Star Wars ist tot: The Mandalorian und Das Buch von Boba Fett sind der Beweis

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Star Wars: Das Buch von Boba Fett
26.02.2022 - 09:30 UhrVor 9 Monaten aktualisiert
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Star Wars hat mit The Mandalorian und Das Buch von Boba Fett nur oberflächlich zu alter Stärke gefunden. Das Franchise entwickelt unter Disney gewaltige Probleme.

Vor zehn Jahren geschah das Undenkbare: George Lucas, der Erfinder und alleinige Herrscher der Star-Wars-Reihe, gab sein Lebenswerk in die Hände von Disney. Seitdem erleben wir eine Renaissance in Sachen Star Wars.

Wir bekamen eine komplett neue Filmtrilogie, die aus der Originalreihe und den Prequels fortan die Skywalker Saga machte. Es gab mit Rogue One: A Star Wars Story und Solo: A Star Wars Story eigenständige Anthology-Filme. Die verschiedenen Projekte ließen Herzen höher schlagen (Episode 7), spalteten die Fans (Episode 8 und 9) und überraschten mit bisher unbekannten Neben- und Vorgeschichten (Rogue One und Solo).

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Disney+ führt Star Wars in eine besorgniserregende Zukunft

Der Start von Disney+ Ende 2019 leitete die nächste Schritte in der Star Wars-Evolution ein – und führt das Franchise seither in eine besorgniserregende Richtung. Viele Fans sehen in The Mandalorian und Das Buch von Boba Fett das beste Star Wars seit Jahren, wenn nicht sogar seit der Übernahme von Disney. Ich sehe das anders. Ich sage: Star Wars ist tot. Denn das neue Serien-Universum von Disney+ ist nach vielversprechenden Startschüssen in einem selbstzerstörerischen Strudel aus Fanservice, zwanghaftem Universumsaufbau und Nostalgie gefangen, der noch schlimmer ist als jeder Sarlacc-Pit.

Wie konnte es zu dieser Star Wars-Entwicklung kommen?

Mit dem Start der Streamingplattform Disney+ löste der Micky-Maus-Konzern ein Versprechen ein, das selbst George Lucas in all den Jahrzehnten nicht umsetzen konnte: Star Wars im Live-Action-Setting als TV-Serie. Das Team rund um Jon Favreau und Dave Filoni feuerte mit der ersten Staffel von The Mandalorian aus allen Blaster-Rohren: Charaktere wie Din Djarin (Pedro Pascal) sind vielschichtig und stark besetzt. Die Tricktechnik überrascht und überzeugt nicht nur durch die Baby-Yoda-Puppe. Die Inszenierung mit der Musik von Ludwig Göransson und den Special Effects von Industrial Light & Magic sind auf gewohnt hohem Niveau.

Damit zeigen Favreau, Feloni und das Autor:innen-Team, dass sie mit viel Selbstbewusstsein im Star-Wars-Mythos mitmischen können. Anders als im Kino schien auf Disney+ die Übergabe der Star-Wars-Fackel an ein neues Produktionsteam geglückt. Doch dann passierte, was bei Star Wars wohl immer geschehen muss: Ein Übermaß an Fanservice zertrampelt jedes Aufkeimen neuer Blüten.

The Mandalorian versteht Star Wars nicht mehr

Das allgemeine Problem der Star Wars-Disney+-Serien wird schon in der zweiten Staffel von The Mandalorian sehr deutlich. Während die Serie zu Beginn noch selbstbewusst neue Pfade gehen durfte, ist die zweite Staffel gespickt mit Charakteren, Gegenständen und Momenten, auf die Fans mit dem Finger zeigen und “Das kenne ich!” rufen sollen. Mando verlor seine Eigenständigkeit.

Die letzte Folge der zweiten Mandalorian-Staffel zeigt dann endgültig, wie zu viele Selbstreferenzen dem Storytelling schaden. Denn hier findet nicht nur die ungewöhnliche Abenteuerreise von Din Djarin und Grogu ihren vorläufigen Höhepunkt. Im emotionalen Finale muss sich das Adoptiv-Duo voneinander verabschieden – und sich seine wohl wichtigste Szene mit einem wenig überzeugenden Retorten-Luke-Skywalker teilen.

Luke Skywalker, Boba Fett und die Zukunft von Star Wars | The Mandalorian Staffel 2 Folge 8
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In diesem Moment beweist The Mandalorian, dass es die Magie von Star Wars (nicht mehr) versteht: Hinter jedem noch so coolen Helm steckt ein liebevoller Vater. Jede noch so putzige Gummifigur kann das Publikum zu Tränen rühren.

Doch das alles verpufft innerhalb von Sekunden, wenn nach dem nächsten Schnitt ein per Computer verjüngter Mark Hamill, an die Stelle eines Körperdoubles gebastelt und mit einer zusammengepuzzelten Kunststimme das gesamte Scheinwerferlicht für sich beansprucht. Dann verdrängen leere Computer-Pixel jeden Anflug von Emotionalität. Die Serie opfert hier die Integrität seiner Story für einen Cameo, den die Fans feiern und bei Twitter teilen sollen.

Das Buch von Boba Fett ist keine eigenständige Serie, sondern Spin-Off-Futter für Star Wars Fans

Und leider besteht das gesamte Buch von Boba Fett aus zerrissenen Momenten dieser Art. Das kreative Team von Favreau und Feloni legt nicht einmal zu Beginn ein emotionales Fundament für die Titelfigur. Es lenkt – ja, das ist möglich – mit noch mehr Cameos für die Instagram- und Twitter-Timelines, mit weiteren nostalgischen Verweisen auf Star-Wars-Skurrilitäten und unnötigen Zusammenführungen der bisherigen Star-Wars-Serien vom eigentlichen Geschehen ab.

Wir können kaum mit Boba Fett mitfiebern, weil er zwischendurch aus seiner eigenen Serie verschwindet. Und das nur, damit

  • wir den Beginn der dritten Mandalorian-Staffel als Teaser bewundern können
  • wir die neuesten Errungenschaften der Computertechnik durch unseren Fake-Luke bestaunen sollen
  • und wir mindestens drei versteckte Pilotfolgen der nächsten zwölf Star-Wars-Spin-Off-Serien präsentiert bekommen.

Wie The Book of Boba Fett ausgeht, ist dann fast schon egal.

Die Zukunft von Star Wars zeigt: Es geht nicht um neue Ideen, sondern alte Lieblinge

Das sieht zwar alles schön aus, hört sich toll an und liefert für viele Star-Wars-Fans genug Gesprächsstoff für die nächsten Wochen und Monate. Für alle anderen bleibt es aber leider inhaltlich leer, emotionsarm und am allerschlimmsten: langweilig.

Ein Ausblick auf die nächsten Projekte bestätigt den Eindruck: den Verantwortlichen sind Wiedererkennungswerte wichtiger als Originalität. Mit Obi-Wan Kenobi holt Disney einen der beliebtesten Charaktere aus der Prequel-Mottenkiste zurück. Frische Projekte wie Rogue Squadron von Petty Jenkins hingegen verschieben sich. Auch die versprochene Trilogie von Rian Johnson, der wie kein anderer für frischen Wind im Star Wars-Universum steht, wird seit mehr als vier Jahren einfach totgeschwiegen.

Star Wars-Fan Yves sieht das ähnlich

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Ein Star-Wars-Universum, dass sich fast ausschließlich an die eigenen Hardcore-Fans richtet, das sich selbst als einzige Bezugsquelle ansieht und dabei immer wieder um die gleichen Charaktere, Orte und Erzählzeiten kreist, hat mit dem eigentlich Geist von Star Wars nichts mehr zu tun.

Vorbei sind die Zeiten von George Lucas und seinen persönlichen Kindheitsgeschichten, die er mit seiner Sternen-Saga durch den Remix-Wolf jagte und dabei Popkultur für ganze Generationen erschuf und veränderte. Star Wars hatte einst etwas zu erzählen, war dabei stets an Neuem interessiert und hinterließ bleibende Eindrücke in jedem Kinderzimmer. Diese Zeiten sind unter Disney vorbei. Stattdessen gibt es heute die sorgsame Pflege eines Franchise-Portfolios für Disney-Aktionär:innen.

Das hat Star Wars nicht verdient.

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Was meint ihr zur neuen Ausrichtung von Star Wars auf Disney+? Zu viel Fanservice oder genau die richtige Portion Nostalgie?

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