Im Uhrzeigersinn: Taxi, Queen of the Desert, The Forbidden Room, 45 Years
© Berlinale, Jafar Panahi Film Productions, Benaroya Pictures, Phi Film, The Bureau
Im Uhrzeigersinn: Taxi, Queen of the Desert, The Forbidden Room, 45 Years
Berlinale 2015

Berlinale Tag 2 - Alle Männer lieben Nicole Kidman

Eine Taube sitzt auf dem Bordstein und denkt über ihre Existenz nach. Das ist leider kein neuer Franchise-Eintrag von Roy Andersson, sondern das Bild, welches der Potsdamer Platz früh morgens um acht abgibt. In anderen Teilen der Stadt herrscht um diese Zeit schon geschäftiges Treiben, nicht nur während der Berlinale 2015. Der Potsdamer Platz ist das Stundenhotel unter den Stadtzentren. Ins Kino gehen, Blue Man Group gucken, Filmmuseum durchstreifen und schnell wieder weg, lautet das Programm. In der Früh flieht vereinzelt ein Coffee-to-go-Becher durchs Bild, im Februar flattern rote, blaue oder graue Akkreditierungskärtchen über den Marlene-Dietrich-Platz. Da gehört es angesichts dieser unpersönlichen Stahl-Glas-Tristesse zu den Vorzügen der Berliner Festival-Jahreszeit, wenn man sogleich in die Fremde entführt wird. Am zweiten Tag der Berlinale führte die Expedition als Kontrastprogramm zum unterkühlten Eröffnungsfilm in die syrische Wüste, nach Teheran, ein englisches Dorf, die geheime Welt der verlorenen Filme und schließlich auf den Mississippi.

Selbstbildnis vor Wüstenlandschaft
Mit echtem Durst oder brennender Hitze wird sich in Queen of the Desert von Werner Herzog reichlich wenig beschäftigt. Und das obwohl Heldin (und über diesen Status gibt es keinerlei Diskussion) Gertrude Bell (Nicole Kidman) sich in eine der unwirtlichsten Landschaften der Erde aufmacht. Queen of the Desert ist in vielerlei Hinsicht ein bizarres Werk. James Franco, um mal mit dem Offensichtlichen zu beginnen, spielt die große Liebe Bells und darf seine Seele in absolut profunden Dialogen ausschütten ("I love the birds here. I come here for the birds."). Kidman gegenüber wirkt Franco niemals ebenbürtig, was zum Film passt. So gut wie jede Figur ereilt das selbe Schicksal. Herzogs Wettbewerbsbeitrag heißt schließlich nicht People of the Desert. Dass Franco allerdings spielt, als würde hinter seinen Augäpfeln alles ein bisschen langsamer vonstatten gehen, ist in diesem Historienepos alter, heißblütiger Schule deplatziert.

Altmodisch wirkt Queen of the Desert, so modern Gertrude Bells Streben nach Selbstbestimmung in mehreren patriarchalen Gesellschaften auch ist und Herzog zollt diesem Eigensinn hinreichend Tribut. Andere Verbeugungen finden sich im Score von Klaus Badelt, der Maurice Jarres Kompositionen für Lawrence von Arabien in Erinnerung ruft. Altmodisch wirkt Queen of the Desert nämlich insbesondere im Vergleich zu David Leans Klassiker. Robert Pattinson gibt hier einen jungenhaften, linkischen T.E. Lawrence, eine gelungene Distanzierung zum unerreichten Peter O'Toole. Das komplexe psychologische Drama, überhaupt die charakterliche Wandlung, die Leans Lawrence durchzumachen hat, ist Herzogs Sache nicht. Gertrude Bell ist in Queen of the Desert eine durch und durch romantisierte Heldin in einer durch und durch romantisierten Geschichte. Eine tiefe Liebe soll Bell für die verschiedenen Völker in Vorderasien hegen, das Drehbuch interessiert sich jedoch nur für erhabene Scheichs und gütige Diener, die vor Bell sinnbildlich auf die Knie fallen. Die Heimat in der Fremde wird in Queen of the Desert ungeachtet anders lautender Ideale genau das: zackige Offiziere und melancholische Spieler in Kolonialbauten. Wenn hinterfragt werden könnte, wird überhöht. Gleichzeitig ist wegen der vielen fabelhaften One-Liner oft nicht auszumachen, ob überhaupt ein Funken Ernst in diesem Film stecken soll oder Herzog uns nur an der Nase herumführt. Politisch betrachtet funktioniert Queen of the Desert in einem Aspekt ganz besonders gut: als Selbstbildnis kolonialistischer Herrscher.

Intime Welten
Ins Teheran von heute entführt uns ein anderer, sehr realer Mutiger der Filmgeschichte. Taxi vom iranischen Regisseur Jafar Panahi wurde wie schon Closed Curtain trotz seines Berufsverbots in seinem Heimatland gedreht. Panahi alias Panahi fährt in dem kurzweiligen Film als (nicht besonders guter) Taxifahrer durch die iranische Hauptstadt und lädt unterwegs verschiedene Leute auf. Seine brabbelnde Nichte ist dabei, die einen "zeigbaren Film" drehen will, wie es ihre Lehrerin erklärt hat. Bloß keine Schwarzmalerei und persische Namen dürfen die Helden sowieso nicht haben. Panahis Anwältin schenkt ihm eine Rose, zwei ältere Damen überlassen ihr Schicksal Goldfischen, die sie unbedingt bis 12 Uhr in eine Quelle bringen müssen, sonst sterben sie (die Damen, nicht die Goldfische, wobei letztere beinahe tatsächlich sterben). Politische Diskussionen reihen sich in dem unterhaltsamen Untergrund-Werk an solche über die Unmöglichkeiten des Filmemachens im Iran. Wenn in Panahis Auto illegal westliche Filme und Serien vertickt werden (The Walking Dead Staffel 5!), dient das Taxi als Mikrokosmos einer Gesellschaft neben der Gesellschaft und deren Freiheitsdrang scheint ungebrochen.

Intime Welten, die zwei Menschen miteinander teilen, sind die Sache von Andrew Haigh (zum Porträt), der bei der Berlinale den dritten Wettbewerbsbeitrag des Tages vorstellte. 45 Years ist ein Film der Kleinigkeiten: verletzende Besserwisserei zum falschen Zeitpunkt, das Pfeifen des Windes auf dem Dachboden oder leere Wände verwandeln sich in dem erfrischend unspektakulären Ehedrama zu Wegweisern, welche direkt in eine Krise führen. Geoff (Tom Courtenay) und Kate (Charlotte Rampling) wollen bald ihren 45 Hochzeitstag feiern, da erhält der Ehemann eine Nachricht aus der Vergangenheit: Vor 50 Jahren stürzte seine Freundin in einen Felsspalt in der Schweiz, nun wurde ihr Körper perfekt konserviert im Gletschereis entdeckt. Katya hieß sie und Katya wird Kate von nun an nicht loslassen, genau wie die Fotos im Koffer auf dem Dachboden und die ungeschmückten Wände im Wohnzimmer. Mit dem abwesenden Leichnam eröffnet sich Kate und Geoff von jetzt auf gleich die Vorstellung eines anderen Lebens. Nicht dessen möglicher Verlauf macht Kate Angst und bringt Geoff in Unruhe, sondern die reine Möglichkeit nach 45 geradlinigen Jahren Ehe. Wie gewohnt konzis in Drehbuch und Inszenierung, fährt Andrew Haigh in 45 Years famoses Schauspielkino auf, mit einer Charlotte Rampling, deren ganzes seelisches Fundament in den 93 Minuten zu zerbröckeln scheint.

Udo kommt
Gleich nach 45 Years war Rampling am zweiten Festivaltag nochmal zu sehen. Guy Maddin ist extra nach Berlin gekommen, um The Forbidden Room vorzustellen, in dem Rampling neben vielen bekannten europäischen Charakterdarstellern eine kleine Rolle hat. Maddins neuer Spielfilm ist ein 130 Minuten langer Bildersog, der seine Geschichtenfragmente wie eine Matrjoschka-Familie anordnet. Ein Mann erklärt, wie man ein Bad nimmt; eine U-Boot-Besatzung kämpft ums Überleben; ein Holzfäller muss seine Gebliebte retten, ein anderer erinnert sich, wie er sich an eine Geschichte erinnert hat usw. Das klingt nach Chaos, unterliegt aber einem nachvollziehbaren Ordnungsprinzip. Der Clou an der Sache ist, dass Maddins Geschichten alle aus echten Drehbüchern verlorener Stummfilme stammen. So ist denn auch Amnesie das wiederkehrende Element in dem herrlich absurden The Forbidden Room, welcher die Ästhetik sich zersetzenden Filmmaterials bezeichnenderweise mit digitalen Mitteln imitiert. Eingeleitet wurde das Screening durch Udo Kier persönlich ("Ich wollte schon immer einen Bären haben.") und abgerundet von einer informativen Fragerunde mit Guy Maddin und Co-Regisseur Evan Johnson, die beide unterschiedliche Inspirationsquellen angaben: Der Film Noir The Locket von John Brahm (Maddin) und das Werk des Schriftstellers Raymond Roussel (Johnson).

Zum Abschluss des Festival-Tages geht es auf ein Show Boat auf dem Mississippi mit Ava Gardner und Kathryn Grayson. Das 1951 veröffentlichte Musical von George Sidney machte dem Aufhänger der diesjährigen Retro alle Ehre. Da singt Gardner über ihre schwierige Liebe, steht in einem gelb-rot-grün-karierten Kleid an der Rehling und ihre Gefühle nehmen das Umland förmlich in Besitz, das sich in den selben Tönen zeigt. Psychologisierend wird die Farbe in der melodramatischen Südstaaten-Fantasie eingesetzt. In den ruhigen Gesangsszenen lassen Kamera und Schnitt dennoch zuallererst Zeit, die Kostüme in all ihren Verzierungen und Schattierungen aufzusaugen. Dabei krankt die Geschichte an der Zweiteilung des Plots, bei der ausgerechnet Gardner zu kurz kommt. Alle rennen zu Beginn dem Show Boat begrüßend entgegen, schwarze Baumwollpflücker und gutbetuchte Weiße, was den fehlgeleiteten Mythos einer ganzen Region verkürzt in Bilder fasst. Am Ende legt es ab, nur Gardner, deren Eltern aus beiden Welten stammen, muss an Land bleiben.

Berlinale-Lebensweisheit des Tages: "If you cry a lot, you must pee much less." (Queen of the Desert)

Alle Berlinale-Tagebücher auf einen Blick:

Tag 10 mit Kon Ichikawa und dem verschobenen Frühling
Tag 9 mit dem Kleid aus Cinderella
Tag 8 mit Elser und An American Romance
Tag 7 mit Fifty Shades of Grey und Eisenstein in Guanajuato
Tag 6 mit Nasty Baby und Every Thing Will Be Fine
Tag 5 mit Als wir träumten und Redskin
Tag 4 mit Knight of Cups und Der Perlmuttknopf
Tag 3 mit Victoria und Der letzte Sommer der Reichen
Tag 2 mit Queen of the Desert und The Forbidden Room
Tag 1 mit Nobody Wants the Night und Hedi Schneider
Berlinale-Prolog


Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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