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1999 - Eyes Wide Shut überlebt Stanley Kubrick

17.06.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Eyes Wide Shut
© Warner Bros. Pictures
Eyes Wide Shut
Stanley Kubrick war einer der Filmemacher, die definitiv zu früh gestorben sind. Umso mehr Legenden rankten sich um ihn und sein letztes Projekt Eyes Wide Shut.

12. März 1999. Unter einem Baum in Childwickbury Manor, Hertfordshire, England, versammeln sich etwas einhundert Menschen. Cellisten und Klarinettisten spielen, es gibt auch Sänger und Lesungen aus dem Kaddisch, dem jüdischen Trauergebet. „Er hat sich buchstäblich totgearbeitet“, schrieb der Filmkritiker Michel Ciment später, denn nur wenige Tage vor seinem überraschenden Tod hatte er noch eine fertig geschnittene Version seines neusten Filmes den Hauptdarstellern und Produzenten gezeigt. Die Kinofassung sollte er allerdings nicht mehr sehen. Eyes Wide Shut blieb das letzte Werk von Stanley Kubrick.

Vom gefeierten Nachwuchsregisseur zum legendären Hollywood-Außenseiter
Bis zu diesen letzten Tagen hatte der Regisseur einen weiten Weg hinter sich gebracht. Nach einigen Jahren als freischaffender Fotograf drehte er erste Dokumentarfilme und finanzierte schließlich Spielfilme vornehmlich aus eigener Tasche. Schon mit seinen Erstlingswerken Fear and Desire und Der Tiger von New York gelang es Stanley Kubrick, seinen Stil zu etablieren und die Aufmerksamkeit Hollywoods auf sich zu ziehen. Wege zum Ruhm bildete seinen endgültigen Durchbruch, doch nachdem er während der Produktion von Spartacus viele Kompromisse hatte eingehen müssen, entschied der Perfektionist, er wolle nie wieder einen Film drehen, bei dem er nicht volle Kontrolle über sämtliche Arbeitsbereiche hätte.

In den folgenden Jahren war es der rigorosen Kompromisslosigkeit und dem manchmal beinahe fanatischen Perfektionismus Kubricks zu verdanken, dass maßgebliche Werke entstanden wie Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben, Uhrwerk Orange oder der opulente Science Fiction-Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum. Auf diese äußerst produktive Phase folgte schließlich ein Rückzug ins Private, Stanley Kubrick arbeitete an Projekten, die er wieder verwarf, sein Mythos machte ihn zur lebenden Legende, er bekam von den Studios völlige künstlerische Freiheit zugesprochen und begann schließlich die Arbeit an seinem letzten Projekt.

Zwei Jahre Dreharbeiten
Die genaue Todesursache Kubricks wird von seinen Angehörigen geheim gehalten, und so ranken sich diverse Versionen und Legenden um die letzten Tage und das letzte Projekt des Regisseurs. Es halten sich hartnäckige Spekulationen, dass Stanley Kubrick eine Originalfassung von Eyes Wide Shut mit ins Grab nahm, in der nicht Sydney Pollack und Marie Richardson die Marion und Victor Ziegler spielten, sondern Harvey Keitel und Jennifer Jason Leigh, die tatsächlich wegen Terminüberschneidungen absagen mussten. Die Dreharbeiten zogen sich einfach zu lange hin, denn die Studios gewährten dem Regiemeister alle Zeit der Welt, was er voll ausnutzte.

Aber nicht nur Spekulationen und Gerüchte existieren zu dem Film, sondern auch ein paar Fakten. Für die Besetzung seiner Protagonisten wollte Stanley Kubrick ein tatsächliches Ehepaar, um die Beziehung authentischer wirken zu lassen. Nachdem er von seiner ersten Idee um Kim Basinger und Alec Baldwin abgerückt war, verpflichtete er Tom Cruise und Nicole Kidman, die zu Beginn der Dreharbeiten schon seit fünf Jahren verheiratet waren. Für die beiden war die Produktion trotzdem alles andere als ein Zuckerschlecken. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion seien nicht selten für sie verschwommen, erzählte die Hauptdarstellerin später.

Abschied mit einem großen Knall
Für Eyes Wide Shut adaptierte Stanley Kubrick gemeinsam mit Frederic Raphael ein literarisches Werk: die Traumnovelle von Arthur Schnitzler, in der sich die unausgelebten erotischen Fantasien von Fridolin und Albertine zu einer tiefgreifenden Ehekrise auswachsen. Details über die Geschichte wollte Kubrick aber bis zur Veröffentlichung geheim halten, und so sorgten auch der von ihm geschnittene Trailer und die offizielle Ankündigung für Furore: „eine Geschichte über sexuelle Eifersucht und Obsession, mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen“, so hieß es da.

In einer Szene würde Tom Cruise ein Kleid tragen, hieß es, und auch Gerüchte um Sexszenen zwischen den Hauptdarstellern hielten sich hartnäckig. Das US-amerikanische Magazin Star berichtete sogar, Stanley Kubrick habe einen Sextherapeuten verpflichtet, weil er mit den entsprechenden Szenen so unzufrieden gewesen sei. Eine Klage wegen Verleumdung ließ da nicht lang auf sich warten. Und doch sorgte all der Medienrummel dafür, dass Eyes Wide Shut ein finanzieller Erfolg wurde, wenn manche Fans ihn auch als einen der weniger guten Kubrick-Filme einstuften.

Ob dem Regisseur allerdings die finale Kinofassung zugesagt hätte, lässt sich so genau nicht mehr sagen. Er starb am 07. März 1999 im Alter von 70 Jahren.

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1999 bewegte:

Drei Filmleute, die ihr Debut feierten
James Franco in Ungeküsst von Raja Gosnell
Ashton Kutcher in Coming Soon von Colette Burson
Kristen Stewart in Das dreizehnte Jahr von Duwayne Dunham

Drei Filmleute, die gestorben sind
18. Januar 1999 – Günter Strack, Professor Manfred aus Der zerrissene Vorhang
07. März 1999 – Stanley Kubrick, legendärer Regisseur von 2001: Odyssee im Weltraum
14. September 1999 – Charles Crichton, Regisseur von Ein Fisch namens Wanda

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscar – Shakespeare in Love von John Madden (Bester Film, Hauptdarstellerin, Nebendarstellerin)
Goldener Bär – Der schmale Grat von Terrence Malick
Golden Globe – Der Soldat James Ryan von Steven Spielberg

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung von George Lucas
The Sixth Sense von M. Night Shyamalan
Toy Story 2 von John Lasseter

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
24. März bis 10. Juni 1999 – Luftangriffe der Nato auf Serbien
20. April 1999 – Amoklauf an der Columbine High School in Littleton
Die CDU-Spendenaffäre sorgt in den Medien für Schlagzeilen

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