1994 - Tim Burton setzt Ed Wood ein Denkmal
CUT!rin (Katrin Doerksen), Veröffentlicht am 08.10.2012, 08:50
Ed Wood
© Buena Vista Pictures
Ist euer Glas halb voll oder halb leer? Seid ihr Optimisten, Pessimisten oder vielleicht Realisten? Opportunisten oder Idealisten? Sie haben zweifelsfrei alle etwas für sich, die euphorisch Zuversichtlichen wie auch die kauzigen Weltuntergangspropheten. Und den jugendlich frischen Idealisten gehört die Welt. Wenn es auch nur die eigene ist.
Die banalen Alltagsprobleme eines Exzentrikers
Wenn jemals einem Regisseur in der Filmgeschichte der Ruf des Idealisten nachgesagt werden kann, dann Edward D. Wood Jr.. Er mag sich vielleicht ständig mit seinem Vorbild, dem großen Orson Welles, Regisseur von Meilensteinen wie Citizen Kane, verglichen haben. Seine Werke sprachen aber eine ganz andere Sprache. Haarsträubende Plots entsprangen den undurchdringlichen Windungen seines kongenialen Hirns und formten sich in seiner Fantasie zu potentiellen Monster- und Science-Fiction-Klassikern. Sie sollten dem aufstrebenden Filmemacher endlich zum Durchbruch in Hollywood verhelfen.
Der Ruf des schwierigen Sonderlings eilte Ed Wood unglücklicherweise voraus, und so war es schwierig für ihn, an die finanziellen Mittel für seine Streifen zu kommen. Nur einige Trashfilm-Produzenten setzten sich immer wieder für ihn ein, und so ließ sich der ambitionierte Regisseur letztlich sogar von einer Baptistengemeinde und einem Fleischgroßhändler finanzieren. Seine schwierige Lage hielt ihn trotzdem nicht davon ab, sich weiterhin als Exzentriker zu inszenieren: der Mann kreuzte nicht selten in Frauenkleidern am Set auf, und flauschige Angora-Unterwäsche musste es schon sein. Ein absoluter Faux-Pas im reaktionären Amerika der 50er Jahre.
„Und Schnitt! Die Szene ist im Kasten!“
Und dann waren da natürlich noch die Filme von Edward D. Wood Jr.. Aufwändige Kulissenbauten und beeindruckende Spezialeffekte? Alles völlig überschätzt! Dem Regisseur ging es vor allem um den Gesamteindruck der Dramaturgie, und so sparte er eben an allen anderen Ecken und Enden. Ob nun irgendwo ein Mikrofon in das Bild hineinragte, die Kulissen wackelten oder die Drähte an den fliegenden Untertassen zu sehen waren – was machte das schon?
Ed Wood sah davon ab, die schief gegangenen Szenen zu wiederholen. Und auch seine Schauspieler schmiss er oft ins kalte Wasser. Überhaupt: seine Schauspieler! Neben der Moderatorin Vampira (Maila Nurmi) und dem TV-Hellseher Criswell engagierte er für seine Rollen auch gänzliche Amateure wie seinen Chiropraktiker oder einen Wrestler namens Tor Johnson, der ebenfalls schon bessere Tage gesehen hatte. Apropos bessere Tage: Ed Woods bekanntester Akteur war wohl Bela Lugosi, der 1931 erfolgreich Dracula dargestellt hatte, und mittlerweile unter Drogensucht litt.
„Mit diesem Film gehe ich in die Geschichte ein.“
So lauteten die weisen Worte des Regisseurs bei der Premiere seines Streifens Plan 9 aus dem Weltall. Und tatsächlich geriet Edward D. Wood Jr. trotz seines frühen Todes im Jahre 1978 nicht so schnell in Vergessenheit. In dem Buch The Golden Turkey Awards verliehen ihm Harry und Michael Medved dafür postum den Titel ‚schlechtester Regisseur aller Zeiten‘. Für viele begeisterte Zuschauer blieben die liebevoll abstrusen Werke aber sehenswert und erhielten schnell Kultstatus.
Als Fan von Ed Wood outete sich 1994 schließlich auch ein Regisseur, der für mindestens ebenso liebevoll abstruse Geschichten bekannt wurde: Tim Burton. Mit seinem gleichnamigen Biopic Ed Wood setzte er ihm ein Denkmal. In einfühlsamen Schwarzweißbildern ganz nach Manier der B-Movies der Fünfziger inszenierte er Johnny Depp in der Rolle des exzentrischen Filmemachers, und legte dabei besonderen Wert auf die beinahe väterliche Beziehung zu Bela Lugosi, hier grandios verkörpert durch Martin Landau. Und so beweist dieser Streifen einmal mehr, dass es Idealisten auf dieser Welt einfach braucht. Denn wie sagt Orson Welles in Ed Wood so schön zum ehrgeizigen Titelhelden: „Visions are worth fighting for. Why spend your life making someone else’s dream?”
Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1994 bewegte:
Drei Filmleute, die geboren sind
10. Februar 1994 – Makenzie Vega, die junge Jessica Alba aus Sin City
23. Februar 1994 – Dakota Fanning, das kleine Mädchen aus Krieg der Welten
12. April 1994 – Saoirse Ronan, die junge Killerin aus Wer ist Hanna?
Drei Filmleute, die gestorben sind
03. Oktober 1994 – Heinz Rühmann, der verspätete Pennäler aus Die Feuerzangenbowle
19. Oktober 1994 – Martha Raye, die Betty Johnson aus In der Hölle ist der Teufel los
21. Oktober 1994 – Burt Lancaster, der resignierende Fürst aus Der Leopard
Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Schindlers Liste von Steven Spielberg (Bester Film, Regisseur, Kamera, Musik)
Goldene Palme – Pulp Fiction von Quentin Tarantino
Goldener Löwe – Vive l’Amour – Es lebe die Liebe von Ming-liang Tsai
Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme in Deutschland
Der König der Löwen von Roger Allers und Rob Minkoff
Forrest Gump von Robert Zemeckis
Der bewegte Mann von Sönke Wortmann
Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
05. April 1994 – Nirvanas Frontsänger Kurt Cobain begeht Selbstmord
06. April 1994 – Beginn des Völkermordes in Ruanda
27. April 1994 – Mit der neuen Verfassung endet die Apartheid in Südafrika. Nelson Mandela wird kurz darauf Präsident.
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Kommentare
über 1994 - Tim Burton setzt Ed Wood ein Denkmal
David_Lynch Mon, 08 Oct 2012 19:25:27 -0000
Kommentar löschenBoris Karloff? Cocksucker!
Jep, das ist definitv der beste Burton-Film bisher und obwohl es mit "Frankenweenie" ja anscheinend wieder bergauf geht würde ich trotzdem mal behaupten, dass er diese Stellung noch lange (wenn nicht für immer) behalten wird...
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JackoXL Mon, 08 Oct 2012 16:07:07 -0000
Kommentar löschenEin wunderbarer Film mit einem sensationellen Martin Landau. Da ich mich eh gerade durch die alten Universal Horrorstreifen ackere, muss der im Anschluß auch mal wieder ran. Vorfreude! :)
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Harrigan Mon, 08 Oct 2012 17:45:48 -0000
Antwort löschenBin von Burtons Biopic mindestens genauso begeistert wie von Ed Woods eigenen Filmen.
JackoXL Mon, 08 Oct 2012 17:52:54 -0000
Antwort löschenHatte bisher noch nicht das Vergnügen mit Mr.Woods Geniestreichen, wird eigentlich mal Zeit.
Titaneus Mon, 08 Oct 2012 15:55:37 -0000
Kommentar löschengroßartiger Film und nebenbei auch der beste und wichtigste Burton-Film. Guckt man heutigen Quatsch wie "Dark Shadows" oder "Alice", ist es schwer zu glauben, dass es sich um ein und den selben Regisseur handelt... leider.
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Kloppo09 Mon, 08 Oct 2012 11:28:12 -0000
Kommentar löschenGrossartiger Film!
In meinen Augen einer der stärksten Filme von Tim Burton.
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Super8951 Mon, 08 Oct 2012 09:19:13 -0000
Kommentar löschen"Bei Filmen geht es nicht um kleinliche Details, sondern um die ganze Geschichte. – Tatsächlich?! – Ja! – Und warum ist dann der Polizist bei Tageslicht angekommen und jetzt ist es schon dunkel? – Das weiß doch nun jeder: Irritationselemente steigern die Spannung!"
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Punsha Mon, 08 Oct 2012 09:02:24 -0000
Kommentar löschenHome? I have no home. Hunted... despised... living like an animal. The jungle is my home! But I will show the world that I can be its master. I shall perfect my own race of people... a race of atomic supermen that will conquer the world!
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David "Noodles" Aaronson Mon, 08 Oct 2012 07:58:29 -0000
Kommentar löschenEdward Davies Wood jr. Biopic ist zusammen mit 'Batman Returns' auch der beste Burton, aus einer Zeit als noch jeder Burton ein großes Highlight war.
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Edward D. Wood Jr.
Beteiligt an 11 Filmen (als Regisseur, Drehbuch, Produzent, Akteur und Autor)
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Katrin Doerksen hat es zum Filmwissenschaftsstudium nach Mainz verschlagen. Dort sitzt sie nun also und wenn sie nicht studiert, schreibt sie trotzdem über die Geschichte des Films, und zwar in der Rubrik Markante Momente bei moviepilot. Über Themenwünsche, Anregungen oder Kritik freut sie sich immer. Wer wissen will, womit sie sich nebenbei noch beschäftigt, folge ihr bei facebook oder auf ihrem Filmblog L’Age d’Or.





einer meiner absoluten lieblingsfilme. überlege auch meinen ersten sohn edward zu nennen. leider ist der name wegen twilight heutzutage negativ belegt.
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