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2002 - Bowling for Columbine sprengt Doku-Rekorde

CUT!rin (Katrin Doerksen), Veröffentlicht am 19.11.2012, 08:50

Dokumentationen müssen oft mit dem Pauschalurteil der Langeweile leben. Eine Dokumentation, auf die das sicherlich nicht zutrifft, ist Bowling for Columbine von Michael Moore.

Bowling for Columbine Bowling for Columbine © Universal Pictures

Mord und Totschlag, Naturkatastrophen, Kriege und die Eurokrise – wenn wir den Fernseher anschalten, kommen wir leider nicht immer in das Vergnügen unterhaltsamer Filmperlen. Es gibt da auch noch die Nachrichten – und was uns da Tag für Tag für Horrormeldungen um die Ohren fliegen, kann schon echte Beunruhigung auslösen.

Böse, böse Killerspiele!
Im Jahr 1999 ging eine ganz besonders schockierende Nachricht um die Welt. Zwei Schüler der Columbine High School in Littleton, Colorado töteten bei einem Amoklauf 12 Schüler und einen Lehrer, verwundeten 24 weitere Menschen und richteten sich anschließend selbst. Schreckliche Bilder unter anderem aus der Bibliothek der Schule liefen in Sonderberichterstattungen, und nachdem der erste Schock verdaut war, begann die Suche nach Schuldigen.

Diese waren dann auch schnell gefunden. Killerspiele und gewaltverherrlichende Filme wie Natural Born Killers würden die Jugend verrohen lassen, Hemmschwellen beseitigen und Aggressionen auslösen. Auch ganze Musikgenres wurden für das Massaker mitverantwortlich gemacht. Die Mörder seien schließlich Black-Metal-Fans gewesen, hätten sich durch Liedtexte von Marylin Manson und Rammstein zu der Tat anstacheln lassen.

Es liegt am Bowling!
Eine komplett andere Position zu der Schuldfrage nahm der politische Aktivist und Filmemacher Michael Moore ein. Wenn schon so eine platte Suche nach Sündenböcken, wieso konnte dann nicht das Bowlen schuld an allem sein? Schließlich hatten die Täter kurz vor ihrer Tat noch einen Bowlingkurs besucht (was sich später als falsch herausstellte). Nach dieser Theorie benannte er dementsprechend auch seine Dokumentation: Bowling for Columbine.

Seinen Film gestaltete Michael Moore alles andere als dokumentarisch dröge. Die Geschichte der USA stellte er aus seiner Sicht in Comicform da, er interviewte amerikanische und kanadische Bürger und Prominente wie Marylin Manson und Charlton Heston zum Waffenhandel. Und schließlich blendete er sämtliche militärischen und geheimdienstlichen Aktionen der USA ein, unterlegt mit dem Song What a wonderful World von Louis Armstrong. Als Haupthintergrund für Tragödien wie Columbine machte er eine „Kultur der Angst“ aus, die auch durch die verantwortlichen Medien geschürt würde.

13 Minuten Applaus
Erwartbarerweise sperrten sich amerikanische Produktionsfirmen gegen die Finanzierung eines Films mit dieser explosiven Thematik. Einzig eine kanadische Firma und der deutsche Filmfonds der Babelsberger Filmproduktion stemmten Bowling for Columbine. Der Aufwand lohnte sich. Nach der Aufführung auf dem 55. Filmfestival in Cannes währte der anschließende Beifall ganze dreizehn Minuten. Der Streifen erhielt den dortigen Jubiläumspreis, und wenig später neben vielen anderen Auszeichnungen auch den Oscar als Bester Dokumentarfilm.

Stattliche 58.008.423 US-Dollar spielte Bowling for Columbine weltweit an den Kinokassen ein, und wurde somit zur bis dato erfolgreichsten Doku aller Zeiten. Erst Fahrenheit 9/11, ebenfalls von Michael Moore, löste diese Stellung 2004 ab. 2005 stieß den Film über die Politik von George W. Bush nach den Anschlägen des 11. Septembers wiederum Die Reise der Pinguine von Luc Jacquet vom Doku-Thron und amtiert bis heute unangefochten an der Spitze.

Alles Manipulation!
Neben all dem Lob musste Michael Moore für seinen Film allerdings auch eine Menge Kritik einstecken. Seriöse Dokumentationen zeichnen sich idealerweise durch Objektivität, investigative Recherche und nicht selten gähnende Langeweile aus. Vielleicht trifft auf das Werk eher die Bezeichnung Halb-Dokumentation zu, denn der Filmemacher widmet sich seinem Thema eindeutig sehr subjektiv, assoziativ und manchmal schon beinahe polemisch.

Auch eine unnötige Emotionalisierung und Manipulation rückte oft in den Mittelpunkt der Kritiken von Feuilleton und Filmwissenschaftlern. Zugegeben sind die Methoden des Regisseurs teilweise ein wenig grell. Aber grelles Licht ist eben auch besonders wirkungsvoll. Michael Moore lenkte die Aufmerksamkeit auf gern verdrängte soziale Missstände in den USA, er stellte Lobbyverbände an den Pranger und brachte sogar die Supermarktkette K-Mart dazu, Munition aus ihrem Angebot zu nehmen. Waffenbesitzer sind in den USA allerdings auch heute noch stark organisiert. Ein Ende der Schreckensmeldungen ist wohl nicht abzusehen.

Seht ihr lieber unterhaltende Dokus à la Michael Moore oder überzeugt euch eher seriöse Objektivität? Und über welche Themen würdet ihr in den Markanten Momenten sonst noch gerne lesen?

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 2002 bewegte:
Drei Filmleute, die geboren sind
05. Februar 2002 – Davis Cleveland, nerviger Bruder in Shake it Up – Tanzen ist alles
25. Juni 2002 – Mason Vale Cotton, Sohn von Teri Hatcher in Desperate Housewives
26. Oktober 2002 – Emma Tiger Schweiger, das Ätzkind aus Kokowääh

Drei Filmleute, die gestorben sind
01. Feburar 2002 – Hildegard Knef, die Fotografin aus Die Mörder sind unter uns
27. März 2002 – Billy Wilder, Regisseur von Das Appartement
25. November 2002 – Karel Reisz, Regisseur von Samstagnacht bis Sonntagmorgen

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscar – A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn von Ron Howard (Bester Film, Regisseur)
Goldene Palme – Der Pianist von Roman Polanski
Europäischer Filmpreis – Sprich mit ihr – Hable con ella von Pedro Almodóvar

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Der Herr der Ringe: Die Zwei Türme von Peter Jackson
Harry Potter und die Kammer des Schreckens von Chris Columbus
Ice Age von Chris Wedge und Carlos Saldanha

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
01. Januar 2002 – der Euro wird als Bargeld eingeführt
26. April 2002 – beim Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium tötet Robert Steinhäuser 16 Menschen und anschließend sich selbst
August 2002 – das Elbhochwasser wird klassifiziert als Jahrhunderthochwasser


Katrin Doerksen hat es zum Filmwissenschaftsstudium nach Mainz verschlagen. Dort sitzt sie nun also und wenn sie nicht studiert, schreibt sie trotzdem über die Geschichte des Films, und zwar in der Rubrik Markante Momente bei moviepilot. Über Themenwünsche, Anregungen oder Kritik freut sie sich immer. Wer wissen will, womit sie sich nebenbei noch beschäftigt, folge ihr bei facebook oder bei Twitter.


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Kommentare

über 2002 - Bowling for Columbine sprengt Doku-Rekorde


nilswachter

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Bowling for Columbine war und ist ein wichtiger Film, den man zwar durchaus kritisieren kann, der aber an jeder Schule gezeigt werden sollte.

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jacker

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Ich kenne nur "Fahrenheit 9/11" von ihm, den fand ich auch sehr gut, weil es die erste (und vor Allem zu dem Zeitpunkt auch erstmalig professionell gemachte) wirklich gute 9/11 Verschwörungs-Doku war die ich gesehen habe.
Später habe ich noch mal versucht ein Hörbuch von ihm zu hören, das war mir viel zu extrem einseitig und wirkte schon fast verzweifelt. Jeder zweite Satz: 'Das kann nicht sein Mr. Bush, das können sie und ihre Lügner-Kollegen uns nicht weismachen!'
Ich bin da thematisch schon bei ihm, aber die Art und Weise war mir zu übertrieben.

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A-Wax

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Auch wenn Moore's Filme nicht immer 100 % objektiv sind, ich halte sie sehr wohl für wichtig.

Aufmerksamkeit für wichtige Themen erhält man leider nur noch wenn man polemisiert und überspitzt. Moore überzieht vielleicht das ein oder andere Mal, aber zu ca. 80 % treffen seine Filme einfach zu.

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Weltenkind

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Objektivität gibt es nicht. Und wenn Filme versuchen objektiv zu sein, sind sie doof.


Andy Dufresne

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Polemisch, einseitig, sehr gewollt und trotzdem ein wichtiger Film.
Bowling for Columbine war/ist ein Zeitgeistfilm, damals war er genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort, muss man erstmal hinbekommen, planen kann man so etwas ja eh nicht...

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doctorgonzo

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Ätzkind - wie berechtigt und poetisch.

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