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1949 - Acht Mal Alec Guinness in Adel verpflichtet

15.04.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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1949 - Acht mal Alec Guinness in Adel verpflichtet
© Kinowelt
1949 - Acht mal Alec Guinness in Adel verpflichtet
Doppelrollen sind ja schon fordernd genug für einen Schauspieler. Alec Guinness hatte aber noch ganz andere Ambitionen und übernahm in der schwarzhumorigen britischen Komödie Adel verpflichtet gleich ganze acht Rollen.

Schauspielunterricht hat mir immer gefallen, aber wenn ich etwas hasse, dann ist es Auswendiglernerei. Dafür taten mir Theater- und Filmstars schon immer leid, sich ewig mit hunderten Seiten Drehbuch herumschlagen zu müssen. Und dabei gibt es ja einige Verrückte, die sich bereit erklären, sogar Doppelrollen zu verkörpern.

Wenn eine Rolle nicht genug ist
Ob Leonardo DiCaprio als Ludwig XIV. und Philippe in Der Mann in der eisernen Maske, Charlie Chaplin in Der große Diktator oder Graham Chapman in Das Leben des Brian – positive und auch weniger geglückte Beispiele für Doppelrollen sind viel an der Zahl. Und so sind es auch die Gründe der Regisseure, ein und den selben Darsteller in einem Film mehrfach zu besetzen. So spielte Peter Jackson in seinem frühen Werk Bad Taste zwei Charaktere aus rein finanziellen Gründen gleichzeitig. Auch eine Geschichte über Doppelgänger, Co-Abhängigkeit oder gar Identitätsstörungen wie in Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Persona von Ingmar Bergman kann die Entscheidung für eine Doppelrolle begünstigen.

Nicht zuletzt ist die Mehrfachbesetzung ein Mittel im humorigen Fach. Zahlreiche Verwechslungskomödien bauen auf dem Prinzip der Ähnlichkeit zweier Figuren auf, und auch hier sind die Beispiele mal mehr, mal weniger gelungen. Der ein oder andere Schauspieler gab sich aber auch mit einer Doppelrolle nicht zufrieden, und verkörperte gleich sieben Rollen wie Buster Keaton in The Playhouse oder Eddie Murphy in Der verrückte Professor. Den Vogel schoss aber ohne Frage Alec Guinness ab.

Darstellerische Ambitionen Hoch Acht
Der Brite hatte gerade erste Rollen in Geheimnisvolle Erbschaft und Oliver Twist von David Lean übernommen, da geriet ihm ein Drehbuch von Robert Hamer und John Dighton in die Hände, die dafür den Roman Israel Rank von Roy Horniman adaptiert hatten. Vier Rollen boten sie Guinness an, der Jahre später aus dem Nähkästchen plauderte: „Ich las das Drehbuch an einem Strand in Frankreich, kollabierte noch auf der ersten Seite vor Gelächter, und wollte nicht einmal mehr bis zum Ende des Scripts warten. Ich ging direkt zurück zum Hotel und verschickte ein Telegramm, in dem stand: ‚Wieso vier Rollen? Wieso nicht acht?‘“

Der Rest ist Filmgeschichte: Alec Guinness bekam seine gewünschten acht Rollen und schaffte den internationalen Durchbruch in der schwarzen Komödie Adel verpflichtet, in der ein verschmähter Adelsspross (Dennis Price) Rache für seine Mutter übt und sämtliche lebende Verwandte umbringt, um selbst Herzog zu werden. Den typisch britischen Humor von Adel verpflichtet beschreibt wohl am besten folgender Satz vom Originalfilmplakat: „He chopped down the family tree.“ Für diesen blaublütigen Familienstammbaum spielte Alec Guinness nicht nur überzeugend Männer verschiedenen Typs und Alters, sondern – als wäre das nicht genug – auch noch die altehrwürdige Lady Agatha d’Ascoyne.

Faszination Mehrfachbesetzung
Adel verpflichtet heißt im Original Kind Hearts and Coronets, entlehnt einem 1842 verfassten Gedicht namens Lady Clara Vere de Vere von Alfred Lord Tennyson. Darin heißt es: „Kind hearts are more than coronets, And simple faith than Norman blood“. Im Film zitiert Edith d’Ascoyne den Vers und legt damit offen, wie falsch ihre Familienmitglieder spielen. Neben dem nicht von der Hand zu weisenden komödiantischen Effekt mag dies auch der ausschlaggebende Grund für die Achtfachbesetzung von Alec Guinness gewesen sein. Gerade das oft so hinterhältig böse Spiel mit Identitäten ist es doch, was an dem Prinzip Doppelrolle so sehr fasziniert. Automatisch entsteht eine spürbare Distanz zwischen dem Menschen und seinen Rollen, selbst bei einem derart wandelbaren Schauspieler wie dem Star der Ealing-Studios. Der Film thematisiert quasi seine eigene Illusion, präsentiert und feiert aber gleichzeitig auch seine schauspielerische Virtuosität.

Trotz seiner Bekanntheit hält Alec Guinness in Adel verpflichtet jedoch nicht den Mehrfachrollenrekord. So gilt als Spitzenreiter Rolf Leslie mit sage und schreibe 27 Rollen im Queen Victoria-Biopic Sixty Years of a Queen aus dem Jahre 1913, dicht gefolgt von Lupino Lane mit 24 Rollen in der Zwanziger Jahre-Komödie Only Me. Auch Peter Sellers ist für die Darstellung von Mehrfachrollen bekannt, so unter anderem in Weiche Betten, harte Schlachten oder Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben von Stanley Kubrick.

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1949 bewegte:

Drei Filmleute, die geboren sind
24. Mai 1949 – Jim Broadbent, Maggies Ehemann in Die Eiserne Lady
22. Juni 1949 – Meryl Streep, Like a Boss in Der Teufel trägt Prada
25. Dezember 1949 – Sissy Spacek, Ausreißerin in Badlands – Zerschossene Träume

Drei Filmleute, die gestorben sind
06. Januar 1949 – Victor Fleming, Regisseur von Vom Winde verweht
15. April 1949 – Wallace Beery, der Industrielle aus Menschen im Hotel
18. September 1949 – Frank Morgan, der Zauberer in Der Zauberer von Oz

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Hamlet von Laurence Olivier (Bester Film, Bester Hauptdarsteller)
Cannes – Der dritte Mann von Carol Reed
National Board of Review – Fahrraddiebe von Vittorio De Sica

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Samson und Delilah von Cecil B. DeMille
Kesselschlacht von William A. Wellman
Du warst unser Kamerad von Allan Dwan

Drei wichtige Ereignisse der (Nicht-)Filmwelt
13. April 1949 – das Deutsche Filminstitut wird gegründet
01. Oktober 1949 – Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
07. Oktober 1949 – die Deutsche Demokratische Republik wird gegründet

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