Jürgen Kiontke - Kommentare

Alle Kommentare von Jürgen Kiontke

  • 6
    über Havarie

    Ein Panoptikum der Politik, eine stockende Weltbetrachtung der täglichen Vorgänge im Mittelmeer.

    • 7 .5

      Kein Wunder, dass Bastian mit ihrem Film gleich den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2016 in der Kategorie Hochschule gewonnen hat. "Where to, Miss?" – Wo soll es hingehen? Dieser Film ein kleines, einfühlsames Porträt – aber auch ganz großes Kino: ein Abenteuerfilm. Und ein Road Movie sowieso!

      • 4
        über Neruda

        Nichts gegen durchkonstruierte oder experimentelle Kunst, die es angesichts eines unterhaltungsgewöhnten Kinopublikums sicher sehr schwer hat, ihren Ort außerhalb des Festivalbetriebs zu finden. Es auktorial vollzutexten, muss aber auch nicht immer die Lösung sein. Man wünscht sich, Larrain hätte seine Neruda-Variation als Stummfilm inszeniert. ´Ne stinknormale Film-Bio hätte es auch getan.

        • 5 .5

          "Passengers" hätte das Zeug zum ganz großen Beziehungsfilm. Leider gelingt es den beiden Verliebten, mit viel Gerenne und Gehetze das Raumschiff zu reparieren. Damit wird der teure Hollywood-Film zu einem, der – wie so oft – seinen Figuren und vor allem dem Publikum nicht so recht traut. Statt des existentialistischen Dramas gibt es einen bald ziemlich öden Abenteuerfilm, sehr clean, sehr blond und hetero und manchmal ein bisschen sehr konventionell in der Rollenverteilung. Aurora sieht gut aus, der Mann beherrscht die Technik.

          So kommt die Vorstellung von Liebe ja des Öfteren daher: als ödes Eventkino. Sollen sie doch im kaputten Raumschiff vor sich hinlieben! Wohl bis ans Ende aller Flüge. Nein, darüber, dass sie gemeinsam was zu tun haben, kriegen sie ihre Beziehung stabil, ach so. Niemand soll verstört werden. Auch "Passengers" ist eine Illusionsmaschine.

          Wer den Müll rausbringt, erfährt man nicht.

          • 3

            Der Flüchtling und die europäische Kunst: Im Kino werden seine Talente entdeckt.

            Auch Didi Hallervorden, der - "Eine Flasche Pommes Frites" - Super-Profi der deutschen Comedy, kann am Thema nicht vorbei. Er, der jetzt ernsthafte Dinge beackert, seitdem ihm der ernsthafte Regisseur Til Schweiger "Honig im Kopf" ins Gehirn schrieb und Alzheimer endlich massenakzeptabel machte, reüssiert in "Ostfriesisch für Anfänger" (ab 27. Oktober) als Jovial-Rassist, der die neuen "Fachkräfte" integriert. Als Sprachlehrer wird der alte Dösbaddel, der auf eine verwahrloste Tankstelle aufpasst, zum Deutschlehrer Marke Baden-Württemberg, Bezirk Küste: alles außer Hochdeutsch.

            Mit den erlernten Ostfriesisch-Kenntnissen werden die Neubürger wider Erwarten zu ökonomisch, verwertbaren Glanzobjekten, denn in Didis Kaff herrscht Landflucht und Fachkräftemangel. Und siehe da, der Moslem ist ein Schiffsbauingenieur, der die Buddelschiff-Industrie gehörig aufmischt.

            Ich sag mal: Taschentuch-Faktor 10! Vor allem die Schauspielerleistung und die Filmmusik. An manchen Stellen glaubt man nicht, dass man sieht, was man zu sehen kriegt.

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            • 7

              Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen brachte den Gedanken neulich ins Gespräch: die Öffnung der Armee für Legionäre, für Ausländer.
              Die Inspiration dazu kommt aus den USA: Dort können Zugewanderte schneller die US-Staatsbürgerschaft erlangen, wenn sie in die Armee eintreten. Denn wer überall Militäreinsätze fährt, der braucht auch kundiges und kräftiges Fachpersonal. Und andersherum: Wer Kopf und Kragen riskiert, wird bevorzugt. Wenn auch vielleicht zu einem hohen Preis, denn den Pass, das beliebte Dokument, erhält man womöglich nur als Toter.

              Wie es ist, ein Greencard-Soldier zu sein, spielt Regisseur Rafi Pitts in seinem Film "Soy Nero" durch: Der junge Nero ist Mexikaner aus Los Angeles. Irgendwann haben ihn die Behörden abgeschoben; nun ist er aber wieder da und hört sich die Erfolgsstory des Bruders in dessen Protz-Villa an.

              Ganz so stimmt dessen Geschichte aber nicht, der Reichtum gehört anderen. Und so muss sich Nero alsbald als Wachtposten im irakischen Kriegsgebiet verdingen.
              Der Film mit vielen überraschenden Wendungen und eindrucksvoller Bildarbeit war dieses Jahr für den Amnesty-Filmpreis auf der Berlinale nominiert. Kein Wunder: Die Filmgroteske spiegelt an mehr als ein paar Stellen die absurde Wirklichkeit. Eindrucksvoll etwa die sportlichen Szenen am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA: Der dient mitunter als - sehr hohes - Volleyballnetz.

              • 6

                Tanzen ist ihnen ein Menschenrecht: Arash und Anoosh sind Techno-DJs in Teheran. Aber wenn sie auflegen wollen, ist das eine organisatorische Tortur: Weil Tanzen zu DJ Hell und Sven Väth verboten ist, ziehen die Raver auf komplizierten Reiserouten in dieWüste, um dort drei Tage abzufeiern.

                Und wenn die beiden ihre Musik veröffentlichen wollen, verbringen sie erst mal zwei Tage mit Terminen im Ministerium für Kultur…

                Regisseurin Susanne Regina Meures ist ein verrücktes Generationenporträt gelungen. Im Iran wird Jugendkultur komplett restriktiv ausgelegt. Dennoch zeigen sich die Kulturbeamten vor der Kamera recht offenherzig und erläutern die Regeln. Das mutet mitunter komödiantisch an, etwa wenn es um das Design einer CD-Hülle geht.

                Amüsieren will man sich trotzdem. Als Anoosh dann aber verhaftet wird, scheinen die beiden am Ende. Ein Anruf vom Lethargy Festival in Zürich, einer der weltweit größten Techno-Partys, verändert die Situation: Die iranischen DJ-Profis erhalten tatsächlich ein Ausreisevisum und dürfen die Berge rocken…
                Vor fünf Jahren sei sie an einem Artikel über Technopartys in Persiens Wüste hängengeblieben, sagt Meures. Die Vorstellung von Festivals in einem Land mit einem der repressivsten Regimes der Welt hat sie fasziniert. Über Facebook nahm sie Kontakt auf und flog in den Iran.

                Herausgekommen ist eine Dokumentation über eine junge Generation, die wegen jedem Blödsinn um Erlaubnis fragen muss.

                • 6

                  Langlos Film zeichnet sich dadurch aus, immer noch eine Wendung, einen Ausweg bereit zu haben, immer noch was draufzusetzen.
                  "Welcome to Norway" handelt vom gegenwärtigen Zustand Europas; es ist der Versuch zu zeigen, wer hier wie unterwegs ist. Dabei werden weder Härten noch Schwierigkeiten verschwiegen, der Film ist ein Plädoyer, im Menschen den Menschen zu sehen. Er stellt sich nicht über die Gegenwart, er lässt ihr Platz.

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                  • 5 .5

                    "Passengers" hätte das Zeug zum ganz großen Beziehungsfilm. Leider gelingt es den beiden, mit viel Gerenne und Gehetze das Raumschiff zu reparieren. Damit wird der teure Hollywoodfilm zu einem, der - wie so oft - seinen Figuren und vor allem dem Publikum nicht so recht traut. Statt des existenzialistischen Dramas gibt es einen bald ziemlich öden Abenteuerfilm, sehr clean, sehr blond und hetero und manchmal ein bisschen sehr konventionell in der Rollenverteilung: Aurora sieht gut aus, der Mann beherrscht die Technik.

                    So kommt die Vorstellung von Liebe ja desöfteren daher: als ödes Eventkino. Sollen sie doch im kaputten Raumschiff vor sich hin lieben! Wohl bis ans Ende aller Flüge. Nein, darüber, dass sie gemeinsam was zu tun haben, kriegen sie ihre Beziehung stabil, ach so. Niemand soll verstört werden. Auch „Passengers“ ist eine Illusionsmaschine.

                    Wer den Müll rausbringt, erfahren wir nicht. Warum sie keine Nachfahren haben, auch nicht. Musste sich Aurora für Schwangerschaftsabbrüche entscheiden in der automatischen Arztstation? Oder so?

                    Liebe ist selten logisch. Warum sollte es der Liebesfilm sein? Einmal ist Bob Dylan zu hören: Die Musik dieses Films ist so schlimm wie die verpasste Chance, den Alltag einer Liebe in der Zukunft zu erzählen.

                    Doch ist "Passengers" damit auch wieder ein recht philosophischer Film, er handelt auf einer recht weiten Strecke von Schuld, Glück und Verantwortung in einer Weise, wie sie nicht oft im 3D-Film vorkommt.

                    Denn die Zweierliebe ist grundsätzlich eine verpasste Möglichkeit: Schließlich könnten sich die beiden fast beliebig weitere Partner*innen aufwecken – und ein ganz anderes Leben führen. Sie tun es nicht.

                    • 5

                      Daniel Blake ist ein Mann, den manche als anständigen Arbeiter bezeichnen würden. Brav und pünktlich und versiert. Nun ist der alternde Tischler aber krank geworden. Er kriecht aufs Arbeitsamt, wo man ihm die Sozialhilfe verweigert. Er könne ja arbeiten gehen. Arbeitslosengeld gibt’s aber auch nicht, weil er laut Arzt nicht arbeitsfähig ist.
                      Formulare, mit denen man Widerspruch einlegen könnte, gibt es nur noch im "Neuland", wie das mal eine alte deutsche Frau genannt hat, als sie zum ersten Mal vom Internet hörte. Auch der aufrechte Malocher hat dies noch nie von innen gesehen. Die Folge: Stromrechnung nicht bezahlt, Zwangsräumung droht. Alltag in Europas Landen. Loachs Film über den digitalen Analphabeten will wie immer hartes Sozialdrama sein.

                      • 4
                        über Safari

                        Mensch und Tier haben in Ulrich Seidls Film "Safari" keine Eigennamen. Sie sind, was sie sind: "Österreichischer Jagdtourist" oder auch: "seine Frau".
                        Tiere heißen: Buschbock, Zebra, Gnu. Sie haben allerdings noch einen Preis, der genau genannt wird. Weißschwanzgnu 800 Euro, die Antilope ist in etwa im gleichen Preissegment.

                        Seidls Film berichtet von denen, die im Internet stolz mit dem erschossenen Löwen posieren, der 20 Jahre in der Savanne lebte, oder auch mit dem erlegten Büffel. Die Jägersleute sagen: "Den haben wir erlöst."

                        Seidl ist der Meister des drastischen Dokumentierens. Es dauert eine gute Weile, bis die Jäger ihre Beute so drapiert haben, dass sie sich in Siegerpose dahinter hocken können. Denn das Zebra hat beim Sterben die Beine verdreht. Der Büffel wirkt tot nur noch so groß wie eine Ziege und zerbrechlich.
                        Die Giraffe lebt länger als gewünscht. Denn ein einzelner Schuss richtet kaum genug Schaden an, um das fünf Meter hohe Wesen zu erlegen. Sie ist schwer verletzt. Am gebrochenen Hals schleift sie ihren Kopf mit der Stirn voran durch den Staub.

                        Der Jagdführer sagt: "Da vorn geht der Giraffenmann. Seit vielen Jahren sind die hier zusammen herumgelaufen."

                        Ulrich Seidl ist selbst auch nicht ohne. Die Jagd macht sich nicht von allein. Da braucht es Helfer, Arbeiter, schwarze. Die bauen Unterstände auf, finden das Wild, transportieren es ab und zerlegen die Giraffe gut 20 Minuten lang. Abends sitzen sie in allein in ihren Wohnhütten, mit freiem Oberkörper, und nagen am Giraffenknochen. Seidl setzt, stellt sie vor die Kamera. Aber eine Sprechrolle?

                        Gedreht wurde in Namibia, da waren die weißen Truppen schon einmal.
                        Seidl erklärt: "Ich habe ihnen bewusst keine Sprache gegeben, um die Stellung aufzuzeigen, die sie innehaben: Sie sind Arbeiter auf einer Jagdfarm, sie begleiten die jagenden Weißen zur Jagd, das ist ihr Job, dafür werden sie entlohnt. Aber sie haben keine Stimme."

                        Neben der Mensch-Tier- deutet sich hier die nächste konfliktreiche Beziehung an. Was jemanden bewegt, Menschen in einem Film über Wildtierjagd in Afrika keine Stimme zu geben, und zwar explizit, weil sie schwarze Arbeiter sind, das ist durchaus einen weiteren Film wert. Mensch und Mensch sind auch nicht unbedingt Freunde.

                        • 6

                          "National Bird beschreibt die zerstörerischen Erfahrungen ehemaliger Analysten der US-Air Force, die ihr Schweigen über den geheimen Einsatz der Kampfdrohnen brechen. Sie hatten sich freiwillig für den Dienst gemeldet, aus Idealismus, Not oder Pflichtgefühl oder einfach nur, um Arbeit zu haben. Gequält von der Erkenntnis, am Tod Unschuldiger beteiligt gewesen zu sein, gehen sie an die Öffentlichkeit, ungeachtet möglicher Konsequenzen.

                          Die trockene Optik, die fast schulfilmhafte Ästhetik verleiht den Geschehnissen alle Härte, die nötig ist.

                          • 5

                            Daniel Blake ist ein Mann, den manche als anständigen Arbeiter bezeichnen würden. Brav und pünktlich und versiert. Nun ist der alternde Tischler aber krank geworden. Er kriecht aufs Arbeitsamt, wo man ihm die Sozialhilfe verweigert. Er könne ja arbeiten gehen. Arbeitslosengeld gibt's aber auch nicht, weil er laut Arzt nicht arbeitsfähig ist.
                            Formulare, mit denen man Widerspruch einlegen könnte, gibt es nur noch im "Neuland", wie das mal eine alte deutsche Frau genannt hat, als sie zum ersten Mal vom Internet hörte. Auch der aufrechte Malocher hat dies noch nie von innen gesehen. Die Folge: Stromrechnung nicht bezahlt, Zwangsräumung droht. Alltag in Europas Landen.
                            Loachs Film über den digitalen Analphabeten will wie immer hartes Sozialdrama sein. Zum Glück lebt Blake in einer Art Einhornland, und das ist die prekäre Klasse Englands. Dort wohnen Menschen wie Katie, ebenso pleite wie er, nur mit Kindern und voll lieb. Auch der Nachbar, der sich mit Schuhe dealen und Kiffen über Wasser hält, ist - Solidarität! - ein grundguter Kerl. Von denen ist hier die ganze Unterschicht voll.
                            Nun kann das ja im einzelnen mit der Solidarität stimmen. Aber hier kommt‘s doch etwas dicke. Der Film läuft nicht lange, da fühlt man sich leicht manipuliert. Spitzensache, dachten sie dieses Jahr in Cannes und pflanzten dem Film die Goldene Palme.

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                            • 7 .5

                              Man sieht die beiden Verliebten Schwanz an Schwanz durchs morgendliche Paris cruisen – bis der Verrat zufällig auffliegt: Hugo hatte eben nur Théo im Kopf – wörtlich, aber nicht die letzte Aids-Aufklärungsbroschüre. Verzweifelt stürmt der junge Mann in die Akutsprechstunde, wo eine junge Ärztin ihm und den Zuschauern erklärt, was man macht, wenn man sich mit HIV infiziert hat. Denn Théo ist positiv.

                              Dreimal Blutcheck am Tag und jede Menge fieser Tabletten. Die Liebe der beiden ist im Eiltempo gealtert – der Meckerfaktor hoch wie beim ­alten Ehepaar. Konntest du nicht aufpassen? Ach, ich war mit den Gedanken woanders. So könnte es noch lange weitergehen.

                              Aber die beiden Liebesspezialisten hinter der Kamera wissen auch: Die Zeit drängt, bald sind Nacht und Film zu Ende! Die Regisseure führen die liebenden Streitenden ans Ufer der Seine, man zeigt sich Wohnung und Geschlechtsorgan, dann graut der Morgen und sie wandeln in die aufgehende Sonne und die Seelen haben sich beruhigt.

                              Die Katastrophe führt ins Vertrauen, jetzt wird an der Beziehung gearbeitet. Eine Verharmlosung der Krankheit? Tja, das kann man so oder so sehen. Man mag sie kitschig finden oder als Komödie betrachten, die ­totale Liebe – starke Gefühle sind ja öfter mal was mit Klischee.

                              Auch unsere beiden jungen Freunde können es kaum glauben: "Als wir miteinander gefickt haben, haben wir Liebe erschaffen", lautet ihr ­Fazit. Beziehungsweise: "Wir haben was für den Weltfrieden getan."

                              Ja, das haben "Théo und Hugo" wirklich. Prima Kino!

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                                über Snowden

                                Stone stellt das Leben Snowdens detailliert nach, fragt aber nicht nur nach dem Datenskandal und stellt die politischen Implikationen der Überwachung heraus, sondern will auch die persönliche Verantwortung des Einzelnen diskutieren. Mehr als einmal werden Gesprächsrunden der Geheimdienstmitarbeiter zwischen ihren Arbeitseinsätzen inszeniert. Was wir tun, dient dem amerikanischen Volk, da sind sich vor allem die älteren Kollegen recht sicher.

                                Edward Snowden hatte ein recht angenehmes Leben, mit Haus, Familie und Grillfreunden. Dass auf der Arbeit im Nebenzimmer Drohnenangriffe geflogen, dass womöglich Witze darüber gerissen werden, entgeht ihm dennoch nicht.

                                Spätestens als ein völlig unbescholtener Mann, zufällig ausgesucht, kriminalisiert wird, nur damit ein Kollege Karriere machen kann, wächst in Snowden das Bewusstsein darüber, in welchem Umfeld er arbeitet.

                                "Snowden" ist ein sehr gesellschaftskritischer Film. Er stellt die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Ob dies eine Welt sein kann, in der pauschale Verdächtigungen und unkontrollierbare Behörden dominieren.

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                                • 4

                                  Vinzent Perez versucht sich an der Verfilmung des berühmten Hans-Fallada-Romans „Jeder stirbt für sich allein“, entstanden im Nachkriegsjahr 1946. Immer überzeugend ist das nicht: Die Darsteller wirken zuweilen, als seien sie in der üblichen Kulisse auf Durchreise. Nichtsdestotrotz gelingt es ihnen, das drückende Klima der Zeit zu transportieren. Insbesondere wenn die Gestapo die Nachbarschaft im Haus drangsaliert, Menschen keinen anderen Ausweg mehr als Selbstmord sehen und der Hass auf dem Hausflur wohnt, steht die Frage im Zentrum: Wann und wie muss der einzelne handeln, wenn ihm das totalitäre Regime gegenübersteht?

                                  • 6

                                    Ohio 1934: Leichtathletik-As Jesse Owens trainiert für die die Olympischen Spiele in Berlin. Dort wer-den die Nationalsozialisten 1936 ein Vorzeige-Sportfest organisieren, der große Propaganda-Sieg für Adolf Hitler soll das werden. Owens wird die Plä-ne durchkreuzen: Als schwarzer Sportler nimmt er vier Goldmedaillen mit und wird die Pläne des Re-gimes ad absurdum führen.

                                    In Hitler-Deutschland zum Helden geworden, in den USA weiterhin Opfer von Rassismus: Das Bankett zu seinen eigenen Ehren betritt Owens durch den Dienstboteneingang. Man wünschte sich, die Er-eignisse würden weitererzählt: Seine Siege interes-sierten in den USA niemand besonders, er wurde Schauläufer und trat gegen Pferde an. Erst spät wurde er als Olympionike wahrgenommen.
                                    Der Spielfilm „Zeit für Legenden“ stellt die Ereignis-se von damals als hochkomplexes Drama dar, in-dem sich Owens-Darsteller Stephan James meister-haft darzustellen weiß. Man wünscht ihm dafür den Oskar. Der Film insgesamt kommt da leider nicht immer mit. Manche Szenen wirken schlichtweg wie nicht inszeniert.

                                    Prima wiederum agiert Jeremy Irons als US-Sportpolitiker Avery Brundage. Dem bei den olympi-schen Verhandlungen mit den Nazis auffällt, dass er zufällig ein Bauunternehmen hat – ein Prototyp aller korrupten Funktionäre. Politik hat im Sport nichts zu suchen, wird er glaubwürdig versichern. Und genau damit scheint Sport nichts anderes zu sein. Also: Ein topaktueller Film.

                                    • 6

                                      Ein denkwürdiger, Film, einer, der noch nicht zu Ende ist.

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                                        »Deutschland ist …«, brüllt der Film ab jetzt bis zum Abspann. 40 Minuten sind’s noch. »So toll, so super, so Deutschland!«, schallt’s aus dem Wald. Da haben dann alle schon Schwarz-Rot-Gold an, und ein bisschen ist es wie am Ende von »Er ist wieder da«.

                                        Ein Film wie eine Nationalhymne. Alle Strophen.

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                                          „Wir möchten in unserem eigenen Land in Würde leben“: Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist für die Nepalesin Urmila Chaudhary und ihre Freundinnen alles andere als normal. Sie sind als Kinder weggegeben worden, um in anderer Leute Haushalt zu arbeiten. Chaudhary war gerade mal sechs Jahre alt, als sie von ihren Eltern als Kamalari, als Haushaltssklavin, in die Hauptstadt verkauft wird. Mit 18 Jahren gelingt ihr die Befreiung. Seitdem kämpft sie gegen die Leibeigenschaft. Motto: „Kinder gehen zur Schule! Erwachsene gehen arbeiten!“ Mit Hilfe der von ihr gegründeten Organisation und anderer Verbände wurden mittlerweile 13.000 Mädchen befreit.

                                          Susan Gluth begleitet Chaudhary, die nun 25 Jahre alt ist, durch den revolutionären Alltag – bis nach Oslo, wo sie auf einer Menschenrechtskonferenz spricht und für ihr Anliegen wirbt. Aber auch ihre Eltern kommen zu Wort, die sie wegen der Armut verkauften – und all die Jahre um die Ecke wohnten.

                                          Ein anderes Kapitel: Chaudarys Wunsch ist es, Anwältin zu werden. Nun kämpft sie mit dem Schulabschluss – einmal ist sie schon durch die Prüfung gerasselt. Aktivistin zu bleiben und zugleich formale Bildung erlangen erscheint der jungen Frau mit den Hello-Kitty-Ohringen als Belastung. Das macht aus der Protagonistin, die wie beiläufig Demonstrationen auf die Straße bringt, eine sehr sympathische Kämpferin gegen den eigenen Schlendrian. Und aus Gluths Arbeit einen schönen, bunten Protestfilm.

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                                            über Sonita

                                            „Sonita“ ist eine rasante Aufstiegsgeschichte der globalisierten Welt. Sonita hat etwas zu bieten, sie ist ein role model und so etwas findet die Kulturindustrie immer gut. Die irre Intelligenz dieses Films: Die Regisseurin kauft sich quasi selbst per Menschenhandel ins Geschehen ein. Preise muss man nach oben treiben, das wissen die Beteiligten sehr genau. Hier sind alle am Rande des Nervenzusammenbruchs, und das in heavy rotation. Genau davon handelt Sonitas Hit und dieser ganze Film.

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                                              "Du bist das Glied zwischen den Primaten und uns": Raphaël Padilla kriegt eine Menge zu hören in seinem Job. Als Fachkraft, an der ein Mangel zu bestehen scheint, gelingt ihm zwar der rasante gesellschaftliche Aufstieg. Aber der Preis ist durchaus hoch. Er darf sich bei seiner Performance vor allem: in den Arsch treten lassen.

                                              Als "Monsieur Chocolat" soll Padilla Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem Kollegen George Foottit Karriere machen. Der, eben noch berühmter Clown, dem neuerdings die Ideen ausgehen, hat den entflohenen Sklaven im Wanderzirkus entdeckt. Zusammen ziehen sie nach Paris, um groß rauszukommen. Für Padilla wär's die erste, für Foottits ist es wahrscheinlich die letzte Chance auf die große Nummer.
                                              Im Zirkus gibt er den erhellerenden Teil von Foottits Interpretation des schwarzen und des weißen Clowns. Die Farbgebung interpretieren die beiden, wie sie gemeint ist: Padilla gibt nicht nur den dunklen Part, sondern auch den dümmeren. Dem Publikum ist es recht, das lacht sich kaputt über die Performance. Die zwei werden reich und berühmt und Chocolat sogar noch Frauenliebling. Aus dem Kolonialstatus in die Unterhaltungsindustrie sozusagen.

                                              Omar Sy, Vorzeigedarsteller aus solchen perfiden Streifen wie "Ziemlich beste Freunde" oder "Heute bin ich Samba", spielt hier den charismatischen Clown, und der Film hat dabei ganz starke Seiten. Chocolat ist kein Schmusetyp: Er hängt an der Flasche, betrügt und kennt bei Drogen und Spiel keine Freunde. Seine Gagen haut er auf den Kopf, dass ganz Paris über diese neue Form des unvorsichtigen Partymachens redet.

                                              Sie bringt ihn in den Knast, Papiere hat er nicht. Mit dem Drahtbesen schruppt man ihm die schwarze Haut vom Körper. Kaum wieder draußen, nimmt er die Arbeit an der unsterblichen Künstlerbio wieder auf. Depressiv wie manisch, heimatlos und facettenreich. Taktik gibt's für ihn nicht. Mit Chocolats Karriere geht es bergab, als er beginnt, Foottit in den Hintern zu treten.

                                              Was mir an diesem Film am besten gefällt: Von den Zirkusnummern der beiden, die vom Publikum frenetisch abgefeiert werden, zündet keine einzige. Der gespielte Rassismus ist ein Zugeständnis ans Publikum. Aber keines ans Kino.

                                              • 3

                                                Alsbald findet man eine der Film­idee eigentlich erstaunlich zuwiderlaufende Stumpfheit, die vor allem im zweiten Teil des Films uncharmant gehetzte, ja krampfhafte Züge annimmt. Eine Entgrenzung des ­Begehrens über ein bisschen Gender-Crossen hinaus findet nicht statt. Schwierig ist auch das gewollt Komödienhafte: Ein Schuss Trauer hätte dem kleinen Werk durchaus mehr Tiefe verleihen können, vielleicht eine Andeutung, dass das lockere Leben schon bald vorbei sein kann. Außerdem macht der Score das Anschauen zu einem echten Problem: Die Musik besteht meist aus einer Easy-Listening-Kaufhaus-Version diverser HGich.T-Singles. Da wäre eine Pause mal angebracht gewesen, wenn auch der Name des Komponisten eine Bereicherung für die Credits ist: Sören Störung.

                                                Grausliche Musik, möglichst rasant zur Sache kommen und mit der Zeit auch das etwas verkrampfte Agieren vor der Kamera: Wo ist eigentlich der Unterschied zum herkömmlichen Sexfilm – außer dass dort die Bilder erheblich besser sind? Vor allem gegen das Porno-Einerlei soll sich »Schnick Schnack Schnuck« ja wenden, das Darstellerensemble wirklichkeitsnah rüberkommen. Aber wenn eines fehlt, dann etwas wirklich Wirkliches: Politik oder gar die wirtschaftliche Lage der Twentysomethings? Hinweise dieser Art bieten Filme dieser Art des öfteren. Und hier? Die WG-Zimmer in Köln sind jedenfalls alle quadratkilometergroß. Es wird mal kurz erwähnt, dass Emmi eine heiße Französisch-Lehrerin ist und Felix Programmierer von Sparkassen-Software.

                                                Vielleicht hätte dem Film eine ­Adaption als Basis gut getan: Aschenputtel, gefährliche Liebschaften, Schneewittchen und die sieben Zwerge oder sonst was. Regisseure wie Bruce LaBruce haben es vorgemacht – der hat schon vor 20 Jahren in "Hustler White" Thomas Manns "Tod in Venedig" als irrwitzige Stricherkomödie angelegt. Brochhaus hätte sich womöglich besser den Details zuwenden können. Und »Schnick Schnack Schnuck« hätte das schöne Gesellschaftsabbild werden können, das die Regisseurin wohl letztlich be­absichtigte. Eine Entwicklung der Figuren hätte auch gutgetan – wir ­reden immerhin von einem Film, der fast 90 Minuten lang ist. Schade, dass die Geschichte nur an der Oberfläche kratzt. Wie eine moderne Beziehung aussieht, wie ein Paar sich durchschlägt, eine Antwort auf allerlei Verlockungen findet; solche Fragen hätten aus ihnen tatsächlich echte und erotische Menschen gemacht.

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                                                • 6

                                                  Dies ist kein Film über, sondern mit indigenen Menschen: Regisseur Jayro Bustamante wuchs in der Region auf und veranstaltete Workshops, in denen aus den Geschichten der Teilnehmer mit ihnen gemeinsam ein Drehbuch entwickelte.
                                                  Es ist ein ruppig-schönes Werk geworden, mit Profis von vor Ort: den Ansässigen. "Ixcanul" erzählt von krassen Lebensbedingungen und von lebensstützenden Mythen angesichts von Verdrängung und Landflucht. Bis in den Wettbewerb der Berlinale 2015 hat es dieses basisdemokratische Filmprojekt gebracht – als erster Film aus Guatemala überhaupt.

                                                  • 7

                                                    Dörrie hat in Schwarzweiß gedreht, die Kamera verzeichnet die Auswirkungen der Katastrophe fast wie beiläufig. „Was ist denn in den Säcken?“, fragt die Protagonistin Marie einmal, während sie an dicken schwarzen Paketen vorbeifahren, die bis an den Horizont und darüber hinaus gelagert sind. „Das ist Erde“, sagt man ihr. Den ersten Meter Boden dieser Landschaft habe man abgetragen, weil er vergiftet sei. Wie lange die Behälter denn da stehen müssten, fragt die junge Deutsche. „Für immer.“

                                                    Es ist eine Katastrophe mit dieser Katastrophe - aber das Leben ist mit dem Tod nicht unbedingt vorbei, das sollen wir mitnehmen. Das ist die hoffnungsfrohe Botschaft in dieser schönen, dichten Geschichte.

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