Jürgen Kiontke - Kommentare

Alle Kommentare von Jürgen Kiontke

  • 8

    "Ohne Gerechtigkeit kein Frieden" ist das Motto der neuen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Der Hintergrund: Mehrere US-Bürger sind letztes Jahr von der Polizei erschossen worden. Sie waren unbewaffnet und zum Teil sogar schon am Boden fixiert.

    Wie kommt es zu solchen Vorfällen? Der Dokumentarfilm "Do Not Resist" liefert einen Erklärungsansatz. Die US-Polizei ist in den letzten Jahren immens aufgerüstet worden. Der Grund hierfür ist in den militärischen Konflikten zu finden, an denen das Land beteiligt ist: Weil die Rüstungsindustrie Überkapazitäten produziert, werden die Waffen der Polizei "geschenkt". Mit gepanzerten Fahrzeugen, Maschinenkanonen und sogar aufgepflanzten Bajonetten wird nun bis ins letzte Dorf patrouilliert, um Parksünder dingfest zu machen.
    Damit einhergeht - Achtung, Terrorgefahr! - die ideologische Brutalisierung der Beamten. Lehrkräfte trimmen sie auf Kriegstruppe.

    Regisseur Craig Atkinson begleitet Spezialeinheiten auf ihren Einsätzen, filmt Ausschreitungen und besucht Überwachungszentralen à la Robocop. Sein Film beschäftigt sich auch mit totaler Videoüberwachung und Technologien des "Predictive Policing": den Möglichkeiten, per Algorithmus Prognosen auf die potenziell kriminelle Karriere eines jeden einzelnen zu stellen. "Und zwar schon vor der Geburt", wie einer der befragten Experten sagt.

    Prädikat: wertvoll. Allerdings wünscht man sich hinterher, man hätte nur einen Spielfilm gesehen.

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    • 6 .5

      "Gaza Surf Club" ist ein kleiner, harter Film, wie man auch unter widrigen Bedingungen besonderen Hobbys frönen kann. Und er zeigt: Gaza wäre ein guter Surfspot. Der Name ist schon mal weltbekannt, am besten wandelt man das ganze Areal in eine hippe Party-Location um. Motto: Raketen zu Surfbretter.

      • 9

        Der Film handelt vom Krieg mexikanischer Drogenbanden, von bezahlten Mördern, von Geldeintreibern und ihren Opfern. Die Drogenkriminalität und ihre Bekämpfung gleichen einem Bürgerkrieg, der in den vergangenen fünf Jahren um die 100.000 Tote gefordert hat.

        Da sind die Kollateralschäden noch nicht dabei. Um die aber geht es González: Er lässt die Angehörigen zu Wort kommen – ebenso wie die Täter. Denn Statistiken bleiben abstrakt, über schreckliche Nachrichten regt sich in Mexiko kaum noch jemand auf. González will die Geschichten hinter den Zahlen erlebbar machen. Vor seiner Kamera, so die Idee, können Opfer und Täter ihre Gefühle aussprechen, ohne Wertung, nach dem Prinzip einer Wahrheitskommission.

        Damit sie vor Verfolgung und Rache halbwegs geschützt sind, tragen Täter wie Opfer Stoffmasken. Die Erzählungen werden spärlich von Alltagsszenen illustriert: Männer posieren mit Waffen, eine Fahrt durch die Wüste.

        Vielen mag dieser Film im allgemeinen Festivalgewusel entgangen sein, er lief in der eher unbedeutenden Festival-Sektion "Berlinale-Spezial" der Berlinale 2017. Dabei hätte er durchaus in den Wettbewerb gehört, zumal er in Berlin Weltpremiere hatte. Denn nicht nur die Interviews mit den Protagonisten sind beeindruckend, sondern auch die Art, wie der Film gemacht ist. Mit der Maskierung wird auch ein komplexes Drama inszeniert. Dass die Täter zu Wort kommen, ist schwer auszuhalten, soll aber den Angehörigen ermöglichen, mit den grässlichen Folgen der Taten abzuschließen, gleichsam Vergebung durch Trauer zu ermöglichen.

        Darüber hinaus sorgte der Film schlichtweg für die eindrucksvollste Filmszene der Berlinale: Als eine Mutter erzählt, wie ihre Kinder hingerichtet wurden, beginnt sie zu weinen. Unter den Augen beginnt sich der dünne Stoff durch die Tränen dunkel zu färben. Auch bei anderen passiert das, während sie von den Gräueltaten berichten. Ein Bild, das den Film in aller Schrecklichkeit strukturiert.

        "La libertad del diablo" lässt so manchen Zuschauer schockiert im Kinosessel zurück. Ein radikaler Film, der nicht zu Ende ist, wenn das Licht angeht. Und er ist auch nicht mit der üblichen Kinoware vergleichbar.

        • 6

          "Der junge Karl Marx" fängt stark an: Polizisten durchkämmen ein Waldgebiet, in dem abgerissene Gestalten zwischen den Büschen hausen. Die Kamera filmt ins Licht; ein Ort wie der morgendliche Berliner Tiergarten. Die Menschen könnten die sein, die dort zelten: Arbeiter aus Osteuropa, aus der Wohnung Geräumte und sonstige Marginalisierte. Sollte es im Sinne von Regisseur Raoul Peck gewesen sein, eine Verbindung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts, zwischen der damaligen Pauperisierung der Massen und heutigem Prekariat herzustellen, ist ihm das zumindest zu Beginn gelungen.

          Im Zentrum seines Films steht das prominenteste Rockstar-Duo, bevor Lennon/McCartney bzw. Jagger/Richards die Weltbühne betraten: Karl Marx und Friedrich Engels, jung und schön, Paris 1844. Sie schmieden politische Bündnisse, gründen Zeitungen, fliegen raus, schreiben Studien über die Armut. Karl ist knapp bei Kasse, Friedrich kämpft mit dem Unternehmervater - die beiden Jungzausel könnten europäische Hipster sein, nur die Smartphones fehlen. Die beiden disputieren sich besoffen und verqualmt durch politische Theorie, Ökonomie und Familienprobleme. Nach der Devise "Gebt den Linken mehr zu trinken" wirkt der Streifen zeitweise wie ein Werbeclip für den Spätkauf. In der ersten Stunde kommt das recht modern rüber. Dann ist die die Luft ein bisschen raus. Zum "Kommunistischen Manifest" hin verlegt man sich ein wenig aufs Drehbuchaufsagen.

          Das große Plus dieses Films: Er beleuchtet einen Abschnitt deutscher Geschichte, der so gut wie nie im Kino vorkommt; Marx und Engels und der Kommunismus sowieso nicht. Peck präsentiert mit Mary Burns und Jenny Marx zwei starke Frauenfiguren. Überhaupt alle Schauspieler machen ihr Ding und das nicht schlecht.
          Im Minus: Öfters vergisst der Film, dass er Kino ist. Sei es, dass er im endlosen Debattieren versinkt wie unsereins weiland nach dem Proseminar, oder dass er inszenatorische Macken hat: Wenn ich darstellen will, dass die englische Webmaschine der Arbeiterin die Finger abreißt, stelle ich niemand ins Zimmer, der erzählt, dass die Webmaschine die Finger abgerissen hat. Ich zeige die Finger.
          Aber was soll′s: Raoul Peck, mach dich an "Kapital 1-3"!

          • 6
            über Havarie

            Ein Panoptikum der Politik, eine stockende Weltbetrachtung der täglichen Vorgänge im Mittelmeer.

            • 7 .5

              Kein Wunder, dass Bastian mit ihrem Film gleich den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2016 in der Kategorie Hochschule gewonnen hat. "Where to, Miss?" – Wo soll es hingehen? Dieser Film ein kleines, einfühlsames Porträt – aber auch ganz großes Kino: ein Abenteuerfilm. Und ein Road Movie sowieso!

              • 4
                über Neruda

                Nichts gegen durchkonstruierte oder experimentelle Kunst, die es angesichts eines unterhaltungsgewöhnten Kinopublikums sicher sehr schwer hat, ihren Ort außerhalb des Festivalbetriebs zu finden. Es auktorial vollzutexten, muss aber auch nicht immer die Lösung sein. Man wünscht sich, Larrain hätte seine Neruda-Variation als Stummfilm inszeniert. ´Ne stinknormale Film-Bio hätte es auch getan.

                • 5 .5

                  "Passengers" hätte das Zeug zum ganz großen Beziehungsfilm. Leider gelingt es den beiden Verliebten, mit viel Gerenne und Gehetze das Raumschiff zu reparieren. Damit wird der teure Hollywood-Film zu einem, der – wie so oft – seinen Figuren und vor allem dem Publikum nicht so recht traut. Statt des existentialistischen Dramas gibt es einen bald ziemlich öden Abenteuerfilm, sehr clean, sehr blond und hetero und manchmal ein bisschen sehr konventionell in der Rollenverteilung. Aurora sieht gut aus, der Mann beherrscht die Technik.

                  So kommt die Vorstellung von Liebe ja des Öfteren daher: als ödes Eventkino. Sollen sie doch im kaputten Raumschiff vor sich hinlieben! Wohl bis ans Ende aller Flüge. Nein, darüber, dass sie gemeinsam was zu tun haben, kriegen sie ihre Beziehung stabil, ach so. Niemand soll verstört werden. Auch "Passengers" ist eine Illusionsmaschine.

                  Wer den Müll rausbringt, erfährt man nicht.

                  • 3

                    Der Flüchtling und die europäische Kunst: Im Kino werden seine Talente entdeckt.

                    Auch Didi Hallervorden, der - "Eine Flasche Pommes Frites" - Super-Profi der deutschen Comedy, kann am Thema nicht vorbei. Er, der jetzt ernsthafte Dinge beackert, seitdem ihm der ernsthafte Regisseur Til Schweiger "Honig im Kopf" ins Gehirn schrieb und Alzheimer endlich massenakzeptabel machte, reüssiert in "Ostfriesisch für Anfänger" (ab 27. Oktober) als Jovial-Rassist, der die neuen "Fachkräfte" integriert. Als Sprachlehrer wird der alte Dösbaddel, der auf eine verwahrloste Tankstelle aufpasst, zum Deutschlehrer Marke Baden-Württemberg, Bezirk Küste: alles außer Hochdeutsch.

                    Mit den erlernten Ostfriesisch-Kenntnissen werden die Neubürger wider Erwarten zu ökonomisch, verwertbaren Glanzobjekten, denn in Didis Kaff herrscht Landflucht und Fachkräftemangel. Und siehe da, der Moslem ist ein Schiffsbauingenieur, der die Buddelschiff-Industrie gehörig aufmischt.

                    Ich sag mal: Taschentuch-Faktor 10! Vor allem die Schauspielerleistung und die Filmmusik. An manchen Stellen glaubt man nicht, dass man sieht, was man zu sehen kriegt.

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                    • 7

                      Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen brachte den Gedanken neulich ins Gespräch: die Öffnung der Armee für Legionäre, für Ausländer.
                      Die Inspiration dazu kommt aus den USA: Dort können Zugewanderte schneller die US-Staatsbürgerschaft erlangen, wenn sie in die Armee eintreten. Denn wer überall Militäreinsätze fährt, der braucht auch kundiges und kräftiges Fachpersonal. Und andersherum: Wer Kopf und Kragen riskiert, wird bevorzugt. Wenn auch vielleicht zu einem hohen Preis, denn den Pass, das beliebte Dokument, erhält man womöglich nur als Toter.

                      Wie es ist, ein Greencard-Soldier zu sein, spielt Regisseur Rafi Pitts in seinem Film "Soy Nero" durch: Der junge Nero ist Mexikaner aus Los Angeles. Irgendwann haben ihn die Behörden abgeschoben; nun ist er aber wieder da und hört sich die Erfolgsstory des Bruders in dessen Protz-Villa an.

                      Ganz so stimmt dessen Geschichte aber nicht, der Reichtum gehört anderen. Und so muss sich Nero alsbald als Wachtposten im irakischen Kriegsgebiet verdingen.
                      Der Film mit vielen überraschenden Wendungen und eindrucksvoller Bildarbeit war dieses Jahr für den Amnesty-Filmpreis auf der Berlinale nominiert. Kein Wunder: Die Filmgroteske spiegelt an mehr als ein paar Stellen die absurde Wirklichkeit. Eindrucksvoll etwa die sportlichen Szenen am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA: Der dient mitunter als - sehr hohes - Volleyballnetz.

                      • 6

                        Tanzen ist ihnen ein Menschenrecht: Arash und Anoosh sind Techno-DJs in Teheran. Aber wenn sie auflegen wollen, ist das eine organisatorische Tortur: Weil Tanzen zu DJ Hell und Sven Väth verboten ist, ziehen die Raver auf komplizierten Reiserouten in dieWüste, um dort drei Tage abzufeiern.

                        Und wenn die beiden ihre Musik veröffentlichen wollen, verbringen sie erst mal zwei Tage mit Terminen im Ministerium für Kultur…

                        Regisseurin Susanne Regina Meures ist ein verrücktes Generationenporträt gelungen. Im Iran wird Jugendkultur komplett restriktiv ausgelegt. Dennoch zeigen sich die Kulturbeamten vor der Kamera recht offenherzig und erläutern die Regeln. Das mutet mitunter komödiantisch an, etwa wenn es um das Design einer CD-Hülle geht.

                        Amüsieren will man sich trotzdem. Als Anoosh dann aber verhaftet wird, scheinen die beiden am Ende. Ein Anruf vom Lethargy Festival in Zürich, einer der weltweit größten Techno-Partys, verändert die Situation: Die iranischen DJ-Profis erhalten tatsächlich ein Ausreisevisum und dürfen die Berge rocken…
                        Vor fünf Jahren sei sie an einem Artikel über Technopartys in Persiens Wüste hängengeblieben, sagt Meures. Die Vorstellung von Festivals in einem Land mit einem der repressivsten Regimes der Welt hat sie fasziniert. Über Facebook nahm sie Kontakt auf und flog in den Iran.

                        Herausgekommen ist eine Dokumentation über eine junge Generation, die wegen jedem Blödsinn um Erlaubnis fragen muss.

                        • 6

                          Langlos Film zeichnet sich dadurch aus, immer noch eine Wendung, einen Ausweg bereit zu haben, immer noch was draufzusetzen.
                          "Welcome to Norway" handelt vom gegenwärtigen Zustand Europas; es ist der Versuch zu zeigen, wer hier wie unterwegs ist. Dabei werden weder Härten noch Schwierigkeiten verschwiegen, der Film ist ein Plädoyer, im Menschen den Menschen zu sehen. Er stellt sich nicht über die Gegenwart, er lässt ihr Platz.

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                          • 5 .5

                            "Passengers" hätte das Zeug zum ganz großen Beziehungsfilm. Leider gelingt es den beiden, mit viel Gerenne und Gehetze das Raumschiff zu reparieren. Damit wird der teure Hollywoodfilm zu einem, der - wie so oft - seinen Figuren und vor allem dem Publikum nicht so recht traut. Statt des existenzialistischen Dramas gibt es einen bald ziemlich öden Abenteuerfilm, sehr clean, sehr blond und hetero und manchmal ein bisschen sehr konventionell in der Rollenverteilung: Aurora sieht gut aus, der Mann beherrscht die Technik.

                            So kommt die Vorstellung von Liebe ja desöfteren daher: als ödes Eventkino. Sollen sie doch im kaputten Raumschiff vor sich hin lieben! Wohl bis ans Ende aller Flüge. Nein, darüber, dass sie gemeinsam was zu tun haben, kriegen sie ihre Beziehung stabil, ach so. Niemand soll verstört werden. Auch „Passengers“ ist eine Illusionsmaschine.

                            Wer den Müll rausbringt, erfahren wir nicht. Warum sie keine Nachfahren haben, auch nicht. Musste sich Aurora für Schwangerschaftsabbrüche entscheiden in der automatischen Arztstation? Oder so?

                            Liebe ist selten logisch. Warum sollte es der Liebesfilm sein? Einmal ist Bob Dylan zu hören: Die Musik dieses Films ist so schlimm wie die verpasste Chance, den Alltag einer Liebe in der Zukunft zu erzählen.

                            Doch ist "Passengers" damit auch wieder ein recht philosophischer Film, er handelt auf einer recht weiten Strecke von Schuld, Glück und Verantwortung in einer Weise, wie sie nicht oft im 3D-Film vorkommt.

                            Denn die Zweierliebe ist grundsätzlich eine verpasste Möglichkeit: Schließlich könnten sich die beiden fast beliebig weitere Partner*innen aufwecken – und ein ganz anderes Leben führen. Sie tun es nicht.

                            • 5

                              Daniel Blake ist ein Mann, den manche als anständigen Arbeiter bezeichnen würden. Brav und pünktlich und versiert. Nun ist der alternde Tischler aber krank geworden. Er kriecht aufs Arbeitsamt, wo man ihm die Sozialhilfe verweigert. Er könne ja arbeiten gehen. Arbeitslosengeld gibt’s aber auch nicht, weil er laut Arzt nicht arbeitsfähig ist.
                              Formulare, mit denen man Widerspruch einlegen könnte, gibt es nur noch im "Neuland", wie das mal eine alte deutsche Frau genannt hat, als sie zum ersten Mal vom Internet hörte. Auch der aufrechte Malocher hat dies noch nie von innen gesehen. Die Folge: Stromrechnung nicht bezahlt, Zwangsräumung droht. Alltag in Europas Landen. Loachs Film über den digitalen Analphabeten will wie immer hartes Sozialdrama sein.

                              • 4
                                über Safari

                                Mensch und Tier haben in Ulrich Seidls Film "Safari" keine Eigennamen. Sie sind, was sie sind: "Österreichischer Jagdtourist" oder auch: "seine Frau".
                                Tiere heißen: Buschbock, Zebra, Gnu. Sie haben allerdings noch einen Preis, der genau genannt wird. Weißschwanzgnu 800 Euro, die Antilope ist in etwa im gleichen Preissegment.

                                Seidls Film berichtet von denen, die im Internet stolz mit dem erschossenen Löwen posieren, der 20 Jahre in der Savanne lebte, oder auch mit dem erlegten Büffel. Die Jägersleute sagen: "Den haben wir erlöst."

                                Seidl ist der Meister des drastischen Dokumentierens. Es dauert eine gute Weile, bis die Jäger ihre Beute so drapiert haben, dass sie sich in Siegerpose dahinter hocken können. Denn das Zebra hat beim Sterben die Beine verdreht. Der Büffel wirkt tot nur noch so groß wie eine Ziege und zerbrechlich.
                                Die Giraffe lebt länger als gewünscht. Denn ein einzelner Schuss richtet kaum genug Schaden an, um das fünf Meter hohe Wesen zu erlegen. Sie ist schwer verletzt. Am gebrochenen Hals schleift sie ihren Kopf mit der Stirn voran durch den Staub.

                                Der Jagdführer sagt: "Da vorn geht der Giraffenmann. Seit vielen Jahren sind die hier zusammen herumgelaufen."

                                Ulrich Seidl ist selbst auch nicht ohne. Die Jagd macht sich nicht von allein. Da braucht es Helfer, Arbeiter, schwarze. Die bauen Unterstände auf, finden das Wild, transportieren es ab und zerlegen die Giraffe gut 20 Minuten lang. Abends sitzen sie in allein in ihren Wohnhütten, mit freiem Oberkörper, und nagen am Giraffenknochen. Seidl setzt, stellt sie vor die Kamera. Aber eine Sprechrolle?

                                Gedreht wurde in Namibia, da waren die weißen Truppen schon einmal.
                                Seidl erklärt: "Ich habe ihnen bewusst keine Sprache gegeben, um die Stellung aufzuzeigen, die sie innehaben: Sie sind Arbeiter auf einer Jagdfarm, sie begleiten die jagenden Weißen zur Jagd, das ist ihr Job, dafür werden sie entlohnt. Aber sie haben keine Stimme."

                                Neben der Mensch-Tier- deutet sich hier die nächste konfliktreiche Beziehung an. Was jemanden bewegt, Menschen in einem Film über Wildtierjagd in Afrika keine Stimme zu geben, und zwar explizit, weil sie schwarze Arbeiter sind, das ist durchaus einen weiteren Film wert. Mensch und Mensch sind auch nicht unbedingt Freunde.

                                • 6

                                  "National Bird beschreibt die zerstörerischen Erfahrungen ehemaliger Analysten der US-Air Force, die ihr Schweigen über den geheimen Einsatz der Kampfdrohnen brechen. Sie hatten sich freiwillig für den Dienst gemeldet, aus Idealismus, Not oder Pflichtgefühl oder einfach nur, um Arbeit zu haben. Gequält von der Erkenntnis, am Tod Unschuldiger beteiligt gewesen zu sein, gehen sie an die Öffentlichkeit, ungeachtet möglicher Konsequenzen.

                                  Die trockene Optik, die fast schulfilmhafte Ästhetik verleiht den Geschehnissen alle Härte, die nötig ist.

                                  • 5

                                    Daniel Blake ist ein Mann, den manche als anständigen Arbeiter bezeichnen würden. Brav und pünktlich und versiert. Nun ist der alternde Tischler aber krank geworden. Er kriecht aufs Arbeitsamt, wo man ihm die Sozialhilfe verweigert. Er könne ja arbeiten gehen. Arbeitslosengeld gibt's aber auch nicht, weil er laut Arzt nicht arbeitsfähig ist.
                                    Formulare, mit denen man Widerspruch einlegen könnte, gibt es nur noch im "Neuland", wie das mal eine alte deutsche Frau genannt hat, als sie zum ersten Mal vom Internet hörte. Auch der aufrechte Malocher hat dies noch nie von innen gesehen. Die Folge: Stromrechnung nicht bezahlt, Zwangsräumung droht. Alltag in Europas Landen.
                                    Loachs Film über den digitalen Analphabeten will wie immer hartes Sozialdrama sein. Zum Glück lebt Blake in einer Art Einhornland, und das ist die prekäre Klasse Englands. Dort wohnen Menschen wie Katie, ebenso pleite wie er, nur mit Kindern und voll lieb. Auch der Nachbar, der sich mit Schuhe dealen und Kiffen über Wasser hält, ist - Solidarität! - ein grundguter Kerl. Von denen ist hier die ganze Unterschicht voll.
                                    Nun kann das ja im einzelnen mit der Solidarität stimmen. Aber hier kommt‘s doch etwas dicke. Der Film läuft nicht lange, da fühlt man sich leicht manipuliert. Spitzensache, dachten sie dieses Jahr in Cannes und pflanzten dem Film die Goldene Palme.

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                                    • 7 .5

                                      Man sieht die beiden Verliebten Schwanz an Schwanz durchs morgendliche Paris cruisen – bis der Verrat zufällig auffliegt: Hugo hatte eben nur Théo im Kopf – wörtlich, aber nicht die letzte Aids-Aufklärungsbroschüre. Verzweifelt stürmt der junge Mann in die Akutsprechstunde, wo eine junge Ärztin ihm und den Zuschauern erklärt, was man macht, wenn man sich mit HIV infiziert hat. Denn Théo ist positiv.

                                      Dreimal Blutcheck am Tag und jede Menge fieser Tabletten. Die Liebe der beiden ist im Eiltempo gealtert – der Meckerfaktor hoch wie beim ­alten Ehepaar. Konntest du nicht aufpassen? Ach, ich war mit den Gedanken woanders. So könnte es noch lange weitergehen.

                                      Aber die beiden Liebesspezialisten hinter der Kamera wissen auch: Die Zeit drängt, bald sind Nacht und Film zu Ende! Die Regisseure führen die liebenden Streitenden ans Ufer der Seine, man zeigt sich Wohnung und Geschlechtsorgan, dann graut der Morgen und sie wandeln in die aufgehende Sonne und die Seelen haben sich beruhigt.

                                      Die Katastrophe führt ins Vertrauen, jetzt wird an der Beziehung gearbeitet. Eine Verharmlosung der Krankheit? Tja, das kann man so oder so sehen. Man mag sie kitschig finden oder als Komödie betrachten, die ­totale Liebe – starke Gefühle sind ja öfter mal was mit Klischee.

                                      Auch unsere beiden jungen Freunde können es kaum glauben: "Als wir miteinander gefickt haben, haben wir Liebe erschaffen", lautet ihr ­Fazit. Beziehungsweise: "Wir haben was für den Weltfrieden getan."

                                      Ja, das haben "Théo und Hugo" wirklich. Prima Kino!

                                      • 6
                                        über Snowden

                                        Stone stellt das Leben Snowdens detailliert nach, fragt aber nicht nur nach dem Datenskandal und stellt die politischen Implikationen der Überwachung heraus, sondern will auch die persönliche Verantwortung des Einzelnen diskutieren. Mehr als einmal werden Gesprächsrunden der Geheimdienstmitarbeiter zwischen ihren Arbeitseinsätzen inszeniert. Was wir tun, dient dem amerikanischen Volk, da sind sich vor allem die älteren Kollegen recht sicher.

                                        Edward Snowden hatte ein recht angenehmes Leben, mit Haus, Familie und Grillfreunden. Dass auf der Arbeit im Nebenzimmer Drohnenangriffe geflogen, dass womöglich Witze darüber gerissen werden, entgeht ihm dennoch nicht.

                                        Spätestens als ein völlig unbescholtener Mann, zufällig ausgesucht, kriminalisiert wird, nur damit ein Kollege Karriere machen kann, wächst in Snowden das Bewusstsein darüber, in welchem Umfeld er arbeitet.

                                        "Snowden" ist ein sehr gesellschaftskritischer Film. Er stellt die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Ob dies eine Welt sein kann, in der pauschale Verdächtigungen und unkontrollierbare Behörden dominieren.

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                                        • 4

                                          Vinzent Perez versucht sich an der Verfilmung des berühmten Hans-Fallada-Romans „Jeder stirbt für sich allein“, entstanden im Nachkriegsjahr 1946. Immer überzeugend ist das nicht: Die Darsteller wirken zuweilen, als seien sie in der üblichen Kulisse auf Durchreise. Nichtsdestotrotz gelingt es ihnen, das drückende Klima der Zeit zu transportieren. Insbesondere wenn die Gestapo die Nachbarschaft im Haus drangsaliert, Menschen keinen anderen Ausweg mehr als Selbstmord sehen und der Hass auf dem Hausflur wohnt, steht die Frage im Zentrum: Wann und wie muss der einzelne handeln, wenn ihm das totalitäre Regime gegenübersteht?

                                          • 6

                                            Ohio 1934: Leichtathletik-As Jesse Owens trainiert für die die Olympischen Spiele in Berlin. Dort wer-den die Nationalsozialisten 1936 ein Vorzeige-Sportfest organisieren, der große Propaganda-Sieg für Adolf Hitler soll das werden. Owens wird die Plä-ne durchkreuzen: Als schwarzer Sportler nimmt er vier Goldmedaillen mit und wird die Pläne des Re-gimes ad absurdum führen.

                                            In Hitler-Deutschland zum Helden geworden, in den USA weiterhin Opfer von Rassismus: Das Bankett zu seinen eigenen Ehren betritt Owens durch den Dienstboteneingang. Man wünschte sich, die Er-eignisse würden weitererzählt: Seine Siege interes-sierten in den USA niemand besonders, er wurde Schauläufer und trat gegen Pferde an. Erst spät wurde er als Olympionike wahrgenommen.
                                            Der Spielfilm „Zeit für Legenden“ stellt die Ereignis-se von damals als hochkomplexes Drama dar, in-dem sich Owens-Darsteller Stephan James meister-haft darzustellen weiß. Man wünscht ihm dafür den Oskar. Der Film insgesamt kommt da leider nicht immer mit. Manche Szenen wirken schlichtweg wie nicht inszeniert.

                                            Prima wiederum agiert Jeremy Irons als US-Sportpolitiker Avery Brundage. Dem bei den olympi-schen Verhandlungen mit den Nazis auffällt, dass er zufällig ein Bauunternehmen hat – ein Prototyp aller korrupten Funktionäre. Politik hat im Sport nichts zu suchen, wird er glaubwürdig versichern. Und genau damit scheint Sport nichts anderes zu sein. Also: Ein topaktueller Film.

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                                              Ein denkwürdiger, Film, einer, der noch nicht zu Ende ist.

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                                                »Deutschland ist …«, brüllt der Film ab jetzt bis zum Abspann. 40 Minuten sind’s noch. »So toll, so super, so Deutschland!«, schallt’s aus dem Wald. Da haben dann alle schon Schwarz-Rot-Gold an, und ein bisschen ist es wie am Ende von »Er ist wieder da«.

                                                Ein Film wie eine Nationalhymne. Alle Strophen.

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                                                  „Wir möchten in unserem eigenen Land in Würde leben“: Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist für die Nepalesin Urmila Chaudhary und ihre Freundinnen alles andere als normal. Sie sind als Kinder weggegeben worden, um in anderer Leute Haushalt zu arbeiten. Chaudhary war gerade mal sechs Jahre alt, als sie von ihren Eltern als Kamalari, als Haushaltssklavin, in die Hauptstadt verkauft wird. Mit 18 Jahren gelingt ihr die Befreiung. Seitdem kämpft sie gegen die Leibeigenschaft. Motto: „Kinder gehen zur Schule! Erwachsene gehen arbeiten!“ Mit Hilfe der von ihr gegründeten Organisation und anderer Verbände wurden mittlerweile 13.000 Mädchen befreit.

                                                  Susan Gluth begleitet Chaudhary, die nun 25 Jahre alt ist, durch den revolutionären Alltag – bis nach Oslo, wo sie auf einer Menschenrechtskonferenz spricht und für ihr Anliegen wirbt. Aber auch ihre Eltern kommen zu Wort, die sie wegen der Armut verkauften – und all die Jahre um die Ecke wohnten.

                                                  Ein anderes Kapitel: Chaudarys Wunsch ist es, Anwältin zu werden. Nun kämpft sie mit dem Schulabschluss – einmal ist sie schon durch die Prüfung gerasselt. Aktivistin zu bleiben und zugleich formale Bildung erlangen erscheint der jungen Frau mit den Hello-Kitty-Ohringen als Belastung. Das macht aus der Protagonistin, die wie beiläufig Demonstrationen auf die Straße bringt, eine sehr sympathische Kämpferin gegen den eigenen Schlendrian. Und aus Gluths Arbeit einen schönen, bunten Protestfilm.

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                                                    über Sonita

                                                    „Sonita“ ist eine rasante Aufstiegsgeschichte der globalisierten Welt. Sonita hat etwas zu bieten, sie ist ein role model und so etwas findet die Kulturindustrie immer gut. Die irre Intelligenz dieses Films: Die Regisseurin kauft sich quasi selbst per Menschenhandel ins Geschehen ein. Preise muss man nach oben treiben, das wissen die Beteiligten sehr genau. Hier sind alle am Rande des Nervenzusammenbruchs, und das in heavy rotation. Genau davon handelt Sonitas Hit und dieser ganze Film.