Im Uhrzeigersinn: Under Electric Clouds, Every Thing Will Be Fine, Queen of Earth, Nasty Baby
© Berlinale, Metrafilms, Warner, Fabula, Forager Films
Im Uhrzeigersinn: Under Electric Clouds, Every Thing Will Be Fine, Queen of Earth, Nasty Baby
Berlinale 2015

Berlinale Tag 6 - Wim Wenders zeigt James Franco in 3D

Wenn einem Armin Mueller-Stahl an der Garderobe einen mitleidigen Seitenblick zuwirft, kann das nur eines heißen: Die Halbzeit des Festivals ist durch und die in wissenschaftlichen Journalen umfangreich dokumentierte Berlinale-Erkältung fordert immer mehr Opfer. Atmosphärisch halb Contagion, halb pulmonale Stummfilmbegleitung, macht sich ihre Ausbreitung morgens bei den Pressevorführungen bemerkbar. Bei Under Electric Clouds von Aleksey German Jr. kam gestern noch das dumpfe Knallen der Saaltüren hinzu und bei Wim Wenders' außer Konkurrenz laufendem Every Thing Will Be Fine das Rascheln der 3D-Brillen-Beutelchen.

"Can you not do anything properly?"
Wenn Charlotte Gainsbourg vor den Augen von James Franco ein Buch von William Faulkner verbrennt, haben wir in Every Thing Will Be Fine das ungeheuerlichste Stück Meta-Kritik des diesjährigen Berlinale-Programms vor uns. Das sage ich mit dem Wissen, nicht alle Berlinale-Filme gesehen zu haben, dafür aber Every Thing Will Be Fine, und das genügt mir als Beweis. Wim Wenders hat den löblichen Versuch unternommen, ein konventionelles Drama in 3D zu drehen, löblich weil die fehlenden Schauwerte die Kreativität des Filmemachers herausfordern. Was Wenders' Regie in einzelnen Szenen auch zu nutzen weiß. Wenn sich Schriftsteller Thomas (James Franco) in seinem eigenen Haus nicht mehr sicher fühlen kann, so auch, weil die vervielfachte räumliche Tiefe uns einen festnagelnden Blick durch den ganzen Garten bis ins Wohnzimmer ermöglicht.

Von diesen Licht- oder sagen wir besser: Raumblicken abgesehen wird kaum etwas wieder gut. Die Schuld- und Sühne-Geschichte selbst scheint den Aktenvernichtern von Atom Egoyan oder Alejandro González Iñárritu entwendet worden zu sein. Ein Schriftsteller überfährt einen Jungen, stürzt in eine Krise, wird erfolgreich, doch das Ereignis lässt ihn nicht los. Über zehn Jahre zieht sich das in Every Thing Will Be Fine hin, ausgetragen nach dem Credo: Jede Szene ist wichtig. Aufgeblasen und lethargisch schleppt sich das Drehbuch durch Thomas' Läuterungsprozess, weshalb Schauspieler wie Rachel McAdams und Charlotte Gainsbourg durch vorgeblich dramatische Szenen schlafwandeln. Zwei Dinge machen von Anfang an stutzig: Das prätentiöse Wortspiel im Titel und Francos wiederholtes "everything will be fine" kurz vor einer Tragödie. Wenigstens bleibt uns der Faulkner-Burn.

Ein Heulgesicht zum Niederknien
"I could murder you right now and no one would notice", flüstert eine vergnügt lächelnde Elisabeth Moss in Queen of Earth. Der neue Film des amerikanischen Independent-Regisseurs Alex Ross Perry (Listen Up Philip, The Color Wheel) ist ein Thriller, keine Frage, nur ist lange unklar, ob sich beide Parteien in dem Kammerspiel dessen gewahr sind. Catherine (Elisabeth Moss) zieht für eine Weile ins Haus ihrer besten Freundin Virginia (Katherine Waterston). Ihr Künstler-Vater hat sich das Leben genommen, ihr Freund verlässt sie und nun bleibt Cat nur Virginia. Irgendwo zwischen Persona und Blue Jasmine angesiedelt, ist Autor und Regisseur Perry ein bemerkenswertes Doppelporträt gelungen, mit Dialogen, so schnell können wir die stattfindende Zerfleischung kaum verarbeiten. Voneinander abhängig sind Cat und Virginia als Vertraute, als Felsen in der Brandung und in ihrer Sucht nach einem Gefühl der Überlegenheit. Da schießen die verletzenden Spitzen und Erniedrigungen wie Schmetterbälle über den Wohnzimmertisch. Während sich Elisabeth Moss als seelisch bloßgelegte Cat in Paranoia, bildet die nüchterne Katherine Waterston als Virginia den Fixpunkt ihrer Ängste in diese beschaulichen Haus am See. Zwei großartig aufspielende Schauspielerinnen, die 70er Jahre-Thrillern ähnelnde Kameraführung von Sean Price Williams (auf 16mm!) und die ätherisch-unheimliche Musik von Keegan DeWitt runden das erschütternd lustige Bild ab.

Amerikanisches Indie-Kino zum Zweiten gab es gestern im Panorama mit Nasty Baby von Sebastián Silva (Magic, Magic). Im Vordergrund wackelt sich die Kamera durch eine charmante Hipsterdramödie über einen schwulen Künstler (Silva), der mit seinem Lebensgefährten (Tunde Adebimpe) und seiner besten Freundin (Kristen Wiig) ein Kind kriegen will. Er äfft in seinem neuen Stück Videokunst Babies nach, was genauso doof aussieht, wie es klingt. Bei genauerem Hinsehen verbirgt sich schon hier die Crux des janusgesichtigen Films. Denn ob die drei Freunde dem Elternwerden gewachsen sind, ihr Zusammenhalt, ihre Disziplin, das wird in Nasty Baby aufs perfideste getestet. Unter der Oberfläche der Dramödie wackelt die psychologische Eskalation mit. Man wünscht sich nur, Silva würde seinen Genre-Kopfstand ein wenig länger durchhalten. Der Gimmick-Vorwurf liegt nahe.

"Ekelhaft süß" nennt Silvas Künstler die liebesbedürftigen Gesichter von Menschen- und Tierbabys. Eine entsprechende YouTube-affine Szene findet sich im Film: Ein Kätzchen legt seine Tatze scheu auf die Stirn seines Besitzers, der ein Bad nimmt. Beide blicken sich in tiefster Verbundenheit an. Später klebt Blut an der Tatze.

Unter elektrischen Wolken
7 Kapitel, 2 Jahre in der Zukunft, 100 Jahre nach der Oktoberrevolution: Das ist Under Electric Clouds von Aleksey German Jr.. Der Wettbewerbsbeitrag lief gestern als erstes, viele Stunden später will sich trotzdem keine klare Haltung zu dieser verschneiten Dystopie aus Russland ergeben. Spaziergänge durch das Ende der Zeiten geben den elektrischen Wolken Struktur, begleitet von philosophischen Wortwechseln, entweder plakativ, bis man sich die Augen ob der Untertitel reibt, oder dermaßen vage, dass Schulterzucken die überschwänglichste Reaktion bildet. Mit seinem Geschlender zwischen heruntergekommenen Lenin-Statuen und Kapiteltiteln wie "Lange Träume eines Anwalts für Grundstücksrecht" geht Under Electric Clouds glatt als unfreiwillige Parodie des Autorenfilms der 60er und 70er durch. Nichtsdestotrotz war ich zu keiner Zeit gelangweilt. Das mag an den exquisiten Bildern des postkulturellen Brachlands vor einem Horizont der Malls und Fabriken liegen oder der erforderlichen Denkleistung, lässt man sich auf Germans Ansatz ein. Nicht alle Hinweise auf die russische bzw. sowjetische Geschichte und Literatur erschließen sich, die niederschmetternde intellektuelle Eiszeit, welche den unvollendeten Wolkenkratzer im Zentrum des Films umgibt, ist unübersehbar.

Die Berlinale-Beleidigung des Tages: "You are why depression exists." (Queen of Earth)

Alle Berlinale-Tagebücher auf einen Blick:

Tag 10 mit Kon Ichikawa und dem verschobenen Frühling
Tag 9 mit dem Kleid aus Cinderella
Tag 8 mit Elser und An American Romance
Tag 7 mit Fifty Shades of Grey und Eisenstein in Guanajuato
Tag 6 mit Nasty Baby und Every Thing Will Be Fine
Tag 5 mit Als wir träumten und Redskin
Tag 4 mit Knight of Cups und Der Perlmuttknopf
Tag 3 mit Victoria und Der letzte Sommer der Reichen
Tag 2 mit Queen of the Desert und The Forbidden Room
Tag 1 mit Nobody Wants the Night und Hedi Schneider
Berlinale-Prolog


Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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