Jürgen Kiontke - Kommentare

Alle Kommentare von Jürgen Kiontke

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    "National Bird beschreibt die zerstörerischen Erfahrungen ehemaliger Analysten der US-Air Force, die ihr Schweigen über den geheimen Einsatz der Kampfdrohnen brechen. Sie hatten sich freiwillig für den Dienst gemeldet, aus Idealismus, Not oder Pflichtgefühl oder einfach nur, um Arbeit zu haben. Gequält von der Erkenntnis, am Tod Unschuldiger beteiligt gewesen zu sein, gehen sie an die Öffentlichkeit, ungeachtet möglicher Konsequenzen.

    Die trockene Optik, die fast schulfilmhafte Ästhetik verleiht den Geschehnissen alle Härte, die nötig ist.

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      Daniel Blake ist ein Mann, den manche als anständigen Arbeiter bezeichnen würden. Brav und pünktlich und versiert. Nun ist der alternde Tischler aber krank geworden. Er kriecht aufs Arbeitsamt, wo man ihm die Sozialhilfe verweigert. Er könne ja arbeiten gehen. Arbeitslosengeld gibt's aber auch nicht, weil er laut Arzt nicht arbeitsfähig ist.
      Formulare, mit denen man Widerspruch einlegen könnte, gibt es nur noch im "Neuland", wie das mal eine alte deutsche Frau genannt hat, als sie zum ersten Mal vom Internet hörte. Auch der aufrechte Malocher hat dies noch nie von innen gesehen. Die Folge: Stromrechnung nicht bezahlt, Zwangsräumung droht. Alltag in Europas Landen.
      Loachs Film über den digitalen Analphabeten will wie immer hartes Sozialdrama sein. Zum Glück lebt Blake in einer Art Einhornland, und das ist die prekäre Klasse Englands. Dort wohnen Menschen wie Katie, ebenso pleite wie er, nur mit Kindern und voll lieb. Auch der Nachbar, der sich mit Schuhe dealen und Kiffen über Wasser hält, ist - Solidarität! - ein grundguter Kerl. Von denen ist hier die ganze Unterschicht voll.
      Nun kann das ja im einzelnen mit der Solidarität stimmen. Aber hier kommt‘s doch etwas dicke. Der Film läuft nicht lange, da fühlt man sich leicht manipuliert. Spitzensache, dachten sie dieses Jahr in Cannes und pflanzten dem Film die Goldene Palme.

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      • 7 .5

        Man sieht die beiden Verliebten Schwanz an Schwanz durchs morgendliche Paris cruisen – bis der Verrat zufällig auffliegt: Hugo hatte eben nur Théo im Kopf – wörtlich, aber nicht die letzte Aids-Aufklärungsbroschüre. Verzweifelt stürmt der junge Mann in die Akutsprechstunde, wo eine junge Ärztin ihm und den Zuschauern erklärt, was man macht, wenn man sich mit HIV infiziert hat. Denn Théo ist positiv.

        Dreimal Blutcheck am Tag und jede Menge fieser Tabletten. Die Liebe der beiden ist im Eiltempo gealtert – der Meckerfaktor hoch wie beim ­alten Ehepaar. Konntest du nicht aufpassen? Ach, ich war mit den Gedanken woanders. So könnte es noch lange weitergehen.

        Aber die beiden Liebesspezialisten hinter der Kamera wissen auch: Die Zeit drängt, bald sind Nacht und Film zu Ende! Die Regisseure führen die liebenden Streitenden ans Ufer der Seine, man zeigt sich Wohnung und Geschlechtsorgan, dann graut der Morgen und sie wandeln in die aufgehende Sonne und die Seelen haben sich beruhigt.

        Die Katastrophe führt ins Vertrauen, jetzt wird an der Beziehung gearbeitet. Eine Verharmlosung der Krankheit? Tja, das kann man so oder so sehen. Man mag sie kitschig finden oder als Komödie betrachten, die ­totale Liebe – starke Gefühle sind ja öfter mal was mit Klischee.

        Auch unsere beiden jungen Freunde können es kaum glauben: "Als wir miteinander gefickt haben, haben wir Liebe erschaffen", lautet ihr ­Fazit. Beziehungsweise: "Wir haben was für den Weltfrieden getan."

        Ja, das haben "Théo und Hugo" wirklich. Prima Kino!

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          über Snowden

          Stone stellt das Leben Snowdens detailliert nach, fragt aber nicht nur nach dem Datenskandal und stellt die politischen Implikationen der Überwachung heraus, sondern will auch die persönliche Verantwortung des Einzelnen diskutieren. Mehr als einmal werden Gesprächsrunden der Geheimdienstmitarbeiter zwischen ihren Arbeitseinsätzen inszeniert. Was wir tun, dient dem amerikanischen Volk, da sind sich vor allem die älteren Kollegen recht sicher.

          Edward Snowden hatte ein recht angenehmes Leben, mit Haus, Familie und Grillfreunden. Dass auf der Arbeit im Nebenzimmer Drohnenangriffe geflogen, dass womöglich Witze darüber gerissen werden, entgeht ihm dennoch nicht.

          Spätestens als ein völlig unbescholtener Mann, zufällig ausgesucht, kriminalisiert wird, nur damit ein Kollege Karriere machen kann, wächst in Snowden das Bewusstsein darüber, in welchem Umfeld er arbeitet.

          "Snowden" ist ein sehr gesellschaftskritischer Film. Er stellt die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Ob dies eine Welt sein kann, in der pauschale Verdächtigungen und unkontrollierbare Behörden dominieren.

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          • 4

            Vinzent Perez versucht sich an der Verfilmung des berühmten Hans-Fallada-Romans „Jeder stirbt für sich allein“, entstanden im Nachkriegsjahr 1946. Immer überzeugend ist das nicht: Die Darsteller wirken zuweilen, als seien sie in der üblichen Kulisse auf Durchreise. Nichtsdestotrotz gelingt es ihnen, das drückende Klima der Zeit zu transportieren. Insbesondere wenn die Gestapo die Nachbarschaft im Haus drangsaliert, Menschen keinen anderen Ausweg mehr als Selbstmord sehen und der Hass auf dem Hausflur wohnt, steht die Frage im Zentrum: Wann und wie muss der einzelne handeln, wenn ihm das totalitäre Regime gegenübersteht?

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              Ohio 1934: Leichtathletik-As Jesse Owens trainiert für die die Olympischen Spiele in Berlin. Dort wer-den die Nationalsozialisten 1936 ein Vorzeige-Sportfest organisieren, der große Propaganda-Sieg für Adolf Hitler soll das werden. Owens wird die Plä-ne durchkreuzen: Als schwarzer Sportler nimmt er vier Goldmedaillen mit und wird die Pläne des Re-gimes ad absurdum führen.

              In Hitler-Deutschland zum Helden geworden, in den USA weiterhin Opfer von Rassismus: Das Bankett zu seinen eigenen Ehren betritt Owens durch den Dienstboteneingang. Man wünschte sich, die Er-eignisse würden weitererzählt: Seine Siege interes-sierten in den USA niemand besonders, er wurde Schauläufer und trat gegen Pferde an. Erst spät wurde er als Olympionike wahrgenommen.
              Der Spielfilm „Zeit für Legenden“ stellt die Ereignis-se von damals als hochkomplexes Drama dar, in-dem sich Owens-Darsteller Stephan James meister-haft darzustellen weiß. Man wünscht ihm dafür den Oskar. Der Film insgesamt kommt da leider nicht immer mit. Manche Szenen wirken schlichtweg wie nicht inszeniert.

              Prima wiederum agiert Jeremy Irons als US-Sportpolitiker Avery Brundage. Dem bei den olympi-schen Verhandlungen mit den Nazis auffällt, dass er zufällig ein Bauunternehmen hat – ein Prototyp aller korrupten Funktionäre. Politik hat im Sport nichts zu suchen, wird er glaubwürdig versichern. Und genau damit scheint Sport nichts anderes zu sein. Also: Ein topaktueller Film.

              • 6

                Ein denkwürdiger, Film, einer, der noch nicht zu Ende ist.

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                  »Deutschland ist …«, brüllt der Film ab jetzt bis zum Abspann. 40 Minuten sind’s noch. »So toll, so super, so Deutschland!«, schallt’s aus dem Wald. Da haben dann alle schon Schwarz-Rot-Gold an, und ein bisschen ist es wie am Ende von »Er ist wieder da«.

                  Ein Film wie eine Nationalhymne. Alle Strophen.

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                    „Wir möchten in unserem eigenen Land in Würde leben“: Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist für die Nepalesin Urmila Chaudhary und ihre Freundinnen alles andere als normal. Sie sind als Kinder weggegeben worden, um in anderer Leute Haushalt zu arbeiten. Chaudhary war gerade mal sechs Jahre alt, als sie von ihren Eltern als Kamalari, als Haushaltssklavin, in die Hauptstadt verkauft wird. Mit 18 Jahren gelingt ihr die Befreiung. Seitdem kämpft sie gegen die Leibeigenschaft. Motto: „Kinder gehen zur Schule! Erwachsene gehen arbeiten!“ Mit Hilfe der von ihr gegründeten Organisation und anderer Verbände wurden mittlerweile 13.000 Mädchen befreit.

                    Susan Gluth begleitet Chaudhary, die nun 25 Jahre alt ist, durch den revolutionären Alltag – bis nach Oslo, wo sie auf einer Menschenrechtskonferenz spricht und für ihr Anliegen wirbt. Aber auch ihre Eltern kommen zu Wort, die sie wegen der Armut verkauften – und all die Jahre um die Ecke wohnten.

                    Ein anderes Kapitel: Chaudarys Wunsch ist es, Anwältin zu werden. Nun kämpft sie mit dem Schulabschluss – einmal ist sie schon durch die Prüfung gerasselt. Aktivistin zu bleiben und zugleich formale Bildung erlangen erscheint der jungen Frau mit den Hello-Kitty-Ohringen als Belastung. Das macht aus der Protagonistin, die wie beiläufig Demonstrationen auf die Straße bringt, eine sehr sympathische Kämpferin gegen den eigenen Schlendrian. Und aus Gluths Arbeit einen schönen, bunten Protestfilm.

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                    • 7
                      über Sonita

                      „Sonita“ ist eine rasante Aufstiegsgeschichte der globalisierten Welt. Sonita hat etwas zu bieten, sie ist ein role model und so etwas findet die Kulturindustrie immer gut. Die irre Intelligenz dieses Films: Die Regisseurin kauft sich quasi selbst per Menschenhandel ins Geschehen ein. Preise muss man nach oben treiben, das wissen die Beteiligten sehr genau. Hier sind alle am Rande des Nervenzusammenbruchs, und das in heavy rotation. Genau davon handelt Sonitas Hit und dieser ganze Film.

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                        "Du bist das Glied zwischen den Primaten und uns": Raphaël Padilla kriegt eine Menge zu hören in seinem Job. Als Fachkraft, an der ein Mangel zu bestehen scheint, gelingt ihm zwar der rasante gesellschaftliche Aufstieg. Aber der Preis ist durchaus hoch. Er darf sich bei seiner Performance vor allem: in den Arsch treten lassen.

                        Als "Monsieur Chocolat" soll Padilla Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem Kollegen George Foottit Karriere machen. Der, eben noch berühmter Clown, dem neuerdings die Ideen ausgehen, hat den entflohenen Sklaven im Wanderzirkus entdeckt. Zusammen ziehen sie nach Paris, um groß rauszukommen. Für Padilla wär's die erste, für Foottits ist es wahrscheinlich die letzte Chance auf die große Nummer.
                        Im Zirkus gibt er den erhellerenden Teil von Foottits Interpretation des schwarzen und des weißen Clowns. Die Farbgebung interpretieren die beiden, wie sie gemeint ist: Padilla gibt nicht nur den dunklen Part, sondern auch den dümmeren. Dem Publikum ist es recht, das lacht sich kaputt über die Performance. Die zwei werden reich und berühmt und Chocolat sogar noch Frauenliebling. Aus dem Kolonialstatus in die Unterhaltungsindustrie sozusagen.

                        Omar Sy, Vorzeigedarsteller aus solchen perfiden Streifen wie "Ziemlich beste Freunde" oder "Heute bin ich Samba", spielt hier den charismatischen Clown, und der Film hat dabei ganz starke Seiten. Chocolat ist kein Schmusetyp: Er hängt an der Flasche, betrügt und kennt bei Drogen und Spiel keine Freunde. Seine Gagen haut er auf den Kopf, dass ganz Paris über diese neue Form des unvorsichtigen Partymachens redet.

                        Sie bringt ihn in den Knast, Papiere hat er nicht. Mit dem Drahtbesen schruppt man ihm die schwarze Haut vom Körper. Kaum wieder draußen, nimmt er die Arbeit an der unsterblichen Künstlerbio wieder auf. Depressiv wie manisch, heimatlos und facettenreich. Taktik gibt's für ihn nicht. Mit Chocolats Karriere geht es bergab, als er beginnt, Foottit in den Hintern zu treten.

                        Was mir an diesem Film am besten gefällt: Von den Zirkusnummern der beiden, die vom Publikum frenetisch abgefeiert werden, zündet keine einzige. Der gespielte Rassismus ist ein Zugeständnis ans Publikum. Aber keines ans Kino.

                        • 3

                          Alsbald findet man eine der Film­idee eigentlich erstaunlich zuwiderlaufende Stumpfheit, die vor allem im zweiten Teil des Films uncharmant gehetzte, ja krampfhafte Züge annimmt. Eine Entgrenzung des ­Begehrens über ein bisschen Gender-Crossen hinaus findet nicht statt. Schwierig ist auch das gewollt Komödienhafte: Ein Schuss Trauer hätte dem kleinen Werk durchaus mehr Tiefe verleihen können, vielleicht eine Andeutung, dass das lockere Leben schon bald vorbei sein kann. Außerdem macht der Score das Anschauen zu einem echten Problem: Die Musik besteht meist aus einer Easy-Listening-Kaufhaus-Version diverser HGich.T-Singles. Da wäre eine Pause mal angebracht gewesen, wenn auch der Name des Komponisten eine Bereicherung für die Credits ist: Sören Störung.

                          Grausliche Musik, möglichst rasant zur Sache kommen und mit der Zeit auch das etwas verkrampfte Agieren vor der Kamera: Wo ist eigentlich der Unterschied zum herkömmlichen Sexfilm – außer dass dort die Bilder erheblich besser sind? Vor allem gegen das Porno-Einerlei soll sich »Schnick Schnack Schnuck« ja wenden, das Darstellerensemble wirklichkeitsnah rüberkommen. Aber wenn eines fehlt, dann etwas wirklich Wirkliches: Politik oder gar die wirtschaftliche Lage der Twentysomethings? Hinweise dieser Art bieten Filme dieser Art des öfteren. Und hier? Die WG-Zimmer in Köln sind jedenfalls alle quadratkilometergroß. Es wird mal kurz erwähnt, dass Emmi eine heiße Französisch-Lehrerin ist und Felix Programmierer von Sparkassen-Software.

                          Vielleicht hätte dem Film eine ­Adaption als Basis gut getan: Aschenputtel, gefährliche Liebschaften, Schneewittchen und die sieben Zwerge oder sonst was. Regisseure wie Bruce LaBruce haben es vorgemacht – der hat schon vor 20 Jahren in "Hustler White" Thomas Manns "Tod in Venedig" als irrwitzige Stricherkomödie angelegt. Brochhaus hätte sich womöglich besser den Details zuwenden können. Und »Schnick Schnack Schnuck« hätte das schöne Gesellschaftsabbild werden können, das die Regisseurin wohl letztlich be­absichtigte. Eine Entwicklung der Figuren hätte auch gutgetan – wir ­reden immerhin von einem Film, der fast 90 Minuten lang ist. Schade, dass die Geschichte nur an der Oberfläche kratzt. Wie eine moderne Beziehung aussieht, wie ein Paar sich durchschlägt, eine Antwort auf allerlei Verlockungen findet; solche Fragen hätten aus ihnen tatsächlich echte und erotische Menschen gemacht.

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                          • 6

                            Dies ist kein Film über, sondern mit indigenen Menschen: Regisseur Jayro Bustamante wuchs in der Region auf und veranstaltete Workshops, in denen aus den Geschichten der Teilnehmer mit ihnen gemeinsam ein Drehbuch entwickelte.
                            Es ist ein ruppig-schönes Werk geworden, mit Profis von vor Ort: den Ansässigen. "Ixcanul" erzählt von krassen Lebensbedingungen und von lebensstützenden Mythen angesichts von Verdrängung und Landflucht. Bis in den Wettbewerb der Berlinale 2015 hat es dieses basisdemokratische Filmprojekt gebracht – als erster Film aus Guatemala überhaupt.

                            • 7

                              Dörrie hat in Schwarzweiß gedreht, die Kamera verzeichnet die Auswirkungen der Katastrophe fast wie beiläufig. „Was ist denn in den Säcken?“, fragt die Protagonistin Marie einmal, während sie an dicken schwarzen Paketen vorbeifahren, die bis an den Horizont und darüber hinaus gelagert sind. „Das ist Erde“, sagt man ihr. Den ersten Meter Boden dieser Landschaft habe man abgetragen, weil er vergiftet sei. Wie lange die Behälter denn da stehen müssten, fragt die junge Deutsche. „Für immer.“

                              Es ist eine Katastrophe mit dieser Katastrophe - aber das Leben ist mit dem Tod nicht unbedingt vorbei, das sollen wir mitnehmen. Das ist die hoffnungsfrohe Botschaft in dieser schönen, dichten Geschichte.

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                                Bei der Premiere beim Filmfestival in Toronto gab es recht heftig was auf die Nuss von der Kritik: Unentschlossen sei der Film zwischen Abenteuer und Action-Romanze; dabei reiche es fürs Popkorn-Kino ebenso wenig wie zum Liebesepos.

                                Einwenden könnte man: Dieser Film richtet sich mit seiner Hauptdarstellerin an ein junges Publikum, das von der Colonia Dignidad noch nie was gehört hat. Über die prominente Besetzung könnte es durchaus funktionieren, dass sich die Zuschauer stärker mit dem sehr speziellen Stoff und der Geschichte auseinandersetzen. Und ganz nebenbei wird die zwielichtige Rolle des deutschen Botschafters in Chile zerpflückt, der wie viele deutsche Politfunktionäre die Hand schützend über die Kolonie gehalten hat.

                                (Amnesty-Journal 2/3 2016)

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                                • 7

                                  Sara Najafi ist eine junge Komponistin, die in Teheran lebt. Sie schreibt Musik für Frauenstimmen. Und da hat sie auch gleich ein Problem: Die iranischen Gesetze verbieten Solo-Auftritte von Sängerinnen. Allenfalls als schmückendes Background-Beiwerk von Männern dürfen sie auftreten. Aber Sara ist das egal: Entschlossen probt sie in Frankreich mit befreundeten Musikerinnen, um ihre Pläne durchzuziehen.

                                  Da trifft es sich gut, dass ihr Bruder Ayat ein Regisseur ist – mit nur einem Dokumentarfilm ist er berühmt geworden: „Football Under Cover“ (2008) zeigt das erste Fußballspiel von Frauen im Iran. Der Filmemacher mit dem Faible für Frauenthemen folgt seiner Schwester, hat aber auch in Archiven nach Auftritten iranischer Sängerinnen in der Vergangenheit gesucht. Und er präsentiert schönes Material, zum Beispiel aus den sechziger Jahren, wo Frauen allein auftreten: Heute undenkbar, singen sie von den Freuden von freier Liebe und wie schön es ist, betrunken zu sein.

                                  Sara stellt sich in die Tradition der rebellischen Sängerinnen. Der Film zeigt die Musiker bei den Proben ihrer Werke, Melodien aus einer Mischung traditioneller Weisen und neuer Kompositionen. Musik, so der Tenor, sei ein Geschenk für jeden Menschen, unabhängig von Kultur und Geschlecht.
                                  Ayat Najafi, der auch schon Mitglied der Amnesty-International-Jury auf der Berlinale war, hat einen spannenden Dokumentarfilm über coole Frauen gedreht - die ihre Stimme erheben, um mit Musik zu sprechen.

                                  (Amnesty-Journal 2-3/2016)

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                                  • 7

                                    Eine der verrücktesten Geschichten in der Rock-Historie ever schrieb wohl die Band Sumé. 1973 gegründet, gilt sie seitdem als die bekannteste Formation aus Grönland, die zudem als erste in der Landessprache sang.

                                    Den Musikern um die Bandgründer Malik Høegh und Per Berthelsen ging es nicht nur ums reine Klampfen - auch wenn das der Gitarrenverstärker, den Inuk Silis Høegh in seinem Dokumentarfilm über Sumé zur Illustration in die Landschaft stellt, suggeriert. Sumé waren eine sozialkritische und vor allem antikoloniale Gruppe. Seit über 200 Jahren gehörte Grönland damals schon zum dänischen Königreich. Besitz war auf der Insel unbekannt, es herrschte eine Allmende-Kultur. In starkem Kontrast dazu steht die krasse Rohstoffausbeutung durch dänische Firmen. Andererseits: Formale Bildungswege bot zu jener Zeit auch nur das Tausende Kilometer entfernte Dänemark. Nicht mal Kennenlernen ging zu Hause: Orte waren nicht per Straße verbunden.

                                    Die Lieder beschrieben die Missstände in Grönland an und wurden äußerst populär. Insbesondere dass die marginalisierte native Muttersprache in poetische Texte gegossen wurde, gefiel der jungen Generation Grönlands.
                                    So wurden ihre Songs auch der Soundtrack der ersten Jugendproteste gegen die dänische Verwaltung. Drei Platten veröffentlichten Sumé, dann entschieden sie sich verrückterweise gegen eine Profikarriere, obwohl von der Supergruppe Procol Harum als Vorband für eine Tour angefragt. Ein prima Film, der Zugang zu einer höchst interessanten Szenerie findet.

                                    (Amnesty-Journal 2-3/2016)

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                                      Wenn einem früher Klamotten nicht gefielen, tauschte man sie vielleicht wieder im Laden ein. Heute sind sie so billig, dass man sie einfach wegwirft. Fast Fashion, das ist das Zeug, was man zum Beispiel bei Handelsketten wie Primark erwirbt. „Jeden Tag hatte ich neue Tüten, aber nie was zum Anziehen“, beschreibt Lucy Siegle dieses Prinzip. Früher sei sie auch ein Shopping Victim gewesen, erzählt die englische Journalistin, die seit geraumer Zeit kritisch über die Mode-Großindustrie berichtet. „Gewählte Haut“ nennt sie die billigen Stoffstücke. Offensichtlich habe es sich bei großen Teilen der Konsumenten durchgesetzt, genau die mehrmals am Tag zu wechseln.

                                      In anderen Weltregionen, da wo die Ware gewebt und zusammengenäht wird, haben die Modetrends tödliche Folgen: Sei es in den vergifteten Arealen der Lederindustrie am Ganges oder bei den zu traurigem Weltruhm gekommenen Näherinnen in Bangladesh: Dort stürzte vor zwei Jahren eine der Fabriken ein, die auch für viele deutsche Firmen gearbeitet hat: Rana Plaza. 1129 Tote hat es damals gegeben. Es gab keinen Arbeitsschutz und keine Bauaufsicht. Wer protestierte, wurde aus dem Verkehr gezogen. Auf 5000 Fabriken, die so funktionieren, wird das Land geschätzt.
                                      Kritikerin Siegle gehört zu den vielen Stimmen, die Regisseur Andrew Morgan für seinen Film „The True Cost – Der Preis der Mode“ gesammelt hat. Er bietet viel und gute Recherche, die Morgan zuweilen drastisch aufbereitet. „True Cost“ leuchtet die Hintergründe der Produktion aus, liefert Fakten und Zahlen zu den größten Modehäusern und den Arbeitsbedingungen. Lange widmet er sich der Näherin Shima, die ihr Kind nur einmal im Jahr sieht, weil der Arbeitsort so weit entfernt ist. Mit Blick auf die prekären Verhältnisse nicht nur in Bangladesh sagt sie: „An dieser Kleidung klebt Blut.“

                                      Belegt wird die gewalttätige Komponente auch mit Prügelszenen in der kambodschanischen Stadt Phnom Penh, wo Arbeiter für den Mindestlohn kämpfen. Drastisch sind die Bilder aus Indien, wo Arbeiterinnen in der Lederindustrie von schlimmen Vergiftungen berichten. Das verwendete Chrom zerstört die Haut. Und - wenn das nicht eine irrwitzige Analogie zum Modezirkus ist- führt zu Pigmentstörungen, wie sie „America’s Next Topmodel“-Teilnehmerin Chantelle Brown-Young weltberühmt gemacht hat, die aber an einer seltenen Krankheit leidet.
                                      Nun landen die Inderinnen nicht auf dem Laufsteg, sondern ihre „Eltern warten darauf, dass ihre Kinder sterben“, wie Expertin Vandana Shiva ausführt, denn: „Mit der Chemie ist es wie mit Drogen: Je mehr es gibt, desto mehr wird benutzt.“
                                      Kontrastiert wird das ganze Elend mit Hochglanzbildern und TV-Ausschnitten von Modenschauen und Talkshows, Ausschnitten aus Youtube-Fashion-Kanälen junger Frauen im Fast-Fashion-Fieber. „Guckt mal, was ich heute wieder gekauft hab. Ich hatte nichts mehr anzuziehen.“

                                      Es werden aber auch Gegenstrategien und Menschenrechtskampagnen vorgestellt – Initiativen wie die Clean-Clothes-Campaign finden allerdings keine Erwähnung, mehr Raum wäre hier durchaus angebracht gewesen. Andererseits gehört es zu den echt bemerkenswerten Momenten dieses Films, auch Top-Designerinnen wie Stella McCartney vor die Linse bekommen zu haben. Tenor: Wir haben es zwar nicht gleich gemerkt, aber: Nachhaltige Produktion ist eine Notwendigkeit.

                                      (Amnesty-Journal 2-3/2016)

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                                        »Oi! Warning« ist eine Geschichte von Selbstfindung, Eifersucht, Gewalt. Eine Liebesgeschichte und eine Erzählung über das Andere. Ein ganz normaler Film eben. Das ist für Deutschland nicht unbedingt normal, und deswegen fand er erst vor kurzem einen Verleih, die Potsdamer Nighthawk Pictures. Im September soll er mit 30 Kopien bundesweit starten.

                                        Ein guter Film über Schreckliches ist besser als ein schrecklicher Film über das Gute. So ist die Welt in dieser Geschichte: Sie beginnt mit Gewalt und endet mit Gewalt. Die Bilder dieses Kompendiums bleiben ohne Zweifel noch nach der Filmvorführung im Kopf. Manche Filme haben gute Momente, dieser hier hat keinen einzigen schlechten.

                                        In diesem Sinne haben die Redings ein Filmwissen wieder ausgegraben, das es mal vor 25 Jahren bei deutschen Regisseuren gegeben haben muss. Sollte der deutsche Film eine positive Zukunft haben, sie müsste aussehen wie »Oi! Warning«.

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                                          Technisch ist alles möglich im Film, aber offensichtlich setzt gerade das der Phantasie enge Grenzen. Der neue »Star Wars«-Film bricht zwar alle Rekorde – 50 Millionen Dollar im Vorverkauf, die Zuschauerzahl wird in die Milliarden gehen und die chinesische Spielzeugindustrie ist auch gerettet – aber ansonsten heißt es wieder: Lichtschwert, Chewbacca, Eltern-Kind-Problematik. Dabei wurden die meisten Modernisierungsauflagen erfüllt: Die »Macht« trägt eine schickere Maske, Luke Skywalker ist eine Luka. Der siebte Teil der Saga ist irgendwie ein Substrat der früheren Filme mit moderatem Update: Ganze Szenen werden einfach nachinszeniert. Und nicht nur »Star Wars« wird ­zitiert. Der neue Superbösewicht ist ein Gollum-trifft-Lord-Voldemort-Crossover, der kugelige Computerroboter hat einmal »Wall-E« zu viel geguckt.

                                          Aber die Schauspieler sind ja auch alt und neu. Und die Witze und Kamerafahrten schön. Jede Menge Raumschiffeltern umschwirren die Nachkommenschaft, technisch auf dem Stand von vor 30 Jahren – was ist das denn für eine Galaxie?

                                          Das alles minus Politik und Ökonomie: Die »Star Wars«-Reihe zeichnete sich auch durch Darstellung administrativer Ebenen aus, die neben den ganzen Gadgets verdeutlichte, wie Diktatur entsteht. Durch Herbeiführung des permanenten Ausnahmezustands beziehungsweise einfach so. Die Stadtlandschaften als Orte der Gesellschaft fehlen hier folgerichtig. Imperium leitet sich nicht her, es ist gesetzt. Also: Nach furiosem Auftakt werden Menschen in den immer gleichen Dörfern von den immer gleichen Fluggeräten angegriffen, man verhaut sich im verschneiten Wald. Diplomatie existiert nicht, es ist gleich Krieg. Kann sein, dass die Macht hier erwacht – die immergleichen Kämpfe können auch ein Nickerchen zeitigen.

                                          Gähn, mecker – Schluss damit. Denn siehe da, der Film wirkt in die Wirklichkeit! Ich fahre nach der Vorstellung durch die Stadt, am Regierungsviertel vorbei. Da steht das monströse Kanzleramt, ist das nicht die Zentrale des Imperiums, herrscht hier nicht auch ein Elternteil? Luke, ich bin deine Mutti! Superfilm, alles echt: Wie auf dem Todesstern kann man sich überall fühlen.

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                                            Beim Saufen kommen einem die besten Einfälle. Claude Lorius saß 1965 vor einem Glas Whisky on the Rocks, als er beobachtete, wie das Eis langsam schmolz und dabei Luft freisetzte. "Da hatte ich die Eingebung, dass diese Luftbläschen einzigartige und zuverlässige Zeugnisse für die Zusammensetzung der Luft darstellen."

                                            Der darauffolgende Kater dauert bis heute an. Lorius ist Glaziologe, und mit seinen Bohrungen im ewigen Eis des Südpols hat er den Klimawandel nachgewiesen. Anhand eingeschlossener Luftreservoirs ließen sich über tausende von Jahren Bewegungen des CO2-Gehalts und anderer Luftbestandteile in der Atmosphäre nachweisen.
                                            Über 20 Mal war der französische Eispionier in der Antarktis, er stieß internationale Programme zur Erforschung der Eisflächen an; in einer Bohrung gelang der Blick zurück über fast eine Million Jahre.

                                            Das Thema ist topaktuell: Gerade, bis 11. Dezember 2015, war Klimakonferenz in Paris. Bei den gegenwärtigen Migrationsbewegungen in Richtung Europa mischen sich erste Befürchtungen, dass die Erwärmung der Erdatmosphäre womöglich viel drastischere Flüchtlingstrecks nach sich zieht, als dies Bürgerkriege vermögen. Nicht wenige sehen im Anstieg des Meeresspiegels und einer höheren Taktzahl von Naturkatastrophen erste Vorboten.

                                            Da würde die filmische Ehrung des Forschers, der mit als einer der ersten hier Zusammenhänge erkennen konnte, doch passen. 83 Jahre alt ist Lorius heute, mit 23 fuhr er das erste Mal ins Eis.

                                            Ein Leben für die Klimaforschung – Grund genug für den Regisseur Luc Jaquet, ihm einen Dokumentarfilm zu widmen. Jaquet ist vor allem berühmt geworden mit seiner Sprechende-Tiere-Fiction-Doku "Die Reise der Pinguine" (F 2005) – jetzt mal nichts Schlechtes über die Dialoge philosophierender Vögel. Aber ob Jaquets Zugang zu Lorius‘ Lebenswerk der richtige ist, lässt sich durchaus bezweifeln.

                                            Denn "Himmel und Eis" ist nicht nur Dokumentarfilm, sondern auch Dokument einer völlig überzogenen Personalisierung des Themas. In weiten Strecken genügt sich Jaquet darin, Lorius zwischen Eisblöcken abzufilmen, gern dramatisch aufgeladen per Drohnenkamera und off-kommentiert durch einen nervenden Sprecher Max Moor. Nicht Ergebnisse und Folgen der Forschung stehen hier im Mittelpunkt, der Mensch Lorius soll es sein. Der aber erschreckend wenig zu berichten hat, zumal er mit einer ebenso erschreckend pathetischen musikalischen Unter- bzw. besser: Übermalung zu kämpfen hat.

                                            Dass der Film nach einer Weile aber dennoch Informationen liefert, ist den Rückblenden in Originalaufnahmen der zahlreichen Expeditionen geschuldet. Allerdings auf andere Weise, als das vielleicht didaktisch gewünscht war. Sie liefern weniger Wissenschaftliches, als vielmehr Eindrücke einer viril-technoiden Wissenschaft, deren Ausführung an Militäroperationen erinnert. Panzer fahren durchs Eis, durchweg sind Großmaschinen im Einsatz, Transportflugzeuge brechen auseinander und werden mir nichts dir nichts durch neue ersetzt. Dabei lässt man unfassbare Mengen Müll in der fragilen Natur zurück. Der Höhepunkt: Die teils kilometertiefen Bohrlöcher werden mit Kerosin gespült, um sie offenzuhalten.

                                            Was hier zum Einsatz kommt, ist eine großindustrielle Mechanik, eingesetzt von technikbegeisterten Freaks, die offensichtlich über unerschöpfliche Mittel verfügen. Die Menschen, die mit ihnen arbeiten, sind saufende Raubeine, harte Typen, die zuweilen harte Fakten zum Ausdruck bringen: "Es ist kalt."

                                            Alles Nachdenkliche – und Nachhaltige - soll hier keine Rolle spielen. Inmitten dessen liefert der eingesprochene Kommentar eine unsympathische Selbstbesessenheit des Klimaexperten. "Wir leisten fast Übermenschliches." Den Pinguin lässt man an der Zigarette ziehen. Dann brettert die junge Crew mit ihren Kisten übers sensible Antarktis-Eis, abends gibt’s die Party.

                                            Gut, passiert. Aber was für ein Mensch Lorius ist, in welchen Zusammenhängen er lebt, was mit den privaten Verhältnissen ist, das erfährt man auch wieder nicht: Hat er das alles allein geschafft, was ist mit diesen Kollegen, was wurde aus ihnen, was mit Familien und Freunden? Warum gab es nicht den Nobelpreis? Wüsste man alles gern. Aber keiner sonst kommt hier zu Wort.

                                            "Wir leisten Übermenschliches" - ja, das stimmt. Aber eben auch Unterirdisches. Statt den Zuschauern zu erklären, welche politischen Implikationen diese Forschung hat, welchen systemkritischen Gehalt sie haben könnte - also was das alles mit uns zu tun hat -, muss man leider konstatieren: Diese Analyse der Klimakatastrophe hat selbst einen Klimaschaden.Q

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                                              Was schwierige Verhältnisse mit Menschen machen, davon handelt der griechische Film "Riverbanks". Die Ufer, um dies es geht, gehören zum griechisch-türkischen Grenzfluss Evros. Hier endet für viele Flüchtlinge der Weg nach Europa, auf den Minenfeldern aus früheren Zypern-Kriegen.

                                              Das gefährliche Terrain ist Tummelplatz von Menschenschmugglern, wie Chryssa: Um Vater und Bruder zu unterstützen, schleust sie Flüchtlingskinder nach Griechenland, im Rucksack Drogen der Mafia. Sollten die Kinder erwischt werden, sind sie eh nicht strafmündig.

                                              Eines Tages trifft sie auf Yannis, Minenräumer der griechischen Armee. Immer wieder muss er erleben, dass Flüchtlinge, die nicht einmal seine Warnrufe verstehen, in die Sprengfallen laufen. Ein wenig hat er mit dem leben abgeschlossen, aber nun kommen sich Soldat und Schlepperin nah. Aber geht Liebe überhaupt an diesem unwirtlichen Ort? Welche Zukunft können solche zwei haben?

                                              Die aktuelle politische Lage gibt den Takt vor für diese Liebe ohne Aussicht. Derzeit sind so viele Menschen auf der Flucht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Der Weg über die Türkei nach Europa zählt zu den am häufigsten genutzten Fluchtrouten. Hier eine Liebesgeschichte erzählen zu wollen, kündet von ordentlich cineastischem Mut. Und wenn "Riverbanks" auch manche dramaturgische Extraschleife dreht, so ist der Film doch gelungen wie auch sehr sehenswert.

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                                                Es sind spröde Bilder in und zwischen düsteren Wohnblocks, die Sonne kommt nur selten mal heraus. Das Filmmaterial wirkt körnig, die Ausleuchtung ist spärlich – fast wie einen Dokumentarfilm schaut man sich "Dheepan" an. Als stilistisches Element kommt das Bild eines bemalten Elefanten zum Einsatz; es deutet Kontraste an zwischen altem und neuem Elend. Dämonen und Wunder, wie der deutsche Filmtitel verheißt, dominieren hier zumindest nicht als romantisch-bunte Beigaben. Hier wird mehr verzeichnet als ausgemalt.

                                                Audiards Held weiß, dass er die Fähigkeit hat zu töten. Und so zieht er, Hausmeister und Platzwart, der er ist, einfach Linien durch das Quartier wie auf dem Fußballfeld. Ihr kommt so langsam in den Strafraum, scheint er den Kleinkriminellen mitteilen zu wollen. Die Protagonisten sind hier Täter und Opfer zugleich.

                                                Regisseur Jaques Audiard hätte gern, dass die Guten gewinnen, vielleicht die große Schwachstelle des Films, der nun ins Kino kommt: Menschen an der Unterkante der Gesellschaft sind nicht dafür bekannt, viele Wahlmöglichkeiten zu haben.

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                                                  3D ist super, meint Gaspar Noé, französische Regie-Skandalnudel. Deshalb hat er jetzt einen dieser typisch französischen Pornos ab 16 gedreht, der so heißt wie das, was er zeigt: "Love 3D". Der beinahe zweieinhalbstündige Film ist ein echter Schocker. Das Kondom ist geplatzt. Filmstudent Murphy (Karl Glusman) und Kunststudentin Elektra (Aomi Muyock) hatten so eine schöne Beziehung. Leider haben sich beide mit der schnuckeligen Nachbarin Omi (Klara Kristin) eingelassen. Als Elektra mal nicht mitschmusen kann, tun’s Omi und Murphy allein, besagtes Missgeschick passiert. Die junge Frau wird schwanger, Elektra sucht das Weite. Wehmütig erinnert sich Murphy an die schöne Zeit in diversen Rückblicken, irgendwie jenseits der nun folgenden Heteronormalität.

                                                  Das ist die Handlung, nötig ist sie nicht. Es wird gevögelt in diesem Film, und es soll schön aussehen. Die Hauptdarsteller sind sowas von süß, dass 3D echt gefährlich ist: Womöglich wollen die Zuschauer, wenn sie einen sitzen haben, in die Leinwand steigen zum Mitficken.

                                                  Ein erotisches Märchen mit tollen falschen Gefühlen und Sätzen zum Mitlachen: »Du, mein Schwangerschaftstest ist positiv« – »Ach, wir machen einfach noch einen!« Dass Menschen unter 25 in Paris eine Wohnung für sich haben, ist auch eine Lachnummer. Paris ist dies momentan nicht und wohl auch eher weniger die Stadt der Liebe.

                                                  "Love 3D" schrumpft die Welt, die gerade in Paris eine so andere ist, auf Liebesgeschichtenformat mit all den üblichen Drogen und der ganzen Eifersucht in Zeiten der TTIP-Verhandlungen. Murphy haut Elektras Ex die Flasche über den Kopf: "Sie gehört mir", brüllt er dem Polizisten entgegen. Nein, meint der. "Vergessen Sie mal Ihr amerikanisches Besitzdenken. Gehen Sie mit Ihrer schönen Freundin in den Swingerclub, schenken Sie ihr dieses schöne Vergnügen, mit vielen Menschen Sex zu haben. Ich geh da auch hin und bin immer ganz entspannt."

                                                  Na siehste, Filmbranche, geht doch! So resozialisiert zieht man von dannen, ganz verliebt ins Kino. Der Film ist schön, leicht und lustig und ein bisschen blöd. Und das ist derzeit beinahe ein Politikum.

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                                                    Der neue James-Bond-Film "Spectre" ist Zombie-Genre: Gebäude stehen ausgebombt aus dem vorletzten Daniel-Craig-007 an der Themse herum, die Geheimdienstchefs wirken, stoppelbärtig wie sie sind, untot, und ansonsten so, als hätten sie vergessen, sich nach dem Klobesuch den Reißverschluss zuzuziehen.

                                                    Zombie-Genre ist auch der Plot. Bei der Story geht's um totale Überwachung wie anno 1984 – 50 Typen sitzen vor Bildschirmen. War da die Wirklichkeit nicht schon weiter, hält die sich nicht ganz von selbst in Schach? Na gut. Der neue Chef will die Geschäftssparte mit den Lizenz-zum-Töten-Agenten abschaffen – mit Betonung auf Doppelnull. Sie sind eine überkommene Garde von Attentätern. "Die Drohnen arbeiten besser als ihr", weiß der Yuppie, der mit dem Innenminister zur Schule gegangen ist.

                                                    Das hätte durchaus Potential, selbst der Killer muss aufs Sozialamt … Doch es gibt nichts Kluges in diesem Film. Der Bond-Darsteller Craig ist eine Fehlbesetzung, er hat keine Lust auf das hier; bei den Kusszenen mit Monica Belucci und Léa Seydoux, den Bond-Girls, schaut man lieber nicht so genau hin, die Witze sind von gestern. Man tut das hier nur, weil es im Drehbuch steht.

                                                    Über zwei Stunden hauen sich zwei Frührentner auf die Fresse. Der eine passt nicht in die Rolle, der andere ist Christoph Waltz. Vielleicht das Schlimmste, der hat noch jeden Film zu einer deutschen Vorabendserienepisode heruntergebrochen. Dies hier ist gestorbene Kunst, wenn überhaupt. Mag sich das englische Königshaus genauso fühlen, kann ja sein. Es rannte jedenfalls mit Begeisterung in die Londoner Premiere.

                                                    Gebrauchte Bilder, schaurige Darsteller, wie für einen Tele-5-Film morgens um drei: Die Frage ist, warum der Quatsch so dermaßen durch die Decke geht. Die Bond-Filme mit Craig sind enorm erfolgreich. Das wirft Fragen auf: Wenn es ein Publikum gibt, das solche Filme liebt – muss man sich da über irgendetwas wundern in der Welt?

                                                    Ein einziger programmatischer Satz fällt in diesem ominösen Werk. Als Bond einem untergetauchten Spion außer Dienst gegenübersitzt: "Zwei Tote machen sich einen schönen Abend." Das ist inhärente Filmkritik: Genauso fühlt man sich, wenn man "Spectre" schaut.

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