Jürgen Kiontke - Jürgen Kiontkes Kommentare zu Filmen

Deine Kommentare

Filter
Sortierung

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Circles

7.0Sehenswert

Erstaunlich schnell fanden die jugoslawischen Teilrepubliken wieder zusammen nach dem Bürgerkrieg. Und viele Filmemacher gehen daran, die widersprüchliche Wirklichkeit auf ihre gewalttätige Geschichte hin zu analysieren. Welche Folgen haben die Kriege für die Gegenwart gehabt? Welche Verletzungen bleiben?
Eine cineastische Aufarbeitung dieser Art ist Srdan Golubovic' Spielfilm "Krugovi" (Die Kreise): Anfang neunziger Jahre besucht Marco, ein serbischer Soldat, während des Krieges die bosnische Heimat. Auf dem Marktplatz wird er Zeuge, wie seine Kameraden den muslimischen Ladenbesitzer anpöbeln. Marko, der den Mann gut kennt, greift ein. Der Zorn der Militärs wendet sich gegen ihn: Sie prügeln ihn tot.
Zwölf Jahre später, nach dem Krieg ist auch Krieg. Brach das Szenario damals schon das Freund-Feind-Schema auf, gilt dies auch, wenn sich die Beteiligten und ihre Angehörigen in völlig neuen Konstellationen wiedertreffen: Der Sohn von Marcos Mörder sucht ausgerechnet bei dessen Vater Arbeit. Ein Täter landet auf dem OP-Tisch von Marcos Freund. Und beim letzten steht Marcos Frau als Flüchtling vor der Tür.
Ist der Tod des Sohnes umsonst gewesen, fragt sich sein Vater, oder zieht er Kreise wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird?
"Krugovi" hält uns lange im Unklaren und kehrt zum Beginn der Erzählung zurück. Es wird eine Frage der Perspektive sein, wie wir die Vergangenheit sehen.
Ein Film über Schuld, Sühne und Zivilcourage angesichts komplexer Situationen. Und wie es sich für das Thema gehört, ist er eine Koproduktion mehrerer Balkanstaaten.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Population Boom

7.0Sehenswert

"Ich glaube nicht an Überbevölkerung" – für seinen neuen Film "Population Boom" nimmt sich der österreichische Regisseur Werner Boote ein Zitat von John Lennon aus dem Jahr 1971 als Arbeitshypothese. Und Glauben steht durchaus im Zentrum dieses Films.
Boote ist international bekannt geworden mit der viel beachteten Dokumentation "Plastic Planet". Darin folgte er den Wegen des künstlichen Gerümpels rund um den Erdball. Nun hat er sich die Verursacher vorgenommen: die Menschen.
Von denen gibt es viel zu viele, tönt es seit Jahrzehnten aus Studien und Fernsehern. Der Glaube: Der Mensch vermehrt sich ungehindert und frisst alles kahl, vor allem der in den Entwicklungsländern. Am Ende sind die Ressourcen alle und die Menschheit stirbt aus.
Boote schaut sich in seinem Film selbst mit der Kamera zu, wie er mit dieser Denkweise aufräumt und fragt: Wer verbraucht was wie, wann und in welcher Größenordnung? Und wer entscheidet, wo es zu viele Menschen gibt?
Er steigt an einem denkwürdigen Tag ein: dem 31. Oktober 2011. Der UNO-Generalsekretär verkündet gerade die Geburt des siebtmilliardsten Menschen und nutzt sie zu einem Verweis auf Mord, Totschlag und den Klimawandel. Überbevölkerung sei das größte Übel der Zeit. Dort wo Kinder für ihre Eltern im Alter sorgen müssen, tut dies allerdings keiner.
Also, woher kommt die heutige Denkweise, es gebe zu viele Menschen? Erste Ansätze lassen sich beim Ökonomen Thomas Malthus im 18. Jahrhundert finden. Wichtiger aber sei, dass die USA im Jahr 1974 Pläne entwickelt hätten, die Zahl der Menschen außerhalb der eigenen Landesgrenzen zu reduzieren. Denn viele junge Leute, so die Überlegung, stellen eine ideale Brutstätte des Kommunismus dar - die Geburtsstunde der globalen Bevölkerungspolitik.
Der Verdacht liegt nahe: Von Überbevölkerung sprechen - wie im Film etwa CNN-Gründer Ted Turner - vor allem die Superreichen, die, wenn man nachrechnet, die meisten Ressourcen verpulvern. Andere, wie der kenianische Soziologe Ndirangu Mwaura, sprechen von "Überfüllung": Die Slums von Nairobi seien nicht überbevölkert, sondern voll. Für die anwesenden Menschen gebe es zu wenig Land, und das gehöre der Oberschicht. "Wir sollten mehr in Menschen investieren statt in Aktien", sagt Mwaura. Das Problem liege nicht in einem Zuviel an Menschen, sondern in einem Zuwenig an Verteilungsgerechtigkeit.
Reiche! Die einzig echte Problemgruppe auf der Welt. Eine radikale Minderheit terrorisiert die Weltbevölkerung. Die gesellschaftlichen Kosten sind immens. Ölverbrauch und CO2-Ausstoß – ein US-Amerikaner produziert 16.000mal mehr Treibhausgas als ein Sudanese. Fazit: Es braucht keine Geburtenkontrolle für Menschen, wohl aber eine für Autos. „Population Boom“ ist ein engagiertes Loblied aufs Menschsein.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Nymphomaniac 1

6.5Ganz gut

Ein schöner Film – und auch wieder nicht. Am deprimierendsten von allem ist: Selbst Europas führender Autorenfilmer kann sich ein autonomes Subjekt nur als junge sexsüchtige Frau vorstellen. Auch wenn es ihr Spaß zu machen scheint: Angesichts diverser Prostitutionsdebatten wirkt das gerade etwas einfältig. Das Sex-Aas als role model des Überlebens ohne Glauben. Weil, alte Weisheit: Der Mensch ist ein animal being.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Mandela: Der lange Weg zur Freiheit

7.0Sehenswert

Nelson Mandela - eher verkörpert als gespielt von Idris Elba - saß 27 Jahre im Knast, das ist andernorts doppelt lebenslänglich. "Dein Zuhause. Für den Rest des Lebens", sagt der Wärter am Empfang. Elba/Mandela ist ein kräftiger, großer Mann. Auf jeden Fall größer als die Zelle. Chadwick erzeugt starke Gefühlsschwankungen, ihm gelingen gute Schlüsselszenen. Das Jahrhundert – Mandela wurde 1918 geboren - packt er mit dann doch recht leichter Hand in ein Format unter drei Stunden. Man hat sich große inszenatorische Mühe gegeben. hier sehen die Leute gut aus. Krieg, mehrere Hochzeiten, nationale Einigung, Tod und Verlust – Stoff ist genug da.
"Mandela" erfüllt Historienfilmpflichten. Wer keine Ahnung hat, bekommt Erklärungen. Wer im Stoff drin ist, wird sich nicht beschweren. Wer Anschlüsse an die Gegenwart braucht, findet sie. Die meiste Zeit funktioniert auch der dramaturgische Zuschnitt der Figuren: Nur schlecht oder nur gut gibt’s selten.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Disconnect

7.0Sehenswert

Er ist da, der Internetepisodenfilm: Lose stellt Regisseur Henry Alex Rubin die Geschichten von der Verletzlichkeit der Person als digitaler Privatsphäre in seinem ersten Spielfilm nebeneinander. Paranoia, Verfolgungswahn, Angstzustände: Hier wird der weiße Mittelstand zum Kriminellen wie zum Opfer. Auseinanderrechnen lässt sich das nicht mehr. Aber zusammen: In diesem Film verlieren alle ihre Existenz oder zumindest, was sie lieben.
Es ist eine quälende Welt, in der sich die Figuren hier bewegen. Alldieweil regnet es, man sitzt in fiesen Etablissements. Was machen die Maschinen mit den Menschen? Die haben das Regiment übernommen, klauen private Daten, belasten unerlaubt Kreditkarten – sie bauen jede Menge Mist im digitalen Raum. Und spielen mit der Aussichtslosigkeit, das Ich jemals wieder zu bekommen.
Die Rechnervernetzung steht den alleingelassenen Seelen unerbittlich gegenüber. Was ein Segen sein sollte, ist die Hölle: Kommunikation. Es wird viel geheult. "Disconnect" erzählt Schicksale, keine kohärente Story. Ein düsteres Science-Fiction-Epos der Gegenwart. Und die NSA ist noch nicht mal dabei. Dabei, und das ist dann obendrein ein dickes Plus, ist der Film ungemein spannend. Beim ersten Auf-die-Uhr-Schauen läuft der Abspann.
Anschließend geht man erst mal die Privatsphäreeinstellungen des Gehirns checken.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Art War

7.5Sehenswert

Knallbunt, riesengroß, hochpolitisch, öffentlich: Die Kunst junger Ägypter ist voller Farben, ziert die Häuserwände, handelt von der arabischen Revolte gegen Militär und Islamismus und ist für jedermann zugänglich. Ihr Ort ist der Tahrir-Platz, ihr Material sind die Kämpfe für Freiheit und Demokratie und ihr dramatisches Personal die Toten, die sie fordern.
Die Sprayer nehmen sich ebenso die Islamisten vor und deren zwiespältige, aber rigide Moral. Die künstlerischen Formen sind Nacktheit und öffentliche Debatten.
Regisseur Wilms begibt sich in seinem sehr kompakten und schnell geschnittenen Film auf die Suche nach der Tradition bildender Künste in Ägypten. Gemalt wurde dort immer, und zwar immer auf die Hauswand. Farben- und Formenvielfalt bestimmen die Bilder.
Gedreht wird oft genug in Tränengas und Anarchie - dieser Film ist selbst eine Kunstinstallation - wie die ganze ägyptische Revolte.
(Amnesty Journal 2-2014)

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Der Imker

6.0Ganz gut

Ibrahim Gezer war einst erfolgreicher Bienenzüchter in der Türkei mit guter wirtschaftlicher Perspektive und großer Familie. Dann musste er aufgrund seiner kurdischen Herkunft bis in die Schweiz fliehen. In der Schweiz gilt seine Profession aber nur als Hobby - die Arbeitsgesetze verpflichten ihn, in der Fabrik Bonbons zu verpacken. Gezers Ausweis ist jünger datiert - nun kämpft er darum, fünf Jahre älter zu sein, damit er in Rente gehen kann. Pass, Aufenthaltsstatus, neue Heimat: Gezer gibt Auskunft über das Leben eines alten Asylbewerbers - ein Thema, das selten beleuchtet wird. Was ist, wenn man mit über 60 Flüchtling ist? Manchmal etwas langatmig geraten, fällt dieser Film durch seine neuartige Perspektive aus dem Leinwandrahmen.
(Amnesty Journal 2-2014, derzeit nur Print)

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Der blinde Fleck

7.0Sehenswert

Der 21-jährige Gundolf Köhler soll eine Bombe am Eingang des Oktoberfest-Areals in München gezündet haben. 13 Menschen werden gleich getötet, 211 zum Teil schwer verletzt. Der 16. September 1980 geht in die Geschichte ein.
Benno Fürmann spielt den Radiojournalisten Ulrich Chaussy, der im Umfeld des Anschlags recherchierte und auf dessen Aufzeichnungen dieser Film basiert. Die Behörden präsentierten Köhler damals als Wirrkopf, der die Bombe völlig ohne Unterstützung gebastelt, platziert und gezündet haben soll. Auch wenn Zeugen bisweilen das komplette Gegenteil aussagten und die Spuren augenfällig ins rechtsradikale Milieu führten. Sehr deutlich weist der Film auf die Parallelen zum aktuellen NSU-Skandal hin.
Auch wenn die Darsteller - durchaus ein deutsches Starensemble - und Dramaturgie nicht immer ganz stilsicher wirken: dies ist ein eminent wichtiger Film.
(Amnesty Journal 2-2014, derzeit nur Print)

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über 12 Years a Slave

3.5Schwach

Ein schlimmes Schicksal: Mitte des 19. Jahrhunderts wird der ehrbare und freie Afroamerikaner Solomon Northop per fiesem Trick aus den Nordstaaten direkt in die Baumwollhölle Louisianas verklappt. Fortan sagt man nicht mehr "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen" zu ihm, sondern "Halt die Schnauze" und "Hemd aus zum Auspeitschen". Zwölf Jahre dauert das Martyrium, bis er auf wundersame Weise gerettet wird und zu seiner Familie zurückkommt.
Es ist eine verdienst-, durchaus auch pädagogisch wertvolle Arbeit des englischen Regisseurs Steve McQueen, diese wahre Begebenheit – Northops Bericht erschien 1853 und erlebte für damalige Verhältnisse eine Massenauflage – mit einem Starensemble verfilmt zu haben.
Sich diesen Film dann aber anzuschauen, ist es allerdings auch. Keine Frage, die Weißen, denen Northop damals begegnet sein wird, dürften allesamt echt fiese Arschkekse gewesen sein. Und die Schwarzen komplett arme Opfer. Die Bösen sind so abgrundtief ekelig wie die Guten total prima sind. Nun ist eine solche dramaturgische Grundanlage in der Wirklichkeit wie im populären Film zwar gängige Praxis. Ob einen das allerdings einen ganzen Film lang vom Schlafen abhält, ist fraglich. Da sich hier eine erwartbare Szene an die nächste reiht, hält sich der Lerneffekt in Grenzen. Zudem dürfte der Film recht werkgetreu sein, dafür fällt der Tagesordnungspunkt, warum es überhaupt Sklaverei gibt, diesmal aus. Politischer Kontext gerinnt hier bis zur Unkenntlichkeit zum Einzelschicksal – Herz hat der Film trotzdem nicht.
Kommen wir zum interessanten, weil Splatter-Teil - nicht zu vergessen ist ja der Schauwert von Unterdrückung: Ketten, Maulkörbe, Menschen in Scheiben schneiden, Aufhängen – Arbeitsverhältnisse wie in der deutschen Fleischindustrie.
Die inszeniert die Regie stilistisch durchaus auf hohem Niveau, so in etwa im Ambiente eines Jane-Austen-Films. Fehlt nur noch, dass Emma Thompson um die Ecke kommt.
Das tut sie zwar nicht, aber es gibt ja noch Brad Pitt als guten Menschen aus Kanada, Michael Fassbender als Voll-Sado- und als Halb-Sado-Plantagenbesitzer Benedict Cumberbatch. Der spielt neuerdings ja überall mit. Tags zuvor hatte ich ihn als gemeinen Drachen Smaug kleine Hobbits fressen sehen!
Fazit: "12 Years a Slave" – toller Streifen! Wenn dir "Die 120 Tage von Sodom" und "Independence Day" gefallen haben, könntest du auch diesen Film gut finden.
(aus "konkret" 1-2014, derzeit nur Print)

Kritik im Original 9 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Land in Sicht

2.5Ärgerlich

"Wie fühlst du die Deutschen?", fragt die einfühlsame Sozialarbeiterin. Ihr Gegenüber kapiert die Frage nicht ganz, und sagt das auch so. Und später: "I thought, Germany is full of nazis and Hitler alive."
Brian ist aus Kamerun geflüchtet und möchte nun in Deutschland Asyl beantragen. Dafür hat es ihn in die brandenburgische Kleinstadt Bad Belzig verschlagen – super Therme, tolle Burg mit Restaurant. Heute Abend ist orientalischer Tanz. "Not sex but culture", klärt Bad Belzigs Sozialpersonal auf.
So sieht der Alltag im deutschen Asylleben aus, ein bisschen hinter Gittern, ein bisschen umsorgt oder die NPD steht vor der Tür. Judith Keil und Antja Kruska begleiten Brian und seine beiden Leidensgenossen Abdul aus Jemen und Farid aus dem Iran durch den Antragsalltag. Wie sich das für ein solches Projekt gehört, werden die Deutschen gehörig auf die Schippe ("Hallo, ich bin die Party-Beate") genommen, während in der nächsten Szene das Exotik-Thema dominiert.
Etwa wenn Abduls Vergangenheit als Scheich thematisiert wird. Und der fordert, man möge ihm eine Frau zur Verfügung stellen, die für ihn kocht. Na, wieso das denn, kriegt er zu hören, das mit dem Kochen klappt doch wunderbar, verhungern willste doch nicht, oder? Kipp nur nicht immer das Wasser in den Gasherd, sonst rostet der durch.
Der deutsche Nachbar attestiert dem gewesenen Adeligen, dass der 'ne super Type ist. Sportfreak Farid landet alsbald mit Burnout in der Psychiatrie: "Die Deutschen haben viel größere Probleme als ich, ich war nichts dagegen." Die Dramaturgie bewegt sich hier nah am Slapstick – da winkt der Publikumspreis auf dem Filmfestival.
Während die beiden noch eine Chance auf Bleiberecht haben, sieht es bei Brian schlecht aus. Kamerun, no way. Die Anerkennungsquote liegt bei Null, nicht nur in Brandenburg. 30 Tage sind es noch bis zur Ausweisung. Brian: "Die Behörden arbeiten nach dem Gesetz. Ich muss nicht als erster da durch."
Der Rechtsanwalt rät zur Heirat. "Eine Frau zwischen 18 und 26 Jahren zur Hochzeit zu bewegen, ist nicht leicht", fachsimpelt Brian. "Und dann auch noch zusammen leben, ganz ohne Liebe." Sein Kumpel zieht ihm diesen Zahn: "Deutsche Frauen wollen doch nur One-Night-Stands."
Damit wäre dies auch geklärt. Die Regisseure von Filmen dieser Art sollten vielleicht dann doch mal drauf achten, ihre Protagonisten nicht allzu sehr vorzuführen.
(aus "konkret", 1-2014, derzeit nur print)

Kritik im Original 1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Workers

6.0Ganz gut

"Workers" erzählt aus der Welt misshandelter Arbeiter in Mexiko. Mit Rafael und Lidia greift sich Regisseur José Luis Valle zwei Schicksale aus dem Heer der kleinen Dienstleister heraus.
Der altgediente Rafael ist seit 30 Jahren Putzkraft in einer Glühbirnenfabrik. Nun steht die Rente an, gleich findet das Abschlussgespräch mit dem Chef statt. Dafür hat sich der fleißige Putzmann extra neue Schuhe gekauft. Jetzt sitzt er hoffnungsfroh im Büro und freut sich auf seinen Lebensabend. Aber der Vorgesetzte weiß etwas Besseres als Ruhestand: Weil Rafael aus El Salvador stamme, habe er gar keinen Rentenanspruch. Aber er könne ja einfach weiterarbeiten. Und das macht Rafael auch – als Experte für videodokumentierte Sabotage. Kaum zu glauben, was man mit normalen Putzmitteln alles anrichten kann…
Szenenwechsel: Lidia ist quasi Leibeigene einer reichen Frau. Als diese stirbt, hinterlässt sie ihrer Hündin "Prinzessin" das komplette Erbe. Die neue Chefin der Hausangestellten hat also vier Pfoten. Und "Prinzessin" ist eine durchaus launische Chefin.
"Workers" ist ein böses, satirisches, nervenzehrendes Porträt, das etwas langatmig inszeniert ist. Mit viel Gewalt und Komik soll hier deutlich gemacht werden: Nicht nur alle materiellen Dinge, auch die Menschen gehören der Oberschicht. Hier wird ein globaler, asymmetrischer Krieg geführt, der schleunigst einer Friedensinitiative bedarf: einer Agenda für menschenwürdige Arbeit.
(Kritik im Amnesty Journal 12-2013)

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Don Jon

5.5Geht so

"Don Jon" ist wie ein Film über Spielsucht ohne Geld – als hochgelobtes Produkt des US-Independent-Kinos hätte er sich durchaus mehr trauen können, statt dessen wendet er sich dem Mainstream zu. Schließlich wird wie bei allen Suchtfilmen die vollendete Sinnleere des Innenlebens der Protagonisten behauptet. Jon muss geheilt werden, ganz klar. Aber wie krank ist er? Das Manko: Sein Schicksal wird wenig bis gar nicht als gesellschaftliches diskutiert. Mag der Film auch nicht richtig funktionieren, weil er die behauptete Sexualisierung des Alltags nicht auseinandernimmt, die Schauspieler sind spitze. In den Gesichtern und Gesten spielt das Theater – "Don Jon" wäre auch ein schöner Stummfilm, das ist immer ein gutes Zeichen. Wenn dir nur die richtige über den Weg läuft, wirst du glücklich – seine Hauptfigur will Gordon-Lewitt dann ganz old school und irgendwie für die Mittelschicht durch die Liebe gerettet wissen. Kann sein, dass das geht, aber hier nicht ohne Blessuren.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Master of the Universe

6.0Ganz gut

"Master of the Universe" ist cineastisch recht unterkomplex. Wie in fast jedem Film über die Geldbranche, fehlt es auch hier an Bildern. Man sieht die bedrohlich leeren Etagen, die Einstellungen von abfahrenden Aufzügen, so düster inszeniert, als wäre man auf dem Gefängnisplaneten in "Alien 3". Zwangsläufig folgen Bilder der TV-Börsennachrichten und von um ihren Job trauernden Angestellten der Lehman-Brothers, dem Ausgangspunkt der Finanzkrise 2008. Ein Horrorfilm durch und durch, der aber schwerwiegende Lücken aufweist.
Sein Sujet ist banal, man mag nicht glauben, dass erwachsene Menschen nichts Besseres als Computerspielen im Kopf haben. Um Missverständnissen vorzubeugen: Dass da ein ehemals hoch angesiedelter Bankangestellter die Karten auf den Tisch legt, ist absolut in Ordnung. Mit fortschreitender Dauer aber rückt die Person des Rainer Voss selbst in den Mittelpunkt, so distanziert ironisch er die Vorgänge auch schildert. Mit sich selbst von früher will er nichts mehr zu tun haben; aber ein wenig ist er dennoch traurig, dass man ihn aus Altersgründen abgeschoben hat.
Wie lebt er? Was will er? Im selben Ton wie über den Handel redet er über sein Kind, das irgendwo lebt, aber sicher nicht bei ihm. Natürlich hat er Frau und Kind verlassen, er war ja sowieso kaum zu Hause und die Betreuung war schon in Ordnung. Man steckt das Kind "in die Kita der Deutschen Bank, da ziehen die schon ganz früh so Typen wie mich ran". Erziehung sei nicht nötig gewesen, es komme ja nicht auf die Dauer, sondern die Qualität "der mit dem Kind verbrachten Zeit" an. "So hab ich das empfunden", sagt er. Jetzt könnte man das dokumentarisch Eindimensionale dieses Films zugunsten von ein wenig Journalismus verlassen: Was sagt dieses Kind über seinen Vater? Was sagt seine Exfrau?
Aber vielleicht war das der besondere Trick des Regisseurs: Den Master of Desaster gibt’s nur ohne all das. Denkt mal bitte darüber nach, was das für den Rest der Welt bedeutet. Und so geht man raus aus dem Parallel-„Universe“ der Finanzspekulation mit seinem Automatenwesen und denkt: Eines, das aus solchen Elendsverursachern und Schreibtischkillern besteht, muss es nicht unbedingt geben. Das Leben mitsamt seinem ganzen Inhalt ist hier ein Wegwerfprodukt.
Wie sein Sujet, die Finanzbranche, stellt dieser Film sehr erfolgreich ein Produkt her, von dem man anschließend noch eine ganze Weile was hat: Hass auf diesen Unsinn.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Zaytoun - Geborene Feinde, echte Freunde

8.0Ausgezeichnet

Al-zaytoun ist das arabische Wort für Olive. Die leckere Vorspeise und der Ölzweig, an dem sie hängt, stehen für den Frieden. Der israelische Regisseur Eran Riklis hat nun einen Film zum versöhnlichen Obst gemacht: das Drama "Zaytoun", das dieses Jahr das jüdische Filmfest in Berlin eröffnete.
Zynisch wie alle Kriegsfilme hat auch dieser wenig mit Waffenstillstand am Hut. Libanon, 1982: Es donnert am Himmel, dann nimmt der kleine Fahed im palästinensischen Flüchtlingslager seine Knarre und zielt auf den israelischen Bomber. Peng, Peng macht das leerübende Kind. Worauf der Jet wie von Zauberhand vom Himmel fällt.
Es stürzt ab Yoni, der erfahrene Kampfpilot. Auf den hat die PLO nur gewartet und nimmt den zerschundenen Soldaten in ihre Obhut. Aber Fahed muss nach Israel. Im Kampfpiloten sieht er die Chance, das Testament seines verstorbenen Vaters zu vollstrecken: den letzten verbliebenen Olivenbaum der Familie zurück in ihr palästinensisches Heimatdorf zu bringen.
So entdeckt der kleine Radikalinski die Politik als Ausgleich von Interessen: Mit der bescheuerten Miliz verbindet ihn nichts, denn die arbeitet darauf hin, dass es den Palästinensern auch die nächsten 60 Jahre schlecht geht. Mit dem Hassobjekt Yoni verbindet ihn, dass er nach Hause gehen will. Also schießt er ihm ein Loch in die Figur, aber lässt ihn aus der Zelle. Auch sonst bleibt das Verhältnis der beiden gelinde gesagt unterkühlt - eine krude Stiefvater-Sohn-Geschichte mit spitzfindigen Wendungen. Denn Fahed kämpft nebenher mit der Pubertät. Da kommt ihm Yoni als doppelter Feind - Jude und Erwachsener - gerade recht. Will Smith hätte sich hier was abgucken können für seinen lahmen "After Earth"-Quatsch.
Das dynamische Duo begibt sich auf einen recht Riklis-typischen Road-Trip. Im Taxi läuft "Staying Alive" von den BeeGees. Man gibt sich alle Mühe, bleibende Filmerinnerungen zu generieren: Das Kind, das mit seinem Putzlumpenfußball im Minenfeld im Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft (mit der Nummer zehn von Zico) herumkickt, ward so wohl noch nicht gesehen. Jenseits einprägsamer Szenen bringt der Film Motive übelster Gewalt im Vorbeifahren. Unsere Protagonisten passieren ekelhafte Hinrichtungsszenen wie auch frische Bombenattentate.
Das Filmsetting ist hoch artifiziell und teilt doch laufend mit: ich bin es nicht. Gut geöltes Science-Fiction-Kino, das in der Vergangenheit spielt.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über The Act of Killing

7.0Sehenswert

Nach dem indonesischen Militärputsch 1965 brachten die Paramilitärs innerhalb eines Jahres über eine Million politischer Gegner um. Geahndet wurden die Morde nie, die Täter sind zum Teil noch heute in Amt und Würden. In Oppenheimers Film erzählen sie stolz vom Kampf gegen die angeblichen Kommunisten und demonstrieren Tötungsmethoden. Der Regisseur schlägt ihnen vor, die Taten "künstlerisch" in Szene zu setzen. Eine Idee, die ankommt: Die Totschläger suchen Schauspieler, lassen Kostüme entwerfen, sehen sich schon als Filmstars. Aber das Projekt bringt die Männer schließlich zum Nachdenken: Ihnen dämmert langsam, was sie den Menschen angetan haben - und welche Nebenwirkungen die Taten bei ihnen selbst hinterlassen haben.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Abseitsfalle

6.0Ganz gut

So hat sich Karin, Protagonistin in Stefan Herings Film "Abseitsfalle", ihren beruflichen Aufstieg nicht vorgestellt: Die graue Maus mit abgeschlossenem BWL-Fernstudium in der leicht verkalkten Personalabteilung - die Firma stellt schließlich Waschmaschinen her - hat sich daran gewöhnt, dass der Chef ihre Konzeptpapiere zur Effektivierung der Prozessabläufe grundsätzlich nicht liest. Darauf angesprochen reagiert er unwirsch - vielleicht hätte ihn die junge Mitarbeiterin nicht gerade auf der Betriebsfeier und vor den Kunden danach fragen sollen ("Frau Wegmann, doch nicht jetzt. Ein Bier, bitte").
Der Durchbruch kommt dann recht unverhofft und auch eher ungewollt, in Gestalt des Unternehmensberaters Dr. Kruger (Christoph Bach). Der smarte Umstrukturierer braucht jemanden, der den Betrieb von innen kennt und in Excel-Listen und Powerpoint-Präsentationen verpacken kann. Ganz klar: Diese Fabrik steht unzweifelhaft vor dem Relaunch. Man ahnt schnell, wie es mit dem leicht eingestaubten Waschmaschinenhersteller namens Perla weitergeht. Das ist weniger der Dramaturgie geschuldet, als der Tatsache, dass solch ein Umbau in der Wirtschaft meist für eine Betriebsschließung steht.
Dass ein solcher Stoff ins deutsche Kino findet, ist schon eine große Leistung. Während das Thema Arbeit und Arbeitskampf in allen erdenklichen Formen in anderen europäischen Filmkulturen einen festen Bestandteil bildet, ist man hierzulande zu intelligenten cineastischen Reflexionen des Themas selten fähig. Und so gibt es kaum ernsthafte Versuche, die deutsche Arbeitswelt in Spielfilme zu übersetzen. Lang lebe das Komödiengenre. Hier ist es anders: Regisseur Stefan Hering versucht in der "Abseitsfalle" Prozesse der Arbeitswelt zwar oft mit Mitteln des Humors, aber auch mit einer gewissen ernsthaften Tiefe zu erzählen.
Die besten Momente gibt es im Arbeiterkino, wenn fernab jeglichen Klamauks einfach nur absurde Vorgänge zur Debatte stehen. Bei allem gilt: Dieser Film will positiv sein. Die Lage ist schlimm, aber individuell lässt sich sauber handeln. Regisseur Hering zeigt sich als echter Visionär: Karin wählt den derzeit angesehensten Weg - als Whistleblowerin. Sie veröffentlicht den ganzen Kram.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Art/Violence

6.0Ganz gut

Gewalterfahrung in Kunst zu verwandeln - das war das Programm des israelischen Dramatikers Juliano Mer-Khamis. Mit seinem Freedom Theatre im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin brach er klassische wie moderne Stoffe auf die Situation des Israel-Palästina-Konflikts herunter. Regelmäßig provozierte der Sohn eines kommunistischen Ehepaares sämtliche Beteiligten. Im Jahr 2011 wurde Mer-Khamis von Unbekannten erschossen, ein Täter wurde bis heute nicht gefunden. Um an den ungewöhnlichen Künstler zu erinnern, haben seine Schauspieler um den Regisseur Udi Aloni ein Porträt des Freedom Theaters gedreht, in dem die Darsteller eine besondere Position zur Welt einnehmen. Sie inszenieren "Alice im Wunderland" mit palästinensischen Kindern, adaptieren "Warten auf Godot" als Trauerspiel.
Wirklichkeit in Dramatik zu übersetzen, ist für die Akteure nicht leichter geworden; sie sagen, es fehle die integrative Figur des Theaterchefs. Man muss sich erst neu zusammenfinden. Ein Programm für die Zukunft deutet sich jedoch an, einfach wie einprägsam. Irgendwann in dieser denkwürdigen Dokumentation fällt der Satz: "Juliano hat uns auf die Bühne gestellt und da bleiben wir."
(Vollständige Kritik im Oktoberheft des Amnesty Journal)

Kritik im Original 1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Can't Be Silent

7.0Sehenswert

"Viele Deutsche wissen nicht, was in Deutschland passiert." Der Musiker Revelino, der im Asylbewerberheim schmachtet, stellt klar: „Es gibt Menschen, die überrascht sind, wenn wir sagen, dass wir mit fünf oder sechs Personen in einem Raum leben.“ Und zwar jahrelang.
Still sein geht nicht: Dass er dies in eine Kamera erzählt, ist seinem Talent als Musiker geschuldet. Der Musiker Heinz Ratz, Teil der Band Strom und Wasser, besuchte um die 80 Flüchtlingsheime auf der Suche nach tonaler Kompetenz. Und er wollte nicht nur spielen, sondern dies auch politisch tun. Seitdem ziert der Zusatz "feat. Refugees" den Band-Namen. Künstler wie Revelino fanden in Ratz’ Projekt eine Wirkungsstätte. Man praktiziert, es ist naheliegend, einen Multikulti-Stilmix.
Das Publikum kommt zahlreich. Anschließend wieder die Anstalt. Oder die Gefängniszelle: Auf dem Bahnhof falle man mit schwarzer Hautfarbe auf und werde sofort kontrolliert, sagt Sänger Sam.
Die Band bietet einen Kurzurlaub von der überwältigenden Isolation. Die Kamera folgt Ratz und seinen Musikern auch ins Bundeskanzleramt. Die Ausländerbeauftragte Maria Böhmer verteilt ihre Integrationsmedaillen. Ratz sagt: Ich bin kein Freund der deutschen Asylpolitik. Er spricht nicht von Heimen, sondern von Lagern. Mit den Auszeichnungen wandert man davon. Es ist ein Witz und doch nicht: Zwei Wochen später kommt der Abschiebebescheid.
Oelkers Film, ein bedrückendes Dokument über schwer verständliche Zustände.
(Vollständige Kritik im Oktoberheft des Amnesty Journals)

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Feuchtgebiete

2.5Ärgerlich

Sie ist unumstritten der Rolls Royce unter den Blessuren des humiden Millieus: die Analfissur. Der mehr oder weniger dezente Einriss im hinteren Intimbereich gelangte mit Charlotte Roches beeindruckendem Teenie-Roman "Feuchtgebiete" zu angemessener Berühmtheit. So viele Menschen haben das lustig-traurige Buch über Scheidungskind Helen gelesen, welches sich mit der angesprochenen Verletzung im Krankenhaus befindet und sich so sehr die Wiedervereinigung der Eltern wünscht, dass sich eine Verfilmung auf jeden Fall anbot.
Regisseur David Wnendt versteht am Wort "Scheid-ung" vor allem die erste Silbe. Deshalb hat er ein munteres, zweistündiges Video rund um Helens Aussonderungsorgane gedreht. Die von Kinderschauspielerin Carla Juri nicht in den Griff zu bekommende Figur der Helen ritzt sich bei der Schamhaarkonturierung leider das Hinterteil ein. Da sie ohnehin, neben der Koprolalie, schon an Hämorrhoiden leidet, landet sie ob des malträtierten Darmausgangs in der Anal-Spezialklinik. Ein Identifikationsangebot nicht nur, aber durchaus auch für die ältere Generation! Anders als deren größte Teile ist Helen aber privatversichert (Einzelzimmerzuschlag!).
Die 18-Jährige - eine Kombination von Tourette und anderen Lebensfährnissen wie Krankheit, Siechtum, fehlgeschaltete Neuronen. Gender Studies wäre noch zu überlegen. Nun wälzt sich die junge Dame in Trauma, Durchfall und Fantasien. Anders als diverse Sekrete ist der Erzählverlauf dabei nicht immer ganz so leichtflüssig.
Denn in dieser Regie-Phantasie soll man was zu lachen haben. Wnendts Idee von Kino geht dabei ziemlich weit: Spätestens als vier Pizzabäcker das Produkt ihrer Arbeit mit einer ganz besonderen Protein-Botschaft verzieren, erkennt man das geschmacksgrenzverletzende Potenzial dieses leicht lächerlichen Films, sollte man bis dahin nicht schon eingeschlafen sein. Dickes Minus: Wieder keine Gastrolle für die Mutter des gepflegten Small Talks, Lady Bitch Ray.
Zwei Assoziationen stellen sich ein, die einem echt nicht mehr aus dem Gehirn wollen: Helen ähnelt per Lockenpilzkopf plus Sprachmodulation in frappanter Weise der Figur Pumuckl. Zweitens handelt es sich bei diesem Film um eine gähnige Mädchen-Version von "Das kleine Arschloch".
Drogen, Ficken und verkommene verzweifelte Menschen: Um die kleine Arschlöcherin hätte sich doch echt ein tolles, versautes Generationenporträt drehen lassen. Mit Helen gesprochen ist das Ergebnis: Da rein, da raus. Echt arschsträubend!

Kritik im Original 11 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir 1 Antworten

Jek-Hyde

Antwort löschen

Jetzt habe ich doch glatt Lust mir das kleine Arschloch mal wieder anzusehen.


Jungle World, ai-Journal, K... (Jürgen Kiontke)
über Das Mädchen Wadjda

6.5Ganz gut

"Der Sohn vom Nachbarn hat sich in die Luft gesprengt. Und bumm - jetzt hat er 70 Jungfrauen!", erzählt Abdullah. "Das mache ich auch", antwortet die zehnjährige Wadjda. "Und bumm - dann habe ich 70 Fahrräder."
Der erste saudi-arabische Film einer Regisseurin, das war klar, wird nicht ohne gewisse sarkastische Härten auskommen. Drehbuchautorin und Filmemacherin Haifaa Al Mansour gibt ihrer kleinen Protagonistin wenigstens sprachlich eine Menge Freiheiten. Wadjda, die Schülerin aus Riad, ist nicht auf ihre Klappe gefallen. Mit viel Witz schlawinert sie sich durch den reaktionären Alltag ihres Heimatlandes: Frauen dürfen nicht Auto fahren und keine Männer ansehen, weil die zurückgucken könnten.
Und Fahrrad fahren geht gar nicht. Frauen auf Drahteseln können nicht schwanger werden, erklärt die Mutter. Frauen sind es, die hier drastisch auf die Regeln pochen. Die Mutter ist selbst mehr oder weniger Zuhause eingesperrt und harrt dem Schicksal, eine Zweitfrau vor die Nase gesetzt zu bekommen - von der Schwiegermutter.
Auch für das Mädchen ist bald der Vollschleier angesagt. Der Tag, wie ihn die kleinen und großen Frauen in diesem Film erleben, ist eine einzige fortgesetzte Menschenrechtsverletzung. Reglementiert bis ins Detail, dient die Schule vor allem der Disziplinierung. Für Nichts drohen harte Strafen. Die Freuden beschränken sich auf Koran-Rezitations-Castings.
"Das Mädchen Wadjda": ein politischer Kinderfilm aus dem Kontrollstaat. Aber en passant erfährt man auch von den Dingen, die möglich sind – Frauen gehen selbstbestimmter Arbeit nach, laufen ohne Schleier rum…. Saudi-Arabien erscheint in Al Mansours Film als gespaltene Gesellschaft. Was kümmert es die die altkluge Wadjda – sie lässt sich nicht vom Träumen abbringen. Mit Abdullah, dem gleichaltrigen Freund, will sie um die Wette radeln. Und irgendwann ist es soweit.

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Antworten