Jürgen Kiontke - Kommentare

Alle Kommentare von Jürgen Kiontke

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    Was ist meine Rolle als Filmemacher – schaue ich quasi nur den Ereignissen zu und bin aktiver Part? Und wie weit geht dann das Engagement?
    Fragen, die sich der Regisseur Jakob Preuss in seinem neuen Film zu stellen hat, der von den Fluchtbewegungen über das Mittelmeer handelt. Preuss hat Paul Nkamani an der Küste Marokkos, ganz in der Nähe der spanischen Enklave Melilla, wo die Flüchtlinge regelmäßig den meterhohen Grenzzaun stürmen, in einem illegalen Flüchtlingslager kennengelernt. Der junge Kameruner hat sich durch die Sahara bis nach Nordafrika durchgeschlagen. Er sagt: "Die Europäer müssten in Afrika investieren, damit weniger Leute flüchten."

    Kurz darauf setzt er mit einem Schlauchboot nach Europa über. Preuss findet ihn in einem spanischen Rote-Kreuz-Heim wieder. Doch Spanien leidet unter der Wirtschaftskrise, und so beschließt Paul, weiter nach Deutschland zu ziehen. Der Film behandelt viele Aspekte der Migrationsdebatte und veranschaulicht sie an einem Einzelschicksal: Fluchtursachen, Grenzschutz. Lebensgefahr auf Reisen, bishin zur Ankunft am vermeintlichen Sehnsuchtsort: einem Aufnahmeheim in Eisenhüttenstadt.

    In Videoblog-Manier dokumentiert Preuss die Treffen tagebuchartig mit der Kamera. Am Ende quartiert der Filmemacher den Flüchtling bei den eigenen Eltern ein. "Paul" ist eine Geschichte darüber, wie persönlich Migration werden kann und das Porträt einer ungewissen Zukunft.

    (Amnesty Journal 8-9 2017)

    • 6 .5

      Regisseurin Gurinder Chadha, deren Familie unmittelbar in die tragischen Ereignisse nach dem Ende des British Empire verstrickt war, zeichnet die Ereignisse in ihrem äußerst sehenswerten Historienfilm "Der Stern von Indien" nach. Ihr gelingt es, Figuren und politische Konstellationen mit prima Schauspielern und einem gelungenen Drehbuch zu motivieren.

      Mit besten Ergebnissen: "Da habe ich endlich mal was kapiert", war ein Urteil, dass man von Besuchern der diesjährigen Berlinale, wo der Film seine Weltpremiere erlebte, nach der Aufführung durchaus öfter hörte. Regisseurin Chadha sagt: "Meine Filme versteht jeder."

      (Amnesty Journal 8-9 2017)

      • 7

        Die Einführung des Frauenwahlrechts in der Schweiz stellt hier den Rahmen bereit für eine ganze Reihe von kleinen und größeren Entwicklungen, die die Figuren durchmachen. Regisseurin Petra Volpe ist dafür bekannt, Publikumserfolge zu produzieren. Sie hat eine klare Absicht, die Stoffe haben oft mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Ihre Filme haben gute Skripte, die Schauspieler wissen, was sie tun.

        • 6

          Glückliches Fleisch, glückliches Gemüse: Die auch glücklichen Menschen unterscheiden sich recht deutlich von den Chemiebauern: Sie wirken entspannt, sie tragen weiche schöne Wollsachen, stellen ihre besten Freunde vor. Und die Landschaft sieht entschieden besser aus. Naturkultur? Prima Sache!
          Das ist ernstgemeint: „Die Geschichte vom Ende der Gentechnik“ lautet der Untertitel des Films. Beschwingt kommt man aus dem Kino und möchte Verhaag gern glauben.

          Danke für die frohe Zeit, Bertram Verhaag! Monsanto wurde gerade an Bayer verkauft, es entsteht ein noch größeres Chemiekombinat. Das lässt nichts Gutes ahnen.

          • 6

            Es ist Schabus’ Verdienst, all die Protagonisten des Agrar-Kapitalismus vor die Linse zu kriegen, wo sie ihre Glaubenssätze herunterbeten:
            Landwirtschaftsfunktionäre, die Preise bestimmen können, Politiker, die für TTIP schwärmen, Bauern, deren Höfe ständig wachsen, ohne mehr Gewinn abzuwerfen.
            Was aber kann hier das Kino? Bewusstsein schaffen. „Als ich vor mehr als drei Jahrzehnten ‚1900‘ von Bernardo Bertolucci gesehen habe, dachte ich eigentlich, die Zeit der Großgrundbesitzer in der Landwirtschaft sei vorbei“, sagt der Produzent
            Helmut Grasser. "Das war ein Irrtum."

            Aus Neu mach Alt: Der Neoliberalismus ist nur ein Neofeudalismus.

            • 6

              Mihaileanus Werk ist ein vertrackter, gut besetzter Plot. Die Liebe verbindet nicht nur Individuen, die einander völlig fremd sind, sondern auch die Geschichten der
              Kontinente Europa und Amerika. Sehenswert und zudem äußert anrührend.

              • 5

                Der Film sei allen empfohlen, die die diskursive Kontroverse und den Widerspruch lieben. Redefreiheit – sie bedeutet eben auch Redelust. Alle Gesprächspartner machen deutlich: Freie Rede und auch Kunst haben keinen Sinn ohne ein Publikum. Möge dieser Film das seine finden.

                • 6 .5

                  Leeuw verhandelt in seinem Film existenzielle Fragen, stellt den Schmerz dar und will die ganze Aufmerksamkeit seines Publikums. Soll ich mich in Gefahr bringen, um andere zu retten, wenn ich womöglich selbst dabei Schaden nehme?
                  Das Stilmittel ist Spannung, Leeuw will den ungeschönten Blick auf das Drama der Situation als Kern des cineastischen Erlebens. Filme wie „Panic Room“ von David Fincher sind seine Referenz; ein Werk, in dem sich die Protagonisten hermetisch abriegeln müssen, im Willen, sich zu befreien. Wenig soll man sehen, und davon viel: sodass die bedrohlichsten Bilder im Kopf entstehen.
                  Über die Katastrophe in Syrien hinaus wolle er nach der Menschenwürde fragen, sagt Leeuw. Ihm ist ein überzeugender Antikriegsfilm gelungen, der Gewalt mit minimalen Mitteln darstellt und gerade damit zeigt, welche Verwüstungen sie in den Menschen anrichtet. Nicht umsonst bekam „Innen Leben“, auf der diesjährigen Berlinale für den Filmpreis von Amnesty International nominiert, den Publikumspreis in der Sektion Panorama.

                  • 6 .5

                    „Ich habe einen großen Wunsch: Ich möchte meinen Kindern erzählen, was mit ihrem Opa passiert ist. Ich würde trotzdem dafür sorgen, dass sie ohne Hass aufwachsen. Aber ich möchte ihnen die Wahrheit erzählen können. Die ganze.“
                    Abdulkerim Simsek, Sohn des Blumenhändlers Enver Simsek, weiß bis heute nicht, warum und wieso sein Vater vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ ermordet wurde. Und bis heute fragt sich nicht nur er, warum diese rechte Terrororganisation über Jahre Verbrechen verüben konnte und welche Rolle staatliche Institutionen dabei spielten.
                    In solchen Fällen kann die Kunst helfen: „6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage“ lautet der Titel der essayistischen Schwarz-Weiß-Dokumentation des Filmemachers Sobo Swobodnik, die sich mit dem Zeitraum der Mordserie beschäftigt, der mindestens neun Menschen zum Opfer fielen. Bilder der Tatorte werden mit Aussagen von Zeugen und Angehörigen wie Simsek unterlegt und mit Musik des Komponisten Elias Gottstein präsentiert. Eine filmische Installation, ein Hörspiel mit Bildern - ein wichtiges Werk. Denn nach dem Verlauf des bizarren und bisher ergebnislosen NSU-Prozesses in München rund um die Angeklagte Beate Zschäpe und dem Anwachsen einer rechtsradikalen Alltagspraxis mit den täglichen Angriffen auf Flüchtlingsheime hält dieser Film die Taten im öffentlichen Bewusstsein – in dem er an die Fragen erinnert, deren Antworten immer noch fehlen.

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                    • 6

                      1989 bildete der junge Joseph Kony in Uganda eine Armee aus entführten Kindern und Jugendlichen: die "Lord's Resistance Army" (LRA).

                      "Wrong Elements", das waren bei der LRA Menschen, die ausgerottet werden müssen auf dem Weg zu einem theokratischen Regime. In 25 Jahren wurden mehr als 60.000 Minderjährige entführt, von denen weniger als die Hälfte den Dschungel lebend verlassen hat. Mit ihnen terrorisierte Kony die Bevölkerung Nordugandas. Bis heute jagt die ugandische Armee Kony und seine Rebellen. Die Gruppe soll sich irgendwo zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Sudan aufhalten.
                      Geofrey, Nighty, Mike und Lapisa sind Freunde, sie wurden im Alter zwischen 12 und 13 Jahren entführt. Heute versuchen sie, sich ein normales Leben aufzubauen. Sie sind sowohl Opfer als auch Täter, auf beide Arten schwer beschädigt. Regisseur Jonathan Littell besucht in „Wrong Elements“ mit ihnen noch einmal Orte des Krieges. Unterbrochen werden die Interviewsequenzen durch Szenen vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wo Konys Stellvertreter Dominic Ongwen der Prozess gemacht wird.

                      Schriftsteller Littell, dessen Werk "Die Wohlgesinnten" zu den meistdiskutierten Büchern der Gegenwart zählt, zeichnet in seinem erstaunlich ruhigen Debütfilm die Spuren der Gewalt nach: Er lässt die jungen Leute einfach reden und unterbricht nicht. Kein Wunder, bei dem, was sie zu berichten haben.

                      (Amnesty Journal, 1/2017)

                      • 8

                        "Ohne Gerechtigkeit kein Frieden" ist das Motto der neuen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Der Hintergrund: Mehrere US-Bürger sind letztes Jahr von der Polizei erschossen worden. Sie waren unbewaffnet und zum Teil sogar schon am Boden fixiert.

                        Wie kommt es zu solchen Vorfällen? Der Dokumentarfilm "Do Not Resist" liefert einen Erklärungsansatz. Die US-Polizei ist in den letzten Jahren immens aufgerüstet worden. Der Grund hierfür ist in den militärischen Konflikten zu finden, an denen das Land beteiligt ist: Weil die Rüstungsindustrie Überkapazitäten produziert, werden die Waffen der Polizei "geschenkt". Mit gepanzerten Fahrzeugen, Maschinenkanonen und sogar aufgepflanzten Bajonetten wird nun bis ins letzte Dorf patrouilliert, um Parksünder dingfest zu machen.
                        Damit einhergeht - Achtung, Terrorgefahr! - die ideologische Brutalisierung der Beamten. Lehrkräfte trimmen sie auf Kriegstruppe.

                        Regisseur Craig Atkinson begleitet Spezialeinheiten auf ihren Einsätzen, filmt Ausschreitungen und besucht Überwachungszentralen à la Robocop. Sein Film beschäftigt sich auch mit totaler Videoüberwachung und Technologien des "Predictive Policing": den Möglichkeiten, per Algorithmus Prognosen auf die potenziell kriminelle Karriere eines jeden einzelnen zu stellen. "Und zwar schon vor der Geburt", wie einer der befragten Experten sagt.

                        Prädikat: wertvoll. Allerdings wünscht man sich hinterher, man hätte nur einen Spielfilm gesehen.

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                        • 6 .5

                          "Gaza Surf Club" ist ein kleiner, harter Film, wie man auch unter widrigen Bedingungen besonderen Hobbys frönen kann. Und er zeigt: Gaza wäre ein guter Surfspot. Der Name ist schon mal weltbekannt, am besten wandelt man das ganze Areal in eine hippe Party-Location um. Motto: Raketen zu Surfbretter.

                          • 9

                            Der Film handelt vom Krieg mexikanischer Drogenbanden, von bezahlten Mördern, von Geldeintreibern und ihren Opfern. Die Drogenkriminalität und ihre Bekämpfung gleichen einem Bürgerkrieg, der in den vergangenen fünf Jahren um die 100.000 Tote gefordert hat.

                            Da sind die Kollateralschäden noch nicht dabei. Um die aber geht es González: Er lässt die Angehörigen zu Wort kommen – ebenso wie die Täter. Denn Statistiken bleiben abstrakt, über schreckliche Nachrichten regt sich in Mexiko kaum noch jemand auf. González will die Geschichten hinter den Zahlen erlebbar machen. Vor seiner Kamera, so die Idee, können Opfer und Täter ihre Gefühle aussprechen, ohne Wertung, nach dem Prinzip einer Wahrheitskommission.

                            Damit sie vor Verfolgung und Rache halbwegs geschützt sind, tragen Täter wie Opfer Stoffmasken. Die Erzählungen werden spärlich von Alltagsszenen illustriert: Männer posieren mit Waffen, eine Fahrt durch die Wüste.

                            Vielen mag dieser Film im allgemeinen Festivalgewusel entgangen sein, er lief in der eher unbedeutenden Festival-Sektion "Berlinale-Spezial" der Berlinale 2017. Dabei hätte er durchaus in den Wettbewerb gehört, zumal er in Berlin Weltpremiere hatte. Denn nicht nur die Interviews mit den Protagonisten sind beeindruckend, sondern auch die Art, wie der Film gemacht ist. Mit der Maskierung wird auch ein komplexes Drama inszeniert. Dass die Täter zu Wort kommen, ist schwer auszuhalten, soll aber den Angehörigen ermöglichen, mit den grässlichen Folgen der Taten abzuschließen, gleichsam Vergebung durch Trauer zu ermöglichen.

                            Darüber hinaus sorgte der Film schlichtweg für die eindrucksvollste Filmszene der Berlinale: Als eine Mutter erzählt, wie ihre Kinder hingerichtet wurden, beginnt sie zu weinen. Unter den Augen beginnt sich der dünne Stoff durch die Tränen dunkel zu färben. Auch bei anderen passiert das, während sie von den Gräueltaten berichten. Ein Bild, das den Film in aller Schrecklichkeit strukturiert.

                            "La libertad del diablo" lässt so manchen Zuschauer schockiert im Kinosessel zurück. Ein radikaler Film, der nicht zu Ende ist, wenn das Licht angeht. Und er ist auch nicht mit der üblichen Kinoware vergleichbar.

                            • 6

                              "Der junge Karl Marx" fängt stark an: Polizisten durchkämmen ein Waldgebiet, in dem abgerissene Gestalten zwischen den Büschen hausen. Die Kamera filmt ins Licht; ein Ort wie der morgendliche Berliner Tiergarten. Die Menschen könnten die sein, die dort zelten: Arbeiter aus Osteuropa, aus der Wohnung Geräumte und sonstige Marginalisierte. Sollte es im Sinne von Regisseur Raoul Peck gewesen sein, eine Verbindung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts, zwischen der damaligen Pauperisierung der Massen und heutigem Prekariat herzustellen, ist ihm das zumindest zu Beginn gelungen.

                              Im Zentrum seines Films steht das prominenteste Rockstar-Duo, bevor Lennon/McCartney bzw. Jagger/Richards die Weltbühne betraten: Karl Marx und Friedrich Engels, jung und schön, Paris 1844. Sie schmieden politische Bündnisse, gründen Zeitungen, fliegen raus, schreiben Studien über die Armut. Karl ist knapp bei Kasse, Friedrich kämpft mit dem Unternehmervater - die beiden Jungzausel könnten europäische Hipster sein, nur die Smartphones fehlen. Die beiden disputieren sich besoffen und verqualmt durch politische Theorie, Ökonomie und Familienprobleme. Nach der Devise "Gebt den Linken mehr zu trinken" wirkt der Streifen zeitweise wie ein Werbeclip für den Spätkauf. In der ersten Stunde kommt das recht modern rüber. Dann ist die die Luft ein bisschen raus. Zum "Kommunistischen Manifest" hin verlegt man sich ein wenig aufs Drehbuchaufsagen.

                              Das große Plus dieses Films: Er beleuchtet einen Abschnitt deutscher Geschichte, der so gut wie nie im Kino vorkommt; Marx und Engels und der Kommunismus sowieso nicht. Peck präsentiert mit Mary Burns und Jenny Marx zwei starke Frauenfiguren. Überhaupt alle Schauspieler machen ihr Ding und das nicht schlecht.
                              Im Minus: Öfters vergisst der Film, dass er Kino ist. Sei es, dass er im endlosen Debattieren versinkt wie unsereins weiland nach dem Proseminar, oder dass er inszenatorische Macken hat: Wenn ich darstellen will, dass die englische Webmaschine der Arbeiterin die Finger abreißt, stelle ich niemand ins Zimmer, der erzählt, dass die Webmaschine die Finger abgerissen hat. Ich zeige die Finger.
                              Aber was soll′s: Raoul Peck, mach dich an "Kapital 1-3"!

                              • 6
                                über Havarie

                                Ein Panoptikum der Politik, eine stockende Weltbetrachtung der täglichen Vorgänge im Mittelmeer.

                                • 7 .5

                                  Kein Wunder, dass Bastian mit ihrem Film gleich den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2016 in der Kategorie Hochschule gewonnen hat. "Where to, Miss?" – Wo soll es hingehen? Dieser Film ein kleines, einfühlsames Porträt – aber auch ganz großes Kino: ein Abenteuerfilm. Und ein Road Movie sowieso!

                                  • 4
                                    über Neruda

                                    Nichts gegen durchkonstruierte oder experimentelle Kunst, die es angesichts eines unterhaltungsgewöhnten Kinopublikums sicher sehr schwer hat, ihren Ort außerhalb des Festivalbetriebs zu finden. Es auktorial vollzutexten, muss aber auch nicht immer die Lösung sein. Man wünscht sich, Larrain hätte seine Neruda-Variation als Stummfilm inszeniert. ´Ne stinknormale Film-Bio hätte es auch getan.

                                    • 5 .5

                                      "Passengers" hätte das Zeug zum ganz großen Beziehungsfilm. Leider gelingt es den beiden Verliebten, mit viel Gerenne und Gehetze das Raumschiff zu reparieren. Damit wird der teure Hollywood-Film zu einem, der – wie so oft – seinen Figuren und vor allem dem Publikum nicht so recht traut. Statt des existentialistischen Dramas gibt es einen bald ziemlich öden Abenteuerfilm, sehr clean, sehr blond und hetero und manchmal ein bisschen sehr konventionell in der Rollenverteilung. Aurora sieht gut aus, der Mann beherrscht die Technik.

                                      So kommt die Vorstellung von Liebe ja des Öfteren daher: als ödes Eventkino. Sollen sie doch im kaputten Raumschiff vor sich hinlieben! Wohl bis ans Ende aller Flüge. Nein, darüber, dass sie gemeinsam was zu tun haben, kriegen sie ihre Beziehung stabil, ach so. Niemand soll verstört werden. Auch "Passengers" ist eine Illusionsmaschine.

                                      Wer den Müll rausbringt, erfährt man nicht.

                                      • 3

                                        Der Flüchtling und die europäische Kunst: Im Kino werden seine Talente entdeckt.

                                        Auch Didi Hallervorden, der - "Eine Flasche Pommes Frites" - Super-Profi der deutschen Comedy, kann am Thema nicht vorbei. Er, der jetzt ernsthafte Dinge beackert, seitdem ihm der ernsthafte Regisseur Til Schweiger "Honig im Kopf" ins Gehirn schrieb und Alzheimer endlich massenakzeptabel machte, reüssiert in "Ostfriesisch für Anfänger" (ab 27. Oktober) als Jovial-Rassist, der die neuen "Fachkräfte" integriert. Als Sprachlehrer wird der alte Dösbaddel, der auf eine verwahrloste Tankstelle aufpasst, zum Deutschlehrer Marke Baden-Württemberg, Bezirk Küste: alles außer Hochdeutsch.

                                        Mit den erlernten Ostfriesisch-Kenntnissen werden die Neubürger wider Erwarten zu ökonomisch, verwertbaren Glanzobjekten, denn in Didis Kaff herrscht Landflucht und Fachkräftemangel. Und siehe da, der Moslem ist ein Schiffsbauingenieur, der die Buddelschiff-Industrie gehörig aufmischt.

                                        Ich sag mal: Taschentuch-Faktor 10! Vor allem die Schauspielerleistung und die Filmmusik. An manchen Stellen glaubt man nicht, dass man sieht, was man zu sehen kriegt.

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                                        • 7

                                          Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen brachte den Gedanken neulich ins Gespräch: die Öffnung der Armee für Legionäre, für Ausländer.
                                          Die Inspiration dazu kommt aus den USA: Dort können Zugewanderte schneller die US-Staatsbürgerschaft erlangen, wenn sie in die Armee eintreten. Denn wer überall Militäreinsätze fährt, der braucht auch kundiges und kräftiges Fachpersonal. Und andersherum: Wer Kopf und Kragen riskiert, wird bevorzugt. Wenn auch vielleicht zu einem hohen Preis, denn den Pass, das beliebte Dokument, erhält man womöglich nur als Toter.

                                          Wie es ist, ein Greencard-Soldier zu sein, spielt Regisseur Rafi Pitts in seinem Film "Soy Nero" durch: Der junge Nero ist Mexikaner aus Los Angeles. Irgendwann haben ihn die Behörden abgeschoben; nun ist er aber wieder da und hört sich die Erfolgsstory des Bruders in dessen Protz-Villa an.

                                          Ganz so stimmt dessen Geschichte aber nicht, der Reichtum gehört anderen. Und so muss sich Nero alsbald als Wachtposten im irakischen Kriegsgebiet verdingen.
                                          Der Film mit vielen überraschenden Wendungen und eindrucksvoller Bildarbeit war dieses Jahr für den Amnesty-Filmpreis auf der Berlinale nominiert. Kein Wunder: Die Filmgroteske spiegelt an mehr als ein paar Stellen die absurde Wirklichkeit. Eindrucksvoll etwa die sportlichen Szenen am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA: Der dient mitunter als - sehr hohes - Volleyballnetz.

                                          • 6

                                            Tanzen ist ihnen ein Menschenrecht: Arash und Anoosh sind Techno-DJs in Teheran. Aber wenn sie auflegen wollen, ist das eine organisatorische Tortur: Weil Tanzen zu DJ Hell und Sven Väth verboten ist, ziehen die Raver auf komplizierten Reiserouten in dieWüste, um dort drei Tage abzufeiern.

                                            Und wenn die beiden ihre Musik veröffentlichen wollen, verbringen sie erst mal zwei Tage mit Terminen im Ministerium für Kultur…

                                            Regisseurin Susanne Regina Meures ist ein verrücktes Generationenporträt gelungen. Im Iran wird Jugendkultur komplett restriktiv ausgelegt. Dennoch zeigen sich die Kulturbeamten vor der Kamera recht offenherzig und erläutern die Regeln. Das mutet mitunter komödiantisch an, etwa wenn es um das Design einer CD-Hülle geht.

                                            Amüsieren will man sich trotzdem. Als Anoosh dann aber verhaftet wird, scheinen die beiden am Ende. Ein Anruf vom Lethargy Festival in Zürich, einer der weltweit größten Techno-Partys, verändert die Situation: Die iranischen DJ-Profis erhalten tatsächlich ein Ausreisevisum und dürfen die Berge rocken…
                                            Vor fünf Jahren sei sie an einem Artikel über Technopartys in Persiens Wüste hängengeblieben, sagt Meures. Die Vorstellung von Festivals in einem Land mit einem der repressivsten Regimes der Welt hat sie fasziniert. Über Facebook nahm sie Kontakt auf und flog in den Iran.

                                            Herausgekommen ist eine Dokumentation über eine junge Generation, die wegen jedem Blödsinn um Erlaubnis fragen muss.

                                            • 6

                                              Langlos Film zeichnet sich dadurch aus, immer noch eine Wendung, einen Ausweg bereit zu haben, immer noch was draufzusetzen.
                                              "Welcome to Norway" handelt vom gegenwärtigen Zustand Europas; es ist der Versuch zu zeigen, wer hier wie unterwegs ist. Dabei werden weder Härten noch Schwierigkeiten verschwiegen, der Film ist ein Plädoyer, im Menschen den Menschen zu sehen. Er stellt sich nicht über die Gegenwart, er lässt ihr Platz.

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                                              • 5 .5

                                                "Passengers" hätte das Zeug zum ganz großen Beziehungsfilm. Leider gelingt es den beiden, mit viel Gerenne und Gehetze das Raumschiff zu reparieren. Damit wird der teure Hollywoodfilm zu einem, der - wie so oft - seinen Figuren und vor allem dem Publikum nicht so recht traut. Statt des existenzialistischen Dramas gibt es einen bald ziemlich öden Abenteuerfilm, sehr clean, sehr blond und hetero und manchmal ein bisschen sehr konventionell in der Rollenverteilung: Aurora sieht gut aus, der Mann beherrscht die Technik.

                                                So kommt die Vorstellung von Liebe ja desöfteren daher: als ödes Eventkino. Sollen sie doch im kaputten Raumschiff vor sich hin lieben! Wohl bis ans Ende aller Flüge. Nein, darüber, dass sie gemeinsam was zu tun haben, kriegen sie ihre Beziehung stabil, ach so. Niemand soll verstört werden. Auch „Passengers“ ist eine Illusionsmaschine.

                                                Wer den Müll rausbringt, erfahren wir nicht. Warum sie keine Nachfahren haben, auch nicht. Musste sich Aurora für Schwangerschaftsabbrüche entscheiden in der automatischen Arztstation? Oder so?

                                                Liebe ist selten logisch. Warum sollte es der Liebesfilm sein? Einmal ist Bob Dylan zu hören: Die Musik dieses Films ist so schlimm wie die verpasste Chance, den Alltag einer Liebe in der Zukunft zu erzählen.

                                                Doch ist "Passengers" damit auch wieder ein recht philosophischer Film, er handelt auf einer recht weiten Strecke von Schuld, Glück und Verantwortung in einer Weise, wie sie nicht oft im 3D-Film vorkommt.

                                                Denn die Zweierliebe ist grundsätzlich eine verpasste Möglichkeit: Schließlich könnten sich die beiden fast beliebig weitere Partner*innen aufwecken – und ein ganz anderes Leben führen. Sie tun es nicht.

                                                • 5

                                                  Daniel Blake ist ein Mann, den manche als anständigen Arbeiter bezeichnen würden. Brav und pünktlich und versiert. Nun ist der alternde Tischler aber krank geworden. Er kriecht aufs Arbeitsamt, wo man ihm die Sozialhilfe verweigert. Er könne ja arbeiten gehen. Arbeitslosengeld gibt’s aber auch nicht, weil er laut Arzt nicht arbeitsfähig ist.
                                                  Formulare, mit denen man Widerspruch einlegen könnte, gibt es nur noch im "Neuland", wie das mal eine alte deutsche Frau genannt hat, als sie zum ersten Mal vom Internet hörte. Auch der aufrechte Malocher hat dies noch nie von innen gesehen. Die Folge: Stromrechnung nicht bezahlt, Zwangsräumung droht. Alltag in Europas Landen. Loachs Film über den digitalen Analphabeten will wie immer hartes Sozialdrama sein.

                                                  • 4
                                                    über Safari

                                                    Mensch und Tier haben in Ulrich Seidls Film "Safari" keine Eigennamen. Sie sind, was sie sind: "Österreichischer Jagdtourist" oder auch: "seine Frau".
                                                    Tiere heißen: Buschbock, Zebra, Gnu. Sie haben allerdings noch einen Preis, der genau genannt wird. Weißschwanzgnu 800 Euro, die Antilope ist in etwa im gleichen Preissegment.

                                                    Seidls Film berichtet von denen, die im Internet stolz mit dem erschossenen Löwen posieren, der 20 Jahre in der Savanne lebte, oder auch mit dem erlegten Büffel. Die Jägersleute sagen: "Den haben wir erlöst."

                                                    Seidl ist der Meister des drastischen Dokumentierens. Es dauert eine gute Weile, bis die Jäger ihre Beute so drapiert haben, dass sie sich in Siegerpose dahinter hocken können. Denn das Zebra hat beim Sterben die Beine verdreht. Der Büffel wirkt tot nur noch so groß wie eine Ziege und zerbrechlich.
                                                    Die Giraffe lebt länger als gewünscht. Denn ein einzelner Schuss richtet kaum genug Schaden an, um das fünf Meter hohe Wesen zu erlegen. Sie ist schwer verletzt. Am gebrochenen Hals schleift sie ihren Kopf mit der Stirn voran durch den Staub.

                                                    Der Jagdführer sagt: "Da vorn geht der Giraffenmann. Seit vielen Jahren sind die hier zusammen herumgelaufen."

                                                    Ulrich Seidl ist selbst auch nicht ohne. Die Jagd macht sich nicht von allein. Da braucht es Helfer, Arbeiter, schwarze. Die bauen Unterstände auf, finden das Wild, transportieren es ab und zerlegen die Giraffe gut 20 Minuten lang. Abends sitzen sie in allein in ihren Wohnhütten, mit freiem Oberkörper, und nagen am Giraffenknochen. Seidl setzt, stellt sie vor die Kamera. Aber eine Sprechrolle?

                                                    Gedreht wurde in Namibia, da waren die weißen Truppen schon einmal.
                                                    Seidl erklärt: "Ich habe ihnen bewusst keine Sprache gegeben, um die Stellung aufzuzeigen, die sie innehaben: Sie sind Arbeiter auf einer Jagdfarm, sie begleiten die jagenden Weißen zur Jagd, das ist ihr Job, dafür werden sie entlohnt. Aber sie haben keine Stimme."

                                                    Neben der Mensch-Tier- deutet sich hier die nächste konfliktreiche Beziehung an. Was jemanden bewegt, Menschen in einem Film über Wildtierjagd in Afrika keine Stimme zu geben, und zwar explizit, weil sie schwarze Arbeiter sind, das ist durchaus einen weiteren Film wert. Mensch und Mensch sind auch nicht unbedingt Freunde.