, vertrautes Spiel mit Leben. Eine aufgesetzt wirkende Synchronschwimm-Metapher macht derweil dem schwangeren Iglu in Nobody Wants the Night Konkurrenz.

Wie der Stahl gehärtet wurde
Den Berlinale-Tag retteten zwei Filme aus der Retrospektive zum Thema Technicolor, die allen Lesern nur wärmstens ans Herz gelegt werden kann. Für 20th Century Fox drehte Jacques Tourneur (Goldenes Gift) 1951 Die Piratenkönigin mit Jean Peters als Captain Anne Providence, die härteste Frau auf den Weltmeeren, bis sie einen Franzosen (Louis Jourdan, der in diesen Jahren aussah wie eine Kreuzung aus George Clooney und Peter Krause) kennen lernt. Anne verliebt sich in den Charmebolzen und übersieht alle Warnzeichen. Aber wer kann einem Mann widerstehen, der das Blut einer heftigen Ohrfeige so lässig trägt wie Lippenstift? Schon bald ist auch Ex-Mentor Blackbeard (Thomas Gomez) hinter Anne her. Natürlich kann der nicht vorhandene Piratenfilmfan in mir kritisieren, dass die gesetzlose Kapitänin durch einen Mann zum Opfer ihre Gefühle gemacht und damit der Langeweile preisgegeben wird. Mit seinen knackigen 81 Minuten geht Tourneurs Film aber so flott vorüber, dass die Gefühlsduselei die Oberhand nicht lange behält. Jean Peters macht besonders in den Seeschlachten eine imposante Figur als entfernte Film-Verwandte von Artemisia (Eva Green) aus 300: Rise Of An Empire. Mit einem goldenen, von Edelsteinen bedeckten Kleid kann Tourneur zudem einen der herausragenden Schauwerte der diesjährigen Retro vorweisen. 3D ist da gar nicht nötig.

Der filmische Höhepunkt des Berlinale-Tages war allerdings der finanzielle Misserfolg An American Romance aus dem Jahr 1944, mit dem King Vidor eine Trilogie über Krieg (Die große Parade, 1925), Weizen (Unser tägliches Brot, 1934) und Stahl abschloss. In Steve Dangos wird der von Brian Donlevy gespielte tschechische Immigrant bei seinem ersten Job in einer Miene umbenannt. Von da an geht es dank Fleiß und Intelligenz bergauf für Dangos, der es zum Vorarbeiter in einem Stahlwerk und in den 1930ern schließlich auf den Chefsessel eines Automobilkonzerns bringt. Den amerikanischen Traum beschwört Vidor, wenn die frühe Skyline Manhattans im Nebel auftaucht und bald durch industrielle Bauten ersetzt wird, die wie das achte Weltwunder inszeniert werden. Amerikas industrielle Macht wird in bewundernden Außenaufnahmen gigantischer, in den Erdboden getriebener Mienen und den Horizont erdrückender Fabrikbauten visualisiert. Über alles erhaben sind die Aufnahmen von brodelndem Koks und glühendem Stahl, welche Dangos Eifer als Geschäftsmann komplementieren. Kein Citizen Dangos hat Vidor gedreht, denn nur der Widerstand gegen Gewerkschaften setzt den Self-Made-Man einmal ins negative Licht. Die Große Depression wird ganz ausgespart. Selbst als ein Sohn im Ersten Weltkrieg fällt, erfüllt Dangos dessen letzten Wunsch: endlich die US-amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Berlinale-Dialog zur interkulturellen Fortbildung: "You have a wench somewhere?" - "I'm a Frenchman." (Die Piratenkönigin)

Alle Berlinale-Tagebücher auf einen Blick:

Tag 10 mit Kon Ichikawa und dem verschobenen Frühling
Tag 9 mit dem Kleid aus Cinderella
Tag 8 mit Elser und An American Romance
Tag 7 mit Fifty Shades of Grey und Eisenstein in Guanajuato
Tag 6 mit Nasty Baby und Every Thing Will Be Fine
Tag 5 mit Als wir träumten und Redskin
Tag 4 mit Knight of Cups und Der Perlmuttknopf
Tag 3 mit Victoria und Der letzte Sommer der Reichen
Tag 2 mit Queen of the Desert und The Forbidden Room
Tag 1 mit Nobody Wants the Night und Hedi Schneider
Berlinale-Prolog


Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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