Berlinale 2015

Berlinale Tag 10 - Die besten Filme des Festivals

Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Heute läutet der Publikumstag das Ende der Berlinale 2015 ein. Die Silbernen und Goldenen Bären wurden am Samstag verteilt und nach Ansicht aller Filme des Wettbewerbs bin ich mit dem Ergebnis zufrieden. Außer dem "Perspektiven öffnenden" Ixcanul haben mir alle Preisträger-Filme einigermaßen zugesagt. Die Stärke der diesjährigen Wettbewerbsfilme dürfte sich auch in den zwei geteilten Preisen für Regie und Kamera bemerkbar machen. Entweder das oder zwei verfeindete Lager haben sich in der Jury aufgetan, Pillows and Blankets im Berlinale-Palast sozusagen. Selbst den Hauptpreis für Taxi von Jafar Panahi mag ich nicht anfechten, wenn auch langsam der Verdacht aufkommt, Panahi werde für die Tatsache ausgezeichnet, dass er überhaupt noch Filme dreht und nicht dafür, welche Filme er dreht. Dieser Vorwurf wäre bei keinem A-Festival so naheliegend wie in Berlin, doch soll euch dies nicht in die Irre leiten: Taxi gehört zum Besten, was es dieses Jahr im Wettbewerb zu sehen gab und bietet einen ungemein komischen Einstieg in das Werk des iranischen Regisseurs.

The first Gastarbeiter in Europe
Das letzte Tagebuch zur Berlinale 2015 wartet mit einer ungewohnten Qualitätsdichte hinsichtlich der Filme auf. Das kommt davon, wenn der Wettbewerb durch ist. Der Titel von Kidlat Tahimiks Forums-Beitrag Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III dürfte auf Außenstehende bzw. -lesende vermessen und prätentiös klingen. Allein die Produktionsgeschichte des 146-minütigen Films würde einen ausladenden Titel wie diesen rechtfertigen, wären da nicht noch die Vorzüge des Werkes. Tahimiks Film geht auf ein Projekt aus den 80er Jahren zurück, in dem er einen alternativen Ablauf der ersten Weltumseglung ersponn. Demnach war Magellans Sklave Enrique der erste Mensch, der die Welt umsegelte. Dieser Versuch, die Geschichte der Deutung der Kolonialherren zu entziehen, vollendet der philippinische Regisseur erst drei Jahrzehnte später mit Balikbayan #1. So sehen wir in einer Mischung aus "wiedergefundenen" Filmdosen und digital gedrehtem Material einen jüngeren Tahimik als Enrique, der an europäischen Höfen so mancher Prinzessin den Kopf verdrehte, bevor er genau deswegen mit Magellan auf Weltreise geschickt wurde ("Like a filmmaker in search of a production, Magellan has not given up so easily"). Der ältere Tahimik spielt eine Art Inkarnation des real existierenden Übersetzers von Magellan in einer globalisierten Welt. So ideenreich und verspielt ist Balikbayan #1, dass man darüber beinahe die Auseinandersetzung mit einem kolonialen Geschichtsbild übersieht, das auch hierzulande zum schulischen Lehrstoff gehört.

Die Mini-Retros des Forums sind wegen der Vorstellungszeiten mein persönlicher Härtetest der Berlinale. Mit schöner Verlässlichkeit finden sich darin Filme eines japanischen Regisseurs, darunter in den vergangenen Jahren Keisuke Kinoshita oder Minoru Shibuya. Deshalb ist eine Berlinale ohne Nach-22-Uhr-Japaner für mich keine richtige Berlinale und dieses Jahr ist Kon Ichikawa mit drei Filmen vertreten. Her Brother (1960) war gestern 22.30 Uhr im Arsenal zu sehen. Die trostlose Familiengeschichte wird nur durch einen aktionistischen Schwarm Gänse aufgehellt, bevor das Drama um zwei Geschwister sich fortsetzt, die mit ihrer passiv-aggressiven Stiefmutter im Zwist liegen und deren Vater eher auf eine Laissez-faire-Strategie in der Erziehung setzt.

Wohin das Ganze führt, lässt sich in der beeindruckenden Kameraführung und Lichtsetzung ablesen, die dem alltäglichen Geschehen innerhalb der Familie eine schicksalhafte Unvermeidlichkeit anheftet. Für die Produktion von Her Brother wurde die Bleichauslassung entwickelt, ein Verfahren, das bei der Bearbeitung von Farbfilm dem eigentlichen Bild ein Schwarz-Weiß-Bild auflegt. Entsprechend dürftig ist die Sättigung, wohingegen sich tiefschwarze Schatten über die Gesichter von Gen (Keiko Kishi), Hekiro (Hiroshi Kawaguchi) und ihren Eltern ziehen. Wenn Tinte auf einer Matte verschüttet wird, sticht ihr blutroter Ton derart aus dem Bild heraus, dass der Zuschauer nicht umhin kommt, an ein böses Omen zu denken.

Opium-Saison
Dank der Empfehlung eines Kollegen landete der Panorama-Beitrag Tell Spring Not to Come This Year kurzfristig in meinem Plan für die Berlinale und so sah ich gestern einen der besten Filme des gesamten Festivals. Die Dokumentation von Saeed Taji Farouky und Michael McEvoy begleitet ein Bataillon der Afghanischen Nationalarmee (ANA) nach dem Abzug der NATO-Truppen im vergangenen Jahr in die Provinz Helmand im Süden Afghanistans. Ein erfahrener Captain und ein junger Private teilen aus dem Off ihre Gedanken über den Beruf, das Verhältnis zu den amerikanischen Truppen und die persönliche Unzufriedenheit mit dem Zustand der Armee. Die früheren Invasoren sehen wir in Tell Spring Not to Come This Year dabei nur in Gestalt dessen, was sie zurückließen: ein verwaistes Militärgelände, Sportler-Shirts, Sticker, Müll. Die ANA führt den von ihnen begonnenen Krieg derweil weiter, weshalb den Soldaten in Tell Spring Not to Come This Year von der zwischen den Fronten stehenden Zivilbevölkerung Misstrauen entgegenschlägt.

Ohne eigenen erzählenden Kommentar lassen Farouky und McEvoy die Gesichter der afghanischen Soldaten sprechen, welche diese im Außendienst verhüllen müssen, um nicht von Taliban-Anhängern ins Visier genommen zu werden. Soldaten, deren Alltag hierzulande höchstens in Form von Todeszahlen oder im Kontext der Korruption zur Berichterstattung verleitet. Ein verstörendes Gefühl der Ausweglosigkeit entwickelt die Doku schließlich, als die Truppe sich in die umkämpfte Stadt Sangin aufmacht. 24 Stunden soll der Einsatz gegen eine Taliban-Offensive dauern, 45 Tage wird er in Anspruch nehmen. Dabei werden Bataillon und Filmemacher in einem Gehöft von gegnerischen Kräften umzingelt. Die Tatsache, dass wir gerade diesen Film sehen, beruhigt ein wenig, die angsterfüllten Augen der afghanischen Soldaten sprechen eine andere Sprache.

Berlinale-Weisheit des Tages: "When the coin in the cashbox rings, the soul out of the purgatory springs." (Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III)

Meine Top 15 der Berlinale 2015:


15 Selma
14 Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III
13 Die Piratenkönigin
12 Taxi
11 Victoria
10 Fish Tail
09 Der letzte Sommer der Reichen
08 45 Years
07 Hedi Schneider steckt fest
06 Queen of Earth
05 Eisenstein in Guanajuato
04 An American Romance
03 Tell Spring Not to Come This Year
02 The Forbidden Room
01 Der Perlmuttknopf

Sonderpreise des moviepilot-Tagebuchs zur Berlinale 2015:

Wim-Wenders-Gedächtnispreis für die tiefsinnigste Metapher des Festivals:
Der Iglu bricht in Nobody Wants the Night.

Preis für animalische Schauspielkunst:
Die zwei todesmutigen Goldfische aus Taxi.

Ehrenpreis für die beste Einstimmung auf eine Weltpremiere:
Regisseur Peter Kern übt mit dem Publikum die Buh-Rufe.

Großer Preis der Ein-Frau-Jury für die Lieblingsszene des Festivals:
Udo Kier wird in The Forbidden Room zu den Klängen von Sparks "The Final Derriere" lobotomisiert.

Fremdscham-Preis für die peinlichste Frage in einer Pressekonferenz (1):
Reporter X fragt Schauspielerin Zhou Yun, warum sie in Gone with the Bullets denn zwei Namen hat und muss zu seiner Überraschung feststellen, dass Zhou Yun und Shu Qi (deren Figur nach einer halben Stunde stirbt (!)) nicht dieselbe Person sind.

Silberner Gaffer für Fangirl-Befriedigung:
Jiang Wen bei der Pressekonferenz zu Gone with the Bullets.

Goldener Gaffer für lebenslange Dankbarkeit meinerseits, einmal die selbe Luft atmen zu dürfen:
Charlotte Rampling bei der Pressekonferenz der Berlinale-Gewinner.

Alle Berlinale-Tagebücher auf einen Blick:

Tag 10 mit Kon Ichikawa und dem verschobenen Frühling
Tag 9 mit dem Kleid aus Cinderella
Tag 8 mit Elser und An American Romance
Tag 7 mit Fifty Shades of Grey und Eisenstein in Guanajuato
Tag 6 mit Nasty Baby und Every Thing Will Be Fine
Tag 5 mit Als wir träumten und Redskin
Tag 4 mit Knight of Cups und Der Perlmuttknopf
Tag 3 mit Victoria und Der letzte Sommer der Reichen
Tag 2 mit Queen of the Desert und The Forbidden Room
Tag 1 mit Nobody Wants the Night und Hedi Schneider
Berlinale-Prolog

(1) Aus einer Auswahl von zwei besuchten Pressekonferenzen.

Mein Dank geht an alle fleißigen Leser dieses Festival-Tagesbuchs!

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Ab 17. Oktober im Kino!Parasite
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