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Super 8 und das Kino der Nostalgie

25.07.2011 - 08:50 Uhr
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Die jungen Hauptdarsteller von Super 8
© Paramount
Die jungen Hauptdarsteller von Super 8
Hollywood hat sich in die Vergangenheit verliebt. Das neueste Beispiel ist die Spielberg-Hommage Super 8 von J.J. Abrams. Doch was bringt uns Zuschauern das Allheilmittel Nostalgie?

In Maßen genossen kann gegen nostalgische Gefühle nichts eingewandt werden. Deswegen überkommt mich jedes Mal ein wohliges Schaudern, wenn ein nicht näher genannter Archäologe durch einen peruanischen Tempel schleicht oder sich ein imperiales Raumschiff bedrohlich ins Bild schiebt. Nostalgie heißt, für einen Moment still zu stehen, sich zu besinnen auf die Meriten der Vergangenheit und das höchst subjektiv. Doch wie bei allen anderen Dingen auch, kann sie in Unmengen dosiert die Suppe versalzen, bzw. die Filmlandschaft in einen langweiligen Einheitsbrei verwandeln. Da wir demnächst vom Nostalgie-Trip Super 8 eingeholt werden, stellt sich die Frage, was die filmische Vergangenheit so attraktiv macht.

Ein Spielberg-Film ohne Spielberg
In Super 8 beobachten ein paar ambitionierte Jungfilmer die Entgleisung eines Zuges. Fortan kommt es in ihrer beschaulichen Vorstadt zu seltsamen Ereignissen. Angesiedelt im Ohio des Jahres 1979 strotzt der neue Film von J.J. Abrams nur so vor Referenzen an das Werk seines ausführenden Produzenten: Steven Spielberg. Das beginnt beim Vorstadt-Setting, verläuft über ein problematisches Vater-Sohn-Verhältnis und findet seinen Höhepunkt bei einer Reihe von Einstellungen und Handlungsmotiven, die ganz klar von Unheimliche Begegnung der dritten Art, E.T. – Der Außerirdische oder den von Spielberg produzierten Gremlins – Kleine Monster inspiriert wurden. Eine hübsche Auflistung der Querverweise hat Matt Zoller Seitz zusammengestellt. Super 8 verfolgt ein Ziel: Uns gefühlsmäßig ein paar Jahrzehnte zurück zu beamen und noch einmal den Charme von Filmen wie Die Goonies einzuflößen.

Positiv ist Super 8 bei der Kritik angekommen und sein nostalgischer Ansatz soll hier nicht vor Gericht gestellt werden. Doch bei einem kreativen Geist wie J.J. Abrams, der an einigen der besten Serien der letzten Jahre beteiligt war, fällt es trotzdem auf, wenn alle bisherigen Regie-Arbeiten (Mission: Impossible 3, Star Trek) anderer Leute Werke recyclen. J.J. Abrams ist natürlich nur ein Teil der Hollywood’schen Obsession mit der Vergangenheit. Dieses Kinojahr ist angefüllt von überschriebenen Kindheitserinnerungen an Cartoons (Die Schlümpfe), Spielzeug (Transformers 3) und die Sci Fi-Filme vergangener Jahrzehnte (Paul – Ein Alien auf der Flucht). Manchmal kommt es einem so vor, als würden da irgendwo ein paar Midlife Crisis-geplagte Herrschaften auf dem Dachboden ihrer Eltern nach neuen Filmideen suchen.

Sicherlich ist die Nostalgie nicht die einzige Antriebsfeder, wenn Studios solchen Stoffen grünes Licht geben. Kommerzielle Berechnung steht im Vordergrund. Wenn jedoch Fortsetzungen von Reihen wie Stirb Langsam, Rocky, Rambo oder Indiana Jones angekündigt werden, geht den Fans berechtigterweise das Herz auf. Es ist das Versprechen, die nostalgischen Erinnerungen in einem frischen Gewand neu zu durchleben und wer kann da Nein! sagen?

Das P.-Wort
Dass der Film wie jede andere Kunst auch Elemente seiner Vorgänger zu einem gewissen Grad reproduziert und neu zusammensetzt, ist keine Neuigkeit. Unter dem Begriff der Postmoderne wird dieser Trend seit den 70ern gefasst und heiß diskutiert. Doch es gibt einen Unterschied zwischen der postmodernen Verarbeitung vorangegangener Werke und dem nostalgischen Wiederkäuen derselben. Oder auch: Es gibt einen Unterschied zwischen Inglourious Basterds und Super 8. Nostalgische Filme kämpfen immer mit dem Versuch, etwas zurückzuholen, dass nicht zurückgeholt werden kann. Steven Spielberg mag Super 8 produzieren, aber er selbst dreht nicht mehr die Art von Filmen aus der Anfangszeit seiner Karriere. Zum Beweis sei hier die zwanghaft aufgebürdete Nostalgie eines Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels herangezogen, der verzweifelt versucht, jede Szene in der Vergangenheit zu ertränken.

Der nostalgische Ansatz läuft folglich immer Gefahr, sich im Kreis zu drehen, anstatt etwas neues zu schaffen. Genau in dieser Kreisbewegung scheint sich das Hollywood-Kino des letzten Jahrzehnts wieder zu finden, zumindest wenn wir nach Großproduktionen suchen, die keine Comic-Verfilmungen sind. Kontinuierlich werden Serien aus den 70ern und 80ern auf die Kinoleinwand geklatscht (Das A-Team, 3 Engel für Charlie), Franchises aus dem selben Zeitraum gerebooted, geprequelt und gesequelt (die oben genannten sowie Predators u.v.m.).

Synthetische Erinnerungen
Ganze Genres unterliegen diesem nostalgisch angehauchten Trend. Selbst die durch das Grindhouse-Projekt losgetretene Trashwelle, die zuletzt Piranha 3D und Machete hervorgebracht hat, will schlussendlich eine Epoche wiederbeleben, die nicht wiederbelebt werden kann. Das Trashkino der 60er und 70er ist tot und es lässt sich mit 20 Mio. Dollar-Budgets nicht so einfach in jene Produktionsstrukturen versetzen, die es einst unter die Erde gebracht haben. So bleibt den einen Zuschauern nur die Sehnsucht nach den alten Zeiten und den anderen eine überteuerte Kopie, eine Art synthetische Erinnerung.

Sicherlich ist der Nostalgiefaktor nicht zwangsläufig Ausdruck fehlender Qualität. Super 8 mag ein gut gemachter, unterhaltsamer Old School-Science Fiction-Film sein, der sich sogar für seine Figuren interessiert. Wenn in den nächsten Monaten Die Schlümpfe, Planet der Affen: Prevolution und Conan in den Kinos anlaufen, bleibt trotzdem die Frage im Raum stehen, warum das kreative Genius J.J. Abrams für sein Nicht-Remake, Nicht-Sequel und Nicht-Reboot ausgerechnet einen anderen Filmemacher als Blaupause gesucht hat, so unterhaltsam das Endergebnis auch ist. Ein Blick auf Hollywoods To Do-Liste der nächsten zwei Jahre sorgt, was das Abflauen des Nostalgie-Trends angeht, nämlich größtenteils für Ernüchterung.

Wie steht ihr zur Nostalgie im Hollywood-Kino? Ist sie eine Quelle der Kreativität oder Ausdruck von Ideenlosigkeit?

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