JarvisBln - Kommentare

Alle Kommentare von JarvisBln

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    JarvisBln 24.08.2021, 12:37 Geändert 24.08.2021, 12:39

    Auch wenn dieser selten gezeigte Film sicher kein Meisterwerk ist, lohnt sich der Blick auf ihn dennoch. Das Setting ist ein Güterhafen, grau-düster ragen die Kräne in den Himmel, dort treibt sich eine Bande Jugendlicher (im damaligen Jargon Halbstarke) herum, ihre Familien bieten ihnen keinen Rückhalt, sie sind noch auf der Suche nach sich selbst und einer (auch sexuellen) Identität und sie klauen Whiskey und Zigaretten aus den Lagerhäusern zum verhökern.
    Als sich eine Gruppe Roma (nicht frei von Klischees dargestellt, aber im Gegensatz zu den Jugendlichen identitätsstark) auf ihrem Platz, den sie als Versteck für ihre Diebesware nutzen, niederlässt kommt es zum Konflikt zwischen den beiden marginalisierten Gruppen. Die Situation eskaliert, es kommt zu Vergewaltigungen und letztendlich Mord.
    Gute Schauspieler_innen tragen den Film, allen voran Marina Vlady (mal burschikos, mal ganz junge Frau im fliegenden Wechsel) und Giani Esposito mit ihren unsicheren, gruppenübergreifenden Annäherungen.

    • 6

      Nonnen und Kinder, eine Mischung, die schnell zu süsslichem Kitsch werden kann. Hier aber ganz anders: Italien 1943, ein Nonnenkloster, deren Insassinnen jüdische Kinder aus einem benachbartem Lager herausschmuggeln (die italienische Lagerleitung drückt ein Auge zu). Als die Deutschen das Lager kontrollieren ist es aus mit den Duldungen, die Nonnen drohen aufzufliegen. In weiten Teilen fast naiv und dem Mainstream verpflichtet erzählt (die Nonnen sehen viel zu gut aus, die Kinder machen grosse Augen), werden geschickt dramaturgische Gegenpole gesetzt, und wenn zu Jom Kippur die Waisen die Namen ihrer verstorbenen Verwandten zum Gedenken aufschreiben sollen, will die Liste kein Ende nehmen, eine erschütternde Szene. Und zum Schluss gibt es noch klassischen Suspense.
      Ein gelungenes Beispiel der Beschäftigung mit dem Holocaust im Mainstreamkino, und offensichtlich kaum bekannt, es ist die erste Bewertung hier.

      • 7

        "Zwei lustige Matrosen", so ein Teil des österreichischen Titels, rückübersetzt also "Two gay sailors" trifft die Sache ganz gut, auch wenn die beiden Matrosen das Interesse an ihren Körpern nur über Schlägereien ausdrücken können. Ein treffendes Zitat: "Kein Homosexuellen-Film, sondern ganz naiv, ganz offen die homosexuelle Komponente der Gesellschaft dargestellt, in der die Männer den Ton angeben. Mit Louise Brooks als Störfaktor." (Frieda Grafe, Filmtipps 7.9.1982)

        • 6
          JarvisBln 07.07.2021, 11:50 Geändert 07.07.2021, 11:53

          Der Film wird nicht müde zu betonen, dass wir uns in einer Männer(grossgeschrieben)welt befinden, sei es die Finanzwelt in Paris oder der Ingenieur beim Staudammbau in Argentinien. Die Garbo muss sich in dieser Welt behaupten, die Konfliktlinie verläuft zwischen Ökonomie und Begehren, die Bauarbeiter in Argentinien verwirrt sich mit ihrem ungebrochen glamurösen Auftreten, während sich die Männer die Rücken blutig peitschen und den Staudamm in die Luft sprengen. Auch hier (wie schon in "Flesh and the Devil") kann die verführerische Frau nur eine Teufelin sein, die im Schlussbild dann ihren Jesusmoment hat.

          • 7 .5
            über Es war

            Achtung: Enthält SPOILER
            Leo von Harden und Ulrich von Eltz (!) haben als Knaben auf der Insel der Freundschaft Blutsbrüderschaft geschlossen. Ihre Bindung geht jedoch über das Kumpelhafte hinaus, ihre Umarmungen sind immer einen Zacken zu lang und sind inszeniert wie Vorbereitungen auf Kussszenen, zu denen es aber nie kommt. Kurzum: Eine deutlich homoerotisch geprägte Männerbeziehung.
            Auftritt Greta Garbo: Wie eine moderne Anna Karenina steigt sie aus einem Eisenbahnabteil, Leo erblickt sie und und ist ihr schon verfallen. "When the devil cannot reach us through the spirit... He creates a woman beautiful enough to reach us through the flesh". Die Garbo als passive Schönheit, wunderbar fotografiert, wie auch der ganze Film visuell grossartig ist, wenn ihr Leo Feuer gibt, erleuchtet das Streichholz ihr Gesicht, eher heilig als teuflisch (angeblich hatte er eine Glühbirne in der Hand) oder wenn es zum (ersten) Duell kommt, Duelle sind in diesem Kontext zwangsläufig, sehen wir nur die Silhouetten, wie ein Scherenschnitt.
            Die Garbo stellt sich zwischen die Männer (ist es Berechnung oder nur Überlebenstaktik, die Zwischentitel bemühen immer wieder den Begriff der Teufelin, ist das nun misogyn oder nur die Angst des Mannes vor dem Rätsel Frau?) und sie schafft es, dass sich die Brüder ebenfalls zum Duell herausfordern. Doch ihr kommen Zweifel, sie rennt, bei Schnee im tiefsten Winter, zu den Duellierenden bricht aber im Eis ein und ertrinkt. Die beiden Männer indessen erinnern sich an ihren Schwur auf der Insel der Freundschaft und statt sich zu duellieren umarmen sie sich in inniger Freundschaft (Liebe?). Ihnen gehört das letzte Bild. Was für ein Happy-End.

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            • 7
              JarvisBln 05.06.2021, 12:24 Geändert 05.06.2021, 12:47

              Der Film wurde inzwischen vom Filmmuseum München neu rekonstruiert (ein ukrainischer Fund hat es offensichtlich möglich gemacht). Die Rahmenhandlung ist ein Vortrag Magnus Hirschfelds, es beginnt ganz harmlos mit dem Paarungsverhalten im Tier- und Pflanzenreich, doch auch dort geht es nicht so heteronormativ (ganz zu schweigen was so "natürlich" genannt wird) wie man denken sollte, und wenn dann die Gottesanbeterin ihren Partner nach der Begattung verspeist oder die Nacktschnecke, die doppelgeschlichtlich ist, bei der Paarung auch doppelt penetriert nehmen sich sogenannte Abnormitäten im menschlichen Verhalten, das Tragen der Kleidung des entgegengesetzten Geschlechts oder homosexuelle Liebe doch recht harmlos aus. Ein schöner didaktischer Trick Hirschfelds. Am Schluss zeigt er noch, dass ein Paragraph wie der §175 Menschen vernichten kann, eine gekürzte Fassung von Oswalds "Anders als die Anderen" beschliesst den Film.
              Der Film wurde vom Filmmuseum bereits einmal auf DVD veröffentliche (Spieldauer nur 40 Minuten), die neue Fassung ist erheblich länger, eine neue DVD (zusammen mit den Filmen "Anders als die Anderen" und "Geschlecht in Fesseln") erscheint in Kürze.

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              • 6 .5

                Der Film beginnt mit dem Insert "Vienna", doch die total künstlichen, das Studioambiente nicht nur nicht kaschierend, sondern herausstellenden Anfangsszenen zeigen, wir sind nicht in Wien, sondern in "Wien", der Stadt von Schnitzler und der Psychoanalyse. Eine Geschichte von Ehebruch und Rache, einmal gespiegelt, wie sich auch die Personen immer wieder in Spiegeln wiederfinden oder vervielfältigen. Die Verhältnisse werden klar, wenn in der Gerichtsverhandlung (der Ehemann erschoss seine untreue Frau), nicht etwa moralische Argumente kommen (es ist ein pre-code Film), sondern das Besitzrechte des Mannes an der Frau als verletzt angesehen wird.
                In der gespiegelten Geschichte kann es nur zum glücklichen Ende kommen, als statt auf die Frau auf den Spiegel geschossen wird, und dieser zersplittert.

                • 6

                  Gibt es sowas wie das Genre "Gaslight"? Eine Jekyll and Hyde (oder auch Genie und Wahnsinn) Geschichte, die 1903 spielt, die neuen Gasleitungen werden die noch mit Hand angezündeten Laternen versorgen, alte Zeit gegen neue Zeit, Scheiterhaufen und Psychoanalyse, das Feuer zieht sich wie ein Leitmotiv bis hin zum furiosen Finale durch den Film, und Laird Cregar brilliert in der letzten Rolle seines kurzen Lebens.

                  • 7

                    Beim Wiedersehen überraschte mich positiv die Ernsthaftigkeit des Films, und durch die vielen Originalschauplätze (inclusive Statisterie) hat er auch dokumentarische Qualitäten.

                    • 6 .5

                      Eine Boulevardkomödie, reizend im Detail, die Roaring Twenties, Mode und Entertainment wie sie das Bild der Epoche heute noch prägen (jedes Klischee hat ja auch einen realen Hintergrund), Vater und Tochter stürzen sich in Vergnügungen, die Mutter langweilt sich zuhause, nie kommt die Kleinfamilie hier zusammen. Schliesslich, von einer Freundin überredet, geht auch die Mutter aus, und nach boulevardesken Verwicklungen ist die Kleinfamiie tatsächlich zusammen - allerdings am falschen Ort: In der Wohnung des unstandesgemässen Verehrers von sowohl Tochter als auch Mutter. Doch das Happy End schaut hier anders aus als gewohnt, die Mutter zieht die einzig richtige Konsequenz.

                      • 7 .5

                        Keine einzige Bewertung bisher für diesen Film? Das muss sich ändern.
                        Die Geschichte eines Aussenseiters, Douglas Fairbanks als Lo, Sohn einer Cherokee und eines Weissen. Er lebt im Wald, ist gebildet und sanftmütig. Die Männer in der Stadt sehen sich ganz selbstverständlich als „white supremacy“, der Film unterläuft diese angebliche Überlegenheit aber mit eleganter Ironie (erstaunlicherweise sitzen aber in einer kurzen Szene im Saloon, dem gesellschaftlichen Zentrum der Stadt, Weisse, Schwarze und Asiaten einträchtig beisammen).
                        Die beiden weiblichen Hauptfiguren des Films sind jede auf ihre Weise selbstbestimmt, die Pfarrerstochter steigt gegen den Willen des Vaters Lo nach, mehr die Faszination des „edlen Wilden“ als Liebe, die andere wehrt sich handfest gegen unerwünschte männliche Annäherungen (das Drehbuch ist von Anita Loos).
                        Mag die Figur des Lo auch etwas zu romantisiert sein, ist der Film doch ein grosses Sehvergnügen (die wunderbare Kamera (Victor Fleming!) lässt Lo im Sequoia National Forest mit der Natur eins werden), und die Mischung aus Gesellschaftskritik, Melodram und Western-Elementen ist gute Unterhaltung.
                        Sehen kann man den Film zur Zeit kostenlos auf der Seite der Cinemathèque Francaise (cinematheque.fr).

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                        • 8

                          Auch Nichtbewegen kann Tanz sein, wenn nur die Pose stimmt, ein Fingerschnippen als Ereignis - die Choreographie Bob Fosses: cool, sophisticated und im wahrsten Wortsinne schräg. Sie ist die Würze in diesem Musical mit der Hauptfigur mit dem sprechenden Namen Charity Hope Valentine, die noch so oft hinfallen kann, und doch die Hoffnung nicht aufgibt (Vorlage des Musicals war Fellinis Nächte der Cabiria). Ein Märchen, leichtfüssig inszeniert, angereichert mit Swinging-Sixties-Pop und einer Prise Hippie-Flower-Power, und natürlich Shirley McLaine, als traurig-muntere Charity („Where am I going?“), die sich und die anderen belügt um zu überleben.

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                          • 7

                            Ich weiss nicht, ob der Begriff "hate crime" in GB Ende der 50er Jahre schon üblich war, jedenfalls konstatiert der ermittelnde Polizist “This girl was killed in hate, not fear“, als er die Leiche der jungen Sapphire in Hampstead Heath inspiziert. Sapphire war Kind einer schwarzen Mutter und eines weissen Vaters, wurde aufgrund ihrer hellen Hautfarbe jedoch als weiss gelesen. Rassismus ist allgegenwärtig in diesem auf sympathische Art konventionell erzählten Kriminalfilm, sowohl offener als auch versteckter, da fallen den Ermittlern schon mal die Kinnladen runter, wenn der Bruder des vermeintlich weissen Opfers sich als schwarz entpuppt. Aber auch in der schwarzen Community, die erfreulicherweise klassenübergreifend gezeigt wird, von einfachen Leuten bis zur Oberschicht ist alles dabei, gibt es Vorurteile gegenüber Weissen. Ein empfehlenswerter Film in bester Tradition britischer Sozialdramen.

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                            • 6
                              JarvisBln 13.03.2021, 12:53 Geändert 13.03.2021, 12:55

                              Der Film punktet vor allem durch seine vielen Aussenaufnahmen von Neapel in natürlichem Licht und die Einbeziehung von Laien, Francesca Bertini, die Regisseurin und Hauptdarstellerin, behauptet in einem Gespräch auf dem Bonusmaterial, dies sei der erste neorealistische italienische Film. Ebenfalls bemerkenswert ihr selbstbewusstes, unpathetisches Spiel, was dem Stoff sehr gut tut.

                              • 7

                                Wiener Tonfilmoperette. Der Film beginnt im Jahr 1818, mit Vogelgezwitscher und Kirchenglocken, ein Komponist arbeitet an seinem neuen Walzer, auf der Strasse greift ein Schusterbursche pfeifend die Melodie auf und trägt sie weiter, das Städtchen ist erfülllt von der Musik, die in einem Schwenk in ein Heurigenlokal ins Jahr 1930 geführt wird. Ein schöner Einstieg in einen Film, der von der Musik getragen wird. Die Handlung ist denkbar einfach: Eine neue Revue wird geplant, alles ist fertig, was noch fehlt ist der zündende Walzer.
                                Besonders zeichnet diesen Film sein Umgang mit dem, damals noch neuen, Ton aus: Hier wird einiges ausprobiert, besonders gelungen die Vorbereitungen zu einem grossen Diner, diese werden als Akkumulation von Geräuschen gezeigt, es zischt und brodelt, es klappert und prasselt, immer schneller geschnitten verdichten sich die Geräusche zu einer Küchensymphonie.
                                Oder wir sehen einen sprechenden Mund, die zu hörende synchrone Stimme gehört aber jemand Anderem, kein Dubbing sondern Gleichzeitigkeit des Sprechens. Oder ein Dialog nur geflüstert, nur über die Reaktionen müssen wir uns ein Bild machen.
                                Währenddessen fehlt aber immer noch der Walzer. Der Komponist erhält einen nächtlichen Überrschungsbesuch einer ihm unbekannten jungen Frau, die auch inkognito bleiben möchte, und wird von dieser, nicht zuletzt aus erotischem Interesse (er darf ihr die Stiefel ausziehen, unter denen schimmernde Pumps zum Vorschein kommen), zum titelgebenden Walzer inspiriert. Doch die Frau verschwindet wie sie gekommen ist und nimmt den (ungeschriebenen) Walzer mit, dem Komponisten will er partout nicht mehr einfallen. Sie trägt das Lied von nun an in sich, und erst in der Vereinigung von Komponist und ihr wird das Lied wieder befreit.
                                Besonders interessante Nebenfiguren sind die Autoren der Revue, das Brüderpaar Nicky und Vicky (!), das sich wie ein Ehepaar geriert, aber später auch Interesse an ihrer 17-jährigen (vermeintlichen) Schwester (übrigens niemand Anderes als die Frau, die den Walzer in sich trägt) zeigen. Ganz nonchalant wird dieser (homo)erotisch-inzestuöse Subtext skizziert.

                                • 7 .5

                                  Anatol hat einen Hang dazu Frauen zu retten, sehr zum Missfallen seiner frisch angetrauten Ehefrau. Dass Frauen überhaupt „gerettet“ werden müssen hat hier immer ökonomische Gründe.
                                  Ausgerechnet bei der vermeintlich sündhaftesten aller Figuren mit dem sprechenden Namen Satan Synne (sie empfängt ihn angetan mit einem atemberaubenden Oktopus-Cape vor einem als Spinnennetz stilisierten Spiegel, serviert Absinth und bietet eine (kolorierte) rosa Zigarette an, im Schlafzimmer wacht ein Leopard vor dem Bett), ausgerechnet hier bekommen wir einen Hinweis auf einen möglichen Grund der Verhältnisse: der vergangene Krieg.
                                  Eine opulente Ausstattung und orlginelle szenische Einfälle, sowie der Erzähltrick, das Geschehen über Textafeln zu kommentieren, machen den Film zu einem einzigen Vergnügen.
                                  Seine Frau bleibt übrigens nicht passiv und stürzt sich ins Nachtleben. Ihr Dienstmädchen weist sie an: „My lowest gown, my highest heels“ und verlangt nach den goldenen Strümpfen, denn „Men have only one religion - they worship the Golden Calf.“ Wenn sie dann um 9 Uhr morgens mit dem besten Freund ihres Mannes nach Hause kommt weigert sie sich, über die Nacht Rechenschaft abzulegen. Er muss ihr schon vertrauen.

                                  • Frauen und Genrekino: Im berliner Arsenal gab es 2019 eine Reihe mit Noir-Regisseurinnen: neben der schon erwähnten Ida Lupino (aber man kann sie nicht oft genug erwähnen) wurden Filme gezeigt von Muriel Box, Edith Carlmar, Bodil Ipsen und Wendy Toye.
                                    Und dann gibt es natürlich noch Joan Micklin Silver ("Hester Street") und dann noch Dorothy Arzner (mit dem feministischen Musik- und Tanzfilm "Dance, Girl, Dance" aus dem Jahr 1940).
                                    Da gibt es sicherlich noch sehr viel zu entdecken.

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                                    • 8

                                      Dieser Rolle scheint Anton Walbrook auf den Leib geschrieben worden zu sein. Er führt als Erzähler durch diesen Reigen erotischer Begegnungen, einerseits ganz distanziert, andererseits zieht er doch die Fäden, greift in die Geschichten ein, macht uns Zuschauer_innen zu Komplizen des Voyeurismus, spricht also essentielle Kinoerfahrungen an. Das Doppeldeutige seines Spiels führt er hier zur Perfektion.

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                                      • 8 .5

                                        Ein Kleinod, dem viel mehr Aufmerksamkeit zu wünschen ist.
                                        Ein Film mit einer poetischen Grundhaltung, ein Grossstadtfilm, ein politischer Film, ein Film, der mit den ästhetischen Strömungen seiner Zeit spielt.
                                        Im Längsschnitt, wir sehen ein dreistöckiges Treppenhaus, wird das titelgebende Haus und seine Bewohner_innen mit ihren alltäglichen, oft grotesken Tätigkeiten vorgestellt. Währenddessen kämpft sich eine bäuerliche gekleidete junge Frau mit einer Gans durch Moskaus Verkehr, wunderbar durch Schnitt und Zeitraffer rhythmisiert, und gerade will der Strassenbahnfahrer aus dem Wagen springen, um sie aus dem Weg zu scheuchen, da friert das Bild ein, ein Zwischentitel frägt, wie die Gans eigentlich nach Moskau kommt, Anlass für ein Rückblende die exakt wieder zum eingefrorenen Bild führt, die Geschichte kann weitergehen.
                                        Parasha Pitunova, so heisst die Besitzerin der Gans, wird durch eine Namensverwechslung zur proletarischen Heldin, sie erlebt den ganzen Pathos der Heldenverehrung (und wir den Pathos des sowjetischen Revolutionskinos), nur um nach Auflösung der Parade einsam und allein auf einem grossen, leeren Platz zurückgelassen zu werden. Solche kleinen dialektischen Volten tragen stark zum Reiz des Films bei. Schon zu Anfang, bevor der Verkehr das Bild bestimmt, wird das erwachende Moskau gezeigt, in der Tradition der Grossstadtsymphonien.
                                        Ein sehr lesenswerter Beitrag zum Film findet sich auf filmzentrale.de: http://filmzentrale.de/rezis/hausindertrubnajastrassejs.htm

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                                        • 7
                                          JarvisBln 22.12.2020, 10:59 Geändert 22.12.2020, 11:00
                                          über Grease

                                          Von heute aus gesehen ein Blick zurück in die 70er Jahre, die in die 50er Jahre zurückblicken.
                                          Comichaft und zitatenreich schnurrt der Film unbekümmert vor sich hin, und geizt auch nicht mit Oberflächenreizen. Vom liberaleren Standpunkt der 70er Jahre aus wird die streng (hetero)normierte Welt der 50er Jahre gezeigt, nur um selbst wieder in die diese Normierungen zurückzufallen.

                                          • 7 .5

                                            Falls irgendjemand verlässliche Hinweise auf die ursprüngliche Laufzeit des Films hat bin ich für jede Information dankbar. Die gesehene Version ist nur 70 Minuten lang (eine Restaurierung aus dem Jahr 1986, die erzähltechnisch gut funktioniert, ich hatte nicht das Gefühl, dass hier Teile fehlen), im Jahr 2013 lief in Bologna beim Festival Il Cinema Ritrovato eine neu restaurierte Fassung mit 103 Minuten, Svensk Filmdatabas gibt 111 Minuten an, und IMdB und MP geben sogar 136 Minuten an (bei MP habe ich das Gefühl, die schreiben einfach bei IMdB ab). Wie gesagt danke für jeden Hinweis.

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                                            • 7
                                              JarvisBln 16.05.2020, 13:19 Geändert 08.06.2020, 11:33

                                              Wilde Orangen schmecken beim ersten Biss bitter, erst allmählich entfalten sie ihr unvergleichliches Aroma.
                                              Wir befinden uns in den Südstaaten der USA, eine Insel vor Georgia, Sumpf und undurchdringliche Vegetation, voller Kreaturen vom Krokodil über Spinnen und Fledermäuse bis zum Kettenhund (der im Finale einen zombiehaften Moment bekommt), drei Menschen, ein traumatisierter Grossvater, seine schöne, ängstliche Enkelin, und ein bulliger Riese, beschrieben als „halb Mann, halb Kind“, und das grosse Herrenhaus im typischen Südstaatenstil.
                                              Vor der Insel liegt das Segelboot von John Woolfolk, der seit dem tragischen Tod seiner jungen Ehefrau (es ist die fulminante Eröffnungsszene des Films, die ganz poetisch mit einem Blatt im Wind beginnt) ein Leben in selbstgewählter Einsamkeit verbringt. Er will dort nur seine Wasservorräte auffüllen, kann sich dem Sog der Insel aber nicht entziehen, muss immer wieder zurück und bricht seinen Vorsatz, sich nie mehr zu verlieben.
                                              Der Film wird ganz von der Atmosphäre getragen, der geheimnisvollen Stimmung unterdrückter Gefühle in einer bedrohlichen Natur auf der Insel, der Weite, der Einsamkeit, der Isolation auf dem Meer.

                                              • 7 .5

                                                Ein spirituelles Melodram. Der Film beginnt und endet mit religiösen (buddhistischen) Ritualen. Dazwischen erfahren wir von der Freundschaft zweier Nachbarskinder, dem blinden Santi und Vina, die auch seine Beschützerin ist. In der Hoffnung das gutes Karma ihm möglicherweise das Augenlicht zurückgibt, wird Santi von seinem Vater in die Obhut eines buddhistischen Mönchs gegeben, welcher die Unwägbarkeiten des Lebens kennt und Santi bittet Mönch zu werden, falls er wieder sehen kann.
                                                Aus der Freundschaft zwischen Santi und Vina wird im Erwachsenenalter Liebe, die aber nicht sein darf, so dass beide beschliessen zu fliehen. Doch so einfach ist es nicht, der Konflikt für Santi zwischen weltlicher Liebe und spiritueller Aufgabe wird sich zuspitzen, und wir erleben in den letzten Bildern eine Art transzendendierter Liebe.
                                                Der Film ist der erste auf 35mm gedrehte Farbfilm Thailands, die Farben erinnerten mich etwas an das frühe 2-Farben-Technicolor, es sind sanfte, zurückhaltende Hintergründe, Personen und Objekte werden in den klaren aber nicht grellen Primärfarben Rot-Blau-Gelb hervorgehoben, dazu das Orange der Mönche. Der behutsame Erzählfluss, der auch Tänzen, Festen und Ritualen grossen Raum lässt, und die ruhigen, statischen Einstellungen machen den Film zu einem Werk klassischer Schönheit.
                                                Sehen kann man den Film in einer guten 2016 restaurierten Fassung auf dem Kanal des Thailand National Filmarchive auf youtube.

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                                                • Auf youtube lässt sich in guter Qualität die wunderbare (Slapstick)komödie "Kiki" von Clarence Brown finden (leider nicht auf MP gelistet), mit Norma Talmadge als Zeitungsverkäuferin, die, gleichzeitig naiv und durchtrieben, sich durchaus übergriffig den Weg nach oben bahnt.
                                                  https://www.youtube.com/watch?v=sQKTrLL_dFs

                                                  • JarvisBln 14.03.2020, 11:45 Geändert 14.03.2020, 11:48

                                                    Keine Daten in MP (obwohl Film auf der Berlinale im Forum Expanded lief):
                                                    Arsenal - Télé Réalité (D, DR Congo, Luxemburg, 2020). Regie: Lucile Desamory, Glodie Mubikay, Gustave Fundi.
                                                    Zwei Reality TV Produzentinnen aus der DR Congo möchten eine Sendung über Geister produzieren und suchen sich ausgerechnet Belgien als Schauplatz aus.
                                                    Gar keine schlechte Wahl und eine herrliche Umkehrung kultureller Zuschreibungen. Die Kandidat_innen sind absurd verkleidet, wir besuchen ein Museum der Masken und nehmen am Karvenal teil. Die Surrealisten und James Ensor lassen grüssen. Am Schluss der grosse Showdown im Wald, doch nichts ist zu erkennen. "Hast Du das jetzt verstanden" frägt die Redakteurin ihre Kostümbildnerin, "Nein". Das sind die letzten Worte des Films. 7.5 Punkte.

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