Sucker Punch: Die öde Marvel-Ära braucht wieder so einen verrückten Exzess

Sucker Punch - Trailer (Englisch)
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© Warner Bros.
Sucker Punch
24.04.2020 - 16:30 UhrVor 8 Monaten aktualisiert
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Ein so kompromissloser Blockbuster-Exzess wie Sucker Punch ist mittlerweile zur Seltenheit im Kino geworden. In Zeiten gleichförmiger Franchise-Werke stimmt der Film geradezu nostalgisch.

Schon die Auftaktsequenz aus Sucker Punch ist ein audiovisuelles Ereignis, das es in einer solchen Stilwut viel zu selten in vergleichbaren Mainstream-Blockbustern zu sehen gibt. Der Anfang der Geschichte, in der sich die Protagonistin nach dem Tod ihrer Mutter gegen den betrunkenen Stiefvater zur Wehr setzt und dafür in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird, setzt Regisseur Zack Snyder wie ein edles Musikvideo in Szene.

Trotz der starken Ästhetisierung ist dieser Teil von Sucker Punch noch am ehesten mit der Realität des Films verbunden und deutet höchstens an, wie sehr Snyder seiner inszenatorischen Fantasie anschließend freien Lauf lassen wird.

Sucker Punch, der heute um 22:45 Uhr auf ProSieben läuft, ist noch nicht mal 10 Jahre alt. Angesichts der heutigen Blockbuster-Landschaft stimmt der Film trotzdem schon jetzt nostalgisch.

Sucker Punch ist als Blockbuster-Freifahrtschein eine Ausnahmeerscheinung

In den Jahren vor Sucker Punch erarbeitete sich der ehemalige Werbefilmer Snyder mit handwerklich herausstechenden Filmen wie Dawn of the Dead, 300 und Watchmen - Die Wächter den Ruf eines exzessiven Stilisten. Gleichzeitig prägte er eine ganz neue Comicfilm-Ästhetik, die viele Nachahmer fand.

300

Trotzdem polarisierte der Regisseur mit seinem Stil, den viele als bloßen Style over Substance kritisierten, und war nicht unbedingt ein Box-Office-Hit-Garant. Bei einem Budget von rund 130 Millionen Dollar und weltweiten Einnahmen von unter 200 Millionen Dollar  wurde Watchmen beispielsweise kein Erfolg.

Dass Snyder anschließend von Warner Bros. über 80 Millionen Dollar und völlig kreative Freiheit für Sucker Punch bekam, grenzt besonders heute an ein Wunder. Während Sucker Punch der erste Film des Regisseurs war, der nicht auf einer existierenden Comic- oder Filmvorlage basiert, wirkt das Werk umso mehr wie die logische Kulmination von Snyders unbändiger Stilwut.

In der Geschichte verliert sich Protagonistin Babydoll (Emily Browning) in verschiedenen Erzählebenen. Was Realität, Einbildung oder Wunschtraum ist, verschwimmt zunehmend miteinander.

Sucker Punch lässt Marvel bieder und unspektakulär wirken

Dem Regisseur dient dieses Spiel mit der Flucht in die Fantasie aber vor allem einem überbordenden Jonglieren mit Elementen aus der jüngeren Popkultur-Geschichte. Monströse Samurai-Kämpfer, Weltkrieg-Zombies, Drachen und Orks wirbelt Snyder in gewaltigen Action-Set-Pieces am Rande der Videospiel-Ästhetik umher.

In der aktuellen Blockbuster-Landschaft, die von Franchise-Verkettungen und Cinematic Universe-Marken wie dem MCU geprägt ist, erscheint Sucker Punch heute wie eine exotische Ausnahmeerscheinung.

Sucker Punch

Marvel-Filme ohne eigene Handschrift, die vorzugsweise als Bindeglieder einer möglichst langlebigen Serie produziert werden, stechen nur dann mal hervor, wenn Ant-Man in den Quantum Realm abtaucht, Doctor Strange durch verschiedene Dimensionen springt oder die Avengers in der Zeit zurückreisen.

Verspielte Ausreißer dieser Art fährt Sucker Punch dagegen beinahe im Minutentakt auf, während Snyder seinen Film provokativ zwischen Pop-Lolita-Fetisch und feministischem Befreiungsschlag anlegt. Dass ein so großzügig budgetierter Studio-Film mit einem so persönlichen Stil freidrehen darf und dabei noch großes Diskussionspotenzial ermöglicht, ist mittlerweile kaum noch denkbar.

Selbst Todd Phillipps, der mit Joker zuletzt einen polarisierenden Massenerfolg feiern konnte, musste seine persönliche Vision des Außenseiters in der brutalen Abwärtsspirale einer unmenschlichen Gesellschaft mit Bezug auf einen ikonischen Comic-Bösewicht und deutlich geringerem Budget verwirklichen.

Zack Snyder ist nach Sucker Punch mit Comicverfilmungen gescheitert

Nach Sucker Punch, der für Warner Bros. zum finanziellen Misserfolg wurde, unternahm auch Zack Snyder den Sprung ins großen Comicverfilmungen. Für Warners Marvel-Konkurrenz DC legte er mit Man of Steel und Batman v Superman: Dawn of Justice den Grundstein für ein eigenes Cinematic Universe, während sich sein Einfluss auch als Produzent in Filmen wie Patty Jenkins' Wonder Woman widerspiegelte.

Mit dem Avengers-Gegenstück Justice League kam es aber zum endgültigen Bruch zwischen dem Regisseur und dem Studio. Auch wenn die Umstände hinter den Kulissen ungeklärt bleiben, ist der Blockbuster ein genauso kommerzieller wie künstlerischer Fehlschlag, dem die kreativen Differenzen im Hintergrund in nahezu jeder Einstellung anzusehen sind.

Justice League

Im strikten Studio-System scheint für jemanden wie Zack Snyder schlichtweg kein Platz mehr zu sein. Sein nächster Film soll ein Zombie-Action-Inferno werden, das den Regisseur in alter Form zeigen dürfte. Finanziert wurde Army of the Dead jedoch von Netflix, wodurch er nur für auf der Streaming-Plattform veröffentlicht wird.

Dass fürs Kino zurzeit nochmal ein Film wie Sucker Punch entfesselt wird, bleibt weiterhin ein Wunschtraum.

Wie steht ihr zu Zack Snyders Sucker Punch?

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