Jürgen Kiontke - Kommentare

Alle Kommentare von Jürgen Kiontke

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    über Django

    Eine Künstlerbiografie der besonderen Sorte ist »Django«, das filmische Porträt des genialen Gitarristen Django Reinhardt, der 1953 starb.

    Der Film, der 2017 die Berlinale eröffnete, thematisiert nicht zuletzt das ambivalente Verhältnis von Kunst und Diktatur. Die Nationalsozialisten wollten für ihre Tanzveranstaltungen ausgerechnet den Sinto Reinhardt einspannen, der durch einen Unfall zwei Finger der linken Hand verlor, deshalb eine besondere Spielweise entwickelte und damit in den vierziger Jahren zum König des »Gipsy Swing« aufstieg.

    Seine Musik sollte gegen die amerikanische »Negermusik« anklingen. Reinhardt wird in diesem Film als ein in politischen Dingen unentschiedener Charakter geschildert, der dieses Angebot nicht ablehnt. Er steckt sich eine Zigarette an und beginnt zu spielen. Und während andere Sinti und Roma schon in Konzentrationslager transportiert werden, ist Reinhardt aufgrund seiner Prominenz noch recht sicher. Doch als ihn Hitlers Kulturpolitiker auf Deutschland-Tour schicken wollen, ergreift er die Flucht – die Nazis immer dicht auf den Fersen. Regisseur Etienne Comar porträtiert ­einen Künstler und Freigeist, mit dem das Leben so beiläufig spielt wie er selbst seine Musik. »Django« ist ein mitreißender Film, vor allem in den musikalischen Sequenzen.

    Die ­Verfolgung dieser Musik zeigt am besten, was ­faschistische Politik bedeutet: Nicht einmal die eigenen Ohren sind frei.

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    • 7

      »Wenn Gott so mächtig ist, warum habt ihr dann solche Zweifel?« Diese Frage stellt der Musiker Shahin Najafi, der aus dem Iran flüchten musste, seinen konservativen Verfolgern. Er selbst hält sich für einen Atheisten, und so klingen auch seine Texte. Im Jahr 2012 veröffentlichte er einen satirischen Rap, der iranische Religionsführer dazu veranlasste, ihn mit einer Todes-Fatwa zu belegen.

      Wer Najafi umbringt, kann mit 100.000 Dollar Belohnung rechnen. Seit seiner Flucht lebt Najafi in Deutschland im Exil. Seine Musik ist ein Statement des Lebens, eine Selbstbehauptung. Till Schauders Dokumentation »When God Sleeps« über Najafi zeigt Internet-Tutorials, die demonstrieren, wie man Sprengstoff mischt, um den Musiker von der Bühne zu bomben. Die deutsche Polizei nennt das bei der Sicherheitsberatung des Musikers eine »abstrakte Bedrohung«.

      Es kommen Künstlerkollegen zu Wort, die gemeinsame Konzerte mit Najafi aus Angst absagten, und Günter Wallraff, der den Musiker einige Monate beherbergt hat. Der Film zeigt Prügelvideos aus dem Iran, aber auch beiläufig-ironische Alltagsszenen des Musikerlebens, etwa wenn der Sänger ein Riesenpeniskostüm für einen Auftritt erwirbt. Seine Freundin ist die Enkelin eines ehemaligen iranischen Premierministers. Najafis Musik zählt nicht zu dessen Vorlieben, er ist in seinen Augen ein »Anarchist«. Najafis Fazit: »Frauen sind stärker als Männer.« Ein beeindruckendes filmisches Porträt.

      • "Die Nile Hilton Affäre" ist ein Polizeifilm der komplett anderen Art: Er zeigt ein korruptes Behördensystem, dessen Auswirkungen – Missachtung der Gesetze und Vorteilsnahme – bei den Protesten auf dem Kairoer Tahrir-Platz öffentlich angeprangert wurden.

        • 5

          Der Al Gore dieses Films ist ein moderner und antiker Unternehmer zugleich: Diese gewichtige, visionäre Renaissance-Figur geht mit neuesten Ideen vorneweg. Ein Heinrich der 8. der postfordistischen Produktion.

          Dieser Film ist ein Monolog. Eine Rede an die Erde, mit uns darauf. Der Filmheld wird sie und uns retten, ganz sicher! Vielleicht werden wir mit der Erde zum Mars fliegen.

          • 5

            Wir lernen Pauline als umtriebige und vertrauenswürdige Krankenpflegerin kennen, die sich für ihre Patienten aufopfert, sich um den brummeligen Kommunistenvater kümmert und auch noch zwei Kinder allein großzuziehen hat. All das ohne große Klage in einer vom wirtschaftlichen Niedergang gezeichneten Gegend im Norden Frankreichs. Sie schaut täglich ins Leben ihrer Klienten hinein. Es versteht sich von selbst, dass sie allseits beliebt ist. Pauline ist authentisch.

            So wird sie für die Politik interessant. Ihre Glaubwürdigkeit will sich die nationalistische Partei, deren Parteiführerin Agnès Dorgelle ohne Zweifel an Marine Le Pen erinnert, zunutze machen. Ihr Repräsentant vor Ort, der Dorfarzt, wirbt sie als Kandidatin für die Bürgermeisterwahlen an. Und Pauline ist gut: Gerade die alten Wähler vertrauen ihr, da muss sie gar nicht viel reden. Das besorgt der Le-Pen-Verschnitt.

            Probleme gibt es trotzdem. Denn Pauline hat ihren Schulfreund wiedergetroffen und sich verliebt. Und der Liebste gehört zur faschistischen Schlägertruppe, die das Sauberfrau- Image stört.

            Die erste Runde geht klar an den Film. Er entwirft das rechte Milieu sehr überzeugend und mit kleinen Beobachtungen an der Seitenlinie – etwa wenn ein Vater sich über den Pornokonsum seines Sprösslings sorgt, der sich aber in Wahrheit als Nazi-Videoblogger betätigt. Regisseur Lucas Belvaux trickst das Publikum meisterlich aus: Was würdest du tun, wenn du Paulines Möglichkeiten hättest, Arschloch?

            Die Ambivalenz hält er allerdings nicht durch. Alsbald weiß man, dass die Rechten – ob mit Glatzkopf oder im Kostüm – Dumpfbacken sind. Da dürften sich Regisseur und Publikum bald einig werden. Allzu plakativ agiert die Bande, entlarvt hat man sie schnell. Dabei wäre es einfach gewesen, weiter auf dem Glatteis zu bleiben. Was, wenn es einen Anschlag des IS geben würde – vielleicht auf ein Konzerthaus mit vielen Toten? Was würde dann der Film aus seinem Publikum machen?

            Friktionsflächen dieser Art fehlen, und das macht aus dem Film ein antifaschistisches Statement. Verständlich ist das, auch legitim. Eine gute Analyse, die kritische und vor allem komplizierte gesellschaftliche Zustände zeigt, ist das nicht.

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            • »On the Milky Road« ist ein Crossover in die bildende Kunst. Du sollst dir die Einstellung merken, das Bild im Kopf mit anderen teilen. Der Film produziert regelrecht »Sharepics«, Standbilder für die Erinnerung, eine prägnante optische Aufarbeitung von Krieg.

              »Ihr spinnt wohl«, sagt der Feldarzt, als er mehrere Opfer mit den gleichen charakteristischen Wunden operieren soll. »Ihr sagt, sie wurden von einer Uhr gebissen? Schwester, schicken Sie diese Leute zum Psychiater!« Kann gut sein, dass man nach diesem Film einen braucht.

              • 6

                Was ist meine Rolle als Filmemacher – schaue ich quasi nur den Ereignissen zu und bin aktiver Part? Und wie weit geht dann das Engagement?
                Fragen, die sich der Regisseur Jakob Preuss in seinem neuen Film zu stellen hat, der von den Fluchtbewegungen über das Mittelmeer handelt. Preuss hat Paul Nkamani an der Küste Marokkos, ganz in der Nähe der spanischen Enklave Melilla, wo die Flüchtlinge regelmäßig den meterhohen Grenzzaun stürmen, in einem illegalen Flüchtlingslager kennengelernt. Der junge Kameruner hat sich durch die Sahara bis nach Nordafrika durchgeschlagen. Er sagt: "Die Europäer müssten in Afrika investieren, damit weniger Leute flüchten."

                Kurz darauf setzt er mit einem Schlauchboot nach Europa über. Preuss findet ihn in einem spanischen Rote-Kreuz-Heim wieder. Doch Spanien leidet unter der Wirtschaftskrise, und so beschließt Paul, weiter nach Deutschland zu ziehen. Der Film behandelt viele Aspekte der Migrationsdebatte und veranschaulicht sie an einem Einzelschicksal: Fluchtursachen, Grenzschutz. Lebensgefahr auf Reisen, bishin zur Ankunft am vermeintlichen Sehnsuchtsort: einem Aufnahmeheim in Eisenhüttenstadt.

                In Videoblog-Manier dokumentiert Preuss die Treffen tagebuchartig mit der Kamera. Am Ende quartiert der Filmemacher den Flüchtling bei den eigenen Eltern ein. "Paul" ist eine Geschichte darüber, wie persönlich Migration werden kann und das Porträt einer ungewissen Zukunft.

                (Amnesty Journal 8-9 2017)

                • 6 .5

                  Regisseurin Gurinder Chadha, deren Familie unmittelbar in die tragischen Ereignisse nach dem Ende des British Empire verstrickt war, zeichnet die Ereignisse in ihrem äußerst sehenswerten Historienfilm "Der Stern von Indien" nach. Ihr gelingt es, Figuren und politische Konstellationen mit prima Schauspielern und einem gelungenen Drehbuch zu motivieren.

                  Mit besten Ergebnissen: "Da habe ich endlich mal was kapiert", war ein Urteil, dass man von Besuchern der diesjährigen Berlinale, wo der Film seine Weltpremiere erlebte, nach der Aufführung durchaus öfter hörte. Regisseurin Chadha sagt: "Meine Filme versteht jeder."

                  (Amnesty Journal 8-9 2017)

                  • 7

                    Die Einführung des Frauenwahlrechts in der Schweiz stellt hier den Rahmen bereit für eine ganze Reihe von kleinen und größeren Entwicklungen, die die Figuren durchmachen. Regisseurin Petra Volpe ist dafür bekannt, Publikumserfolge zu produzieren. Sie hat eine klare Absicht, die Stoffe haben oft mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Ihre Filme haben gute Skripte, die Schauspieler wissen, was sie tun.

                    • 6

                      Glückliches Fleisch, glückliches Gemüse: Die auch glücklichen Menschen unterscheiden sich recht deutlich von den Chemiebauern: Sie wirken entspannt, sie tragen weiche schöne Wollsachen, stellen ihre besten Freunde vor. Und die Landschaft sieht entschieden besser aus. Naturkultur? Prima Sache!
                      Das ist ernstgemeint: „Die Geschichte vom Ende der Gentechnik“ lautet der Untertitel des Films. Beschwingt kommt man aus dem Kino und möchte Verhaag gern glauben.

                      Danke für die frohe Zeit, Bertram Verhaag! Monsanto wurde gerade an Bayer verkauft, es entsteht ein noch größeres Chemiekombinat. Das lässt nichts Gutes ahnen.

                      • 6

                        Es ist Schabus’ Verdienst, all die Protagonisten des Agrar-Kapitalismus vor die Linse zu kriegen, wo sie ihre Glaubenssätze herunterbeten:
                        Landwirtschaftsfunktionäre, die Preise bestimmen können, Politiker, die für TTIP schwärmen, Bauern, deren Höfe ständig wachsen, ohne mehr Gewinn abzuwerfen.
                        Was aber kann hier das Kino? Bewusstsein schaffen. „Als ich vor mehr als drei Jahrzehnten ‚1900‘ von Bernardo Bertolucci gesehen habe, dachte ich eigentlich, die Zeit der Großgrundbesitzer in der Landwirtschaft sei vorbei“, sagt der Produzent
                        Helmut Grasser. "Das war ein Irrtum."

                        Aus Neu mach Alt: Der Neoliberalismus ist nur ein Neofeudalismus.

                        • 6

                          Mihaileanus Werk ist ein vertrackter, gut besetzter Plot. Die Liebe verbindet nicht nur Individuen, die einander völlig fremd sind, sondern auch die Geschichten der
                          Kontinente Europa und Amerika. Sehenswert und zudem äußert anrührend.

                          • 5

                            Der Film sei allen empfohlen, die die diskursive Kontroverse und den Widerspruch lieben. Redefreiheit – sie bedeutet eben auch Redelust. Alle Gesprächspartner machen deutlich: Freie Rede und auch Kunst haben keinen Sinn ohne ein Publikum. Möge dieser Film das seine finden.

                            • 6 .5

                              Leeuw verhandelt in seinem Film existenzielle Fragen, stellt den Schmerz dar und will die ganze Aufmerksamkeit seines Publikums. Soll ich mich in Gefahr bringen, um andere zu retten, wenn ich womöglich selbst dabei Schaden nehme?
                              Das Stilmittel ist Spannung, Leeuw will den ungeschönten Blick auf das Drama der Situation als Kern des cineastischen Erlebens. Filme wie „Panic Room“ von David Fincher sind seine Referenz; ein Werk, in dem sich die Protagonisten hermetisch abriegeln müssen, im Willen, sich zu befreien. Wenig soll man sehen, und davon viel: sodass die bedrohlichsten Bilder im Kopf entstehen.
                              Über die Katastrophe in Syrien hinaus wolle er nach der Menschenwürde fragen, sagt Leeuw. Ihm ist ein überzeugender Antikriegsfilm gelungen, der Gewalt mit minimalen Mitteln darstellt und gerade damit zeigt, welche Verwüstungen sie in den Menschen anrichtet. Nicht umsonst bekam „Innen Leben“, auf der diesjährigen Berlinale für den Filmpreis von Amnesty International nominiert, den Publikumspreis in der Sektion Panorama.

                              • 6 .5

                                „Ich habe einen großen Wunsch: Ich möchte meinen Kindern erzählen, was mit ihrem Opa passiert ist. Ich würde trotzdem dafür sorgen, dass sie ohne Hass aufwachsen. Aber ich möchte ihnen die Wahrheit erzählen können. Die ganze.“
                                Abdulkerim Simsek, Sohn des Blumenhändlers Enver Simsek, weiß bis heute nicht, warum und wieso sein Vater vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ ermordet wurde. Und bis heute fragt sich nicht nur er, warum diese rechte Terrororganisation über Jahre Verbrechen verüben konnte und welche Rolle staatliche Institutionen dabei spielten.
                                In solchen Fällen kann die Kunst helfen: „6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage“ lautet der Titel der essayistischen Schwarz-Weiß-Dokumentation des Filmemachers Sobo Swobodnik, die sich mit dem Zeitraum der Mordserie beschäftigt, der mindestens neun Menschen zum Opfer fielen. Bilder der Tatorte werden mit Aussagen von Zeugen und Angehörigen wie Simsek unterlegt und mit Musik des Komponisten Elias Gottstein präsentiert. Eine filmische Installation, ein Hörspiel mit Bildern - ein wichtiges Werk. Denn nach dem Verlauf des bizarren und bisher ergebnislosen NSU-Prozesses in München rund um die Angeklagte Beate Zschäpe und dem Anwachsen einer rechtsradikalen Alltagspraxis mit den täglichen Angriffen auf Flüchtlingsheime hält dieser Film die Taten im öffentlichen Bewusstsein – in dem er an die Fragen erinnert, deren Antworten immer noch fehlen.

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                                • 6

                                  1989 bildete der junge Joseph Kony in Uganda eine Armee aus entführten Kindern und Jugendlichen: die "Lord's Resistance Army" (LRA).

                                  "Wrong Elements", das waren bei der LRA Menschen, die ausgerottet werden müssen auf dem Weg zu einem theokratischen Regime. In 25 Jahren wurden mehr als 60.000 Minderjährige entführt, von denen weniger als die Hälfte den Dschungel lebend verlassen hat. Mit ihnen terrorisierte Kony die Bevölkerung Nordugandas. Bis heute jagt die ugandische Armee Kony und seine Rebellen. Die Gruppe soll sich irgendwo zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Sudan aufhalten.
                                  Geofrey, Nighty, Mike und Lapisa sind Freunde, sie wurden im Alter zwischen 12 und 13 Jahren entführt. Heute versuchen sie, sich ein normales Leben aufzubauen. Sie sind sowohl Opfer als auch Täter, auf beide Arten schwer beschädigt. Regisseur Jonathan Littell besucht in „Wrong Elements“ mit ihnen noch einmal Orte des Krieges. Unterbrochen werden die Interviewsequenzen durch Szenen vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wo Konys Stellvertreter Dominic Ongwen der Prozess gemacht wird.

                                  Schriftsteller Littell, dessen Werk "Die Wohlgesinnten" zu den meistdiskutierten Büchern der Gegenwart zählt, zeichnet in seinem erstaunlich ruhigen Debütfilm die Spuren der Gewalt nach: Er lässt die jungen Leute einfach reden und unterbricht nicht. Kein Wunder, bei dem, was sie zu berichten haben.

                                  (Amnesty Journal, 1/2017)

                                  • 8

                                    "Ohne Gerechtigkeit kein Frieden" ist das Motto der neuen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Der Hintergrund: Mehrere US-Bürger sind letztes Jahr von der Polizei erschossen worden. Sie waren unbewaffnet und zum Teil sogar schon am Boden fixiert.

                                    Wie kommt es zu solchen Vorfällen? Der Dokumentarfilm "Do Not Resist" liefert einen Erklärungsansatz. Die US-Polizei ist in den letzten Jahren immens aufgerüstet worden. Der Grund hierfür ist in den militärischen Konflikten zu finden, an denen das Land beteiligt ist: Weil die Rüstungsindustrie Überkapazitäten produziert, werden die Waffen der Polizei "geschenkt". Mit gepanzerten Fahrzeugen, Maschinenkanonen und sogar aufgepflanzten Bajonetten wird nun bis ins letzte Dorf patrouilliert, um Parksünder dingfest zu machen.
                                    Damit einhergeht - Achtung, Terrorgefahr! - die ideologische Brutalisierung der Beamten. Lehrkräfte trimmen sie auf Kriegstruppe.

                                    Regisseur Craig Atkinson begleitet Spezialeinheiten auf ihren Einsätzen, filmt Ausschreitungen und besucht Überwachungszentralen à la Robocop. Sein Film beschäftigt sich auch mit totaler Videoüberwachung und Technologien des "Predictive Policing": den Möglichkeiten, per Algorithmus Prognosen auf die potenziell kriminelle Karriere eines jeden einzelnen zu stellen. "Und zwar schon vor der Geburt", wie einer der befragten Experten sagt.

                                    Prädikat: wertvoll. Allerdings wünscht man sich hinterher, man hätte nur einen Spielfilm gesehen.

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                                    • 6 .5

                                      "Gaza Surf Club" ist ein kleiner, harter Film, wie man auch unter widrigen Bedingungen besonderen Hobbys frönen kann. Und er zeigt: Gaza wäre ein guter Surfspot. Der Name ist schon mal weltbekannt, am besten wandelt man das ganze Areal in eine hippe Party-Location um. Motto: Raketen zu Surfbretter.

                                      • 9

                                        Der Film handelt vom Krieg mexikanischer Drogenbanden, von bezahlten Mördern, von Geldeintreibern und ihren Opfern. Die Drogenkriminalität und ihre Bekämpfung gleichen einem Bürgerkrieg, der in den vergangenen fünf Jahren um die 100.000 Tote gefordert hat.

                                        Da sind die Kollateralschäden noch nicht dabei. Um die aber geht es González: Er lässt die Angehörigen zu Wort kommen – ebenso wie die Täter. Denn Statistiken bleiben abstrakt, über schreckliche Nachrichten regt sich in Mexiko kaum noch jemand auf. González will die Geschichten hinter den Zahlen erlebbar machen. Vor seiner Kamera, so die Idee, können Opfer und Täter ihre Gefühle aussprechen, ohne Wertung, nach dem Prinzip einer Wahrheitskommission.

                                        Damit sie vor Verfolgung und Rache halbwegs geschützt sind, tragen Täter wie Opfer Stoffmasken. Die Erzählungen werden spärlich von Alltagsszenen illustriert: Männer posieren mit Waffen, eine Fahrt durch die Wüste.

                                        Vielen mag dieser Film im allgemeinen Festivalgewusel entgangen sein, er lief in der eher unbedeutenden Festival-Sektion "Berlinale-Spezial" der Berlinale 2017. Dabei hätte er durchaus in den Wettbewerb gehört, zumal er in Berlin Weltpremiere hatte. Denn nicht nur die Interviews mit den Protagonisten sind beeindruckend, sondern auch die Art, wie der Film gemacht ist. Mit der Maskierung wird auch ein komplexes Drama inszeniert. Dass die Täter zu Wort kommen, ist schwer auszuhalten, soll aber den Angehörigen ermöglichen, mit den grässlichen Folgen der Taten abzuschließen, gleichsam Vergebung durch Trauer zu ermöglichen.

                                        Darüber hinaus sorgte der Film schlichtweg für die eindrucksvollste Filmszene der Berlinale: Als eine Mutter erzählt, wie ihre Kinder hingerichtet wurden, beginnt sie zu weinen. Unter den Augen beginnt sich der dünne Stoff durch die Tränen dunkel zu färben. Auch bei anderen passiert das, während sie von den Gräueltaten berichten. Ein Bild, das den Film in aller Schrecklichkeit strukturiert.

                                        "La libertad del diablo" lässt so manchen Zuschauer schockiert im Kinosessel zurück. Ein radikaler Film, der nicht zu Ende ist, wenn das Licht angeht. Und er ist auch nicht mit der üblichen Kinoware vergleichbar.

                                        • 6

                                          "Der junge Karl Marx" fängt stark an: Polizisten durchkämmen ein Waldgebiet, in dem abgerissene Gestalten zwischen den Büschen hausen. Die Kamera filmt ins Licht; ein Ort wie der morgendliche Berliner Tiergarten. Die Menschen könnten die sein, die dort zelten: Arbeiter aus Osteuropa, aus der Wohnung Geräumte und sonstige Marginalisierte. Sollte es im Sinne von Regisseur Raoul Peck gewesen sein, eine Verbindung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts, zwischen der damaligen Pauperisierung der Massen und heutigem Prekariat herzustellen, ist ihm das zumindest zu Beginn gelungen.

                                          Im Zentrum seines Films steht das prominenteste Rockstar-Duo, bevor Lennon/McCartney bzw. Jagger/Richards die Weltbühne betraten: Karl Marx und Friedrich Engels, jung und schön, Paris 1844. Sie schmieden politische Bündnisse, gründen Zeitungen, fliegen raus, schreiben Studien über die Armut. Karl ist knapp bei Kasse, Friedrich kämpft mit dem Unternehmervater - die beiden Jungzausel könnten europäische Hipster sein, nur die Smartphones fehlen. Die beiden disputieren sich besoffen und verqualmt durch politische Theorie, Ökonomie und Familienprobleme. Nach der Devise "Gebt den Linken mehr zu trinken" wirkt der Streifen zeitweise wie ein Werbeclip für den Spätkauf. In der ersten Stunde kommt das recht modern rüber. Dann ist die die Luft ein bisschen raus. Zum "Kommunistischen Manifest" hin verlegt man sich ein wenig aufs Drehbuchaufsagen.

                                          Das große Plus dieses Films: Er beleuchtet einen Abschnitt deutscher Geschichte, der so gut wie nie im Kino vorkommt; Marx und Engels und der Kommunismus sowieso nicht. Peck präsentiert mit Mary Burns und Jenny Marx zwei starke Frauenfiguren. Überhaupt alle Schauspieler machen ihr Ding und das nicht schlecht.
                                          Im Minus: Öfters vergisst der Film, dass er Kino ist. Sei es, dass er im endlosen Debattieren versinkt wie unsereins weiland nach dem Proseminar, oder dass er inszenatorische Macken hat: Wenn ich darstellen will, dass die englische Webmaschine der Arbeiterin die Finger abreißt, stelle ich niemand ins Zimmer, der erzählt, dass die Webmaschine die Finger abgerissen hat. Ich zeige die Finger.
                                          Aber was soll′s: Raoul Peck, mach dich an "Kapital 1-3"!

                                          • 6
                                            über Havarie

                                            Ein Panoptikum der Politik, eine stockende Weltbetrachtung der täglichen Vorgänge im Mittelmeer.

                                            • 7 .5

                                              Kein Wunder, dass Bastian mit ihrem Film gleich den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2016 in der Kategorie Hochschule gewonnen hat. "Where to, Miss?" – Wo soll es hingehen? Dieser Film ein kleines, einfühlsames Porträt – aber auch ganz großes Kino: ein Abenteuerfilm. Und ein Road Movie sowieso!

                                              • 4
                                                über Neruda

                                                Nichts gegen durchkonstruierte oder experimentelle Kunst, die es angesichts eines unterhaltungsgewöhnten Kinopublikums sicher sehr schwer hat, ihren Ort außerhalb des Festivalbetriebs zu finden. Es auktorial vollzutexten, muss aber auch nicht immer die Lösung sein. Man wünscht sich, Larrain hätte seine Neruda-Variation als Stummfilm inszeniert. ´Ne stinknormale Film-Bio hätte es auch getan.

                                                • 5 .5

                                                  "Passengers" hätte das Zeug zum ganz großen Beziehungsfilm. Leider gelingt es den beiden Verliebten, mit viel Gerenne und Gehetze das Raumschiff zu reparieren. Damit wird der teure Hollywood-Film zu einem, der – wie so oft – seinen Figuren und vor allem dem Publikum nicht so recht traut. Statt des existentialistischen Dramas gibt es einen bald ziemlich öden Abenteuerfilm, sehr clean, sehr blond und hetero und manchmal ein bisschen sehr konventionell in der Rollenverteilung. Aurora sieht gut aus, der Mann beherrscht die Technik.

                                                  So kommt die Vorstellung von Liebe ja des Öfteren daher: als ödes Eventkino. Sollen sie doch im kaputten Raumschiff vor sich hinlieben! Wohl bis ans Ende aller Flüge. Nein, darüber, dass sie gemeinsam was zu tun haben, kriegen sie ihre Beziehung stabil, ach so. Niemand soll verstört werden. Auch "Passengers" ist eine Illusionsmaschine.

                                                  Wer den Müll rausbringt, erfährt man nicht.

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                                                    Der Flüchtling und die europäische Kunst: Im Kino werden seine Talente entdeckt.

                                                    Auch Didi Hallervorden, der - "Eine Flasche Pommes Frites" - Super-Profi der deutschen Comedy, kann am Thema nicht vorbei. Er, der jetzt ernsthafte Dinge beackert, seitdem ihm der ernsthafte Regisseur Til Schweiger "Honig im Kopf" ins Gehirn schrieb und Alzheimer endlich massenakzeptabel machte, reüssiert in "Ostfriesisch für Anfänger" (ab 27. Oktober) als Jovial-Rassist, der die neuen "Fachkräfte" integriert. Als Sprachlehrer wird der alte Dösbaddel, der auf eine verwahrloste Tankstelle aufpasst, zum Deutschlehrer Marke Baden-Württemberg, Bezirk Küste: alles außer Hochdeutsch.

                                                    Mit den erlernten Ostfriesisch-Kenntnissen werden die Neubürger wider Erwarten zu ökonomisch, verwertbaren Glanzobjekten, denn in Didis Kaff herrscht Landflucht und Fachkräftemangel. Und siehe da, der Moslem ist ein Schiffsbauingenieur, der die Buddelschiff-Industrie gehörig aufmischt.

                                                    Ich sag mal: Taschentuch-Faktor 10! Vor allem die Schauspielerleistung und die Filmmusik. An manchen Stellen glaubt man nicht, dass man sieht, was man zu sehen kriegt.

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