Im Uhrzeigersinn: The Pearl Button, Knight of Cups, Mr. Holmes, Virgin Mountain
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Im Uhrzeigersinn: The Pearl Button, Knight of Cups, Mr. Holmes, Virgin Mountain
Berlinale 2015

Berlinale Tag 4 - Christian Bale in Knight of Cups

Ein einsames "awful" und ein paar hartnäckige Bravo-Rufe sammelte Knight of Cups von Terrence Malick bei der gestrigen Pressevorführung ein. Ob letztere den paar Sekündchen mit Berlin-Bildern im Film zu verdanken sind, wurde bedauerlicherweise noch nicht investigativ untersucht. Erfreulich ist es natürlich, dass Malick sich dabei für den anmutigsten und am wenigsten umstrittenen Bau der ganzen Stadt entschieden hat: den Hauptbahnhof. Dabei ist der Wettbewerbsbeitrag für die Berlinale 2015 ein waschechter L.A.-Film.

Ritter der Kelche
Auf Hände, die über goldene Ähren streichen, müssen Malick-Fans in Knight of Cups verzichten. Kameramann Emmanuel Lubezki widmet sich stattdessen den Stahl- und Glaspalästen von Los Angeles, neondurchfluteten Clubs und spätsommerlichen Stränden, dazwischen wiederholt Myriaden von ineinander verschlungenen Highways und Tunnels, durch die Hollywood-Personalie Rick (Christian Bale) rast, ohne irgendwo anzukommen. Dieses Bild einer Stadt sorgt für einen ungewohnten, jedoch erfrischenden Kontext bekannter Malick-Motive. Sie werden in Bales von einem Trauma verfolgten Kreativen kanalisiert, der seinen Platz auf dieser Welt nicht findet, eine weitere Seele, ohne Flügel aus dem Himmel geworfen. Diese existenzielle Verzweiflung wurde wohl in keinem Malick-Film so vehement und wortreich verdichtet wie in Knight of Cups. Stärker noch als bei der unmittelbaren Verwandtschaft To the Wonder und The Tree of Life geht mit der Sinnkrise der Hauptfigur eine Fragmentierung des Films einher, die in Malicks Spielfilmschaffen so noch nicht zu sehen war.

Wie eine imaginäre Pilgerreise ordnet Malick Ricks Beziehungen an, darunter Ex-Frau (Cate Blanchett), Vater (Brian Dennehy), Bruder (Wes Bentley) und eine verheiratete Geliebte (Natalie Portman). Tarot-Karten als Kapitelüberschriften verweisen auf die seelischen Wegstationen Ricks: Der Turm, Das Gericht, Der gehängte Mann... Auf diesem Abstraktionsniveau bewegen sich alle Figuren im Film außer Rick. Als Verkörperungen seiner leidvollen und -bringenden Lebensabschnitte bleiben sie wesenlos. Wesenlos beispielsweise im Vergleich zu Brad Pitts gestrengem Vater in The Tree of Life oder Olga Kurylenkos Französin in der Neuen Welt in To the Wonder. Die hypnotisierende Kraft eines Tree of Life bleibt in den zwischenmenschlichen Szenen von Knight of Cups deswegen aus, und derer gibt es zuhauf. Indes passt emotionale Ödnis ganz gut zu den Außenkulissen, durch die Rick im Filmstudio spaziert, und noch viel besser zur Metropole, in der Knight of Cups spielt.

Der Kosmos in einem Tropfen
Der bisher beste Film im Wettbewerb der Berlinale 2015, Der Perlmuttknopf von Patricio Guzmán, wurde mir im Kino außerordentlich originell angekündigt. "Es gibt Leute hier im Saal, die kennen Guzmán überhaupt nicht", murmelt ein älterer Herr im Sitz neben mir und wendet sich vertraulich an mich: "Er ist ein Meister!" Zehn Minuten nach Filmbeginn schnarcht er friedlich in seinem Sessel. Seine Begeisterung für Regisseur Patricio Guzmán lässt sich nach Sichtung von Der Perlmuttknopf ohne Weiteres nachvollziehen.

2010 gelang es dem chilenischen Dokumentarfilmer in Heimweh nach den Sternen einen Bogen von astronomischen Entdeckungen zur Militärdiktatur unter Augusto Pinochet zu ziehen. "Wenn Wasser sich bewegt, ist der Kosmos beteiligt", wird in Der Perlmuttknopf erklärt. Fortan folgt Guzmán in assoziativen Übergängen dem Wasser auf einem Kometen bis zu den indigenen Bewohnern Patagoniens, die Kap Hoorn auf Kanus umrundeten, bevor die Bürokratie dem ein Ende bereitete. Manche dieser Völker glaubten, nach dem Tode würden sie sich in Sterne verwandeln. Ein Traum, den Guzmán mit der Magie des Films für Sekunden erfüllt. Er selbst schildert eine frühe Erinnerung an das Meer. Ein Schulkamerad sprang von Klippe zu Klippe und ertrank. "Er war mein erster Verschwundener", heißt es aus dem Off. Er wird es nicht bei dieser Referenz zu den Verbrechen der Militärdiktatur belassen.

Eine Geschichte Chiles zieht Patricio Guzmán in Der Perlmuttknopf wundersam aus einem Tropfen Wasser und es ist eine Geschichte der Gewalt. Den ausladenden Bildern des Kosmos, der Gletscher, Berge und flimmernden Meeresoberfläche begegnet Guzmán mit Fotos niedergemetzelter Stammesangehöriger. Preise werden genannt, die Indio-Jäger für ein Ohr, eine Brust, einen Hoden auf dem Markt zu erwarten hatten. Vom Genozid durch die Siedler in Patagonien zieht Guzmán so in seinem bewegenden, aber nicht effektheischenden dokumentarischen Essay eine Linie zur systematischen Verschleppung und Ermordung Tausender Chilenen unter Pinochet.

Von Bienen und Wespen
Verglichen mit Knight of Cups und Der Perlmuttknopf, die sich beide mit der Rolle des Menschen im Universum befassen, ist Mr. Holmes an Belanglosigkeit nicht zu übertreffen. Ian McKellen und Bill Condon widmeten sich 1998 in Gods and Monsters dem Filmregisseur James Whale. Rund 17 Jahre später ist der Meisterdetektiv Sherlock Holmes (McKellen) dran. "Fiktion ist wertlos", davon ist Holmes überzeugt. Im hohen Alter von 93 Jahren treibt ihn dieses Postulat dazu, seinen letzten Fall noch einmal durchzugehen. Denn Holmes kann sich an die Details nicht erinnern. Je nachdem, wie der Zuschauer zu professioneller Fan-Fiction dieser Art steht, wird Mr. Holmes entweder als Affront gegen Arthur Conan Doyle ausgelegt werden oder nur gegen den berühmtesten Detektiv der Literaturgeschichte. Was, nebenbei bemerkt, keinesfalls Ian McKellen anzulasten ist, der Mr. Holmes in Verbund mit Laura Linney erträglich gestaltet. Ein leidlich fesselnder Fall, aufgehübscht mit wahllosen Verweisen auf Conan Doyles Werk, zwingt Sherlock Holmes in Condons Film zu einer ungeheuer banalen Selbsterkenntnis im Alter. Aus erstickend respektvoller Distanz konzipiert, werden Ian McKellens tiefe Furchen, die echten und falschen Zeichen seiner Alterung durch die Kamera als Rettungsanker in Beschlag genommen. Denn mal ehrlich: Es gibt Schlimmeres, als 100 Minuten das Gesicht von Ian McKellen anzuschauen.

Im Falle des isländischen Berlinale-Special-Beitrags Virgin Mountain erschließt sich die Qualität eher aus den vermiedenen Katastrophen. Der introvertierte und übergewichtige Fúsi (Gunnar Jónsson) lebt noch bei Muttern und bekommt zum Geburtstag einen Gutschein für einen Line-Dancing-Kurs geschenkt. Dagur Kári, der mit Nói albinói international bekannt wurde, schlachtet die Physis seiner Hauptfigur allerdings nicht für schlechte Gags aus und eine erheiternde Komödie über Teamarbeit mit Dolly Parton-Begleitung erwartet die Zuschauer ebenfalls nicht. Fúsi, der daheim gern die Schlacht von El Alamein nachstellt, springt das Glück nicht in die Arme, nur weil er in der leisen Tragikomödie endlich einen Fuß vor die Tür setzt. Dafür muss er schon etwas länger auf Reisen gehen.

Berlinale-Motivationsspruch des Tages: "You're like a 1976 housewife who takes steroids and fucks girls during the day." (Knight of Cups, so ungefähr)

Alle Berlinale-Tagebücher auf einen Blick:

Tag 10 mit Kon Ichikawa und dem verschobenen Frühling
Tag 9 mit dem Kleid aus Cinderella
Tag 8 mit Elser und An American Romance
Tag 7 mit Fifty Shades of Grey und Eisenstein in Guanajuato
Tag 6 mit Nasty Baby und Every Thing Will Be Fine
Tag 5 mit Als wir träumten und Redskin
Tag 4 mit Knight of Cups und Der Perlmuttknopf
Tag 3 mit Victoria und Der letzte Sommer der Reichen
Tag 2 mit Queen of the Desert und The Forbidden Room
Tag 1 mit Nobody Wants the Night und Hedi Schneider
Berlinale-Prolog

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.
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