Jürgen Kiontke - Kommentare

Alle Kommentare von Jürgen Kiontke

  • 3 .5

    Brad Pitts neuer Film bringt sich recht philosophisch auf die Leinwand. Das Drama um eine amerikanische Panzerbesatzung, die 1945 die Nazis in Deutschland zusammenhauen soll, versteht das kämpferische Engagement vorrangig als industriellen Vorgang. Sprichwörtlich am Beispiel des jungen Rekruten Norman, der fast, aber nicht ganz aus Versehen im Krieg landet. Er ist ausgebildet als Schreibkraft. "Ich schaffe 60 Wörter pro Minute." Als nächstes zeigt er sich ganz flott auf dem requirierten Klavier, anschließend am Panzer-MG. Eigentlich will er nicht im Krieg sein, dafür macht er sich aber ganz gut – nachdem ihm Panzerkommandant Brad "Wardaddy" Pitt gezeigt hat, wie man Kriegsgefangene erschießt. Die Schreibmaschinengewehrtaktung behält er bei – 60 Töne oder Tote in der Minute. "Kriegs-, Fick- und Saufmaschine" heißen ihn die Kameraden bald – nom de guerre: "Machine". So verbindet der Film die Angestelltenkultur der Vorkriegszeit mit dem industriellen Töten.
    "Herz aus Stahl", der Titel trifft's ganz gut. Überhaupt lernt man eine Menge über Panzer im Einsatz, natürlich ist die Kiste etwas veraltet. Wie Wardaddy Pitt auch recht angejahrt erscheint. Wird der nie befördert?
    Übers Drehbuch guckt ja auch keiner. Vor allem in der zweiten Halbzeit gehorcht das Werk schlechteren Hollywood-Gewohnheiten. Dies hätte ein besserer Film sein können. Ob es ein Happy-end gibt oder nicht? Schaut selbst, wie dieser Zweite Weltkrieg ausgeht.

    • 3

      Hochzeit, große Torte, Konfetti-Regen: Im Hotel Vier mal Schwuppdiwupp steppt die Luzie. Der Blick fährt durch den Festsaal, landet im Gang, verweilt bei den Kellnern, schaut durch die Küche, landet in der Spülabteilung.
      Je weiter sich die Kamera in die Tiefen der Sterne-Gastronomie vorwagt, desto dunkler werden die Menschen. Vorn tanzt weiße Oberschicht, hinten putzt Südsahelzone. Danach kommen nur noch die Mülltonnen. Wäre der Film „Heute bin Samba“ hier zu Ende, es winkte der Auslands-Oscar.
      Samba (Omar Sy) ist ein Riesenkerl, der schon zehn Jahre in Frankreich verbringt. Ein Illegaler, ein Arbeitsmigrant, der seiner Familie Geld schickt, das er in Sans-Papier-Hinterhöfen verdient. Nun soll er abgeschoben werden.
      Erstaunlich lange hat man das Gefühl, das könnte hier noch was werden. Die Filmemacher leuchten viele Ecken des illegalen Prekariats aus, und gar nicht schlecht. Fensterputzer, Security, Asphaltierer – Samba absolviert eine Tour de Force durchs Tagelöhnertum. Gut gemacht!
      Dann wird's Slap und vor allem Sticky: Im Hilfeverein trifft er die Burn-out-geschädigte Karriere-Tussi Alice (Charlotte Gainsbourg), die ihr Ehrenamt als Sinn-Reha versteht. Es knistert zwischen schönem Mann und schöner Frau; erweist sich doch der gute Senegalese als einfühlsamer Therapeut (Psycho wie Physio). Eine Menge Skurriles geschieht und so lustige Menschen drumrum: die schlagfertige Pariserin, der lustige Wuschelkopf… Nun schaut auch die Polizei vorbei, aber schon zwinkert die ganz verschmitzt!
      Das erinnert ein bisschen an "Ziemlich beste Freunde", was kein Wunder ist, teilen sich doch beide Filme Regie und Hauptdarsteller. Wurde ersterer mit seinen politischen Unkorrektheiten in der Gegenüberstellung Proll-Ausländer - reicher Behinderter zum Erfolg, richtet es bei „Samba“ die Kombi Aufenthaltsbescheinigung trifft unterfickte Karrierefrau.
      Hoffentlich stimmt das auch alles! Manchen schwant da was - die Schauspieler sind ganz schön am schauspielern, Gainsbourgs Augen ganz groß vor so viel Realität. Vielleicht doch noch mal ein Kurs belegen an der Lee-Strasberg-Schule? Der allzu smarte Omar Sy sollte sich mal nach einer Rolle als reicher Schnöselrapper umsehen.
      Fazit: Schau an, jetzt dreht man auch in Frankreich schon deutsche Komödien. Aber vielleicht ist das alles ja auch genau richtig so. Und gerade - und nur! - das banalisierte Migrantenschicksal erwärmt die Herzen in großer Menge.

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      • 6 .5

        Ein Kniefall ist der Film nicht. Im Mittelpunkt steht immer wieder die Frage nach den von Mandela eingeführten Wahrheitskommissionen, die das Unrecht der Apartheid-Zeit aufarbeiten sollten. Reicht es wirklich, wenn Täter zugeben, was sie gemacht haben, und im Gegenzug Straffreiheit erhalten? Mandelas Devise lautete: Vergeben statt vergessen. Schöne Sache, meint Charity Kondile, deren Angehörige Opfer der weißen Polizei geworden sind: „Wir wurden massiv gedrängt zu vergeben.“
        Ist Mandela mit der Versöhnung zu weit gegangen?, fragt Regisseur Matabane, der hier das Idol seiner Jugend erforscht. Und zugleich in eine äußerst verwirrende Gegenwart schaut.

        • 7

          Der Film erzählt vielschichtig von Gewalterfahrungen junger Frauen in Äthiopien. Mädchenentführung in afrikanischen Ländern – besonders seit die terroristische Gruppe Boko Haram in Nigeria im April 2014 200 junge Frauen in ihre Gewalt brachte, ist diese alte Praxis in die Medien geraten. Auch in Äthiopien kommt es vor, dass die Tochter auf einmal verschwindet. Denn auf dem Land gilt nach wie vor die Tradition der „Telefa“, die Entführung zum Zweck der Eheschließung. „Das Mädchen Hirut“ (im Original: Difret) von Regisseur Zeresenay Berhane Mehari spielt dies an einem echten Fall aus dem Jahr 1996 durch.
          Hirut will nicht nur Opfer sein, sie leistet Widerstand: Sie erschießt den Entführer und Vergewaltiger mit dessen eigenem Gewehr. Nun droht ihr die Todesstrafe.
          Meaza Ashenafi, eine engagierte Anwältin, die in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba ein Netzwerk zur Unterstützung mittelloser Frauen gegründet hat, übernimmt Hiruts Verteidigung - und sieht sich bald selbst Angriffen ausgesetzt.
          Viel Zeit nimmt sich der Film, ein Bild Äthiopiens an der Grenze zur Moderne zu zeichnen. Es ist auch ein Kampf um Zukunftschancen, um Menschenrechte und Bildung: Was sagen Eltern, Nachbarn, Angehörige, was sagt der Staat? Der Film gibt einen differenzierten Einblick in eine Gesellschaft im Wandel und schildert einen grundsätzlichen Konflikt, der auch in anderen Ländern virulent ist.

          • 6

            Regisseur Damian John Harper wirft einen Blick auf die schwierigen Lebensverhältnisse im Schatten des gelobten reichen Nordens. Weil Staat und Ökonomie wenig Alternativen bieten, etablieren sich klandestine Strukturen – beileibe auch nicht gerade eine Garantie für ein besseres Leben. Wie so viele steckt der junge Protagonist in einer Zwangslage.
            Dabei filmt Harper die, die von diesem Leben Ahnung haben: Viele Szenen wurden in dem kleinen Dorf Santa Ana del Valle gedreht, dessen Bewohner zugleich die Darsteller dieses semidokumentarischen Spielfilms sind.
            Groß anstrengen mussten sie sich nicht: Der Film soll das tägliche Leben in der Region Oaxaca im Süden Mexikos abbilden. Im Ergebnis gibt's durchaus schon mal langwierigere Passagen, die Dramaturgie verirrt sich zuweilen – aber so ist er, der prekäre Alltag in einem Land, das sich hier zum Abhauen schlimm präsentiert.

            • 6 .5

              Einerseits gibt es die Spielwiese für die Älteren - die Börse. Dafür stehen Dino und Giovanni. Die prekäre Ökonomie der Kulturszene und ihre haarspalterischen Diskurse repräsentiert Carla mit ihren Mitstreitern. Das Thema Berufseinstieg und Zukunftsplanung im gegenwärtig gebeutelten Italien diskutieren Serena und ihre Klassenkameraden. Für Erotik, Aggression und rasante Action sorgen wiederum alle zusammen.
              Hier will man keine Sekunde verpassen. Die interessanten Wendungen, intelligenten Lösungen und Dialoge fesseln an die Handlung. Die dargestellte recht reduzierte Welt der Wirtschaft setzt der Regisseur mit perfekter Fotografie, Dramaturgie und immer wieder tollen Schauspielern in Szene. Er macht es, indem er die Ökonomie als Beziehungsgeflecht von Abhängigen darlegt. Geld, das sind wir schließlich alle.

              • 6 .5

                Leben mit freien Tieren in der Natur – und die Konzerne warten schon: Der Film „Die Hüter der Tundra“ erzählt von einer bedrohten Lebensweise auf der russischen Kola-Halbinsel.
                Im Mittelpunkt steht, neben der grandiosen Landschaft, das Leben im Dorf Krasnotschelje. Ihm droht das Schicksal, das schon 13.000 andere Landsiedlungen in Russland ereilt hat:von der Landkarte zu verschwinden. Dabei ist dies der Ort einer einzigartigen Kultur, wie Harders Protagonistin Alexandra Artiewa betont: fast autark, kaum Müll, im beinahe ewigen Schnee. "Russland, du Gefrierschrank", sagen die Bewohner liebevoll.
                Den Film versauen mit O-Tönen von Konzernmanagern und hochrangigen Entscheidern wollte Harder sich wohl nicht. Warum auch? Norwegen ist mittlerweile aus dem Projekt ausgestiegen, der neue Kolchosen-Teilhaber investiert in die Rentierzucht, eine neue Schule ist in Bau.
                Lieber mehr Tier – „Die Hüter der Tundra“ ist nicht nur ein Lehrstück über Opposition in fast aussichtsloser Lage, sondern auch ein Meilenstein auf dem Gebiet der Rentierkinos.

                • 6 .5
                  über Bekas

                  Karzan Kader behandelt in seinem bildgewaltig fotografierten Film „Bekas“ das Thema Migration am eigenen Beispiel - die Story basiert auf biografischen Erfahrungen des Regisseurs. Der Zuschauer lernt eine feindliche Welt kennen, die in jeder Situation Intelligenz erfordert.

                  „Bekas“ - das ist spannendes Schauspiel mit dem topaktuellen Thema Flüchtlingsschicksal. Das Beispiel der beiden Kinder steht für 50 Millionen Menschen, die derzeit weltweit aus unterschiedlichen Gründen auf der Flucht sind.

                  • 6 .5

                    Der mauretanische Regisseur Sissako erzählt nicht ohne Sinn fürs Absurde: Kitanes Kuh heißt "GPS", und wenn die Dschihadisten mal Pause vom heiligen Krieg machen, stehen sie in der Raucherecke und diskutieren. War Zidane der bessere Fußballer oder ist es Messi?

                    Sie erscheinen als erwachsene Kleinkinder. "Timbuktu" ist ein bildhaft subtiler, inhaltlich sehr expliziter und vor allem topaktueller Film.

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                    • 2

                      Die Geschichte um den verschrobenen Qohen Leth, der die Null ausrechnen soll, die für die letzte Frage der Menschheit steht, packt einen nicht. Sie verharrt beinahe ausschließlich in einer ausrangierten Kirche. Dort kämpft der Computerarbeiter mit „Management“, einer diffusen, aber gut angezogenen Überwachungsinstanz. Seit Jahren wartet Qohen auf einen wichtigen Anruf; und sollten seine Forschungen erfolgreich sein, stellt ihm sein Auftraggeber die Erfüllung seiner Wünsche in Aussicht. Störend wirkt sich da der Besuch der Internetstricherin Bainsley aus - eine Cindy Lauper auf Speed, die ihn recht freizügig ablenkt. Um seine Geschichte in Szene zu setzen, benutzt Gilliam recht ausrangierte Bilder. Quohen trägt einen Virtual-Reality-Ganzkörperanzug, den die Hobbits genäht haben könnten. Die Storyline sagen die Figuren mit dem Vokabular alter Rechner im Gestus eines antiimperialistischen Agendasettings („die da oben“) auf. Oh mein Gott, sie haben einen Riesenzentralcomputer! Der alles kontrolliert! Aussehen tut er wie die Dampfturbinen in der Titanic, laufen tut er, glaub ich, mit Kohle. Und die Gedankengebäude, die Qohen im Terminal zusammenbaut, gemahnen an Atari-Tetris.
                      Ergo: Internetkritik für Leute ohne Internet. Am härtesten von allem aber ist die Schauspielertruppe. Mit Christoph Waltz und Tilda Swinton sind die Spitzenkräfte des verkleideten Overactings am Start.

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                      • 7 .5

                        Wenn Volpe so weitermacht, entsteht vielleicht mal etwas wirklich Großes. Warum ihren Film nicht als Plädoyer verstehen für die von ihr unterstützte Initiative »Pro Quote«, die den Anteil von Regisseurinnen bei der Filmförderung anheben will? Von den 62,5 Millionen, die der Förderfonds 2013 vergeben hat, gingen knapp sechs Millionen an Regisseurinnen und etwas mehr als 56,5 Millionen an Regisseure. Und die haben jede Menge Stuss gedreht. Den sucht man in »Traumland« vergeblich. Da gibt es Witz, Ironie, Härte. Die Themen orientieren sich an dem an der Beziehungskomödie geschulten deutschsprachigen Kino: Beziehungen, Liebe, Erotik. Daraus und aus dem Rest holt die Regisseurin dann das Beste heraus.

                        • 7
                          über Pride

                          Was der Film mithin mehr hätte beleuchten können, ist die politisch-administrative Ebene. Warum und wieso ganz Großbritannien von den Konservativen ökonomisch und politisch umgestrickt wird, das bleibt zumeist im Dunkeln. Thatcher hört man dann und wann aus dem Fernsehen quaken, hin und wieder gibt’s Zeitungsschlagzeilen.
                          „Pride“ möchte stattdessen die gesellschaftlichen Wendepunkte in seinen Figuren aufzeigen, in der Entwicklung der einzelnen Charaktere. Die Gewerkschaften mussten sich unter Druck gesellschaftlichen Strömungen öffnen, Minderheiten lernten den sozialen Kampf im Kollektiv. Wie sich hier relevante Berührungspunkte zu erkennen geben, davon erzählt der Film. Aber er erzählt auch davon, wie schwierig es ist, in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft Gemeinschaften herzustellen.
                          „Pride“ erzählt viel in den zwei Stunden und als Komödie hat er gut zu enden. Er lässt aber ahnen, dass es solche solidarischen Aktionen nicht allzu oft gibt und wohl auch nicht geben wird, denn Gegenwind weht immer, oft aus nicht vorhersehbarer Richtung: Die Schwulen der LGSM-Initiative werden bei der Gay-Parade im Jahr darauf ans Ende des Zuges verbannt. Erst als die Arbeiter aus Wales zur Unterstützung kommen und die Zugspitze übernehmen, werden sie von ihren unpolitischen Parade-Organisatoren ernst genommen. Ein kleines Happy-End einer leider sehr seltenen Geschichte.

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                          • 7 .5
                            über Geron

                            "Geron" ist ein ernster, sehr schöner Film, seine Helden sind einsame Individuen inmitten verdichteter Diskurse. Pornoszenen gibt es keine in diesem exorbitanten Werk. Das mag die Fans stören – aber ohnehin werden sie sich jemand Neues suchen müssen. LaBruce scheint entschieden zu haben: Das brauche ich nicht mehr – expliziten Sex wie Erwartungen. Sie könnten den Blick aufs Menschsein verstellen.

                            • 6

                              Der Film, der etwas an Bildarmut leidet, weil er sehr auf seinen Protagonisten fixiert ist, ist mit guter Absicht gedreht: So hat Obert zeitgleich das „Bayaka Project“ gegründet – mit ihm will er Louis Sarno und seine Nachbarn unterstützen und für Finanzen sorgen, um zu einer besseren Versorgung mit Medikamenten, Nahrungsmitteln und Schulbildung beizutragen.
                              Und natürlich zum Erhalt des vielstimmigen musikalischen Erbes der Bayaka - traurig genug: An viele Lieder erinnert sich schon keiner mehr – sie existieren nur noch als Aufnahme in Sarnos Archiv.

                              • 6 .5

                                Ausnahmsweise mal was anders: Ein Interview mit dem Regisseur!

                                Der Film „Praia do Futuro“ von Karim Aïnouz ist eine globale Migrationsgeschichte. In Brasilien wird er nur mit Warnung auf seinen homosexuellen Inhalt gezeigt.

                                Das Wasser ist das Element Donatos (Wagner Moura) und das Meer sein Zuhause. Als zwei Männer in eine gefährliche Strömung geraten, kann er den deutschen Touristen Konrad (Clemens Schick) retten. Der brasilianische Rettungsschwimmer und der deutsche Motorradschrauber kommen sich bald näher – explizite Szenen sind durchaus vorhanden.
                                Donato folgt Konrad nach Berlin und damit in eine Stadt, die nicht am Meer liegt, in der er sich neu erfinden will: Die Szene, in der er als Taucher das riesige Fischbassin im Aquadom schrubbt, ist schon seit der Premiere auf der diesjährigen Berlinale legendär. „Praia do Futuro“ ist eine Geschichte über Migration und Zukunftschancen – als intensive Verbindung zweier Nationalitäten. Der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz, der seit 2009 in Berlin lebt, ist in seiner Heimat seit dem Film „Madam Satã“ (2002) über die Drag Queen João Francisco dos Santos eine Kinolegende.

                                HERR AÏNOUZ, WIE KAM „PRAIA DO FUTURO“ BEIM BRASILIANISCHEN PUBLIKUM AN?
                                Eigentlich prima. Bisher haben ihn 150.000 Menschen gesehen! Die meisten Reaktionen waren positiv. Ich sag mal: Das ist ein guter Einstieg.

                                ES GAB ABER AUCH RECHT FEINDSELIGE EINWÄNDE…
                                Ja, leider. Es gab sogar mehrere richtige Zwischenfälle. So wurde ein Ticketverkäufer von einigen Kinobesuchern in der Stadt João Pessoa schwer angegangen und physisch bedroht. Die Gruppe verließ den Film in der Mitte der Aufführung ziemlich erbost - die Begründung: Niemand habe ihnen gesagt, dass dies eine schwule Liebesgeschichte sei. Sie würden sich davon belästigt fühlen. Da haben sie sich den Verkäufer vorgeknöpft. Seitdem tragen die Tickets einen Stempelaufdruck, der bedeutet, dass der Verkäufer auf den schwulen Kontext des Films hingewiesen hat. Ähnliche Vorfälle sind aus anderen Städten bekannt geworden. Allerdings berichtete die Presse ausführlich darüber. Von verschiedener Seite wurde der Film verteidigt und die Reaktionen als homophob identifiziert. Das sind sie ja auch: Ich habe noch nie davon gehört, dass bei „Romeo und Julia“ darauf hingewiesen wird, dass dies ein Film mit explizit heterosexuellem Inhalt ist.

                                WAR DIES DER ERSTE BRASILIANISCHE FILM ÜBER SCHWULE?
                                Nein. Es gab schon mehrere Filme und auch in einer sehr beliebten Telenovela, die derzeit läuft, gab es kürzlich ein schwules Pärchen.

                                WIE SIND DANN DIE KRASSEN REAKTIONEN ZU ERKLÄREN?
                                Brasilien ist sehr widersprüchlich: Wir haben eine der größten CSD-Paraden der Welt. Das Land hat aber auch eine der höchsten Verbrechensraten. Wer weiß, was das zu bedeuten hat - aber so ist die Situation derzeit.

                                • 5

                                  Der Dokumentarfilm „Concerning Violence“ hat dieses Jahr den Berlinale-Sonderpreis „Cinema fairbindet“ gewonnen. „Fair“ passt aber nicht so recht auf dieses Werk. Er besteht aus ungewöhnlichem und aus ungewöhnlich brutalen Filmmaterial. Geht es doch um „Nine Scenes from the Anti-Imperialistic Self-Defence“, wie der Untertitel lautet; Szenen aus den afrikanischen Befreiungskriegen und Streikaktionen der sechziger bis achtziger Jahre in Angola, Mozambique, Liberia und Tansania.
                                  Regisseur Göran Hugo Olsson, der sich einen Namen mit „The Black Power Mixtape 1967-1975“ gemacht hat, gräbt unbekanntes Archivmaterial aus. Es sind Szenen vom Krieg, von zerrissenen und verbrannten Soldaten und Zivilisten. Da wird mittels Brandbomben der Regenwald sichtfrei gemacht und die Kolonialherren aus Portugal oder England treten gnadenlos auf. Olsson will zeigen, was Gewalt ist und wie sie in dieser Zeit angewandt wurde.
                                  Derweil sagt Sängerin Lauryn Hill Texte des antikolonialen Theoretikers Frantz Fanon auf. Angesichts der schlimmen Bilder plädiert der Autor für Gerechtigkeit in der Welt. Wichtige Passagen werden im Film eingeblendet.
                                  Ob Hills unablässige, ein- wenn nicht aufdringliche lautstarke Rezitationen dabei eine gute Idee waren, sei dahingestellt. Hier wird Sterben effekthascherisch instrumentalisiert. Klassische Dokumentarfilmarbeit wäre durchaus angebracht gewesen. Die Bilder hätten als eminent wichtiges Filmdokument für sich allein gesprochen.

                                  • 6

                                    Wie sich Menschenwürde mit einer durch Ökonomie bestimmten Lebensform in Einklang bringen soll, ist wohl ein großes Rätsel. Das jedenfalls denkt sich der Journalist und Regisseur Peter Scharf – angesichts einer Entzündung im Fuß, die ihn vom einen auf den anderen Tag zum Krückenläufer macht. „Was bin ich wert?“, will er wissen. Leicht konsterniert lässt er sich von Profis durchrechnen - Wissenschaftler, Ärzte, Anwälte.
                                    Rein chemisch betrachtet kommt der Körper auf 1500 Euro. Kohlenstoff bringt am meisten.
                                    Im Zuge seiner Recherchen landet Scharf auch bei einer Gruppe Männern in Moldawien, die sich aus Geldnot als Nierenspender – macht 3000 Dollar pro Stück - betätigt haben. Einer von ihnen sagt: „Man ist irgendwie nicht mehr derselbe.“
                                    Die Berechnung des Menschenwerts spielt bei Unfällen eine Rolle, beim Klimaschutz, gefallenen Soldaten. In Kiew, New York, bei der Deutschen Angestellten-Krankenkasse - „Humankapital“ nennt es die Wirtschaft. Berechnungsgrundlagen ergeben sich auch bei Lösegeldzahlungen, Prostitution und Leihmutterschaft. Scharf interviewt die führenden Anwälte in den Schadenersatzprozessen von Costa Concordia und 9/11. Und was ist der Mensch im Osten der schottischen Stadt Glasgow wert? „Nicht allzu viel“, teilt Shaun, ein ehemaliges Gang-Mitglied, mit.
                                    Das Individuum als Rohstoff, Sondermüll, Lösegeldzahlung: Scharfs kleine Episoden malen ein düster-heiteres Porträt des Seins: Welche Menschenrechte hat eigentlich eine Ware?
                                    Ein schönes kleines Self-Documentary, das neben belastbaren Zahlen mehr Fragen als Antworten präsentiert.

                                    • 8

                                      "Besser als nix" präsentiert eine ganze Riege sehr guter Schauspieler und Schauspielerinnen mit großer Leinwandpräsenz. Ihnen zuzuschauen ist eine Freude, man ist traurig, dass der Film nicht drei Stunden dauert.
                                      Dass hier manche Sachen leider recht schlecht funktionieren, macht den Film eigentlich noch sympathischer: So ist der Einsatz der Musik oft etwas eindimensional. Wenn einer weint, gibt’s traurige Gitarrenmusik, haben alle gute Laune, läuft irgendein Feel-Good-Kram. Am besten hätte man sie weggelassen - außer in der Szene rund um Mikes Leiche im Beerdigungsinstitut, die dann wieder zu den besten Disko-Szenen im deutschen Kino gehört. Wo Licht ist, da klappt es eben auch mit dem Schatten. Eine seltsam aussehende Bierwampe, wie man sie Wotan Wilke Möhring unters T-Shirt getackert hat, ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss, wer mag bloß auf diese Idee gekommen sein...
                                      An einigen Stellen scheint die Geschichte in die fürs deutsche Kino typische Lachhaftigkeit zu verfallen, droht manchmal wie Rosamunde-Pilcher zu trivialisieren. Aber in den meisten Fällen kriegt "Besser als nix" die Kurve.
                                      Schließlich wird man lange nach einem Spielfilm suchen müssen, in dem die Darstellung eines Ausbildungsgangs mit solcher Aufmerksamkeit für die Fragen nach beruflicher Orientierung gelungen ist. Die Jugend träumt vom schönen Leben - sie muss es. Auch wenn regelmäßig die Erdung kommt: "Besser als nix".

                                      • 7

                                        Einen Überblick über die Hotspots der zivilgesellschaftlichen Proteste der letzten Jahre gibt der Film "Everyday Rebellion". Lose verknüpft er die Occupy-Aktivitäten in New York mit denen von Femen in der Ukraine und dem Tahrir-Platz in Kairo. "Das einzige System, dass wir tolerieren, ist das Sound-System", steht an der Wand. Der gemeinsame Ton: Die Demonstrationen sind gewaltlos – zumindest seitens der Demonstranten.
                                        Viele kleine Beispiele kreativen Protest-Humors kommen so zu Tage: "Wenn wir mit zehn Leuten die Stadt taggen", sagt ein Aktivist, "dann sieht das am nächsten Morgen aus, als seien wir eine Massenbewegung".
                                        Ob Gezi-Park in Istanbul oder mitten in Madrid: Die Regiebrüder Riahi lassen Aktivisten der widerständigen Öffentlichkeit verschiedener Couleur zu Wort kommen. Aber Achtung, die zentrale Erkenntnis für den gepflegten Aufruhr lautet, an die Zukunft zu denken. Kuriose Einsicht: "Auch für die Polizei muss es in der nächsten Gesellschaft einen Platz geben." Interessante Rundreise zu den Protesten unserer Tage.

                                        • 7

                                          Mit der Nussschale durch Wellen, Müll, Stürme: In diesem französischen Extremfilm bleibt Sportsegler Yann auf der Einhand-Regatta Vendée Globe rund um die Welt wenig erspart. Schon auf Teneriffa hat er das Kielschwert geschrottet und muss flicken. Die Natur stellt Kapitän und Schiff vor schwierige Aufgaben. "Um die Welt segeln - was soll das?" Welchen Sinn hat die Reise? Nicht viel mehr, als der erste zu sein. Derjenige, der fragt, hat andere Lebensinteressen. Der 16-jährige Mano ist als blinder Passagier mit an Bord. Er will nach Frankreich, zum Arzt. In seiner Familie haben die Männer eine gefährliche Sichelzellenanämie. Angehalten wird nicht: Mano muss bis zum Schluss an Bord bleiben. Der Flüchtling weckt in Yann bald väterliche Gefühle.
                                          Die Wahl dieses Szenarios ist gut: Denn Yanns Schiff ist ein technisches Wunderwerk mit Schlagseite: Jedes seiner Manöver wird per Überwachungskram genauestens in der Zentrale protokolliert. Er kann dem Jungen nicht einmal ein Pflaster unbemerkt aufkleben. Das Segelboot als Freiheits-Tool? Yann muss sich wirklich die Frage nach dem Sinn seines Unternehmens stellen lassen.
                                          Die Reise der beiden wartet mit unglaublichen Bildern auf: Man zieht an Eisbergen vorbei und sieht die Buckelwale springen. Das Meer als Sehnsuchtsort - des saturierten Europäers wie des jungen Flüchtlings: Diese Geschichte segelt immer wieder haarscharf, aber gekonnt am Kitsch vorbei. Politische Brisanz gepaart mit hoch durchkonstruiertem Schicksal: Solche Filme gibt's nur aus Frankreich!

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                                          • 4 .5

                                            »The Signal« passt sich ein in die derzeitige Schwemme von Science-Fiction-Filmen. Es geht dabei ums große Hollywood-Kino, wo etwa Matt Damon in »Elysium« (2013) den Weltenretter spielt oder Tom Cruise den Kampfanzug des hochgerüsteten Underdog schon gar nicht mehr auszieht (»Krieg der Welten«, »Oblivion«, »Edge of Tomorrow«). Und dann gibt es ja auch noch die Kinderzirkus-Variante: die Reihe »Transformers«. Jenen Filmen, denen reflexives Potential fehlt, geht es um die reine Waffenschau.
                                            Mit recht bescheidenen Budgets versuchen einige Regisseure aber auch, Zukunft mit den Mitteln des Arthouse-Kinos zu entwickeln. Duncan Jones in »Moon« (2009), Neill Blomkamp in »District 9« (2009): Hier sollen filmische Entwürfe gegen das Mainstream-Kino stehen. Isolation, Rassismus, Genmanipulation heißen die Themen.
                                            Egal, welche der Varianten gewählt wird: Viele Filmemacher stellen ihre Geschichten verblüffend simpel dar, die erzählerischen Mittel sind von anno dunnemals. Perspektivwechsel sucht man ebenso vergebens wie mehrschichtiges Erzählen.
                                            Vielleicht ist der Science-Fiction-Film weder Arthouse-Genre noch Popcorn-Kino. Sondern was ganz Eigenes. Schauen wir mal in eine andere Branche: »Die Kritik ist am Zug«, schreibt dieser Tage der Verband der deutschen Filmkritik. »In ihr schlummert das Potential, wagemutige Positionen zu erforschen.« Verkommen sei die einst hehre Kritik, passe sich an vorherrschende Normen und Marktgegebenheiten an. »Dabei büßt sie ihren unabhängigen Geist ein und wird zur Dienstleistung. Eigenständiges Denken wird von Reflexen abgelöst.«
                                            Das Gegenmittel: »die aktivistische Kritik«. Sie soll die gesellschaftlichen Dimensionen von Werken untersuchen: »Sie blickt neugierig auf das vermeintlich Profane, verteidigt das Lustvolle, verdammt das Abgeklärte. Aktivistische Kritik ist subversiv. Sie unterwandert das auf den Lügen des Pragmatismus errichtete Gebäude. Sie setzt die Automatismen von Gefälligkeiten und Gefälligem außer Kraft.«
                                            Tolle Sache! Jetzt fehlen nur noch die aktivistischen Filme dazu. Subversiv sollen sie sein, Lügen entlarven und die Automatismen außer Kraft setzen … Wär’ doch ein super Kinoprogramm.

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                                            • 6 .5

                                              "Das Prinzip aller Dinge ist Wasser, aus Wasser ist alles und ins Wasser kehrt alles zurück": Die Kunst des kanadischen Fotografen und Regisseurs Edward Burtynsky folgt dem Leitsatz des antiken Philosophen Tales von Milet.
                                              Burtynskys Gegenstand ist das flüssige Element, von oben, von unten, von innen. Wie verhält es sich, was macht man mit ihm, wie geht es ihm heute – nach seiner technischen Zurichtung als Staudamm, Rohstoff oder gar Kloake?
                                              Urzustand und Umweltverschmutzung zur Kunstform zu machen ist hier das Ziel – und Bewusstsein für Nachhaltigkeit wecken. Seine Fotografien kann man lange betrachten, bis man glaubt zu wissen, was sie zeigen: Wellen am Strand, Industrieabwässer, das Flussdelta.
                                              Nur folgerichtig verdichtet Burtynsky die bewegenden Eindrücke gemeinsam mit der Filmerin Jennifer Baichwal im bewegten Bild: "Watermark", Wasserzeichen, heißt sein neuer Dokumentarfilm.
                                              An 20 Stationen rund um die Welt hat er sein Lieblingsmotiv besucht. Die imponierende Bilderzählung schlägt einen Bogen vom größten Staudamm der Welt im chinesischen Xiluodu über das heute ausgetrocknete Flussdelta des Colorado River im Westen der USA und den durch Chemie aus der Lederherstellung komplett verseuchten schwarz blutenden Fluss Buriganga in Bangladesh. Auch die Surf-Wettbewerbe im kalifornischen Huntington Beach besucht er. Hier Energieträger, Landwirtschafts- und Industrieleiche, da belassene See, Sportgelände.
                                              Wasser als bester und viel geprügelter Stoff: Weise und wichtige Dinge lernt das Publikum, zum Beispiel am Ganges: Dort badet man, auf dass die Fluten die Sünden wegwaschen. Wer oder was könnte das sonst?
                                              Land, Tiere und das Flüssige bilden eine Einheit, sagt Oscar Dennis am nächsten Haltepunkt, der kanadischen Wildnis. Und manchmal ist auch der Mensch auch dabei. "Wir bestehen zu 70 Prozent aus Wasser", sagt der indianische Umweltaktivist und beschreibt die Substanz als einigende Kraft. Lebewesen und Elemente sind in der Vorstellungswelt der Ureinwohner ein System des fortwährenden Austauschs. Dennis: "Wir alle sind Wasser."
                                              Für die beeindruckenden Aufnahmen hat das Team einen technischen Riesenapparat gebraucht: fliegende Linsen, mehr als ein Dutzend der neuesten Kameras. "Erstaunlicherweise fiel keine davon ins Wasser", wundert sich Kameramann Nicholas de Pencier.

                                              • 7

                                                Raymond inszeniert Ghaffarians Geschichte mit Fokus auf dem Tanz. Die Verknüpfung von Politik und Bewegung in den Wüstenszenen ist anrührend, überwältigend und wunderschön - "Dirty Dancing" als Menschenrechtsballett. Das lässt die erzählerischen Schwächen des Films vergessen: Es mag richtig sein, die Verfolgung des Ausnahmekünstlers als großes Unrecht darzustellen. Rasch aber ist der Lauf der Dinge hier klar, es fehlt an dramaturgischer Spannung: So schlägt sich ein von den Bassidsch in die Tanzkompagnie eingeschleuster Spitzel allzu schnell auf Afshins Seite. Die Motivation der Sittenwächter wird recht wenig ausgeleuchtet, wie auch Elahehs Drogensucht, die durchaus für die Gemütsverfassung ihrer Generation stehen könnte.
                                                Nichtsdestotrotz handelt es sich beim "Wüstentänzer" um ein hochinteressantes Experiment - in dem ein politischer Kontext mit ganz besonderen Bildern interpretiert wird. Und das ist absolut sehenswert.

                                                • 6

                                                  Der Zuschauer erlebt den erklärten Nachfahren von Marcel Duchamp und Andy Warhol als Kunstunternehmer voller Einfälle, als politischen Aktivisten mit internationalen Verbindungen, der Demokratie einfordert und den Polizisten vor der Haustür zur Party einlädt. Zwischendrin sind Gespräche mit Freunden und Partnern montiert. Die wichtigste Nebenrolle geht an Ai WeiWeis Mutter: "Die hat mir gezeigt, was richtig und falsch ist."
                                                  Ruhe ist in dem Haushalt nie. "Du meckerst zu viel", antwortet die alte Dame.

                                                  • 6

                                                    "Paris um jeden Preis" lautet die Devise und auch der Titel dieses Films der jungen Regisseurin und Darstellerin Reem Kherici. Mit Federleichtigkeit beschäftigt sich diese Komödie mit den schlimmen Begebenheiten rund um das Thema illegaler Aufenthalt und verquickt die Härten des Flüchtlingsdaseins mit der durchgeknallten Welt der Mode. Hätte auch nach hinten losgehen können. Tut’s aber gerade noch mal nicht.