Jürgen Kiontke - Kommentare

Alle Kommentare von Jürgen Kiontke

  • 6

    Der Film hat eine sehr persönliche Note: Weltpolitik wird als unverstandenes Kapitel einer Familiensaga gezeigt. Marcia Allende ist eine akkurate Filmerin. So sind oft beinahe beiläufige Sequenzen umso aussagekräftiger: Etwa wenn der Abriss des Hauses gezeigt wird, in dem Allende seine Kindheit verbrachte. Die Spuren seines Lebens, sie verschwinden.
    Dass es seine Enkelin ist, die hier Regie führt, macht die Geschichte authentisch, erlebbar. Ein wertvoller, ein facettenreicher Film.
    (Amnesty Journal 2-3 2018)

    • 6

      Regisseurin Monika Grassl flankiert ihren sehr schrägen Postkolonialismus-Dokumentarfilm mit Interviews der Angehörigen der Mädchen. „Wir hätten länger Kolonie bleiben sollen“, meint eine ältere Gesprächspartnerin. Dann würde es auch mit Bildung und Ausbildung besser klappen. Und: „Bei den Großeltern gab es noch Disziplin.“ Obwohl die eigentlich vorhanden ist.
      Grassls vielfach ausgezeichneter Film wirft ein Licht auf das seltsame Bemühen und nicht zuletzt die Träume heutiger Entwicklungshelfer.
      (Amnesty Journal 2-3 2018)

      • 7

        Der Filmtitel wirkt an keiner Stelle überzogen. Am deutlichsten wird dies bei den Szenen, die in Feinbergs Haus entstanden sind, zum Beispiel spät abends, in der Küche: Gott im Kapitalismus ist ein müder Mann mit Strickjacke, der nach einem langen Arbeitstag seinen hungrigen Kopf in den Kühlschrank steckt.
        "Playing God" ist ein zutiefst philosophischer Film.
        (Amnesty Journal 2-3 2018)

        • 5

          Kritische Stimmen zum Thema fehlen in diesem Jubelfilm. Nicht zu unterschätzen ist dennoch der diskursive Wert des Themas: Der Charakter von Arbeit als Zwangssystem wird durch ein bedingungsloses Grundeinkommen immerhin infrage gestellt. Darüber zu diskutieren, sind wir wahrscheinlich nicht nur uns, sondern auch Captain Picard schuldig, sprich: der Zukunft.

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          • 6 .5

            »Downsizing«: Zu fett, zu unbeweglich, zu unachtsam: Der Kapitalismus will es immer größer! Wenn weiter so viel Ressourcen verbraucht werden, wenn der Umweltverschmutzung nicht Einhalt geboten werden kann – dann werden wir nicht mehr lange leben. Degrowth, also Wachstumsrücknahme, jetzt!

            In Norwegen, dem Land der klugen Einsichten, reift die Erkenntnis: So geht es nicht weiter. Als die Laborratte aus der Bestrahlung kommt, traut der etwas verschlafene Forscher Jørgen Asbjørnsen (Rolf Lassgård) seinen Augen nicht. Das Tier kann ab sofort in der Streichholzschachtel wohnen. Asbjørnsen weiß, was das bedeutet: die Rettung der Erde. Den nächsten Versuch führt er an sich selbst durch – und ist dabei erfolgreich.

            Die Aussicht, ohne Nebenwirkungen nur noch zwölf Zentimeter groß zu sein, wird in Alexander Paynes verrückt-schönem Science-Fiction- Film »Downsizing« (»Gesundschrumpfen «) eine erstaunlich populäre Idee. Und das ist auch kein Wunder: Wer sich schrumpfen lassen will, kann damit rechnen, mit wenig Geld bis ans Ende seiner Tage zu kommen. Man denke einmal, wie wenig Strom man verbraucht. Oder Nahrung. Und erst die tollen Häuser und Siedlungen im Puppenstubenformat.

            Auch der all american Vorstadt-Physiotherapeut Paul Safronek (Matt Damon) ist fasziniert. Mit seinem jetzigen Gehalt wären keine großen Sprünge drin. Warum nicht als Mini-Ausgabe seiner selbst ins gelobte Land einziehen? Gesagt, getan. Am Anfang läuft auch alles super, zieht man einmal ab, dass die Ehefrau im letzten Moment einen Rückzieher macht. Aber wie die kleinen Menschen da mit den großen gemeinsam im Zug fahren. Wie die kleinen Menschen super Drogenpartys feiern und sich nie mehr abrackern müssen …

            Es sei denn, und da liegt der Hase im Pfeffer: Sie sind nicht weiß. Dann putzen sie den Reichen die schönen Häuser, leben vom Medikamente schnorren und Klauen. Während der neue kleine obere Mittelstand die Wohlfühlgemeinschaft mit geraden Rasenkanten und glänzenden Geschäftsmöglichkeiten durchexerziert, eignet sich Zwangsschrumpfen andernorts gut als Strafe. So wie bei der Putzfrau und Menschenrechtskämpferin Ngoc Lan (Hong Chau), die in ihrem Heimatland mit dem Tod bedroht wurde.

            Im großen Ganzen hat sich nichts geändert, im Kleinen schon: Du kommst nicht mehr per Schlauchboot als Flüchtling übers Meer, sondern in einem kaputten Flatscreen, in schwimmendem Elektroschrott. Rassismus? Unterdrückung? Klassenantagonismen? Die Menschheit zerfällt auch auf der Mini-Ebene in Arm und Reich, in Weiß und anderes. Die Weltrettungsanwendung hat keine Nebenwirkungen, vor allem diese nicht: dass der technisch- manipulative Fortschritt sich positiv auf das Streben nach Gerechtigkeit auswirkt. Wer vorher eine kleine Nummer war, ist es als Schrumpfausgabe erst recht. Das ist die gesellschaftskritische Botschaft dieses kleinen, schönen Films: Vielleicht wird die Welt so gerettet. Für einige.

            »Downsizing« > Kinostart: 18. Januar 2018

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            • 7

              »Das Milan-Protokoll« ist nicht eingängig. Ott will zeigen, wer in Konflikten wie agiert, will ran an die Akteure und ihre Überlebensstrategien. Will nicht werten, sondern klassische menschliche Situationen zeigen: Was bedeutet Existenz - wenn sie im nächsten Moment beendet wird?

              Der Krieg wird nicht gut konsumierbar strukturiert, sondern als Panoptikum, als Symbol für die Handlungen in den Außenzonen und Anrainerstaaten der Europäischen Union dargestellt. Es gehe darum, zu begreifen, dass »scheinbare Alternativlosigkeit nur eine Frage der Erzählebene ist«, sagt Ott.

              Keine Frage: Diese Art Kino ist ein Ort für Verwirrungen und für Diskussionen nach der Aufführung.

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                • 7

                  „Wenn einer nicht spurt, dann schließen sich die Chefs zusammen und bringen ihn um“: Ein Textilarbeiter umschreibt, was geschieht, wenn man sich im Industriekomplex Gujarat gegen die Willkür der Fabrikleitung organisieren will. Ein anderer sagt aber auch: „Es gibt hier keine Ausbeutung. Ich komme freiwillig hierher, weil ich will, dass meine Kinder die Schule beenden können.“
                  Regisseur Rahul Jain porträtiert diese Doppelgesichtigkeit harter Industriearbeit in seinem ersten Film „Machines“. Die Kamera gleitet durch die endlosen Korridore der Färbereien - eine verwirrende Welt, die mit riesigen Trocknern und rotblinkenden Schaltern an Science-Fiction-Filme ohne Sonne wie „Matrix“ erinnert. Dieser Film handelt von einem Ort der Entmenschlichung: tagelange Anreise mit dem Zug ohne Sitzplatz, Zwölf-Stunden-Schichten, Entlohnung drei Euro pro Tag. Und von einem Ort des bitteren Menschseins: „Gott gab uns Hände. Als müssen wir arbeiten“, heißt es einmal.
                  Schuften, leben, leiden lautet das Credo des ungezügelten Kapitalismus: Exzellent gefilmt, ist Jains Werk das Porträt jener vorsintflutlichen modernen Produktionsformen, die die Basis für Billigklamotten weltweit bilden.

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                  • 8

                    Das „Kongo-Tribunal“ setzt eine Idee fort, die von den Philosophen Jean-Paul Sartre und Bertrand Russell stammt: In den sechziger Jahren wurden Kriegsverbrechen der USA in Vietnam vor einer unabhängigen Jury verhandelt – ohne juristische Folgen, dafür in aller Öffentlichkeit. Die Legalität dieses Tribunals bestehe in seiner absoluten Machtlosigkeit und zugleich seiner Universalität, war sich Sartre sicher.
                    Wundern tut sich Rau aber bis heute über manches: „Wie es möglich war, dieses im Herz des Bürgerkriegsgebiets durchzuführen – vor 1000 Zuschauern, aufgezeichnet von sieben Kameras, an einem Ort, an dem es kaum genug Strom für ein paar Glühbirnen gibt.“ Und dass schließlich nicht nur die kongolesische Regierung und ihre Opfer, sondern auch die Armee und Rebellengruppen, die UNO, die NGOs, die Vertreter der Weltbank und damit sämtliche westlichen Industrienationen vor die Schranken des Theatertribunals traten – und oft genug unverblümt ihre Verbrechen zugaben. „Die Soldaten der Armee vergewaltigen doch auch“, gibt ein Milizenführer an einer Stelle unumwunden zu.
                    Sollte sich Gerechtigkeit irgendwann ganz von allein einstellen? Das wahrscheinlich nicht. Es gibt Menschen in diesem Film, die sagen ganz ungöttlich: „Jetzt wollen wir ein richtiges Tribunal.“

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                    • 5

                      Einen ungewöhnlichen und sehr aufwendigen Dokumentarfilm hat der chinesische Künstler Ai Weiwei gedreht. 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, und um diese Flüchtlingskrise mit wahrhaft internationalen Ausmaßen ins Bild zu setzen, drehte er mit einem Dutzend verschiedener Kameramänner und zahlreichen Filmcrews in 23 Ländern: in Birma bei den Royinga, auf Lesbos bei den Flüchtlingen in der Mittelmeerzone, in Lagern im Irak, im Berliner Flughafen Tempelhof und an vielen weiteren Stationen.
                      Lockere Szenen sind dem Spektakel-Manager Ai dabei ganz und gar nicht fremd: So lässt er sich schon mal von Flüchtlingen die Haare schneiden oder wird selbst als Friseur aktiv.
                      Sein Film macht dabei Anleihen bei Multimedia-Formaten: Aktuelle Informationen, wo und wie viele Menschen festsitzen, werden per Schlagzeile eingeblendet. Darüber hinaus setzt Weiwei Drohnen ein, lässt sie über riesige Flüchtlingsstädte etwa in Jordanien aufsteigen.
                      „Human Flow“ will ein epischer Bilderreigen sein, indem er diese politischen Orte der Gegenwart ablichtet und Fragen zur Zeit stellt: Kann sich die globale Gesellschaft zu einem Ort der Offenheit und Freiheit entwickeln?
                      Darüber hinaus ist der Film eine Installation der modernen Völkerwanderungen mittels beeindruckender wie erschreckender Bilder - die der Regisseur immer wieder selbst betritt. Das mag stilistisch gewagt sein. An dem Thema kommt trotzdem keiner vorbei.

                      • 6

                        Birhat filmt die schlafende Schwester. Als das Flugzeug kommt, schreckt das Mädchen panisch auf. Delovan versucht Medikamente für den kranken Vater zu bekommen. Basmeh sagt: Viele aus unserer Familie sind tot.
                        Leben an der Grenze im Jahr 2015: Der kurdische Filmemacher Bahman Ghobadi ist mit der Kamera in die Flüchtlingslager von Kobanê in Syrien und Şingal im Irak gegangen – um sie weiterzugeben: Acht Kinder drehen damit ihren eigenen Film. Für ihre Geschichten müssen die kleinen Regisseure nicht weit gehen: Sie fangen in ihrem Zelt an zu drehen, interviewen die Großmutter, den Onkel.
                        Die Erwachsenen haben Schreckliches von den Überfällen des Islamischen Staates auf die Jesiden zu berichten. Eine Mutter sagt: Ein Mädchen hat großes Glück, wenn es stirbt statt dem IS in die Hände zu fallen. Im Hintergrund laufen dessen Propagandavideos.
                        Hier drehen junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben sollten, aber viel zu oft von seinem Ende berichten können. So wie jene beiden Geschwister, die ihr Elternhaus in Kobanê aufsuchen: Sie finden dort ihre Puppen – und den Leichnam des Vaters.
                        Dennoch vermittelt der Film auch Positives. Auch wir werden unser eigenes Leben leben, sagen die jungen Grenzgänger. Gerade fangen wir damit an.
                        Trotz der Trauer ist Ghobadis Filmprojekt ein hoffnungsfrohes Projekt – weil ihre verantwortungsvolle, reflektierte junge Leute am Werk sind.

                        • 6
                          über Django

                          Eine Künstlerbiografie der besonderen Sorte ist »Django«, das filmische Porträt des genialen Gitarristen Django Reinhardt, der 1953 starb.

                          Der Film, der 2017 die Berlinale eröffnete, thematisiert nicht zuletzt das ambivalente Verhältnis von Kunst und Diktatur. Die Nationalsozialisten wollten für ihre Tanzveranstaltungen ausgerechnet den Sinto Reinhardt einspannen, der durch einen Unfall zwei Finger der linken Hand verlor, deshalb eine besondere Spielweise entwickelte und damit in den vierziger Jahren zum König des »Gipsy Swing« aufstieg.

                          Seine Musik sollte gegen die amerikanische »Negermusik« anklingen. Reinhardt wird in diesem Film als ein in politischen Dingen unentschiedener Charakter geschildert, der dieses Angebot nicht ablehnt. Er steckt sich eine Zigarette an und beginnt zu spielen. Und während andere Sinti und Roma schon in Konzentrationslager transportiert werden, ist Reinhardt aufgrund seiner Prominenz noch recht sicher. Doch als ihn Hitlers Kulturpolitiker auf Deutschland-Tour schicken wollen, ergreift er die Flucht – die Nazis immer dicht auf den Fersen. Regisseur Etienne Comar porträtiert ­einen Künstler und Freigeist, mit dem das Leben so beiläufig spielt wie er selbst seine Musik. »Django« ist ein mitreißender Film, vor allem in den musikalischen Sequenzen.

                          Die ­Verfolgung dieser Musik zeigt am besten, was ­faschistische Politik bedeutet: Nicht einmal die eigenen Ohren sind frei.

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                          • 7

                            »Wenn Gott so mächtig ist, warum habt ihr dann solche Zweifel?« Diese Frage stellt der Musiker Shahin Najafi, der aus dem Iran flüchten musste, seinen konservativen Verfolgern. Er selbst hält sich für einen Atheisten, und so klingen auch seine Texte. Im Jahr 2012 veröffentlichte er einen satirischen Rap, der iranische Religionsführer dazu veranlasste, ihn mit einer Todes-Fatwa zu belegen.

                            Wer Najafi umbringt, kann mit 100.000 Dollar Belohnung rechnen. Seit seiner Flucht lebt Najafi in Deutschland im Exil. Seine Musik ist ein Statement des Lebens, eine Selbstbehauptung. Till Schauders Dokumentation »When God Sleeps« über Najafi zeigt Internet-Tutorials, die demonstrieren, wie man Sprengstoff mischt, um den Musiker von der Bühne zu bomben. Die deutsche Polizei nennt das bei der Sicherheitsberatung des Musikers eine »abstrakte Bedrohung«.

                            Es kommen Künstlerkollegen zu Wort, die gemeinsame Konzerte mit Najafi aus Angst absagten, und Günter Wallraff, der den Musiker einige Monate beherbergt hat. Der Film zeigt Prügelvideos aus dem Iran, aber auch beiläufig-ironische Alltagsszenen des Musikerlebens, etwa wenn der Sänger ein Riesenpeniskostüm für einen Auftritt erwirbt. Seine Freundin ist die Enkelin eines ehemaligen iranischen Premierministers. Najafis Musik zählt nicht zu dessen Vorlieben, er ist in seinen Augen ein »Anarchist«. Najafis Fazit: »Frauen sind stärker als Männer.« Ein beeindruckendes filmisches Porträt.

                            • "Die Nile Hilton Affäre" ist ein Polizeifilm der komplett anderen Art: Er zeigt ein korruptes Behördensystem, dessen Auswirkungen – Missachtung der Gesetze und Vorteilsnahme – bei den Protesten auf dem Kairoer Tahrir-Platz öffentlich angeprangert wurden.

                              • 5

                                Der Al Gore dieses Films ist ein moderner und antiker Unternehmer zugleich: Diese gewichtige, visionäre Renaissance-Figur geht mit neuesten Ideen vorneweg. Ein Heinrich der 8. der postfordistischen Produktion.

                                Dieser Film ist ein Monolog. Eine Rede an die Erde, mit uns darauf. Der Filmheld wird sie und uns retten, ganz sicher! Vielleicht werden wir mit der Erde zum Mars fliegen.

                                • 5

                                  Wir lernen Pauline als umtriebige und vertrauenswürdige Krankenpflegerin kennen, die sich für ihre Patienten aufopfert, sich um den brummeligen Kommunistenvater kümmert und auch noch zwei Kinder allein großzuziehen hat. All das ohne große Klage in einer vom wirtschaftlichen Niedergang gezeichneten Gegend im Norden Frankreichs. Sie schaut täglich ins Leben ihrer Klienten hinein. Es versteht sich von selbst, dass sie allseits beliebt ist. Pauline ist authentisch.

                                  So wird sie für die Politik interessant. Ihre Glaubwürdigkeit will sich die nationalistische Partei, deren Parteiführerin Agnès Dorgelle ohne Zweifel an Marine Le Pen erinnert, zunutze machen. Ihr Repräsentant vor Ort, der Dorfarzt, wirbt sie als Kandidatin für die Bürgermeisterwahlen an. Und Pauline ist gut: Gerade die alten Wähler vertrauen ihr, da muss sie gar nicht viel reden. Das besorgt der Le-Pen-Verschnitt.

                                  Probleme gibt es trotzdem. Denn Pauline hat ihren Schulfreund wiedergetroffen und sich verliebt. Und der Liebste gehört zur faschistischen Schlägertruppe, die das Sauberfrau- Image stört.

                                  Die erste Runde geht klar an den Film. Er entwirft das rechte Milieu sehr überzeugend und mit kleinen Beobachtungen an der Seitenlinie – etwa wenn ein Vater sich über den Pornokonsum seines Sprösslings sorgt, der sich aber in Wahrheit als Nazi-Videoblogger betätigt. Regisseur Lucas Belvaux trickst das Publikum meisterlich aus: Was würdest du tun, wenn du Paulines Möglichkeiten hättest, Arschloch?

                                  Die Ambivalenz hält er allerdings nicht durch. Alsbald weiß man, dass die Rechten – ob mit Glatzkopf oder im Kostüm – Dumpfbacken sind. Da dürften sich Regisseur und Publikum bald einig werden. Allzu plakativ agiert die Bande, entlarvt hat man sie schnell. Dabei wäre es einfach gewesen, weiter auf dem Glatteis zu bleiben. Was, wenn es einen Anschlag des IS geben würde – vielleicht auf ein Konzerthaus mit vielen Toten? Was würde dann der Film aus seinem Publikum machen?

                                  Friktionsflächen dieser Art fehlen, und das macht aus dem Film ein antifaschistisches Statement. Verständlich ist das, auch legitim. Eine gute Analyse, die kritische und vor allem komplizierte gesellschaftliche Zustände zeigt, ist das nicht.

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                                  • »On the Milky Road« ist ein Crossover in die bildende Kunst. Du sollst dir die Einstellung merken, das Bild im Kopf mit anderen teilen. Der Film produziert regelrecht »Sharepics«, Standbilder für die Erinnerung, eine prägnante optische Aufarbeitung von Krieg.

                                    »Ihr spinnt wohl«, sagt der Feldarzt, als er mehrere Opfer mit den gleichen charakteristischen Wunden operieren soll. »Ihr sagt, sie wurden von einer Uhr gebissen? Schwester, schicken Sie diese Leute zum Psychiater!« Kann gut sein, dass man nach diesem Film einen braucht.

                                    • 6

                                      Was ist meine Rolle als Filmemacher – schaue ich quasi nur den Ereignissen zu und bin aktiver Part? Und wie weit geht dann das Engagement?
                                      Fragen, die sich der Regisseur Jakob Preuss in seinem neuen Film zu stellen hat, der von den Fluchtbewegungen über das Mittelmeer handelt. Preuss hat Paul Nkamani an der Küste Marokkos, ganz in der Nähe der spanischen Enklave Melilla, wo die Flüchtlinge regelmäßig den meterhohen Grenzzaun stürmen, in einem illegalen Flüchtlingslager kennengelernt. Der junge Kameruner hat sich durch die Sahara bis nach Nordafrika durchgeschlagen. Er sagt: "Die Europäer müssten in Afrika investieren, damit weniger Leute flüchten."

                                      Kurz darauf setzt er mit einem Schlauchboot nach Europa über. Preuss findet ihn in einem spanischen Rote-Kreuz-Heim wieder. Doch Spanien leidet unter der Wirtschaftskrise, und so beschließt Paul, weiter nach Deutschland zu ziehen. Der Film behandelt viele Aspekte der Migrationsdebatte und veranschaulicht sie an einem Einzelschicksal: Fluchtursachen, Grenzschutz. Lebensgefahr auf Reisen, bishin zur Ankunft am vermeintlichen Sehnsuchtsort: einem Aufnahmeheim in Eisenhüttenstadt.

                                      In Videoblog-Manier dokumentiert Preuss die Treffen tagebuchartig mit der Kamera. Am Ende quartiert der Filmemacher den Flüchtling bei den eigenen Eltern ein. "Paul" ist eine Geschichte darüber, wie persönlich Migration werden kann und das Porträt einer ungewissen Zukunft.

                                      (Amnesty Journal 8-9 2017)

                                      • 6 .5

                                        Regisseurin Gurinder Chadha, deren Familie unmittelbar in die tragischen Ereignisse nach dem Ende des British Empire verstrickt war, zeichnet die Ereignisse in ihrem äußerst sehenswerten Historienfilm "Der Stern von Indien" nach. Ihr gelingt es, Figuren und politische Konstellationen mit prima Schauspielern und einem gelungenen Drehbuch zu motivieren.

                                        Mit besten Ergebnissen: "Da habe ich endlich mal was kapiert", war ein Urteil, dass man von Besuchern der diesjährigen Berlinale, wo der Film seine Weltpremiere erlebte, nach der Aufführung durchaus öfter hörte. Regisseurin Chadha sagt: "Meine Filme versteht jeder."

                                        (Amnesty Journal 8-9 2017)

                                        • 7

                                          Die Einführung des Frauenwahlrechts in der Schweiz stellt hier den Rahmen bereit für eine ganze Reihe von kleinen und größeren Entwicklungen, die die Figuren durchmachen. Regisseurin Petra Volpe ist dafür bekannt, Publikumserfolge zu produzieren. Sie hat eine klare Absicht, die Stoffe haben oft mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Ihre Filme haben gute Skripte, die Schauspieler wissen, was sie tun.

                                          • 6

                                            Glückliches Fleisch, glückliches Gemüse: Die auch glücklichen Menschen unterscheiden sich recht deutlich von den Chemiebauern: Sie wirken entspannt, sie tragen weiche schöne Wollsachen, stellen ihre besten Freunde vor. Und die Landschaft sieht entschieden besser aus. Naturkultur? Prima Sache!
                                            Das ist ernstgemeint: „Die Geschichte vom Ende der Gentechnik“ lautet der Untertitel des Films. Beschwingt kommt man aus dem Kino und möchte Verhaag gern glauben.

                                            Danke für die frohe Zeit, Bertram Verhaag! Monsanto wurde gerade an Bayer verkauft, es entsteht ein noch größeres Chemiekombinat. Das lässt nichts Gutes ahnen.

                                            • 6

                                              Es ist Schabus’ Verdienst, all die Protagonisten des Agrar-Kapitalismus vor die Linse zu kriegen, wo sie ihre Glaubenssätze herunterbeten:
                                              Landwirtschaftsfunktionäre, die Preise bestimmen können, Politiker, die für TTIP schwärmen, Bauern, deren Höfe ständig wachsen, ohne mehr Gewinn abzuwerfen.
                                              Was aber kann hier das Kino? Bewusstsein schaffen. „Als ich vor mehr als drei Jahrzehnten ‚1900‘ von Bernardo Bertolucci gesehen habe, dachte ich eigentlich, die Zeit der Großgrundbesitzer in der Landwirtschaft sei vorbei“, sagt der Produzent
                                              Helmut Grasser. "Das war ein Irrtum."

                                              Aus Neu mach Alt: Der Neoliberalismus ist nur ein Neofeudalismus.

                                              • 6

                                                Mihaileanus Werk ist ein vertrackter, gut besetzter Plot. Die Liebe verbindet nicht nur Individuen, die einander völlig fremd sind, sondern auch die Geschichten der
                                                Kontinente Europa und Amerika. Sehenswert und zudem äußert anrührend.

                                                • 5

                                                  Der Film sei allen empfohlen, die die diskursive Kontroverse und den Widerspruch lieben. Redefreiheit – sie bedeutet eben auch Redelust. Alle Gesprächspartner machen deutlich: Freie Rede und auch Kunst haben keinen Sinn ohne ein Publikum. Möge dieser Film das seine finden.

                                                  • 6 .5

                                                    Leeuw verhandelt in seinem Film existenzielle Fragen, stellt den Schmerz dar und will die ganze Aufmerksamkeit seines Publikums. Soll ich mich in Gefahr bringen, um andere zu retten, wenn ich womöglich selbst dabei Schaden nehme?
                                                    Das Stilmittel ist Spannung, Leeuw will den ungeschönten Blick auf das Drama der Situation als Kern des cineastischen Erlebens. Filme wie „Panic Room“ von David Fincher sind seine Referenz; ein Werk, in dem sich die Protagonisten hermetisch abriegeln müssen, im Willen, sich zu befreien. Wenig soll man sehen, und davon viel: sodass die bedrohlichsten Bilder im Kopf entstehen.
                                                    Über die Katastrophe in Syrien hinaus wolle er nach der Menschenwürde fragen, sagt Leeuw. Ihm ist ein überzeugender Antikriegsfilm gelungen, der Gewalt mit minimalen Mitteln darstellt und gerade damit zeigt, welche Verwüstungen sie in den Menschen anrichtet. Nicht umsonst bekam „Innen Leben“, auf der diesjährigen Berlinale für den Filmpreis von Amnesty International nominiert, den Publikumspreis in der Sektion Panorama.